Der vielseitige Autor Michael Wildenhain als Stipendiat im Schriftstellerhaus

09.02.2018 at 22:42
Michael Wildenhain

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Astrid Braun stellte Michael Wildenhain am 7. Februar als neuen Stipendiat im Schriftstellerhaus vor. In seiner Bewerbung für das Stipendium führte Michael Wildenhain aus, dass sein Hausverlag in Stuttgart angesiedelt sei und er plane, diese Stadt soll den örtlichen Backround in seinem nächsten Roman bilden. Allerdings kennt er als Berliner Stuttgart nur von kurzen Besuchen zu Gesprächen im Klett Cotta Verlag. Skizzenhaft umreißt der Autor sein neues Projekt.

Im Mittelpunkt steht jedoch an diesem Abend die Lesung aus Das Singen der Sirenen. Dieser Roman erschien im September vergangen Jahres und schaffte es auf Anhieb auf die Longlist des Deutschen Buchpreises.

Der Protagonist des Romans, Jörg Krippen, ist nach London gekommen, wo er ein Seminar halten soll. Er forscht über Frankenstein. Doch er ist auch geflohen vor einem Leben mit Frau und Sohn, die er in in Berlin zurück ließ.

Unter die Fittiche genommen wird er von Mae, eine Stammzellenforscherin.
„You look so lost“, sind die ersten Worte, die sie an ihn richtet, als er auf dem Universitätsgelände mit seinem Koffer und zwei Rucksäcken auftaucht, einen auf dem Bauch, einen auf dem Rücken. In der Folge wird sie immer wieder da auftauchen, wo Jörg Krippen verloren scheint, bis die beiden ein Liebesverhältnis eingehen – der Frankensteinexperte und die Stammzellenforscherin. Zwischen ihnen soll sich aber auch jener Graben aufmachen, der sich zwischen Natur- und Geisteswissenschaft aufmacht.

Michael Wildenhain durchstreift seinen Roman, liest Stellen aus der Zeit in London, springt dann zu einer Pegida Demonstration in Dresden, die sein Protagonist als linker Antifaschist mit seiner Frau erlebt hat. Er lässt durchblicken, dass das Kind von der Stammzellenforscherin Mae sein eigenes ist.

Michael Wildenhain kennt das linke Milieu, war selber in den achtziger Jahren in der Berliner Hausbesetzerszene aktiv. Auch in seinen anderen Romanen scheint die politische, linke Ebene immer wieder durch.

Bevor er sich an die Recherchen zu seinem neuen Roman macht, will er noch einige Projekte abschließen. Der Stipendienaufenthalt in Stuttgart wird ihm die Gelegenheit geben, diese Pläne zu verwirklichen.

Michael Wildenhain in der Stadtbibliothek Stuttgart

22.06.2015 at 14:34
Michael Wildenhain und Silke Arning

Michael Wildenhain und Silke Arning

 

Michael Wildenhain wird von der Kritik als versierter Roman-Konstrukteur bezeichnet, sagte Silke Arning bei der Lesung von ihm in der Stadtbibliothek Stuttgart am 17. Juni 2015. Sein Buch, „Das Lächeln der Alligatoren“, hatte es immerhin bis auf die Short-List zum Preis der Leipziger Buchmesse 2015 geschafft. Er unterlag dem Lyriker Jan Wagner und dessen Band „Regentonnenvariationen“.

Michael Wildenhain, 1958 geboren, veröffentlichte zahlreiche Romane, Kinder- und Jugendbücher, Gedicht- und Erzählbände sowie Theaterstücke. Zuletzt sind von ihm die Romane Russisch Brot (2005) und Träumer des Absoluten (2008) erschienen, zudem ein Auswahlband seiner Theaterstücke (2013). Er wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Alfred-Döblin-Preis, dem Ernst-Willner-Preis und dem Stipendium der Villa Massimo.

Michael Wildenhain benutzt unterschiedliche Sprachen in seinem Roman, abhängig davon, was von wem erzählt wird. Er entwickelt langsam, aber in intensiven Bildern das Verhältnis von Matthias zu seinem behinderten Bruder, der in einem Heim auf Sylt betreut wird. Er selber hatte als kleiner Junge seinen Bruder nächtens aus dem Bett gestoßen. Es ist nichts Böses dabei gewesen, es war nur eine kleine Rangelei, aber der Bruder erlitt ein Hirntrauma, das ihn zum geistig behinderten Autisten machte. Der Vater verließ daraufhin die Familie aus Kummer, die Mutter starb an Krebs.

Ein Besuch im Heim, Jahre später, nimmt eine unerwartete Wendung, als Matthias sich in Marta verliebt, die Betreuerin seines Bruders. Sie führt ihn in Studentenkreise ein, die einer radikalen Gruppierung angehören. Matthias lässt sich auf Marta und ihre Überzeugungen ein, ignoriert Vorzeichen und Zweifel. Was Martas Absichten sind, wird ihm erst allzu spät klar, sie arbeitet für die RAF.

Auf einer zweiten Ebene wird die Vergangenheit seines Onkels verhandelt, Er, der ihn an Vaterstatt aufgenommen hat, ist Neurologe und Psychologe, Spezialist vor allem für die Gehirne von Kindern und bewohnt eine luxuriöse Villa im Berliner Westend. Als er in den Papieren des Verstorbenen liest, muss er erkennen, dass dieser zu NS-Zeiten an Kinderhirnen forschte. Auch Matthias nimmt die Gehirnfunktionen in seinem Studium der Mathematik und Informatik in den Blick. Mit seinen Forschungen zur natürlichen Intelligenz will er die Folgen des Unfalls seines Bruders mindern. Da ist sein Onkel aber längst ins Visier der RAF gekommen, Martha erschießt seinen Onkel.

Michael Wildenhain erzählt in Zeitsprüngen

Diese Geschichte wir in vielen Rückblenden erzählt. Bis auf eine kurze Anfangspassage ist Matthias der Ich-Erzähler. Die Handlung wird in drei großen Zeitsprüngen erzählt: Sie ist im ersten Teil auf Sylt im Jahr 1972 angesiedelt. Dort trifft er im Heim erstmals auf Martha, die Pflegerin seines Bruders. Im zweiten Teil (West Berlin 1977) trifft er Martha wieder. Sie hat sich der RAF angeschlossen. Der dritte Teil ist in der Gegenwart angesiedelt, Handlungsorte sind Hamburg und Sylt.

Der Autor kennt sich aus mit den Motiven von Terror, Gewalt und deutscher Verstrickung. Michael Wildenhain hat den Linksextremismus in der Hausbesetzerszene Berlin-Kreuzbergs am eigenen Leib kennengelernt und hat ihn für seine Literatur genutzt (zum Beispiel k., 1983) Auch setzte er sich mit den einmal erlebten Denkmustern mehrfach in Romanen über die RAF auseinander.

Das Lächeln der Alligatoren
241 Seiten, gebunden
Verlag Klett-Cotta, Preis 19,95 €

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