Verneigung vor Christoph Lippelt

18.12.2016 at 12:05

 

Christoph Lippelt Gedächtnislesung

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Kolleginnen und Kollegen aus dem Schriftstellerhaus verneigten sich am 13. Dezember 2016 im Schriftstellerhaus vor Christoph Lippelt mit einer Gedenklesung.

Vieles erinnert bei dieser Lesung an den Abend vor 2 Jahren, als Christoph Lippelt seinen letzten Roman im Schriftstellerhaus vorstellte. Damals wie heute ist der kleine Saal des Schriftstellerhauses bis auf den letzten Platz besetzt. Von schwerer Krankheit gezeichnet, fehlte Christoph Lippelt bereits die Kraft, eine lange Lesung zu bestreiten. Kurz nach der Lesung im Dezember 2014 verstarb der geschätzte Autor. Seine Weggefährten aus dem Schriftstellerhaus lesen, wie vor zwei Jahren Passagen aus seinen Werken und erinnern an ihn. Ein Bild über den Lesenden zeigt den letzten öffentlichen Auftritt von Christoph Lippelt. Wiewohl absehbar, hat uns sein Tod erschüttert. Carmen Kortaski erinnert sich an die letzten Worte, die Christoph an sie richtete. Er war fest davon überzeugt, dass trotz der Anfeindungen der Menschen untereinander und des gegenseitigen aufeinander Einschlagens, vier Dinge Bestand haben werden: „Liebe, Kunst, Religion und Natur, das bleibt!“

So beginnt Carmen Kotarski auch die Lesung mit einem Langgedicht, das Christoph Lippelt, der Hautarzt und Christ, als Dankesrede 1983 anlässlich der Verleihung des Literaturpreises der Bundesärztekammer hielt. Es ist ein sehr politisches Gedicht in dem aber auch sein christlicher Glaube durchschimmert. Er, der Hautarzt, schreibt angesichts militärischer Bedrohungen, das wir dünnhäutiger werden müssten, nicht dickfellig. Es war die Zeit, als der NATO-Doppelbeschluss um die Stationierung der Pershing II Raketen und die damit einhergehenden atomare Hochrüstung, die außen- und innenpolitischen Debatten bestimmten und die Menschen auf die Straßen gingen.

Rainer Wochele liest an diesem Abend aus dem ersten Kapitel des 2008 erschienen Romans Engelsbühl. Die auf dem Buchumschlag abgebildeten Papageien erinnern ihn immer an die Gelbkopfamazonen, die er beim Schreiben in seiner Schriftstellerklause in Bad Cannstatt hört. In dieser Passage kommt die Bildkraft der Sprache Christoph Lippelts gut zum Ausdruck.

Usch Pfaffinger, langjährige Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, verantwortete lange Zeit die Herausgabe der Anthologien des Hauses. Für die Ausgabe zum zwanzigjährigen Jubiläum hat sie Texte von Christoph Lippelt aufgenommen und sie liest einen Text von ihm aus dieser Anthologie. Sie erinnert sich gut, wie sie mit ihm vor der Veröffentlichung darüber diskutierte.

Eleonore Lindemann hat in ihrer Zeit als Sekretärin von Thaddäus Troll viele Schriftsteller persönlich kennen gelernt, auch Christoph Lippelt. Sie lässt es sie es sich nicht nehmen, an diesem Abend ebenfalls in die Gruppe der Lesenden einzureihen. Den Abschluss der Lesung bestreitet der Lyriker Gilbert Fels, der, wie könnte es anders sein, das lyrische Werk des Christoph Lippelt zum Gegenstand seiner Lesung macht. Ähnlich wie am Abend vor zwei Jahren, kommen Lesende und Zuhörer nach der Lesung bei einem Glas Wein ins Gespräch.

Mundartdichtung und Gefängnismauern

27.04.2015 at 11:15
Lesung der Rottenburger Autoren

v. l. n. r.: Gerhard Lang, Rainer Wochele, Egon Rieble, Astrid Braun

 

Alle haben oder hatten einen Bezug zu Rottweil, das war der Dreh- und Angelpunkt der Lesung von Gerhard Lang und Egon Rieble unter der Moderation von Rainer Wochele, der 2001 in Rottweil als Stadtschreiber tätig war. Das Schriftstellerhaus hatte die beiden Autoren eingeladen, sie lasen am 22. April aus ihren Werken. Der zwischen 1993 und 1996 als erster Bürgermeister der Stadt Stuttgart tätige Gerhard Lang zog so viele Zuhörer an, dass kurzfristig die Lesung vom Schriftstellerhaus in die Galerie InterArtverlegt werden musste.

Gerhard Lang „wuchs im Gefängnis auf“, sein Vater hatte die Stelle des Gefängnisverwalters inne, seine Mutter arbeite als Gefängnisköchin. Die Dienstwohnung der Familie war im Gefängnis unter gebracht. Man lebte, so schilderte Lang, mit schweren Jungs und leichten Mädchen quasi Tür an Tür. Sein Bericht „Kein Engel in der Höllgasse“ schildert die Erlebnisse aus dieser Zeit. Als Romanschriftsteller will sich Gerhard Lang nicht bezeichnen und das ist auch gut so. Seine Jugenderlebnisse und Anekdoten aus den heute schier unvorstellbaren Verhältnissen im Strafvollzug der 50er- und 60er- Jahre sind in einer einfachen Sprache verfasst, die sich einer literarischen Einordnung entziehen.

Musik war seit früher Kindheit seine Leidenschaft. Sein Vater wollte nicht, dass er eine musikalische Laufbahn einschlüge. Ein Jurastudium lag nahe. Er wurde Strafverteidiger und später Richter in Rottweil. Die Geige spielte er fortan in einem ambitionierten Quartett.

riebleEgon Rieble, geboren 1925, tat sich hervor als Mundartautor, schrieb Kindergedichte. Ein Gedicht hat es bis in ein Deutsch-Lesebuch „Zwischen den Zeilen“ der bayerischen Schulen geschafft, wie er stolz berichtete und es vorträgt:

 

 

 

 

Großstadt

Die alte Blumenfrau
an der Ecke
hockt zwischen
vermummtem Gelb.

In den Händen hält
mit ihrem Hauch sie
die Hoffnung
gemuldet.

Doch sie gehen
vorüber.

Die Schluchten sind
lang, und kalt
ist der schmutzige Schnee
der Bürgersteige.

Fast gläsern
schiebt sich der Wind
zwischen die Gesichter.

Dort hat einer seinen
Mantelkragen hochgeschlagen
und friert
mit den dekolletierten
Schaufensterpuppen.

Bitter
schmecken Neon
und Himmel.

Nur am Eingang
des großen Kaufhauses
bläst immer der Föhn.

Viele Gedichte haben Heiligenbilder zur Grundlage. Egon Rieble, der Kunstgeschichte und Philosophie studierte, war jahrelang als Kulturreferent des Landkreises Rottweil mit Schwerpunkt sakrale Kunst tätig. So kam er mit dem Heiligen Personal in enge Berührung.

Was für ihn der Unterschied sei zwischen Mundartgedichten und Gedichten in hochdeutscher Sprache, fragte Rainer Wochele den Dichter. Mit Hilfe des Dialektes könne er sich auf Augenhöhe mit den von ihm beschriebenen Heiligen begeben. Er könne ihre kleinen Schwächen beschreiben und sich ihrer menschlichen Seite nähern. So entsteht eine lebenssatte Darstellung der sakralen Kunst.

Egon Rieble schlug in seiner Jugend die Laufbahn eines Jagdfliegers ein. Als Rainer Wochele auf dieses Thema zu sprechen kam, öffneten sich Schleusen, eine Flut von Erinnerungen bahnte sich ihren Weg und konnte kaum noch gestoppt werden. Es schien, als müsse alles noch einmal erzählt werden, ohne Reflexion des gesellschaftlichen Umfeldes. Immerhin diente Egon Rieble als Soldat einem menschenverachtenden Regime. Seine Jugend (er begann seine Jagdfliegerausbildung noch vor seinem Abitur) mag als Entschuldigung für diese Ergebenheit dienen. Die Kriegserinnerungen des 90jährigen Autors provozierten den Moderator nicht zu kritischen Fragen. Im Gegenteil: Mit seinem Hinweis, selber einen Flieger zum Protagonisten eines Romans gemacht zu haben, befeuerte Rainer Wochele noch die Fliegererzählungen von Egon Rieble. Dadurch wurde die Lyrik zum Schluss in den Hintergrund gedrückt.

Rainer Wochele mit einer neuen Erzählung

01.03.2015 at 9:37
rainer_wochele

Rainer Wochele stellt seinen neues Buch „Der Katzenkönig“ in der Stadtbibliothek Stuttgart vor

 

Rainer Wochele nennt sein neues Buch, „Der Katzenkönig“, eine Erzählung. Am 26. Februar stellte er diese in der Stadtbibliothek Stuttgart vor. Über 850 Titel mit dem Stichwort Katze befinden sich im Bestand der Bibliothek, wie die Direktorin, Frau Brunner, in ihrer Einleitung zur Lesung ausführte. Hubert Klöpfer, sein Verleger, meinte, Rainer Wochele an diesem Ort vorzustellen, sei überflüssig, tat es dann aber doch in einem Schnelldurchlauf, um anschließend das Wort an die Moderatorin des Abends, Lerke von Saalfeld, abzugeben.

Sie wollte wissen, wie Rainer Wochele zu seinem Thema gekommen ist. R. Wochele, der in Bad Cannstatt lebt, fand immer wieder auf seinen Spaziergängen durch Straßen und Kurpark Aushänge, die dem Finder vermisster Katzen hohe Belohnung versprachen. Die Tierliebe treibe tolle Blüten, bis zu 500 € würden als Finderlohn geboten, erzählte er. Dieses Thema hat ihn förmlich angesprungen. Noch dazu, als er ein Thema nie erzwingen könne, es ihm, wie hier, zufliegen muss. Dann befinde er sich in einem Zustand zwischen Blindheit und Bewusstsein und ein erster Satz, der Anfang einer Geschichte kann von ihm geschrieben werden.

Rainer Wochele führt durch Bad Cannstatt

Lerke von Saalfeld kann die Erzählung auch als einen Führer durch Bad Cannstatt lesen. Die Geschichte setzt ein mit dem Katzenkönig, der den Kater „Sauerbruch“ in die Taubenheimstraße zu Frau Doktor Schmückle-Bräuchle bringt. Entlang des Neckars fährt er mit seinem klapprigen Damenfahrrad. Obwohl der Kater nicht der von der Doktorin ist, bringt er ihn zu ihr. Er weiß sehr wohl, ein „frisiertes“ Tier, wenn es sich denn nur einschmeichelnd verhält, wird von der vermeintlichen Besitzerin angenommen. König hat den Kater mit Hilfe seiner Bekannten, einer Frisörin, dem Fahndungsfoto entsprechend herausgeputzt und koloriert. Ihm gelingt, die sehr beschäftigte Frau Dr. Schmückle-Bräuchle zu täuschen, die den Kater Sauerbruch als ihren verlorengeglaubten „Räuber“ annimmt.

Im Gespräch erläutert Rainer Wochele den Plot seiner Erzählung: Der Protagonist, der arbeitslose und sich in ziemlich prekärer Lebenslage befindliche Tierarzt Dr. Karlheinz König, hat sich auf die Rückführung entlaufener Katzen spezialisiert, nachdem er seinen Job aufgegeben hat mit dem er zusehends in Konflikt geraten war. Er wollte nicht weiter in der Forschung arbeiten, die mittels Tierversuchen neue Erkenntnisse zu Tage fördert. Obwohl das Buch ausschließlich in Bad Cannstatt spielt, ist sein Thema alles andere als gemütlich und provinziell. Die Erzählung stellt eine der großen, hochaktuellen ethischen Fragen, die nach der Verantwortbarkeit von Tierversuchen in der medizinischen Forschung. Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit Rainer Wochele über solch ein schwergewichtiges Thema zu schreiben vermag. Streckenweise erzählt er aus der Perspektive der Katzen, die den Untergang der Menschen herbeifabulieren. Dabei schreibt er sich in die Nähe von E.T.A. Hoffmann, der in seiner Erzählung „Die Lebensansichten des Kater Murr“ ebenfalls die Katze zu Wort kommen lässt. Die Tiere gewinnen auch bei Wochele eine Eigenmächtigkeit. Das unterstreicht der Autor, indem er den von Dr. König eingefangenen Katzen Namen berühmter Ärzte und Wissenschaftler gibt: Hyppokrates, Pasteur, Röntgen, Semmelweis und eben Sauerbruch. Dabei war es ihm wichtig, den Katzen ihre Tierhaftigkeit zu belassen. Er zeigt, was die moderne Wissenschaft in ihren Laboratorien mit den Tieren anstellt. So ist diese Erzählung auch ein Ausdruck des Protests dagegen. Für Rainer Wochele haben die Tiere eine Seele und er hält die Quälerei der Tiere für ein dunkles Kapitel der Wissenschaft. Wolfgang Schorlau, der Krimiautor aus Stuttgart, ist mit einem Zitat auf dem Buchrücken abgedruckt. Auch er hat sich in seinem letzten Roman der Frage des Umgangs mit Tieren – bei ihm in der Massentierhaltung – angenommen. Zwei Bücher zur Frage nach dem Verhältnis zu den Tieren, zwei ganz unterschiedliche Werke.

Der Katzenkönig
164 Seiten, geb. mit Schutzumschlag und farbigem Vorsatzblatt
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Christoph Lippelt und „Ein halb versunkener Hund“

15.12.2014 at 12:54
Christop Lippelt und Rainer Wochele

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Ein halb versunkener Hund ist der letzte Roman des Stuttgarter Literaturpreisträgers Christoph Lippelt, den er in einer eindrücklichen Lesung am 11. Dezember im überfüllten Schriftstellerhaus vorstellte. Begleitet wurde er dabei von seinen beiden langjährigen Weggefährten Carmen Kotarski und Rainer Wochele. Sie lasen gemeinsam mit dem Autor das erste Kapitel dieses ungewöhnlichen Künstlerromans. Eindringlich schildert Lippelt das Schicksal des hochbegabten Malers Ludger von Freyenfeld, genannt Lude Frey, der als schizophrener Patient in der „Heilanstalt“ Schloss Fürstenau einsitzt. Der Autor stellt im ersten Kapitel die Schlüsselfiguren der Anstalt vor und es drängt sich der Eindruck auf, wie bei vielen anderen Romanen, die in solchen Einrichtungen angesiedelt sind, ob die Grenze zwischen Patienten und Personal nicht längst zur Unkenntlichkeit verwischt ist.

Christoph Lippelt kennt sich in der Medizinwelt gut aus, in seinem Brotberuf war er Arzt, ebenso wie seine berühmten Kollegen Alfred Döblin, Anton Tschechow und Gottfried Benn. Als Hautarzt erkennt Lippelt hinter der Oberfläche das krankmachende System dem der Maler Lude Frey ausgeliefert ist und beschreibt dieses in metaphernreicher, bildmächtiger Sprache. Obwohl alle in der Anstalt Beschäftigten, einschließlich des Direktors Strähle und der Hausmutter Kolumschik, in der Zeit nach der Euthanasie geboren, gibt es den Zusammenhang mit den fürchterlichen Tötungen im Faschismus, den Christoph Lippelt in seinem Roman durch die Verknüpfung zweier Künstlerschicksale herstellt. Das Grauen dringt in die Lebenden ein, doch die Pflegerinnen vom evangelischen Bund der Barmherzigen Schwestern halten eisern ihr Mitleid durch. Da bringt Ludmilla, eine polnische Hilfskraft, mit ihrer praktischen Fröhlichkeit Menschlichkeit in die Anstalt. Sie geht mit Lude Frey natürlich um, frei von Vorurteilen und gibt ihm dadurch seine Würde zurück.

Christoph Lippelt: Würdigung durch Carmen KotarskiCarmen Kotarski lobte in ihrer Rede am Ende der Lesung Christoph Lippelts umfangreiches lyrisches Werk. Als Lyriker hat er sich immer wieder in den literarischen Diskurs eingebracht, hat mit Rat und Tat jungen Kolleginnen und Kollegen zur Seite gestanden. Auch sie hatte er kollegial unterstützt, als sie als junge Lyrikerin nach Stuttgart kam. Dabei kam es oft vor, wie Carmen berichtete, dass er in seinen Anmerkungen zu den ihm vorgelegten Texten nicht nur auf den Text selber einging, sondern poetologische Bemerkungen anfügte. Einmal schrieb er ihr zu einem ihrer Gedichte:
„Die Realität ist die Kette, Poesie der Schuss und aus beidem entsteht etwas Neues, das Gedicht.“

Christoph Lippelt bedankte und verabschiedete sich bei den Zuhörerinnen und Zuhöreren an diesem Abend mit einigen Zeilen aus dem Gedicht „An die Nachgeborenen“ des Lyrikers Bertold Brecht:

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.

 

Ein halb versunkener Hund
192 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen
INFO Verlag, Preis 19,95 €
in der Reihe: Lindemanns Bibliothek, Band 226
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Ein Netzwerker für die Literatur

28.03.2014 at 15:28
v. l. n. r.: Peter Conradi, Imre Török, Rainer Wochele, Matthias Kehle, Martin Theuer

v. l. n. r.: Peter Conradi, Imre Török, Rainer Wochele, Matthias Kehle, Martin Theuer

Der hundertjährige Geburtstag von Thaddäus Troll gibt Anlass, mannigfaltig dem Schriftsteller Troll zu gedenken. Im Verdi-Haus lud Rainer Wochele zu einem Gespräch über diesen großartigen Schriftsteller und Netzwerker ein. Sein gesellschaftliches und politisches Engagement standen am 20. März 2014 Abend im Mittelpunkt. Prominent vertreten durch das SPD-Urgestein Peter Conradi. Er berichtete, wie Thaddäus Troll sich zusammen mit Günter Grass, Heinrich Böll und anderen Intellektuellen im neunundsechziger Bundeswahlkampf für eine neue Politik in die Bresche warf, mit aller ihm gegebenen Sprachgewalt. Denn Troll verstand sich stets auch ohne Parteibuch als (berufs-)politisch aktiver Autor. Als der Sieg errungen, lud die SPD die Wahlhelfer in „Die Kiste“ ein, Thaddäus Troll kochte dort für sie alle. Im Wahlkampf 1972 unterstützte er Conradi väterlich, öffnete ihm, dem „Reingeschmeckten“, die Türen der Altenheime und Vereine indem er Cornadis’ westfälischen Sprachduktus mit seiner urschwäbischen Sprachfertigkeit verwischte.

Thaddäus Troll litt aber auch an „seiner SPD“. Legendär sein Auftritt vor der SPD-Bundestagsfraktion, als er ihr die Leviten las. Wie aktuell ist heute sein Postulat: „Ausgewogenheit ist Langeweile!“, angesichts des Zustandes auch und vor allem in der SPD? Das führte in den letzten Jahrzehnten zur Abkehr einer großen Mehrheit der Bevölkerung von politischen Parteien und zu einer diffusen Politikerschelte, die Conradi in dieser Pauschalität kritisierte. Für wen würden sich heute die Schriftsteller engagieren?

Menschen haben Thaddäus Troll immer interessiert, deswegen hat er sich immer für Menschen engagiert, namentlich die Schriftsteller. Er war Vorsitzender des Schriftstellerverbandes, saß im PEN und für die Gewerkschaft im Rundfunkrat. Troll war ein Bewunderer von Gustav Heinemann. Wenn man heute auf die Gesetze schaut, die Heinemann als Justizminister im Kabinett von Kiesinger (Große Koalition) als Bundesminister der Justiz auf den Weg brachte, reibt man sich verwundert die Augen. Als Heinemann das Gesetz zur bürgerlichen Ehe änderte und aus „uneheliche Kinder“ „nichteheliche Kinder“ machte, tobte die CDU.

Thaddäus Troll gründete den FdS (Förderkreis deutscher Schriftsteller) als Verein. Er wusste, schlauer Fuchs, der er war, dass ein Verband der Gewerkschaft keine öffentlichen Gelder bekommen kann. So konnte 1975 zum ersten Mal 20.000 DM für die Schriftstellerförderung beantragt und bewilligt werden. Rainer Wochele hofft, dass die kulturelle Eiszeit mit dem Literaturliebhaber Kuhn als neuer Oberbürgermeister weicht. Ein erstes Signal gab die Stadtverwaltung mit dem Festakt zum hundertsten Geburtstag im Rathaus. Schmerzlich vermisste Wochele in der Vergangenheit eine Würdigung der in den letzten Jahren verstorbenen großen Schriftsteller Peter O. Chotjewitz und Helmut Pfisterer.

Als der Schriftsteller Jürgen Lodemann, Weggefährte von Thaddäus Troll, in seinem Festvortrag im Rathaus am Montag den Wirkkreis von Thaddäus Troll auf die Gegenwart fiktional beschrieb und ihm unterstellte, er hätte sich in der Frage von Stuttgart 21 wieder gegen die SPD positioniert und sie zur Haltung in dem Projekt als Kritiker skizzierte, erntete Lodemann im Publikum nicht nur Zustimmung. Ja, Troll war ein Bußprediger, der den Schwaben die Leviten gelesen hat wobei er deren Dialekt nicht als Abgrenzung sondern aufklärend einsetzte. Von Troll ist das Zitat überliefert: „Die Lage ist ernst, deswegen müssen die Forderungen kühn sein.“
Schöne Beispiele dazu las an diesem Abend der Schauspieler Martin Theuer.

Troll/Bayer verstand sich stets auch ohne Parteibuch als (berufs-)politisch aktiver Autor. 1959 wurde Troll/Bayer vom Süddeutschen Schriftstellerverband in den Rundfunkrat des Süddeutschen Rundfunks delegiert und wirkte von 1970 bis 1979 als stellvertretender Rundfunkratsvorsitzender, im Anschluss daran als Vorsitzender des Fernsehausschusses und Mitglied des Programmbeirats der ARD, um zum einen die Berücksichtigung von Programmen in Dialekt zu unterstützen und zum anderen die Auftragsvergabe für Hör- und Fernsehspiele an junge Autoren zu initiieren. Von 1968 bis 1977 war Troll auch erster Vorsitzender des baden-württembergischen Schriftstellerverbands, den er in den 1970 in den neu gegründeten Gesamtverband deutscher Schriftsteller (VS) führte. Ab 1970 stellvertretender Vorsitzender im VS-Bundesvorstand wurde auf seine Initiative hin im gleichen Jahr der Schriftstellerkongress unter dem Böllschen Motto „Einigkeit der Einzelgänger” in Stuttgart abgehalten. Auf internationaler Ebene war Troll/Bayer seit 1971 Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland. 1975 wurde er ins Präsidium gewählt und war von 1978 an PEN-Vizepräsident.

Imre Török, der aktuelle Bundesvorsitzender des VS sprach von dem großen Engagement seines Vorgängers für die Schriftsteller auf diesem Posten. Er half, die Künstler-Sozialkasse zu gründen, entwickelte einen Normvertrag für die Schriftsteller und vieles andere mehr. Matthias Kehle ist seit Mai 2012 Mitglied im deutschen PEN-Zentrum des Internationalen PEN-Clubs. Wieweit Schriftsteller sich in ihren Werken explizit politisch äußern sollen, da gingen an diesem Abend die Meinungen weit auseinander. Ein Thaddäus Troll hätte sich eingemischt.tt_verdi2

Wer wird schon 100?

22.03.2014 at 19:27
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Um es vorweg zu nehmen: Thaddäus Troll nicht. Er hat im Alter von 66 Jahren seinem Leben ein Ende gesetzt. Einem Leben im Dienst des geschriebenen Wortes, im Dienst an vielen Schriftstellern, denen er unter die Arme gegriffen und deren literarischen Weg er geebnet hat. Ob in gewerkschaftlichen Organisationen oder schriftstellerischen Vereinigungen wie dem „Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e. V.“, den er 1973 mit gründete. Am 14. März wäre dieser großartige Schriftsteller und „Netzwerker“ 100 Jahre alt geworden, Anlass zu feiern.

Der Förderkreis vergibt seit 1981 einen zu seinen Ehren genannten Preis, beschlossen im Juli 1980, auf der ersten Sitzung nach dem Tod von Thaddäus Troll. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst alimentiert das Preisgeld. Jedes Jahr werden Autoren mit diesem Preis ausgezeichnet, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Vierzehn Preisträger lasen am Tag des hundertsten Geburtstag im Max-Bense-Saal der Stadtbibliothek.

Thaddäus Troll 100. Geburtstag: Eröffnung durch Frau Eleonore Lindenberg

Eröffnung durch Frau Eleonore Lindenberg

Ich hadere mit diesem Saal, er liegt unter der Erde, bar jeden Tageslichts, funktional aber nicht gemütlich. Was das Team der Leiterin der Bibliothek, Christine Brunner, aus dem Saal an diesem Abend gemacht hat, ließen meine Vorbehalte wie Schnee in der Frühlingssonne schmelzen: locker aufgestellte Tische, darauf Blumen, ein frühjahrsgemäßer, blühender Forsitienzweig in der Vase neben dem Rednerpult, Essen und Getränke zur Stärkung in den Pausen des Lesemarathons.

Die langjährige Sekretärin von Thaddäus Troll, Eleonore Lindenberg, sprach die einführenden Worte zur Veranstaltung, die den sprechenden Titel „Schriftstellen“ trug, bevor die erste Staffel des Lesemarathons begann.

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Der Preisträger von 2013, Martin Gülich, machte den Anfang mit einer Lesung aus seinem 2003 erschienen Werk Bagatellen. Es ist, wie er sagte, ein altes Werk und durchbrach mit diesen Worten die erste Regel an diesem Abend. Es sind kurze, humorvolle Texte, über die ein Thaddäus Troll sicher geschmunzelt hätte.

Thommie Bayer trat als nächster ans Rednerpult, ihm wurde der Preis 1992 zugesprochen. Bevor er mit dem Schreiben von Romanen begann, zog er als Liedermacher mit seiner 12seitigen Gitarre und Bernhard Lassahn durch die Lande. Ich liebte ihren Song vom letzten Cowboy, der aus Gütersloh kommt und Thommie Bayer fasste im Roman zusammen, was ich damals häufig empfand: Das Herz ist eine miese Gegend. An diesem Abend las er aus seinem gerade erschienen neuen Roman Die kurzen und die langen Jahre. Zum Cowboy passt das Zitat aus dem neuen Roman: „Kennedy starb vor Winnetou. In einem Blaupunkt Radio der eine und im Scala beim Bahnhof der andere“.

Mit einem humorvollen Text erwies Joachim Zelter Thaddäus Troll seine Reverenz. 2000 bekam er den Preis für sein Werk Die Würde des Lügens. Die Textpassage aus Briefe aus Amerika hatte mich schon bei seiner letzten Lesung in Stuttgart beeindruckt. Ich konnte ein Exemplar bei ihm erwerben, leider ist es im Handel nicht mehr erhältlich. Was ist Lüge, was ist Wahrheit? Eine Frage, um die Joachim Zelter in seinen Werken kreist. Zelter gehört zu den Autoren, die sich erfolgreich dagegen sträuben, Romane ausufern zu lassen. 300, 400 oder gar 900 Seiten überlässt er anderen, wie jüngst wieder Schätzing. Ich bezweifle allerdings, ob Schätzing mit seinem neuen Buch ähnlich bered ist wie Joachim Zelter mit seinen kurzen, dichten Romanen auf sprachlich hohem Niveau.

Zum Schluss des ersten Teils las Anna Breitenbach Lyrik. Sie hatte den Preis ein Jahr später als Joachim Zelter erhalten, so passt die Reihenfolge an dieser Stelle. Trotz der strengen lyrischen Form bestach ihr Vortrag durch Humor und Leichtigkeit.

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Die Pause gab Raum nicht nur für Snacks und ein Glas Wein sondern auch für anregende Gespräche und Stöbern auf dem langen Tisch mit Werken der Preisträger. Alte und neue Werke der Preisträger präsentierte die Stadtbibliothek. Sowohl die alte Bücherei am Charlottenplatz zeigte, als auch die neue Bibliothek zeigt in ihrer Präsenzabteilung die Schriftsteller aus Baden-Württemberg im Besonderen die Thaddäus-Troll-Preisträger. Eine Etage, auf der ich mich gerne lesend und stöbernd aufhalte.

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Eva Christiana Zeller eröffnete den zweiten Leseteil mit ihren Gedichten, für die sie als 9. Preisträgerin den Preis 1989 erhielt. Sie veröffentlicht im Tübinger Klöpfer & Meyer Verlag, der sich noch eine Lyriksparte leistet. Viele Verlage haben mittlerweile die Lyrik wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Leider finden sich auch nur wenige Lyrikbände im Buchhandel trotz des Umstands, dass die lyrische Szene in den letzten Jahren sehr starke Impulse durch Festivals, Leseabende und Performances erhalten hat.

Michael Buselmeier las aus seinem Dantezyklus, den er, inspiriert von Dante-Lesungen seiner schauspielernden Schwester, entwickelt hat. In den Gedichten durchschreitet er Dantes Hölle, den Holocaust, den Gulag, kommt in den letzten Gedichten im Paradies an, ein erleichterndes Ende.
Rainer Wochele setzt sich – ähnlich wie Thaddäus Troll – für die Belange der Schriftsteller ein, ist Mitglied im P.E.N und Schriftstellerverband, deren Vorsitzender er lange war. Und: er schreibt wunderbare Romane in einer ihm eigenen, rhythmisierten Sprache. Sein letzter Roman, Sand und Seide, ist noch nicht versandet, da zieht er schon wieder aus seinem karierten Jackett ein neues Manuskript hervor, Arbeitstitel Der Katzenkönig. Passend die von ihm gelesene Szene im Klösterle, das schwäbische Lokal im ältesten Haus in Bad Cannstatt, direkt neben dem nach Thaddäus Troll benannten Platz. Hans Bayer, alias Thaddäus Troll, wuchs in Bad Cannstatt auf, sein Vater hatte ein Seifensiedergeschäft in der Marktstraße.
Matthias Kehle ist der letzte Preisträger, er bekam den Preis 2013 für sein lyrisches Werk aus den Händen von Frau Bussmann. Ingrid Bussmann hat 12 Jahre die Stadtbibliothek geleitet. Heute ist sie Vorsitzende des Förderkreises deutscher Schriftsteller. Matthias Kehle las aus seinem 2012 bei Klöpfer & Meyer erschienen Gedichtband Scherbenballett. Beeindruckend, wie er in wenigen Zeilen ein Bild seines Großvaters entwirft. Dessen ganze Tragödie als Soldat einer faschistischen Armee kommt darin zum Ausdruck und die Unfähigkeit, mit der Vergangenheit abzuschließen.
Markus R. Weber veröffentlichte 1998 seinen Prosaband Extremisten, für den er den Preis im gleichen Jahr zugesprochen bekam. Es scheint ein Thema zu sein, das ihn immer noch beschäftigt, das kommt in den Texten, die er an diesem Abend las, zum Ausdruck.

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Er zitierte auf seiner Projektion einen Satz aus den Tagebüchern von Musil: „Solange man in Sätzen mit Endpunkten denkt, lassen sich gewisse Dinge nicht sagen, höchstens vage fühlen.“

Carmen Kotarski brachte einen Text mit, den sie für Thaddäus zum 100. Geburtstag geschrieben hat: Von Sprache, von Worten, ein Abschied. Kein Jubeltext, das hätte ich ihr auch nicht unterstellt. Nachdenklich, ins Wortholz der Lyrik geschnitten. Ihre an diesem Abend präsentierten Haiku, hatte sie mir vorab geschickt. Es war schön, sie nun von ihr gelesen zu hören. Sie trat im gleichen Kostüm auf wie damals, als sie den Preis erhalten hat: Lederjacke und Baskenmütze. Eine Wortperformerin:
„Was sich auch um sich selbst dreht
im Inneren erwarten sie momentan lebende Akteure

Martin von Arndt hat den Preis 2010 für seinen Roman Der Tod ist ein Postmann mit Hut bekommen (auch bei Klöpfer & Meyer). Ich erinnere mich an die Diskussion beim Bachmann-Wettbewerb, heftig wurde er für den gelesenen Ausschnitt kritisiert. Die Endfassung war preiswürdig. In seinem Roman Oktoberplatz, der im weißrussischen Minsk und in Budapest spielt, erzählte er von der schwierigen Suche seiner Protagonisten nach einer neuen Sicht vom Leben in Osteuropa nach dem Zerfall der Sowjetunion. Sein neuer Textauszug nimmt dieses Thema wieder auf. Diesmal angesiedelt auf dem südlichen Balkan.

Vor sechs Jahren bekam Annette Pehnt den Preis für ihren Roman Mobbing.
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Dass sie auch die kurze Form beherrscht, zeigte sie mit Ausschnitten aus ihrem Lexikon der Angst. Sie berichtet gekonnt von einem Gefühl das jeder kennt, aber auf völlig unterschiedliche Art und Weise. Es nimmt jede nur erdenkliche Gestalt an, lauert uns auf oder schlägt uns in die Magengrube. Mit schriftstellerischer Leidenschaft nimmt sie im Lexikon alles auf, was das Leben zu bieten hat: von der Existenzangst bis zur Todesangst. Sie las einige dieser kurzen Geschichten.
Zwei der lyrischen Form Verbundene bildeten den Abschluss des Abends. Es ist immer schwierig, zum Schluss eines solchen Marathons zu lesen, lässt doch die Konzentration bei dem ein oder anderen Zuhörer nach oder es wirkt schon der Trollinger, in der Pause getrunken.

Susanne Stephan und Walle Sayer schafften es noch einmal, die Gedanken auf diese kurze literarische Form zu fokussieren. Beide haben im Klöpfer und Meyer Verlag eine beträchtliche Anzahl von Lyrik-Bänden vorgelegt. Als passionierter Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs habe ich mich vor Jahren gefragt, wie man einen ganzen Band mit Gedichten zum Thema Tankstellen füllen kann. Susanne Stephan hat es mühelos geschafft, führte mich mit ihrer Lyrik auf eine völlig andere Art und Weise an die Tränken der modernen Karawanen. Sie hatte den Preis 2007 auf Grund eines noch nicht veröffentlichten Manuskriptes erhalten, das sie ein Jahr später unter dem Titel Gegenzauber veröffentlichte.

Walle Sayer schreibt, ja was denn? Kurzprosa? Gedichte? Er hat eine ganz eigene Form entwickelt, mischt beide in eins. Dabei entstehen hoch verdichtet Sprachstücke. Mal nennt er sie Gedichte, dann wieder Miniaturen oder bescheiden Notate aber auch Panoptikum. Sein letztes Buch trägt diese Bandbreite schon im Titel: Strohhalm, Stützbalken.

Vier Stunden Lesungen und Gespräche neigten sich nach den Texten von Walle Sayer dem Ende zu. Dem Dank der Vorsitzenden des Fördervereins der Schriftsteller in Baden-Württemberg, Ingrid Bussmann, an das Team der Bibliothek und die vielen Helfer kann ich mich nur anschließen. Ich bin sicher, wir müssen nicht 100 Jahre warten, um in Stuttgart wieder mit einer so hochkarätigen Literaturveranstaltung beglückt zu werden.

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Ergänzung: Die im Text nicht mit Jahreszahl des Preises erwähnten Autoren
Michael Buselmeier, Preisträger 1995
Eva Christiana Zeller, Preisträgerin 1989
Carmen Kotarski, Preisträgerin 1988
Rainer Wochele, Preisträger 1984
Walle Sayer, Preisträger 1994