Vers trifft Pinsel

09.07.2017 at 23:23
Moritz Heger

Dichter unter Dichterinnen

 

Am 7. Juli 2017 eröffneten die beiden Künstler Moritz Heger und Christian Lang ihre Ausstellung mit Gedichten und Tuschezeichnungen im Schriftstellerhaus in der Kanalstraße.

Die beiden kennen sich vom Heidehofgymnasium, an dem sie als Lehrer arbeiten. Beide sind ungefähr gleich alt, Moritz Heger ist Jahrgang 1971, Christan Lang Jahrgang 1972. Kollegial arbeiten die beiden auch an diesem Abend zusammen. Während Moritz Heger seine Gedichte vorträgt, projiziert Christian Lang seine – die Gedichte illustrierenden – Zeichnungen an die Wand. Zwei Künste stehen in Beziehung. Es wird deutlich, die Texte von Moritz Heger sind für Christian Lang ein Sprungbrett, um sich auf seine ganz spezielle Art mit dem Gedicht auseinander zu setzen. Dazu bedient er sich der Technik der chinesischen Reibetusche. Zur Illustration dieser These sei das Gedicht Die Rückenschwimmerin sieht den Himmel zitiert:

Stumm auf der letzten halben Bahn
bloß fünfundzwanzig Meter
von der Zeitnahme ließt du
die Schaufelarme sinken

Die Stopuhr los der Strömung
überantwortet glänzt dein Nabel
leicht treibst du Schaumgeburt
als wärs das Tote Meer

Deine Zeit mein Silberfisch
wies auf Weltrecord
die Besten jung die Beeiltesten
sterben just in time

Christian Lang mit Schwimmerin

Christian Lang mit Schwimmerin

 

Die knapp 20 Zuhörerrinnen und Zuhörer leiden unter dem heißen Wetter an diesem Abend. Es sind zum großen Teil Freunde und Kollegen, die den Weg an diesem Juliabend ins Schriftstellerhaus gefunden haben. Die wenigen Regentropfen, die fallen, lassen eher aufatmen, als dass sie ihnen die Laune verderben. Mit einem Glas Wein in der Hand und ein paar Knabbereien werden die gehörten Texte diskutiert.

Der Gedichtband Lichtgrau von Moritz Heger
mit Zeichnungen von Christian Lang ist in der Edition Kanalstraße 4 erschienen.

43 Seiten, Preis 12 €
zu erwerben im Schriftstellerhaus

Signe Sellke – Eine Lyrikerin der leisen Töne

06.11.2016 at 18:58
Signe Sellke liest im Schriftstellerhaus

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Am 3. November 2016 las Signe Sellke im Schriftstellerhaus in der Kanalstraße 4. Für sie, langjähriges Mitglied im Vorstand des Vereins, ein Heimspiel.

Signe Sellke, 1942 in Plaue an der Havel in der Mark Brandenburg geboren, wohnt seit vielen Jahren in Schwäbisch Gmünd. Sie war im Schul- und Hochschuldienst tätig und engagierte sich im Friedrich-Bödecker-Kreis Baden-Württemberg, der sich der Leseförderung und Literaturvermittlung für Kinder und Jugendliche verpflichtet sieht.

Signe Sellke stellt neuen Gedichtband vor

Ihr neuer Gedichtband ist in vier Kapitel eingeteilt, wie Astrid Braun in ihrer Einführung erläutert. Ein Teil der Gedichte ist bereits in Signe Sellkes aktiver Zeit im Schuldienst entstanden und sie hat sich erst jetzt entschlossen, sie zu veröffentlichen. Angefangen hat ihr lyrischer Weg mit Protestsongs, die sie gegen die Stationierung der Pershing-Raketen geschrieben hatte. Der nach dem US-General des Ersten Weltkrieges, John Joseph Pershing, benannte Raketetyp wurde durch den NATO-Doppelbeschluss bekannt. Gegen dessen Stationierung protestierte die westdeutsche Friedensbewegung Anfang der 1980er Jahre. Vier Kilometer von Signe Sellkes Haus, in Mutlangen, sollten diese Raketen stationiert werden, die sie als Bedrohung für sich und ihre Kinder ansah.

Eine weitere Bedrohung in den lyrischen Blick genommen

Und das Atomkraftwerk Grundremmingen, ebenso bedrohlich, mit seiner Technologie, die nicht beherrschbar ist. Im ersten Abschnitt ihres neuen Gedichtbandes Das eigensinnige Summen des Lichtes findet sich ein Gedicht eben dazu. Signe Sellke versteht es, Themen in lyrische Sprache zu kleiden, ohne in einen Ton der platten Agitation zu verfallen. In dem Gedicht beschreibt sie die bedrohliche Situation wie folgt:

Morgens über Grundremmingen
windverzweigtes Rotviolett
die Lunte glühend hingestreckt

So viel Zunder über dem Land
das noch schläft

Leichtfüßig hat sie diese Zeilen in ihrem ersten Kapitel Gussenstädter Fahrten untergebracht, in dem sie Beobachtungen auf ihrem Weg zur damaligen Arbeitsstätte beschreibt. Den Titel Fahrtenschreiber, den sie ursprünglich für diesen Zyklus gewählt hatte, wollte sie nicht weiter verwenden, nachdem Jose F. A. Oliver einen seiner Gedichtbände unter diesem Titel veröffentlicht hatte.

Engagement für Geflüchtete

Das zweite Kapitel des Bandes trägt den Titel Die Wiese. Signe Sellke hat in einer Kaserne Flüchtlingskinder unterrichtet und diese Erfahrungen in Lyrik verarbeitet. Ihre Beobachtungen sind die aus der Gitterperspektive eines Kasernenfensters heraus. Wunderbar, wie sie die Anmut einer aus Angola stammenden Frau beschreibt, die in ihrem leuchtenden Kleid durch die Wiesen läuft und wie sie den Rhythmus der afrikanischen Trommeln in ihrem Gang lyrisch erfasst.

Lakonie zeichnet die Überschrift des dritten Teils ihres neuen Bandes aus, aus dem sie liest: Immer ist etwas. Ganz im Gegensatz zu der Überschrift des vierten Teils ihres Bandes, der eine eigene Geschichte zu erzählen scheint. Das rauhaarige Heil aller Schäden. Da beschreibt sie die Sonne, die Zähne kriegt und beschreibt das Land als „aufgeschlagen“. Vom Odermenning ist in einem Gedicht die Rede und Signe Sellke erläutert, Odermenning sei eine Heilpflanze, die sich klettenartig an die Kleidung anhaftet, wenn man durch die Wiesen streift. Und über den Winter liest sie ihre wunderbaren Zeilen:

Der Winter reibt seinen Kern ins Land
Aus den Mähnen der Häuser
wachsen silberne Zöpfe
einsilbige Bäume spreizen ihr Glas
Wir reden uns den Schnee entlang
unsere weißen Wörter
schlagen Wurzeln in der Luft

Kann man schöner den Winter beschreiben? Wahrhaftig, Signe Sellke ist eine Lyrikerin der leisen Töne und hat ihre ZuhörerInnen im Schriftstellerhaus mit ihrer Lesung dafür eingenommen.

Das eigensinnige Summen des Lichtes
64 Seiten, Fadenheftung mit Schutzumschlag
Einhorn-Verlag+Druck GmbH, Preis: 18,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Carmen Kotarski im Schriftstellerhaus

01.09.2016 at 22:25
Lebhafte Diskussion mit Carmen Kotarski im Schriftstellerhaus

Lebhafte Diskussion mit Carmen Kotarski im Schriftstellerhaus

Die Lyrikerin Carmen Kotarski stellte im Rahmen des Forums der Autoren am 1. September im Schriftstellerhaus neuere Gedichte ihren Schriftstellerkolleginnen und -kollegen vor. Darin knüpft sie teilweise an ihren Zyklus Wedding-Blues an. Dieser hatte die Großstadt Berlin in den Blick genommen. Viele der vorgestellten Gedichte kreisen wieder um das Thema Großstadt, diesmal ist es Stuttgart. Die Autorin, die sich aktiv am Widerstand gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 beteiligt hat, lässt auch dieses Engagement in ihre Stadtgedichte einfließen. Sie hatte vor einiger Zeit im Rosensteinpark bei einer Kulturveranstaltung der Parkschützer Gedichte zur Natur- und Stadtzerstörung vorgetragen.

Carmen Kotarskis Gedichte bewegen sich auf hohem sprachlichem Niveau. Sie wendet unterschiedliche lyrische Verfahren an, um ihre Bilder in Sprache zu bringen. Besonders herausstechend ist ihre Cut-Technik, die sie in einigen Gedichten angewendet hat: Sie schneidet Textstellen ab. Wie im Film muss nicht der ganze Zusammenhang genannt werden, der Geschichte im Film läuft im Kopf des Zuschauers auch ab, auch wenn die Szene geschnitten wurde. Durch die Cut-Technik entstehen beim Zuhörer eigene Assoziationen, ohne dass der Zusammenhang verloren geht.

Ein großer Teil der Gedichte lag den Zuhörern in Kopie vor, so dass sich im anschließenden Werkstattgespräch eine fruchtbare Diskussion entfalten konnte. Carmen Kotarski war dieses Jahr mit ihren Gedichten im oberschwäbischen Wangen beim „Literarische Forum Oberschwaben“ eingeladen. Dort stellten sich zehn Autoren zur Diskussion, mit noch unveröffentlichten Texten. Mal Lyrik, mal Prosa. Jeder Text wurde gelesen und gleich anschließend kritisiert. Der Beitrag von Carmen Kotarski wurde im SWR2 übertragen, hier nachzuhören.

Wolfgang Haenle mit neuen Texten

15.05.2016 at 17:35
Wolfgang Haenle im Schriftstellerhaus

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Wolfgang Haenle stellte am 12. Mai im Schriftstellerhaus Stuttgart neue Texte in der Reihe „Forum der Autoren“ vor. Es sind unveröffentlichte Texte, die er dem Publikum präsentierte. Dankenswerter Weise hatte er für die ZuhörerInnen einen großen Teil der Gedichte kopiert, so dass sich eine rege Diskussion über die Texte entwickeln konnte.

Wolfgang Haenle ist ein „spätberufener Lyriker“. 1945 in Altötting geboren, aufgewachsen in Göppingen, studierte er Maschinenbau und Technische Fotografie in Stuttgart. Auf seiner Homepage gewährt er Einblick in sein fotografisches Schaffen. Aber erst gegen Ende seines aktiven Berufslebens begann er sich intensiv mit der Lyrik auseinander zu setzen. 2011 veröffentlichte er seinen ersten Lyrikband mit Liebesgedichten: „eine hand voll du“. Regelmäßig veröffentlichte er in Gedichtanthologien. Die achtzehn Gedichte, die er an diesem Abend mit ins Schriftstellerhaus brachte, sind noch nirgendwo erschienen.  Seine Geburtsstadt Altötting, eine berühmte Pilgerstadt fand Eingang in eines seiner Gedichte. Wir wissen, welche bekannte Persönlichkeit aus der Gegend kam: Papst Benedikt VI., der „Joseph Aloisius“.

Wolfgang Haenle hat sich konsequent der Kleinschreibung in seinen Gedichten verschrieben. Aber auch sonst ist er formal streng, mal verwendet er die Form des Sonetts, dann wieder die der Sestine. Wobei er dem Reim und dem Jambus elegant ausweicht. Er kennt die Formen, folgt ihnen aber nicht streng. Wie viele moderne Lyriker lässt er den Reim links liegen. Und doch ist seine Lyrik von formaler Eleganz. Seine Themen findet er überall: die „Schnapp“-Schildkröte Lotti, die in der Bild-Zeitung Überschrift wurde:  „Ente in die Tiefe gezogen: Alligator-Schildkröte Lotti wieder da“. Oder bei Edgar Degas, dem impressionistischen Maler, dem er ein Gedicht unter dem Namen „leidenschaft“ widmet.

Für Wolfgang Haenle ist die Natur eine Fundgrube

Betrachtungen der Natur wurden bereits von dem von ihm hochgeschätzten Dichterkollegen Jan Wagner zu Lyrik verdichtet. Auch Wolfgang Haenle schreibt Gedichte, die sich diesem Genre verpflichtet fühlt. Ob er den in den in den offenen Savannenlandschaften und bewaldete Flussgebiete des Tief- und Hochlands des südlichen Afrikas beheimateten Kaffernbüffel oder den Kormoran beschreibt, immer findet er eindrucksvolle Bilder. Im Gedicht Kormoran blitzt eine andere Leidenschaft des Autors auf: die Fotografie. Darin heißt es:
... schlaff hängt die sony
ein griff. dann ist sie ganz oben. der gurt zurrt an der schulter

Aber auch eine Wanderung ist es ihm wert, zu Lyrik verdichtet zu werden. Wieder erwähnt er darin die Kamera, die ihm ein ständiger Begleiter scheint. Humorvoll blickt er auf die Esoterikszene, wenn er über „gruppentherapie“ schreibt, und sie dort verortet, wo Bachblüten dreizehn Feen treffen, der Meister ein biegsamer ist.

Immer wieder unterbrach Wolfgang Haenle seinen Vortrag und gab Raum für die Diskussion mit dem Publikum. So entstand fast schon so etwas wie schriftstellerische Arbeitsatmosphäre im Schriftstellerhaus, das mit diesem Format „Forum der Autoren“ genau das beabsichtigt.

Wolfgang Haneles beiden Lyrikbände sind beim Stuttgarter Schweikert-Bonn-Verlag erschienen:

eine hand voll du
Broschiert, 140 Seiten, Preis: 11,50 €

b.antwortet
Gebunden, 136 Seiten, Preis: 17,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

 

Mathias Jeschke und der Messerfisch

10.12.2014 at 16:50
Mathias Jeschke

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Mathias Jeschke las am 9. Dezember im Schriftstellerhaus aus seinem gerade erschienenen Gedichtband: „Der Fisch ist mein Messer“. Es war der 4. Abend einer Lyrikreihe im Schriftstellerhaus, die wieder auf interessiertes Publikum traf.

Peter Schlack hatte 2006 die Grafiken in dem Band „Der Graureiher“ erstellt. An diesem Abend stellte er das umfangreiche Werk des Autors vor. Mathias Jeschke machte sich nicht nur einen Namen als Lyriker, er schreibt Kinderbücher, gibt die Lyrikreihe LYRIKPAPYRI im Horlemann-Verlag heraus und ist als Lektor bei der Deutschen Bibelgesellschaft tätig.

Der 1963 in Lüneburg geborene Jeschke verbrachte ein Dreivierteljahr auf See, studierte Theologie und ist Vater zweier Töchter. All das schimmert in den Themen seiner Gedichte und Publikationen durch, auch in dem neuen, siebten Gedichtband. Darin arbeitet Mathias Jeschke wieder mit Gedichtzyklen. Er wirft einen lyrischen Blick auf die Schlei, einem Meeresarm der Ostsee, verbindet maritime Ausdrücke mit lyrischen Formen.

Jeschke entführte die Zuhörer im Schriftstellerhaus nach Südafrika, einem Sehnsuchtsort des Autors, der sich lyrisch in einer eigenen Form darstellte. Es sind nicht nur die mit Ausdrücken der südafrikanischen Sprache angereicherten Zeilen dieser Gedichte, die einen besonders starken Eindruck bei den Zuhörern hinterließen, der Autor konnte in den Gedichten seine besondere Liebe zu diesem Land vermitteln: Seine Menschen, seine grandiose Landschaft und nicht zuletzt auch die aufwühlende Geschichte. Die fremdartigen Worte in diesem Gedichtzyklus wirkten wie Zaubersprüche.

Mathias Jeschkes Gedichte erzählen von den alltäglichen Verwandlungen wobei er sich selber nicht als ein „Suchender“ beschreibt sondern als ein „Gefundenhabener“. Er ist ein Lyriker mit einem hohen erzählerischen Anteil in seinen Gedichten.

Der Zyklus „Lotseninsel“ ist während des Inselmoment-Stipendiums auf der Lotseninsel entstanden, einem Aufenthalt von nur wenigen Tagen, Gedichte in „Wellen“-Form, den Anfangsbuchstaben einer jeden Zeile immer ein Stück weiter eingerückt, wie die Spuren der Wellen am Strand:

Schleimünde

Die Shantys in dem Gedichtband spiegeln unverkennbar die Sehnsucht nach maritimen Gefilden, spielen wie auch die Afrikagedichte mit fremdartigen Worten, diesmal aus dem Repertoire der Seeleute, ein Mishing, entstanden aus Englisch und Platt.

Der Fisch ist mein Messer
96 Seiten, Klappenbroschur
edition AZUR, Preis 16,90 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Das Gedicht „Schleimünde“ ist auf der Webseite www.lotseninsel.de veröffentlicht.

Mit dem Rücken zur Luft …

20.11.2014 at 20:02
stössel_1

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… saß am 18. November Jürgen-Peter Stössel im Schriftstellerhaus und las aus seinem neuen Gedichtband gleichnamigen Titels. Günter Guben wollte die Einführung und die Moderation an diesem Abend machen. Allerdings war Usch Pfaffinger schneller: Noch bevor G. Guben das Wort ergreifen konnte, las sie zu Beginn ein paar Gedichte des Gastes aus diversen Bänden des Schriftstellerhaus-Almanachs in denen Jürgen-Peter Stössel vertreten ist. Das ist ein gutes Beispiel für das Engagement der Mitglieder des Schriftstellerhauses und für die weiten Diskussionsräume, die dieses kleine Haus in der Kanalstraße 4 bietet. Günter Guben kennt den Autor von gemeinsamen Veröffentlichungen und stellte ihn einfühlsam vor. In seiner ausführlichen Würdigung ging Günter auf das literarische Wirken des Autors ein. Von 1972 bis 1977 gab Jürgen-Peter Stössel zusammen mit namhaften Autoren (u. a. Uwe Timm) die Zeitschrift “Literarische Hefte” heraus und wirkte in der “Wortgruppe München” mit.

stössel_2Der neue Band des 1939 geborenen, heute in Freiburg lebenden Autors, ist in diesem Jahr im Drey-Verlag erschienen. Er vereint Gedichte aus den Jahren 2009 – 2014. Der Fünfundsiebzigjährige hat sich geistig nicht zur Ruhe gesetzt. Heute schreibt er überwiegend Lyrik. Er trat in der Vergangenheit hervor als Prosaist, Essayist und Wissenschaftsjournalist: Stössel arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Veterinärmediziner.

Seinem Band stellte er ein Zitat von René Char voran: „Ein Dichter muss Spuren seiner Durchreise hinterlassen, keine Beweise“. Das Titelbild zeigt sehr schön, wie Stössel sein Themen umkreist, luftig, verspielt, ohne jede einen Zirkel zu benutzen. Besonders hat mir das Gedicht „Selbstporträt mit Kopfbahnhof“ gefallen. Darin der Kopfbahnhof in Form einer Märklin-Anlage. Mit der Eisenbahn verkürzten sich die Kinder das Warten auf das Weihnachtsfest. Seine Eltern besaßen bis zur Ausbombung ihrer Wohnung ein Modell des Stuttgarter Hauptbahnhofes, allerdings ohne die typischen Seitenflügel, die auch heute nicht mehr stehen, der Idee eines Durchgangsbahnhofs zum Opfer gefallen.

Sein Lieblingsgedicht in diesem Band ist „Kopf Weiden“, es ist auf dem folgenden Video aufgezeichnet (ab 3:50).

Im zweiten Video liest Jürgen-Peter Stössel das auf der Rückseite seines Bandes abgedruckte Gedicht „Wanderer“.

stössel_3Mit dem Rücken zur Luft
101 Seiten, gebunden, mit Schutzumschlag
Drey-Verlag, 17 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Der Lyriker Gilbert Fels im Schriftstellerhaus

13.11.2014 at 15:50

gilbert_felsLeser, die nicht regelmäßig zu Besuch im Schriftstellerhaus in der Kanalstraße 4 in Stuttgart zu Besuch sind, werden mit dem Namen Gilbert Fels nicht viel anzufangen wissen. Im Internet finden sich nur vereinzelt Einträge, wenige Hinweise auf einige Publikationen von ihm. Die Mitglieder des Schriftstellerhauses kennen Gilbert jedoch aus vielen Veranstaltungen sehr gut. Wer ist dieser Autor, der am 11. November im Schriftstellerhaus las? Carmen Kotarski stellte ihn kurz vor:

Gilbert Fels ist Lyriker und Prosaautor. Er hat Geschichte und Philosophie in Mannheim studiert. Sein Studienpunkt „Analytische Philosophie“ schimmert in der Genauigkeit seiner Texte immer wieder durch. Er hielt sich längere Zeit in Florenz, im Wallis und an der Ardèche auf. Was er dort trieb, verriet uns die Moderatorin nicht.

Carmen KotarskiCarmen Kotarski, mit Gilbert Fels in langjährige Freundschaft und Kollegenschaft verbunden, legte den Kern seines neuen Buches, Titel „Zwischenakt“, im Gespräch mit ihm frei: Die Kneipe.

Die Gedichte sind Beschreibungen unterschiedlicher Kneipenbesuche des Autors, der dort nicht nur sein Bier getrunken hat, sondern mit Block und Bleistift die Atmosphäre, die Gegebenheiten, die Menschen festgehalten und in Verse gegossen hat. Es sind Gedichte in langen Zeilen, rhythmisiert durch sein bevorzugtes Satzzeichen, die Virgel. Dieses Zeichen an Stelle des Kommas war bis ins 19. Jahrhundert hinein verbreitet:

Zum Wohl! / für dies Bier bist du hier / und für die Lust / auf
die Eskapade / der Ruhe, des Innehaltens / dem Straßengesche-
hen entronnen / an den zeitlosen Ort dieser Halböffentlichkeit /
frequentiert, zu dieser Stunde, nur von drei, vier Deinesgleichen /
durch denselben Impuls regiert / du nickst ihnen zu / mildes
Frühsommerabendlicht / füllt durch die offenstehenden Fenster
ein / Stimmen der Stadt / die eine eigene Akustik aus leiser Mu-
sik und Stille dämpft, überlagert / dir / hier / angekommen /
jenseits von Pflicht, diesseits von Zuhause / du siehst erwar-
tungsvoll zu, wie sie der Halben die Krone aufsetzt / und blond,
betaut, überschäumend steht sie vor dir /

Wie er das liest, mit eindringlicher, klarer Stimme, kann man in diesem Video erfahren. Zu Anfang erklärt er den Namen seines Werkes: „Zwischenakt“. Es handelt sich dabei um eine Mannheimer Theaterkneipe, in der auch schon Schiller verkehrte. In den Pausen tranken die Schauspieler schnell mal ein Bier.

Hier sind die Einführung, sowie Teil 3 der Lesung  und Teil 4 der Lesung abrufbar.

schlackNach fünfzehnjähriger Pause hat der Verleger Peter Schlack seine verlegerische Tätigkeit wieder aufgenommen und mit Gilbert einen wunderschönen, bibliophilen Band in einer Auflage von 200 Stück herausgebracht, jedes Exemplar nummeriert und vom Autor signiert. Ich erwarb an diesem Abend das 119. Exemplar. Wenn der Verkauf so weiter geht, wird Peter Schlack eine weitere Auflage in Auftrag geben müssen.

Die Lyrikreihe des Schriftstellerhauses wird am 18. November fortgesetzt. Es liest Jürgen-Peter Stössel aus seinem Werk “Mit dem Rücken zur Luft” (moderiert von Günter Guben) Der 4. Teil wird bestritten von Mathias Jeschke mit “Der Fisch ist mein Messer”. Diesen Teil wird der Verleger Peter Schlack am 9. Dezember 2014 moderieren. Beginn jeweils um 19.30 Uhr.

Zwischenakt
Edition Peter Schlack, 24 Seiten, fadengebunden
Nummerierte und signiert vom Autor, Preis 10 €

Ingeborg Santor liest

08.11.2014 at 9:06

lyrik_i_santorIm Schriftstellerhaus stellte am 4. November 2014 Susanne Stephan den neuen Lyrikband von Ingeborg Santor vor. Santor ist das von Ingeborg Höch gewählte Pseudonym, unter dem sie seit langem Gedichte veröffentlicht. Susanne Stephan, selbst Lyrikerin, erinnerte in ihrer Einführung an die ersten Begegnungen mit Ingeborg vor zwanzig Jahren. Damals war Ingeborg ihr eine große Hilfe auf der Suche nach dem eigenen lyrischen Ausdruck.

“Lichtfänger” heißt der neue Band von Ingeborg, den sie bei Books on Demand in sehr schöner Aufmachung, Hardcover, selber verlegt hat.

Sie las Gedichte aus diesem Lyrikband. Er versammelt Gedichte, in vier Abschnitte eingeteilt, die die Schönheit wie auch Zerbrechlichkeit und Bedrohung der Natur thematisieren. Eine besondere Vorliebe Santors gilt der Nordsee und den sie begleitenden herben Landschaften. Beide Elemente – Wasser und Land – leben vom wechselnden Licht. Licht spielt auch eine große Rolle in den Gedichten, die sich mit Kunst und Leben befassen. Der teils skeptische Blick auf die Welt, auf die Spanne zwischen Geburt und Tod, schlägt sich vor allem im letzten Teil des Buches nieder. Hier haben einschneidende menschliche Grunderfahrungen ihren poetischen Ausdruck gefunden.

Susanne Stephan beschrieb Ingeborg in ihren einleitenden Worten als eine Frau, die sich kritisch mit politischen Fragestellungen auseinandersetzt. Trotzdem, so Ingeborg, gelänge es ihr nicht, diese politischen Standpunkte in Versen auszudrücken. Zu schwierig sei es für sie, einen Text dazu zu schreiben, der nicht moralisierend daher käme. An dieser Frage entwickelte sich eine spannende Diskussion mit den Zuhörern: Ihr Gedicht zum Autoverkehr hätte durchaus diese kritische Haltung, obgleich sie diese nicht agitatorisch vor sich hertrüge. Der Gefahr agitierender Lyrik möchte sie sich auf keinen Fall aussetzten. Deshalb habe sie auch nie zu dem ihr auf den Nägel brennenden Thema Stuttgart 21 Gedichte geschrieben.

Dieser Abend ist der Auftakt zu einer vierteiligen Lyrikreihe im Schriftstellerhaus. Am 11. November wird Carmen Kotarski Gilbert Fels vorstellen. Beginn: 19:30 Uhr.