Der neue polnische Literaturstar Szczepan Twardoch stellt seinen Boxer vor

09.02.2018 at 22:15
Szczepan Twardoch im Gespräch mit Olaf Kühl

Szczepan Twardoch im Gespräch mit seinem Übersetzer Olaf Kühl

 

Das Gespräch, das Szczepan Twardoch mit Olaf Kühl am 6. Februar 2018 im Literaturhaus Stuttgart führte, war auf beiden Seiten geprägt von tiefer Kenntnis des Romans Der Boxer

Olaf Kühl ist der Übersetzer dieses bei Rowohlt am 24. Januar erschienen Romans. Olaf Kühn kennt den Roman nicht nur durch seine Übersetzertätigkeit in- und auswendig, er ist auch in der Lage, das Gespräch deutsch/polnisch zu führen.

Szczepan Twardoch, geboren 1979, ist einer der herausragenden Autoren der polnischen Gegenwartsliteratur. Mit Morfina (Morphium) gelang ihm 2012 der Durchbruch bei den polnischen Lesern. Für diesen Roman erhielt er den polnischen Kulturpreis Polityka-Passport sowie den Nike-Publikumspreis. Für den ebenfalls hochgelobten Roman Drach wurden Szczepan Twardoch und sein Übersetzer Olaf Kühl 2016 mit dem Brücke Berlin Literatur- und Übersetzerpreis geehrt.

Olaf Kühl umreißt die Handlung des Romans: Der Jude Jakub Shapiro ist ein hoffnungsvoller junger Boxer und überhaupt sehr talentiert. Das erkennt auch der mächtige Warschauer Unterweltpate Kaplica, der Shapiro zu seinem Vertrauten macht. Doch rechte Putschpläne gegen die polnische Regierung bringen das Imperium Kaplicas in Bedrängnis; er kommt in Haft, als ihm ein politischer Mord angehängt wird. Im Schatten dieser Ereignisse bricht ein regelrechter Krieg der Unterwelt los. Jakub Shapiro muss die Dinge in die Hand nehmen: Er geht gegen Feinde wie Verräter vor, beginnt – aus Leidenschaft und Kalkül – eine fatale Affäre mit der Tochter des Staatsanwalts, muss zugleich seine Frau und Kinder vor dem anschwellenden Hass schützen – und nimmt immer mehr die Rolle des Paten ein.

Wolfgang Michalek leiht Szczepan Twardoch seine Stimme

Wie spannend, solide und ansonsten gut lesbar, angereichert mit vielen historischen Details der Roman um den Aufstieg eines Verbrecherhelden zwischen Gewalt, Eleganz und Laster, seine Verletzlichkeit als Jude im Vorkriegs-Warschau ist, erfahren an diesem Abend die Zuhörer in mehreren Textpassagen, die von Wolfgang Michalek, Schauspieler am Staatstheater Stuttgart, vorgetragen werden. Mit Lederjacke bekleidet, mit Dreitagebart, in lässiger Haltung hat die „Lesestimme“ des Romans einen sichtbar großen Abstand zum Schöpfer der Geschichte, der in taubenblauen Anzug und moderner Frisur erschienen ist. In diesen Passagen wird die filmisch erzählte Geschichte erlebbar und deutlich, dass es sich um einen thrillerhaften Roman handelt, der eine eruptive Epoche geradezu körperlich macht.

Fiktiver Roman mit Anleihen an die Realität

Obwohl der Roman historische in den dreißiger Jahren verortet ist und teilweise historische Personen benannt werden, ist es doch ein fiktiver Roman mit fiktiven Figuren. Szczepan Twardoch hat bei der seiner Charakterisierung der Figuren auf reale Figuren gestützt. So gab es mafiöse Strukturen während der Regierung von Józef Piłsudski in den zwanziger Jahren. Die am Anfang der Geschichte stehende Vierteilung des Vaters des Erzählers Mojzesz Bernstein ist an eine tatsächliche Gewalttat an einem Mafia-Schuldner angelehnt. Das Boxen war in Polen zu der Zeit sehr populär. Allerdings gab es keinen Boxer, der wie Jakub Shapiro gleichzeitig ein „Pate“ war.

Männlichkeit ist nicht mit Gewalt zu verwechseln

Olaf Kühl befragt den Autor, was ihn an der Männlichkeit fasziniert. Für Szczepan Twardoch ist eine Neigung zur Gewalt nicht wichtig, um männlich zu sein. Allerdings hat ihn die Rolle der Gewalt in der Natur schon immer interessiert. Er selber habe zu Beginn seiner Recherchen zum Roman selber mit dem Boxen angefangen und weil es ihm liegt, boxt er noch heute. Dadurch konnte er die Boxszenen und das Milieu authentischer beschreiben. Für ihn als Autor ist Gewalt in der Literatur sehr attraktiv, allerdings ist sie für ihn persönlich kein Mittel, um Konflikte zu lösen. Und er ist froh, dass er in Zeiten lebt, in denen die Abwesenheit von Gewalt (von Krieg) in Europa herrscht und das seit 70 Jahren. Sein Großvater hatte dieses Glück nicht.

Literatur mit plakativ politischen Aussagen ist für Szczepan Twardoch keine gute Literatur

Angesichts des grassierenden Antisemitismus und der Ausländerfeindlichkeit, dem herrschenden Nationalismus, ist es dem Autor wichtig zu unterstreichen, dass er keinen zeitgenössischen Roman geschrieben hat, der als Parabel auf die Jetztzeit zu lesen ist. Die Gegenwart würde ihm in seinem Romanwerk entgleiten, Literatur mit politischen Aussagen sei ihm fremd. Er glaubt nicht an politische Literatur. Politik spielt zwar im Roman eine Rolle, sollte aber nicht als Ziel vor Augen sein, sonst wird Literatur schlecht.

Zu Gegenwartsfragen äußere er sich eher in seinem essayistischem Werk und im Feuilleton. Allerdings wird sein Buch von den Lesern, vor allem was die antisemitischen Aktionen der Rechtsnationalen angehen, als Anspielung auf die Gegenwart interpretiert. Für ihn seien historische Analogien nicht geeignet, die Gegenwart zu verstehen. Twardoch meint, wir sollten die Gegenwart versuchen zu verstehen ohne uns historischer Krücken zu bedienen. Die seien sogar schädlich, weil sie verhindern, die Gegenwart zu analysieren und den Gründen für die politischen Gegenwart auf den Grund zu gehen.

Obwohl er diese Aktualität für seinen Roman verneint, handelt der Roman doch von schwierigen Dingen für die Polen und es war ihm wichtig, eine Form zu wählen, die dem Leser wenig Widerstände entgegen bringt. So sind z. B. die jiddischen Dialoge in Fußnoten übersetzt. Diese sprachliche Authentizität ist ihm wichtig, denn Warschau war in den dreißiger Jahren eine zweisprachige Stadt. Bei der Abfassung der jiddischen Dialoge wurde er von einer Professorin unterstützt.

Szczepan Twardoch fühlt sich als Schlesier

Twardoch wird mal als Linker, mal als Rechter eingestuft. Wie er dazu stünde, wird er von Olaf Kühl gefragt. Eine einfache Antwort hat er darauf nicht. In wirtschaftlichen Fragen würde er sich eher im linken Lager verorten, in kulturellen Fragen vertritt er einen liberalen Standpunkt. Seine universitäre Ausbildung war allerdings konservativ geprägt. An der Schlesischen Universität in Katowice studierte er Soziologie und Philosophie. Interessant auch, dass er sich als Schlesier fühlt und in seinem Roman Drach Dialoge in schlesischem Dialekt enthalten sind. Drach soll 2018 auch in schlesischer Übersetzung erscheinen, auch wenn die Schriftsprache noch wenig normiert ist.

Der Boxer
leinengebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 464 Seiten
Rowohlt Berlin, Preis 22,95 €

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Olga Tokarczuk in der Stadtbibliothek Stuttgart zu Gast

18.11.2017 at 15:00
Olga Tokarczuk

Olga Tokarczuk im Gespräch mit Manfred Mack

 

Am 13.10.2017 saß eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Polens auf dem Podium der Stuttgarter Bibliothek: Olga Tokarczuk. Sie kam auf Einladung des Vereins Treffpunkt Polen. Im Publikum wurde viel Polnisch gesprochen, Olga Tokarczuk ist auch unter den in Deutschland lebenden Polen eine feste Größe. Die Autorin wurde am 29. Januar 1962 in Sulechów geboren, ca. 100 km von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Sie studierte von 1980 bis 1985 Psychologie an der Universität Warschau. Während ihres Studium arbeitete sie in einem Therapiezentrum für verhaltensauffällige Jugendliche. Bevor sie 1989 ihren ersten Roman veröffentlichte, praktizierte sie als Therapeutin. Seitdem hat sie ununterbrochen publiziert und ist mehrfach mit dem wichtigsten polnischen Literaturpreis, dem mit 25.000 € dotierten Nike-Hauptpreis, ausgezeichnet worden (zweimal Hauptpreis, fünfmal den Nike-Publikumspreis).

Olga Tokarczuk ist eine vielfach ausgezeichnete Autorin

Ihre Werke gerieten immer wieder in die Kritik der in Polen Regierenden. Sie selbst schreibe weder für „das Vaterland“ noch für die Opposition, erläutert der Moderator des Abends, der für den „Verein Treffpunkt Polen“ arbeitende Manfred Mack. Ihre Themen seien allgemein menschliche Themen, doch diese geraten immer wieder in die Kritik der konservativen Katholiken in ihrem Land. Olga Tokarczuk ist neben Andrzej Stasiuk die derzeit erfolgreichste Autorin Polens. Ihre Romane sind in 30 Ländern veröffentlicht worden und wurden auch im Ausland mit Preisen ausgezeichnet.

Einen Ausschnitt aus dem Buch Der Gesang der Fledermäuse liest die Schauspielerin Barbara Stoll. Das Buch wird oft als Krimi beschrieben, m. E. ist das eine verkürztende Kategorisierung dieses Romans. Im Mittelpunkt steht Janina, eine Pensionärin, die ihre Rente als Englisch-Lehrerin und als Hüterin der verlassenen Datschen nebenan aufbessert. Sie ist eine Esoterikerin, die am liebsten Horoskope studiert. Ihr bester Freund heißt Dionyzo und besucht sie regelmäßig, um mit ihr seine William Blake Übersetzungen zu besprechen. Der Roman ist angesiedelt in einer düster romantischen Natur, in der im Winter, entleert von allen Sommerfrischlern, nur ein paar verschrobene Kauze übrig bleiben. Vage erfährt man von ihrem vorigen Leben, in dem sie als Ingenieurin in aller Welt Brücken baute.

Hochstände der Jäger – Vorhöfe der Hölle für die Tierwelt

Mit Hilfe von Horoskopen ist sie in der Lage, die genauen Todesdaten einzelner Personen zu erforschen und mit einem Todesfall beginnt auch das Buch. Ist es ein Unfall, ein Mord? Weitere Morde geschehen, immer an Jägern. Für Janina sind die Kanzeln der Jäger, von denen nicht gepredigt, sondern geschossen wird, die Vorhöfe der Hölle auf Erden. Die Polizei behandelt sie als Wahnsinnige, deren Anzeigen man nicht beachtet. Als langsam klar wird, dass die Leiche am Beginn des Romans eine ganze Serie von Morden nach sich zieht, fragt sich, wem man glauben soll: Der korrupten Welt da draußen, in der die Schöpfung Material ist, aus dem man Pelzkragen züchtet oder einer alten Frau, die einen Ausweg gefunden hat und die Wahrheit kennt? Sie kennt den Mörder: Es waren die Füchse und Rehe, die Vergeltung an Jägern und Züchtern üben!

Im Fadenkreuz der Regierenden

Der Roman hat durch die Verfilmung ein zweites Leben bekommen. Die polnische Regisseurin Agnieszka Holland hat sich des Stoffs angenommen. Olga Tokarczuk schrieb mit ihr das Drehbuch zum Film Pokot (Die Spur). Der Film erhielt dafür auf der Berlinale 2017 den Alfred-Bauer-Preis.

Gegen den Film wurde in den sozialen Medien eine Hetzkampagne gegen Olga Tokarczuk gestartet. Der Vorwurf der Kritiker: der Film sei antipolnisch und antikatholisch. (In der Kirche wird immer wieder gepredigt, dass die Jäger letztendlich den Willen Gottes ausführen.) Aufgrund von Morddrohungen musste sich die Autorin unter Polizeischutz begeben.

Allgemein menschliche Themen in große Romane gepackt

Ihr Talent, einen philosophisch ambitionierten Stoff in literarische Form zu verpacken, hat Olga Tokarczuk auch in dem zweiten, an diesem Abend vorgestellten Roman unter Beweis gestellt. Es ist das tausendseitige Werk über Jakob Joseph Frank, einem aschkenasischen Juden, der sich als Sabbatianer, Rabbiner und Kabbalist verstand und glaubte, er sei eine Reinkarnation des biblischen Jakobs und des vermeintlichen Messias Schabbtai Zvi. Er zog im 18. Jahrhundert durch Osteuropa. Er konvertierte zum Islam und später zum Christentum. Er ließ sich mit 50-80 Anhängern 1787 in Offenbach am Main im Isenburger Schloss nieder. Bis zu seinem Tod, vier Jahre später, lebte er als unabhängiger Souverän mit dem Titel Baron mit seinem Hofstaat und herrschte über die ungefähr 400 polnischer Kleinadliger, die ihm hierher gefolgt waren.

Acht Jahre hat Olga Tokarczuk an diesem Roman geschrieben. Sie stieß in einem Antiquariat in Toruń (Thorn) auf den Stoff, wollte ursprünglich einen Essay darüber schreiben. Das war ihr aber dann zu wenig, sie wollte mehr aus dem Stoff heraus holen. Ihr schwebten zu Beginn der Arbeit 200 – 300 Seiten vor. Am Ende wurden es tausend Seiten.

Auch als Essayistin erleben die Besucher der Stadtbibliothek Olga Tokarczuk an diesem Abend: Barbara Stoll liest den Essay „Haub keine Angst“. Darin heißt es zum Schluss: „Solange wir schreiben und lesen sind wir zusammen!“ Das möchte man der Autorin als Zuhörer zurufen, nachdem man über die Anfeindungen ihrer Person im modernen Polen gehört hat.

Die Bücher der Autorin sind derzeit in Deutschland nur antiquarisch zu erhalten. Ein Verlag in Gründung wird sie demnächst wieder auflegen. Der historischer Roman über Jakob Joseph Frank, Księgi Jakubowe (Jakobs Bücher), 2014 in Polen erschienen, ist noch nicht auf Deutsch veröffentlicht.

 

Polnische Spuren – Hier enden sie

09.09.2017 at 10:30
Tajajana und Michael

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Heute fliegen wir nach drei Wochen von Warszawa zurück nach Stuttgart. Am Abend werden wir wieder zu Hause sein.

Viele Eindrücke haben wir gesammelt, haben ein Land kennen gelernt, dessen Menschen freundlich und hilfsbereit sind. Wir haben einer Sprache gelauscht, die viele unbekannte Buchstaben hat, kompliziert aussieht aber wunderbar klingt.

Nach drei Wochen sagen wir: do widzenia, Polska!

Polnische Spuren– Spuren der Erinnerung

07.09.2017 at 20:00
Aus dem Untergrund stürmen sie

Aus dem Untergrund stürmen sie

Wir kaufen uns erst einmal zwei Schirme, es regnet dauerhaft an diesem Septembermorgen. Gut beschirmt machen wir uns auf den Weg.

In Warschau haben die deutschen Soldaten fürchterlich gewütet und blutige Rache genommen, als die Polen einen Aufstand gegen sie begannen. 45 Jahre nach diesem Ereignis wurde den Menschen, die versuchten das Joch abzuschütteln, ein eindrucksvolles Denkmal errichtet.

Deportation

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Erst 1995 wurde mit einem Denkmal den nach Russland Deportierten gedacht: Die Rote Armee verschleppte in großem Stil Polen nach Sibirien. Auch der Massaker von Katyń wird hier thematisiert: Angehörige des NKWD erschossen im Frühjahr 1940 etwa 4400 gefangene Polen, größtenteils Offiziere, in einem Wald bei Katyń. Diese Tat gehörte zu einer Reihe von Massenmorden an 22.000 bis 25.000 Berufs- oder Reserveoffizieren, Polizisten und anderen Staatsbürgern Polens, darunter vielen Intellektuellen.

Das Denkmal hat die Form eines  offenen Eisenbahnwaggons  voller Kreuze. Auf den Eisenbahnschwellen sind die Namen der Orte geschrieben, wohin die Polen gebracht wurden. Ein eindrückliches Kunstwerk gegen die bolschewistischen Diktatur.

Beide Denkmäler mahnen, die Opfer der faschistischen und der bolschewistischen Diktatur nicht zu vergessen

Polnische Spuren– In der polnischen Hauptstadt

06.09.2017 at 19:00
Warschau

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Warszawa (Warschau) ist die letzte Station unserer Reise. Von Ełk sind es knapp 230 km, Wir brauchen knapp 5 Stunden, nur sehr kurze Streckenabschnitte sind wie Autobahnen ausgebaut.

Wir haben ein wunderschönes Appartement. Von hier können wir bequem in die Altstadt laufen. Der erste Eindruck: Überwältigend!
Die UNESCO hat zu Recht diese Wiederaufbau-Leistung mit der Aufnahme ins Weltkulturerbe gewürdigt.