Freiheit für Deniz Yücel

05.03.2017 at 7:43
Deniz Yücel Veranstaltung der Anstifter

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Auf die Nachricht der Verhaftung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel in der Türkei reagierten die Anstifter am 3. März 2017 spontan mit einer Kundgebung vor dem türkischen Konsulat am Kernerplatz in Stuttgart.

Schnell ist die Lautsprecheranlage aufgebaut, um den rund 150 Anwesenden die Forderungen der Anstifter verständlich zu machen. Es wird nicht nur Solidarität mit Deniz Yücel bekundet, sondern auch mit hunderten nach dem Putschversuch inhaftierten Menschen. Nach einem kurzen Eröffungswort von Elka Edelkott, Geschäftsführerin der Anstifter, spricht Ali Murat Guel zu den Anwesenden. Ali Murat Guel ist Vertreter der Förderation demokratischer Arbeitervereine (DIDF). Der DIDF hat sich spontan mit dem Aufruf der Anstifter solidarisiert und unterstützt diesen. Wie viele demokratische Zusammenschlüsse steht auch das DIDF unter der Beobachtung des türkischen Staates. Ali Murat Guel spricht also in gewisser Weise auch von seiner Unterdrückung. In seiner Rede lässt er die Ereignisse Revue passieren.

Seit Ende Februar sitzt Deniz Yücel in Untersuchungshaft

Am Montag, den 27. Februar diesen Jahres verhängte das Gericht gegen den in der Türkei festgehaltenen Welt-Korrespondenten Deniz Yücel Untersuchungshaft, nachdem er schon zwei Wochen unter Polizeiarrest gestanden hat. Auf 5 Jahre kann die Untersuchungshaft ausgedehnt werden, bis es zum Prozess kommt. Ihm wird Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung vorgeworfen. Besonders pikant: Deniz Yücel hat, wie andere Journalisten auch, über gehackte E-Mails des Energieministers Berat Albayarak berichtet, dem Schwiegersohn von Präsident Recep Tayyip Erdoğan.

Ebenso wie Ali Murat Guel verurteilt Sidar Carman vom Vorstand des Dachverbandes der Migrantenorganisationen (DaMigra) das Vorgehen der türkischen Behörden. Sie hält diese Rede voller Kraft, Engagement und ohne Redemanuskript. Spontan hat sie kurzfristig zugesagt zu kommen, eine Vorbereitungszeit hatte sie nicht. Das ist auch nicht nötig, denn sie kennt staatliche Unterdrückungsmechanismen, egal in welcher Form sie daherkommen aus ihrer langjährigen Praxis. Das macht ihre Rede so authentisch.

Den Schlussakkord setzt Peter Grohmann, der Gründer der Anstifter mit seiner Rede. Mit einer Gedichtzeile des Begründer der modernen türkischen Lyrik, Nâzım Hikmet, beginnt er seine Rede:

Leben wie ein Baum, einzeln und frei
doch brüderlich wie ein Wald,
das ist unsere Sehnsucht.

Er hebt hervor, dass es um die Pressefreiheit in der Türkei nicht gut bestellt ist. Die Türkei gehört zu den Ländern mit den meisten inhaftierten Journalisten weltweit. Nach dem Putschversuch im Juli 2016 wurden weit über 100 Journalisten verhaftet, rund 150 Medien geschlossen und mehr als 700 Presseausweise annulliert. Kritische Journalisten stehen unter Generalverdacht. Die wenigen noch verbliebenen unabhängigen Medien arbeiten in ständiger Angst. Wiederholt wurden ausländischen Journalisten die Akkreditierung verweigert oder die Einreise verwehrt. Daneben ersticken die politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen vieler wichtiger Medienbesitzer eine kritische Berichterstattung im Keim. Reporter ohne Grenzen verweisen die Türkei auf Platz 151 von 180 in Fragen der Pressefreiheit.

Die türkische Regierung will in Deutschland für die Verfassungsänderung werben

Die nächsten Wochen werden nicht einfach werden: die türkische Regierung versucht den Druck auf die hier lebenden Türken zu erhöhen, damit sie im Sinne von Recep Tayyip Erdoğan beim Referendum im April abzustimmen. Sie versucht, über Wahlkampfveranstaltungen Einfluss auf ihre Landsleute zu nehmen, die einen nicht zu vernachlässigen Teil der wahlberechtigten Bevölkerung ausmachen. Es ist ein Tauziehen zwischen den „diplomatischen Interessen der Bundesrepublik“ und der Zivilgesellschaft. Dabei kann es möglich sein, dass der inhaftierte Jounalist Deniz Yücel als Spielball zwischen den Fronten zerrieben wird. Daher ist es wichtig, überall und zu jeder Zeit seine Solidarität mit ihm und den aus politischen Motiven heraus Inhaftierten zu bekunden. Die Freiheit des Wortes ist ein Menschenrecht und ist nicht verhandelbar. Nirgends.

Friedenspreisträger Jürgen Grässlin zeigt der Waffenindustrie die Zähne

11.12.2016 at 18:50
Jürgen Grässlin vor der Veranstaltung im Interview mit dem SWR

Jürgen Grässlin vor der Veranstaltung im Interview mit dem SWR

 

Der diesjährige Friedenspreis der Anstifter wurde am 10.12.16 im Theaterhaus an den Friedensaktivisten Jürgen Grässlin verliehen. Der Friedenspreis ist mit 5.000 € dotiert.

Die Anstifter zeichnen damit einen Mann aus, der seit Anfang der 1980er Jahren gegen die Waffenindustrie und ihre tödlichen Exportgeschäfte kämpft. Mit Worten und Aktionen, nicht mit Waffen. Für ihn sind das geschriebene und das gesprochene Wort die wirksamsten Waffen gegen die Todesindustrie.

Jürgen Grässlin hat Heckler & Koch schon lange „im Visier“

Schon 1989 gründete er am Hauptsitz des Rüstungskonzerns Heckler & Koch in Oberndorf das Rüstungs-Informationsbüro Oberndorf (RIO). Seitdem legt er sich mit dieser Waffenschmiede an, die durch ihren Kleinwaffenexport Millionen von Kriegstoten und Verwundeten auf der Welt verantwortet.

In seinem Buch „Versteck dich, wenn sie schießen“ von 2003 gibt er anhand konkreter Fallbeispiele den Opfern eine Stimme. Für seine Recherchen reiste er in die Bürgerkriegsgebiete Somalia und Türkei und sprach mit Opfern deutscher Gewehrexporte. Was er dort erlebte, prägt ihn bis heute und lässt ihn mutig seinen Weg gehen, trotz massiven Drucks aus Wirtschaft und Justiz.

Ermittlungen gegen der Kläger

Stuttgart ist für Jürgen Grässlin nicht nur der Ort, an dem er mit dem Friedenspreis ausgezeichnet wird, es ist auch der Ort, an dem er und seine Mitstreiter Strafanzeigen gegen Heckler & Koch und den Rüstungskonzern Carl Walther gestellt haben. Hier sitzt die zuständige Staatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Baden-Württemberg. Angestoßen durch die Vorermittlungen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat nunmehr die Münchener Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen ihn und seine Mitautor Daniel Harrich und die Dokumentarfilmerin Danuta Harrich-Zandberg wegen ihrer Veröffentlichungen von Insiderdokumenten zu widerrechtlichem Waffenhandel in ihrem Buch „Netzwerk des Todes. Die kriminellen Verflechtungen von Waffenindustrie und Behörden“ aufgenommen. Das ist kafkaesk.

Starke Netzwerke sind notwendig zur Überwindung des Todeskartells

Jürgen Grässlin weiß, die Arbeit gegen die waffenproduzierende Industrie und die exportorientierte deutsche Politik kann nur mit einem breiten Bündnis zum Erfolg geführt werden. Seine „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel“ ist ein wichtiges Bündnis, in dem er ganz unterschiedliche Akteure der Zivilgesellschaft zusammengeführt hat. Von der Initiative „Aachener Friedenspreis“ über diverse Friedensnetzwerke, kirchlicher Aktionsgruppen bis hin zu gewerkschaftlich Gruppierungen, hat er sein Netzwerk gegen die Händler des Todes gewebt. In seiner Dankesrede zeigt er auf das neben dem Rednerpult aufgestellte Plakat der Anstifter und sagt: „Ich bin der festen Überzeugung, dass das stimmt, was da steht: Eine andere Welt ist möglich. Und nicht, weil die Gegenseite sagt, es ist nicht möglich, sondern weil wir fest daran glauben, dass wir diese Welt ändern werden und wir werden sie ändern“. Und der Netzwerker Grässlin wäre nicht Grässlin, würde er nicht auf seine neue Aktion an diesem Abend hinweisen: Er will Grenzen für Menschen öffnen und Grenzen für Waffen schließen.

Am Ende seiner kurzen Dankesrede holt er seine Frau auf die Bühne, küsst sie und bedankt sich bei ihr für ihre Unterstützung auch in sehr schweren Zeiten. Diese Geste der Dankbarkeit gegenüber seiner Frau Eva wird zu einem bewegenden Augenblick der Feier, die in diesem Jahr ganz in der Hand von Frauen liegt.

Die Vorsitzende der Anstifter Dr. Annette Ohme-Reinicke

Die Vorsitzende der Anstifter Dr. Annette Ohme-Reinicke

Die Anstifter: fest in Frauenhand

Die promovierte Politikwissenschaftlerin, Mitbegründerin der taz, Journalistin und Autorin Dr. Ute Scheub hält die Laudatio auf den Preisträger. Sie, die Koordinatorin des weltweiten Projektes „Peace Women Across the Globe“ ist, trägt Jürgen Grässlin die Ehrenmitgliedschaft in der Organisation an für sein Engagement für den Frieden. Durch den Abend führt die Schauspielerin Barbara Stoll, die dieses höchstprofessionell macht, ist sie doch häufig mit der Aufgabe einer Moderation betraut und kann aufgrund ihrer Ausbildung als Schauspielerin schnell auf die unterschiedlichen Situationen an einem solchen Abend reagieren. Und die Anstifter werden durch ihre frisch gewählte, neue Vorsitzende Dr. Annette Ohme-Reinicke repräsentiert.

Foaie Verde spielt für Jürgen Grässlin

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Die Anstifter haben gelernt, wie wichtig bei solch „textlastigen“ Veranstaltungen zur Ehrung eines Mitgliedes der Zivilgesellschaft ein kultureller Rahmen ist und haben die Gruppe Foaie Verde eingeladen, die auf hohem musikalischen Niveau die Gäste mit ihrer Gypsy-Musik verzaubern.

Peter Grohmann, der aus dem Vorstand der Anstifter ausgeschiedene Mitbegründer der Anstifter, hat das Schlusswort und er hält es mit der gleichen Verve, wie all die Jahre zuvor, humorvoll, warmherzig und aufrüttelnd. Seine Rede ist hier nachzulesen.

 

Eine Auswahl der Bücher von Jürgen Grässlin

Versteck dich, wenn sie schießen
Droemer Knaur
Das Buch ist vergriffen. Der Autor bietet es hier zum Herunterladen an.

schwarzbuch_waffenhandelSchwarzbuch Waffenhandel: Wie Deutschland am Krieg verdient
Taschenbuch, 624 Seiten
Heyne, Preis: 14,99 €

Jürgen Grässlin, Daniel M. Harrich, Danuta Harrich-Zandberg
Netzwerk des Todes: Die kriminellen Verflechtungen von Waffenindustrie und Behörden
Broschiert, 384 Seiten
Heyne, Preis: 16,99 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Kontext feiert fünfjährigen Geburtstag

05.05.2016 at 13:54
Ines Pohl und Georg Löwisch zu Kontext

Ines Pohl und Georg Löwisch

 

Kontext wird dieses Jahr schon 5 Jahre alt und feierte dies mit einem großen Fest im Theaterhaus. Seit 5 Jahren mischt sich eine Gruppe engagierter Journalistinnen und Journalisten in die Meinungsbildung in Baden-Württemberg ein. Ein einmaliges, regionales Zeitungsprojekt. Woche für Woche erscheint Kontext jeden Mittwoch in elektronischer Form in ansprechendem Gewand. In der Samstagsausgabe der linken Tageszeitung taz liegt Kontext bundesweit in gedruckter Form als Sonderveröffentlichung bei. Eine breite Unterstützung der Leserschaft ist der Zeitung sicher und die Kooperation mit der taz verschafft dem Projekt zusätzlichen finanziellen Spielraum.

Ines Pohl kam extra aus den Vereinigten Staaten zum Geburtstag von Kontext

Die Macher von Kontext freut es, dass die ehemalige Chefredakteurin der taz extra aus Washington eingeflogen war, und die Moderation der Geburtstagsfeier übernahm. Heute arbeitet Ines Pohl als Korrespondentin für die Deutsche Welle und berichtet aus der amerikanischen Hauptstadt. Für die gebürtige Baden-Württembergerin war es ein Heimspiel. Maßgeblich hat sie die Zusammenarbeit der taz mit Kontext gestaltet. Oft war sie, wie sie humorvoll berichtete, zum Brezelessen in der Stuttgarter Redaktion. Sie lobte die professionelle Arbeit des Teams.

Nicht Kontext kommentierte an diesem Abend die politische Lage, es war Max Uthoff, der Dauerbrenner aus der ZDF-„Anstalt“ nahm scharfzüngig die großen Themen der deutschen Politik unter die Lupe aber er ging auch auf die Lokalpolitik ein. Immerhin schicken sich die Grünen gerade an, mit der CDU ein Regierungsbündnis zusammen zu zimmern. Nicht unumstritten und die Kommentare von Max Uthoff zu der Politik der Grünen hier im Land bissig und schonungslos.

Die Laudatio auf das Geburtstagskind vom Chefredakteur der taz

Werbehund

Nicht auf den Hund gekommen

Georg Löwisch, Chefredakteur der taz, hielt die Laudatio auf das Geburtstagskind. Er selber aus Freiburg stammend, sprach respektvoll von der Arbeit seiner Kollegen in Stuttgart. Für ihn ist das Überleben der Zeitung rekordverdächtig in einer Zeitungslandschaft, in der gerade die lokalen Blätter der Konzentration zum Opfer fallen. Aber auch, dass Kontext immer wieder über die 4. Gewalt berichtet, also den eigenen Medienjournalismus reflektiert, lobte Georg Löwisch. Dass Provinz und Leidenschaft zusammengehen können, dafür sei Kontext der Beweis.

Zwischendurch lief der Hund der Redakteurin Anna Hunger über die Bühne und machte Werbung für ein Buch, das die wichtigsten Artikel aus 5 Jahren Kontext versammelt. Es ist gerade im Klöpfer und Meyer Verlag erschienen.

Susanne Stiefel

Susanne Stiefel spricht im Namen des Redaktionsteams von Kontext

Ein hartes Stück Arbeit, wie Redakteurin Susanne Stiefel berichtete, die die Auswahl der Texte mit getroffen hat. Sie hielt die Festrede im Namen der Redaktion. Es sind nicht nur die fünf Festangestellten, die den Erfolg der Zeitung ausmachen, sondern eine große Anzahl der Zeitung verbundener Journalisten. Ohne die wäre die thematische Breite der Zeitung gar nicht zu gewährleisten.

Peter Grohmann, Anstifter der ersten Stunde und einer der ersten Kriegsdienstverweigerer im Ländle, wetterte in bekannter Manier, nahm die Unterdrückung und die Ausbeutung aufs Korn. Er hat in der Kontext wöchentlich eine Videokolumne. Seine Omi Glimbzsch aus Zittau geistert durch viele seiner Folgen und so wunderte es nicht, dass er sie in seiner Rede ebenfalls erwähnte.

Wettern in der Kontext

Wettern in der Kontext

Er, der sich über all die Jahre nicht verhärten ließ, haute der Regierung die Verfassung des Landes Baden-Württemberg um die Ohren, zitiert Marx und die Bibel. Seine Rede wurde dankenswerter Weise von den Nachdenkseiten hier dokumentiert.

Musikalisch umrahmt wurde der Veranstaltung durch das Jazz Ensemble Spoken Word Impro Orchestra um die Sängerin Lisa Tuyala. Begleitet von einem Trio aus Schlagzeug, Kontrabass und Saxophon bzw. Bassklarinette erfüllte sie mit ihren Melodien und ihrer Sprachrhythmik den Saal.

Doch erst der spontane Auftritt der Combo „Lokomotive Stuttgart“, bekannt von unzähligen Demos gegen das Stuttgart 21 Projekt, brachte die Emotionalität zum Publikum, das in großen Teilen jahrelang im Kampf gegen dieses Projekt engagiert war. Das Engagement der Bürgerinnen und Bürger in Stuttgart gegen dieses Projekt gehört zum Gründungsmythos dieser Zeitung. Gegenöffentlichkeit herzustellen in einer erstarrten Presselandschaft, mit dieser Vision startete das Team der Kontext vor fünf Jahren. Eindrucksvoll hat das Redaktionsteam der Zeitung diese Vision umgesetzt.

Lokomotive Stuttgart

Lokomotive Stuttgart

Josef-Otto Freudenreich, Anna Hunger, Susanne Stiefel (Hg.)
Kontext!
Fünf Jahre couragierter Journalismus
366 Seiten und 45 s/w Abbildungen, Hardcover
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Hannah Arendt fragt: „Wählen gehen?“

15.03.2016 at 17:27
Hannah Arendt Institut im WKV

Es wurde lebhaft diskutiert auf dem Podium: Ariane Raad, Sabine Vogel, Hans D. Christ, Peter Gruber, Annette Ohme-Reinicke, Michael Wilk und Peter Grohmann (v. l. n. r.)

 

Die Antwort der auf dem Podium vertretenden Meinungen war nicht eindeutig am Donnerstag vor dem Wahlsonntag im Württembergischen Kunstverein. Das Hannah Arendt Institut in Zusammenarbeit mit den Anstiftern stellte diese Frage sechs Vertreterinnen und Vertretern von Gewerkschaften und Aktivisten aus der Zivilgesellschaft.

Bei den beiden Vertreterinnen der Gewerkschaften (Verdi und DGB) fiel die Antwort erwartungsgemäß für den Gang zur Urne aus. Wobei Ariane Raad (Verdi) sich eindeutig für die Linke aussprach. Sie hofft auf eine starke Opposition durch die Linke im Landtag. Seit Jahren ist sie in der außerparlamentarischen Bewegung aktiv und verspricht sich, durch Beteiligung der Linken im Landtag, eine parlamentarische Unterstützung der Aktionen auf der Straße zu bekommen. Allerdings ist zu befürchten, dass die AfD die führende Oppositionsrolle einnehmen wird, denn ihr Motto ist Fundamentalopposition.

Auch Sabine Vogel, Angestellte beim DGB, ruft dazu auf, zur Wahl zu gehen, ohne so eindeutig Position für die Linke einzunehmen wie ihre Kollegin von Verdi.

Für Hans D. Christ vom Württembergischen Kunstverein ist es alles ganz anders: Seine Institution als Non-Profit-Veranstalter ist auf die Unterstützung des Ministeriums für Wissenschaft Forschung und Kunst angewiesen. Er präsentierte das Organisationschart dieses Ministeriums. Klar, die Bedingungen für seine Arbeit ändern sich, wer in dieser Institution das Sagen hat. Hans D. Christ präsentierte auch die Parole der Künstler: „Demokratisieren wir die Demokratie“. Und er weist darauf hin, dass es schon ein Unterschied ist, ob der WKV mit einem CDU-geführten Ministerium verhandelt oder mit einem durch eine aus Bündnis 90 / Die Grünen geführten Ministerium.

Peter Gruber präsentierte die Position der Initiative „Gläserne Urne“. Diese Initiative spricht sich dafür aus, „Mitmachen ohne mitzuspielen“. Er kritisierte, dass im heutigen Wahlsystem zu wenig Einfluss des Bürgers vorhanden sei. Die Bürger könnten in der Regel nur an diesem System teilnehmen, indem er in der Wahlkabine seine Stimme für mehrere Jahre an Personen aus Parteien abgeben muss. Alles Weitere bleibt nebulös: Bleibt der gewählte Volksvertreter seinen Aussagen im Wahlkampf treu? Eine reale Chance vor Ablauf der Wahlperioden Einfluss zu nehmen besteht nicht. Die Initiative will am Wahlsonntag ihre gläserne Urne im Württembergischen Kunstverein aufstellen und mit den „Nichtteilnehmern“ an der Wahl ins Gespräch kommen.

Der Arzt und Psychologe Michael Wilk hat jahrzehntelang als Umweltaktivist gegen die Startbahn West gestritten. Als anarchistischer Autor macht er sich keine Illusionen über die Unterstützung der außerparlamentarischen Bewegungen durch die im Landtag vertretenen Parteien. Allerdings werden in Wahlkämpfen der Dissens und der Streit unterschiedlicher Akteure deutlich. Und da macht es schon einen Unterschied, in welchem politischen Klima diese Diskussionen stattfinden, in einem angstfreien oder angstbesetzten Klima. Das Durchbrechen autoritärer Muster sei eminent wichtig.

Peter Grohmann sieht sich und die Anstifter klar außerhalb der Parteienlandschaft. Wenn die Parteien die Leute heute nicht mehr erreichen, muss man kritisch festhalten, dass auch wir (Die Anstifter, Gewerkschaften etc.) die Leute nicht mehr erreichen.
Es muss ja mal festgestellt werden, dass auch die Gewerkschaften nur noch wenige Leute auf die Straße bekommen, um für gewerkschaftliche Positionen zu kämpfen.

Leider krankte die ganze Veranstaltung daran, dass die auf dem Podium sitzenden Frauen und Männer viel zu lange Statements abgaben, so dass der Raum für Diskussion mit dem zahlreich vertretenden Publikum sehr begrenzt war. Wenn dann auch noch diese Statements vom Blatt abgelesen werden, spricht das nicht für die Lebendigkeit der Zivilgesellschaft.

Zum Schluss nahm die Moderatorin Annette Ohme-Reinicke vom Hannah Arendt Institut das Fragezeichen aus dem Titel der Veranstaltung heraus und ersetzte es durch ein Ausrufezeichen: Natürlich wählen gehen!

Leider hat sich nach dem Wahlsonntag gezeigt, dass eine hohe Wahlbeteiligung nicht dazu geführt hat – wie viele prognostiziert haben – dass die bürgerlichen Parteien mit hohen Ergebnissen in den Landtag einziehen. Die AfD hat in Baden-Württemberg aus dem Stand 15,1% erreicht. Auch in den anderen zwei Bundesländern haben viele, die noch beim letzten Mal nicht zur Wahl gegangen sind, dieser rechtspopulistischen Partei ihre Stimme gegeben. Damit hat sie mehr Zuspruch, als die Sozialdemokratische Partei. In Sachsen-Anhalt ist sie gar mit 24,2% zweitstärkste Kraft im Land geworden, nur 5,6% hinter der CDU. Oder anders ausgedrückt: ein Viertel der Wähler haben diese rechtspopulistische Partei gewählt. Darauf werden sich die demokratischen Kräfte der Zivilgesellschaft einstellen müssen.

Der geräuschlose Krieg: Blitzschnell!

09.12.2015 at 13:15

Unter diesem Titel hielt Peter Grohmann bei der Friedens-Gala der AnStifter am 6. Dezember 2015 im Theaterhaus Stuttgart eine Rede, die ich hier im Wortlaut wiedergebe:

„Dieser Abend ist eine Demonstration für das Menschenrecht auf Leben, auf Frieden! So geräuschlos ist Deutschland noch nie in einen Krieg geglitten. Und dennoch dürfen wir uns nicht daran gewöhnen! Ich will mich nicht daran gewöhnen, dass Deutschland Teil einer Kriegsmaschinerie ist. Ich will mich nicht daran gewöhnen, dass der mühsame Frieden zerstört und zerfressen wird.

Peter Grohmanns Appell zum Anstiften

Peter Grohmann

– dass es normal ist, in den Krieg zu ziehen,
– dass es normal ist, mit Waffen zu handeln,
– dass es normal ist, ohne langes Gerede JA zum Krieg zu sagen
– frohgemut in die Katastrophe: Denn sie wissen nicht, was sie tun!

Ich kann es nicht glauben, dass dieses Schweigen ist im Land, dieses Zuschauen und diese Verharmlosung des Krieges!

Wir dürfen uns nie daran gewöhnen, dass das Recht des Stärkeren gilt – wo auch immer! Wir dürfen uns nie daran gewöhnen, dass das Recht auf Asyl noch weiter ausgehöhlt wird, dass die Charta der Menschenrechte nichts ist als das Versprechen für übermorgen.

Wir dürfen uns nie daran gewöhnen, dass täglich 30.000 Kinder verhungern, 30.000 und mehr, dass Ernten im Meer versenkt werden, um den Getreidepreis stabil zu halten. Ich will mich nicht daran gewöhnen, dass Hunderttausende im eigenen Land nicht satt werden, dass Hunderttausenden im eignen Land der Zugang zu Gesundheit, Bildung und einem würdevollen Leben verwehrt wird.

Wir dürfen uns nie daran gewöhnen, dass der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ zu einer leeren Floskel verkommt.

Ja: Wir sind gegen Gewalt und Vergessen, gegen Terror und Krieg, wo auch immer. Oft haben wir keine schnellen Antworten auf hundert Zweifel, auf tausend Fragen.
Aber Krieg ist immer die falsche Antwort.

Wir dürfen uns nicht an die Barbarei einer globalisierten Welt gewöhnen: An die Ausplünderung armer Länder, die Waffenlieferungen, an die Unterstützung von Despoten und Diktatoren, Tyrannen und Sklavenhaltern. Wir dürfen uns nicht an das Aushebeln elementarer Grundrechte gewöhnen, nicht in Ungarn, nicht in der Türkei, nicht in Polen. Wir dürfen uns nie an den Triumph des Front National gewöhnen. In Solidarität und Geschwisterlichkeit sagen wir:
Non! Nein! Njet! No! Nie! Hayır! Neniu! nincs! Babu! Sin! Óchi! Nein zu Populismus, nationaler Engstirnigkeit, Rassismus und Gewalt.

Ich möchte nicht, dass die Deutungshoheit über die Moral die bekommen, die keine haben. Es gibt die Unschuld des Nicht-Wissens nicht mehr. Wir wissen, dass der Wohlstand auf Unrecht aufgebaut ist. Wir wissen, dass wir die Erde zerstören. Und wir können auch längst nicht mehr ignorieren, dass andere arm sind, weil wir reich sind. Wir werden uns nicht herausreden können mit den immer gleichen Worten: „Davon haben wir nichts gewusst“. Nein, denn wir werden es gewusst haben.

Aber ich will mich daran gewöhnen, mit Menschen gelebt und gekämpft zu haben, die aufstehen, wenn es notwendig ist! Heute, jetzt!
Mit Menschen, die Nein sagen!

Ich will mich daran gewöhnen, an Eurer Seite zu sein: Mit Menschen, die Herz und Verstand besitzen, die mit Fantasie und Solidarität für Gerechtigkeit und Frieden eintreten:

Mit Menschen wie Euch.“

Wie Krieg prägt

22.01.2015 at 20:01
Krieg prägt: Podiumsdiskussion und Lesung

v. l. n. r.: Peter Grohmann, August Schmölzer, Michael Seehoff

 

Wie Krieg den Menschen prägt, war Thema einer Doppellesung am 19. Januar 2015 in der LesBar der Stadtbibliothek Stuttgart. Der Schauspieler und Autor August Schmölzer las aus seinem Roman „Der Totengräber im Buchsbaum“, Peter Grohmann, Kabarettist und Anstifter, aus seiner Autobiografie „Alles Lüge außer ich“. Trotz der literarisch unterschiedlichen Form, zeigten beide Texte, was Krieg mit den Menschen macht.

Der Totengräber im Buchsbaum

Krieg prägt: Lesung August SchmölzerAugust Schmölzers Protagonist Josef kehrt nach vielen Jahren der Abwesenheit als alter Mann in seine Heimatstadt zurück, die er als junger Kriegsfotograf verlassen hatte. In diesem namenlosen Krieg zwischen der Stadt am Meer und Josefs Heimatstadt in den Bergen hatte er die Gräueltaten seiner Armee zu dokumentieren. Ein kleiner Junge, dessen Erschießung Josef mit der Kamera festhalten musste, verfolgt ihn in seinen Wachträumen. Mit ihm hält er immer wieder Zwiesprache.

Wie junge Männer auch mittels sexueller Prägung auf den Krieg vorbereitet und ausgerichtet werden, ließ August Schmölzer in der von ihm gelesenen Passage plastisch werden. Alte, nicht mehr kriegstaugliche Männer führen Josef eine Prostituierte zu, bei der er die ersten Erfahrung der körperlichen Liebe machen soll. Sie wollen ihm damit ein „Ertüchtigungsgeschenk“ machen. Josef wünscht sich hingegen Liebe von seinem Mädchen Ragusa. Es sind immer wieder diese, für den einzelnen gravierenden Erfahrungen, die im Text von Schmölzer durchschimmern.

Das Thema Fremdenfeindlichkeit kam in der zweiten Textpassage zum Ausdruck: Die Ablehnung zugewanderter Menschen war Auslöser für den Krieg zwischen der Stadt am Meer und der Stadt in den Bergen. Der Krieg zwischen den beiden Städten wird vom Autor nicht historisch verortet. Die Auswirkungen auf den einzelnen werden beschrieben, nicht die Schlachten in diesem Krieg. Am Stammtisch schwadronieren die Alten über die heilsame Wirkung eines Krieges, die mit der Erleichterung bei Blähungen nach einem üppigen Mahl verglichen wird. Warum der Krieg vor Jahren ausgebrochen war, haben die Männer längst vergessen, vertreten völlig konträre Meinungen dazu. Das diffuse Gefühl der neuerlichen Überfremdung reicht ihnen, martialische Reden zu schwingen.

Alles Lüge außer ich

Peter Grohmann bei der Lesung über: Krieg prägtPeter Grohmann beschreibt in seiner Autobiografie, unter welchem Krieg er und seine Familie gelitten haben. Er las eine eindrucksvolle Passage über die Wirren von Flucht und Vertreibung im zweiten Weltkrieg. Als Achtjähriger floh er mit seiner Mutter und seinem Bruder vor den herannahenden Russen aus Breslau, die Stadt seiner Großeltern. Erst kurz vorher waren sie dort angekommen. Ebenfalls als Flüchtlinge, geflohen vor den Bomben der Alliierten auf Dresden. Sein Teddy ist Synonym der Zerstörung: Das geliebte Stofftier des Jungen verliert erst den einen, dann den anderen Arm.

Hier trafen sich die beiden Texte wieder: der kleine Junge, der bei seiner Exekution von dem Kriegsfotografen Josef fotografiert wurde und die Erlebnisse des kleinen Jungen, der den Krieg überlebt hat, in dem sein Teddy verstümmelt wurde.

Wie aber lässt sich Krieg, Fremdenfeindlichkeit verhindern? Dieser Frage gingen die beiden Autoren in ihrem Gedankenaustausch nach. Peter Grohmann hat sich Zeit seines Lebens der Aufklärung verschrieben, als Jugendlicher in der sozialistischen Jugend „Die Falken“, als politischer Kabarettist und als Gründer und unermüdlicher Motor des Bürgerprojektes „Die Anstifter“. August Schmölzer unterstrich, wie wichtig es ist, den Fremden in den Blick zu nehmen und ihm vorurteilsfrei zu begegnen und, wenn nötig, seine eigenen Vorbehalte kritisch zu hinterfragen. Der Autor und Schauspieler versucht Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung zu helfen und gründete mit Freunden die Initiative „Gustl58 – Initiative zur Herzensbildung“. Sie unterstützen Menschen, die es körperlich, geistig, gesellschaftlich oder auch finanziell nicht so gut getroffen haben. Auf seiner Homepage schreibt er: „Ich bin nicht so naiv zu glauben, ich könnte die Welt ändern aber ich kann versuchen, MICH zu ändern und so vielleicht Vorbild für andere sein“

Zwei Autoren, die sich einmischen, sind August Schmölzer und Peter Grohmann auf jeden Fall: im Leben und mit ihren Texten.

Der Totengräber im Buchsbaum
150 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Merlin Verlag, Preis 19,95 €

Alles Lüge außer ich – Eine politische Biografie
320 Seiten, gebunden
Silberburg Verlag, Preis 24,90 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Alle Fotos: Hannah Seehoff

Willkommen im neuen Jahr

13.01.2015 at 16:59
Fritz Mielert von den Anstiftern beim Neujahrsempfang

Fritz Mielert, im Hintergrund das Transparent der ersten Aktion der Anstifter in diesem Jahr

 

Ihren traditionellen Neujahrsempfang richteten die AnStifter, wie schon in den Jahren zuvor, im Merlin aus. Fritz Mielert ließ am Sonntag, 11. Januar, das Jahr Revue passieren, erläuterte, was wir alles auf die Beine gestellt haben und welche Herausforderungen in diesem Jahr auf uns zu kommen. Beeindruckend die Willkommensdemo am 5. Januar, die er und eine Handvoll AnStifter innerhalb von knapp einer Woche auf die Beine gestellt haben und zu der etwa 8.000 Menschen gekommen waren. Über 180 Gruppierungen konnte das Vorbereitungsteam hinter den Aufruf der AnStifter vereinigen. Damit hat dieses Bürgerprojekt seinem Namen alle Ehre gemacht.

Peter Grohmann beim Neujahrsempfang der AnstifterAber auch Aktivitäten im letzten Jahr waren wieder ein Meisterwerk der Netzwerktätigkeit der AnStifter. Im Mittelpunkt vieler Aktivitäten stand das Gedenken an den Ausbruch des ersten Weltkriegs. Der NSU-Kongress mit hochrangigen Referenten eine logistische Glanzleistung angesichts des Lokführerstreiks. Die Erkenntnisse aus diesem Kongress werden Grundlage weiterer Aktivitäten der AnStifter im Jahr 2015 sein.

2014 wurde der Friedenspreis der AnStifter Edward Snowden verliehen. Er konnte nur per Video in die Verleihungsfeier ins Theaterhaus geschaltet werden, noch immer sitzt er im Exil in Russland. Die Sammlung von Vorschlägen für den Friedenspreis 2015 hat begonnen.

Peter Grohmann ließ das Jahr in der ihm eigenen kabarettistischen Art noch einmal aufleben. Ernstes stand neben Heiterem, Besinnliches neben Sinnlichem. Auch für 2015 wird es wieder heißen: „Lasst uns anstiften!“

Wie Krieg prägt – zwei literarische Annäherungen

21.12.2014 at 22:05
August Schmölzer und Peter Grohmann

Foto Schmölzer: A. Deutschmann, Merlin Verlag, Foto Grohmann: Timo Kabel

 

Zu folgender Veranstaltung lade ich ein:

Montag 19.01.2015 | 20 Uhr | Stadtbibliothek Stuttgart | Café LesBar

August Schmölzer und Peter Grohmann im Gespräch

Moderation Michael Seehoff

Die Folgen von Krieg und Vertreibung prägen das Handeln des Menschen für den Rest seines Lebens. Zwei Neuerscheinungen aus dem letzten Jahr nähern sich diesem Thema auf ganz unterschiedlicher Weise an. Da ist zum einen das Romandebüt des österreichischen Schauspielers August Schmölzer: „Der Totengräber im Buchsbaum“. Zum anderen hat Peter Grohmann seine Autobiografie: „Alles Lüge außer ich“ vorgelegt. Darin erzählt er in berührender Lebendigkeit, wie er als kleiner Junge den Krieg und die anschließende Vertreibung seiner Familie erlebt hat und welche Folgen diese Erlebnisse für sein Leben gehabt haben.

Auch August Schmölzer stellt die Verletzungen aus Kriegserfahrungen in den Mittelpunkt seines Werkes, näher sich ihnen allerdings in Romanform. Der Krieg in seinem Roman wird nicht benannt, es ist ein Krieg ohne historische Verortung. Der Krieg hat den Protagonisten in ein fremdes Land gebracht, aus dem er in das Land seiner Kindheit zurückkehrt und sich seiner Geschichte stellen muss. Beide Autoren lesen aus ihren Büchern um anschließend über ihr Thema ins Gespräch zu kommen: Über den Krieg, über die unmenschlichen Erfahrungen und über die Form, wie dieses in einem literarischen Werk präsentiert werden kann.

Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit den Anstiftern

Friedenspreis 2014 geht an: Edward Snowden!

26.11.2014 at 15:53
friedenspreis_01

Eward Snowden, per Videokonferenz zugeschaltet

 

Der Friedenspreis der Anstifter wurde am 23. November dem Whistleblower Edward Snowden verliehen. Der Raum im Theaterhaus war bis auf den letzten Platz besetzt, als Walter Sittler die Gala mit der Rezitation eines Ingeborg Bachmann Gedichts eröffnet und mit Zitaten großer Querdenker zum Nachdenken anregt.

ines pohl
Natürlich konnte Edward Snowden den Preis nicht persönlich entgegennehmen, er lebt im Asyl in Russland. Wäre er gekommen, wären die Geheimdienste der USA zur Stelle gewesen, ihn zu verhaften. Fritz Mielert, Geschäftsführer der Anstifter, und seine Mit-Anstifter stellten den Kontakt über den Rechtsanwalt Snowdens her und ermöglichten, den Preisträger via Liveschaltung an der Feier teilnehmen zu lassen. So konnte der Ausgezeichnete (simultan übersetzt) die Laudatio der TAZ-Chefredakteurin Ines Pohl miterleben. Sie lobte den Mut dieses Mannes und ging auf den Verlust der privaten Unversehrtheit jedes einzelnen ein: durch Überwachung der NSA und deutscher Geheimdienste. Ihre Rede ist hier nachzulesen.

Die Dankesrede von Snowden wurde vom Laptop-Bildschirm abgefilmt und eingespielt. Er sah schmaler aus, als man ihn von Fotos kennt. Er saß vor einer schwarzen Wand. Wo, das weiß keiner so genau. friedenspreis_05Am Ende seiner Rede fluteten die Zuschauer den Saal mit Plakaten, die sie dem Preisträger in die Kamera hielten und auf denen sie ihn für seinen Mut dankten. Diese Plakate sammelte Peter Grohmann in einen wunderschönen Koffer ein, um sie nach Russland zu schicken.

Musikalisch bewiesen die Anstifter wieder ihr Gespür für hervorragende Musik mit engagierten Texten. Sie hatten die Band „Rainer von Vielen“ eingeladen, eine vierköpfige Band aus Kempten im Allgäu. Fetzige Akustikgitarre traf auf Akkordeon und Mundharmonika, Bass und Schlagzeug. Der Gesang der Gruppe war teils von Obertongesang durchdrungen.friedenspreis_06

In einer anschließenden Podiumsdiskussion suchten Ines Pohl, Constanze Kurz und Josef Foschepoth Antworten auf die Frage: „Demokratische Kontrolle von Geheimdiensten – machbar oder aussichtslos?“ Constanze Kurz ist Sprecherin des Chaos Computer Clubs und kritisiert die Geheimdienste, denn sie kennt die technischen Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen. Josef Foschepoth vom Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg hat ein beachtenswertes Buch zum Thema geschrieben: „Überwachtes Deutschland“. Fritz Mielert brauchte die Runde nicht zur Diskussion zu animierten, es war ein Thema, das allen auf den Nägeln brannte und bei dem sie sich kompetent einbringen konnten.

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Cams21 hatte sich freundlicherweise um den Live Stream der Friedensgala gekümmert. Die Aufzeichnung ist hier abrufbar. Die untertitelte Dankesrede von Edward Snowden gibt es unter diesem Link. Den Abdruck der Laudatio und der Dankesrede veröffentlichten Die Anstifter auf ihrer Seite.

Es ist angestiftet!

11.02.2014 at 22:30
© Gerald Gunzenhäuser

© Gerald Gunzenhäuser

Die Anstifter richteten ihren traditionellen Neujahrsempfang wie auch in den letzten Jahren im Kulturzentrum Merlin aus. Ebenfalls eine Tradition: die wunderbare, scharfe, hinterindische Linsensuppe mit frischem Koriander.

Es war mir eine große Ehre, von Peter Grohmann gebeten worden zu sein, einen Text von B. Traven zu lesen. Der Roman „Die weiße Rose“ wurde 1929 zum ersten Mal veröffentlicht und beschreibt mit bedrückender Aktualität das Vorgehen der amerikanischen Ölkonzerne in Mexiko in den zwanziger Jahren. Die peruanische Musikerin Yingrid untermalte mit Klaviermusik meine Lesung einiger prägnanter Ausschnitte aus diesem Roman.

Schon die ersten Sätze ziehen den Leser in die Geschichte hinein. Es sind Sätze, nach denen Romanschriftsteller lange suchen und die wir Leser so sehr lieben:

Die Condor Oil Company war unter den amerikanischen Ölkompanien, die ihre Unternehmungen auf Mexiko ausgedehnt hatten, durchaus nicht die mächtigste.
Aber sie hatte den stärksten Appetit.

© Herbert Grammatikopoulos

© Herbert Grammatikopoulos

Es ist die Geschichte eines Interessenskonflikts. Auf der einen Seite die rücksichtslose Ausbeutung der Erde durch die Ölkonzerne, um an Rohstoffe zu kommen auf der anderen Seite der Indio Jacinto Yañez, der die Ländereien der Hacienda als Erbe, als Gabe ansieht und die Verantwortung für zukünftige Generation übernimmt, die ebenfalls von den Früchten der Erde leben müssen.

Die Ausbeutung der Erde geht weiter. Immer noch werden Kriege um Rohstoffe geführt. Selbst die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen werden in den Blick genommen. Nicht für die dort lebende Bevölkerung sondern für z. B. Reisanbau der Chinesen oder zur Erzeugung von Lebensmittel für die Produktion von Biokraftstoff. „Landgrabbing“ ist ein fast harmloses Wort für diese brutale Aneignung fremden, fruchtbaren Bodens.

Peter Grohmann fächerte in seinen anschließenden Reden die vielfältigen Themen auf, bei denen sich Anstifter engagieren. Angefangen bei der Ausgrenzung von Minderheiten über die Bekämpfung von Rechtsradikalismus, Erinnerungskultur an die Verbrechen des Nazi-Regimes bis hin zur Unterstützung von Initiativen, die durch unseren Friedenspreis ausgezeichnet werden, der alljährlich verliehen wird. Der letzte ging an ein ganzes Dorf: Sant’Anna di Stazzema. Ich berichtete darüber. Ich wünsche uns Anstiftern weiterhin einen langen Atem und den unbändigen Humor von Peter, mit dem er den oft schwierigen Verhältnissen begegnet.