Wolf Biermann stellt seine Biografie im Hospitalhof vor

16.05.2017 at 14:16
Wolf Biermann

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In der Reihe „Köpfe der Zeit“ war Wolf Biermann am Sonntag, 14. Mai 2017 im Hospitalhof. Das Literaturhaus Stuttgart richtet diese Veranstaltung im großen Saal aus und dieser war bis auf den letzten Platz besetzt, um dem begnadeten Liedermacher zuzuhören.

Dem Moderator Wieland Backes fällt es an diesem sonnigen Sonntagvormittag sichtlich schwer, das Gespräch mit dem „Erzähler“ Wolf Biermann in durch Moderation eingehegten Bahnen zu halten. Wolf Biermann ist nicht zu bremsen, wenn es darum geht, Geschichten aus seinem schillernden Leben zu erzählen. Sein Ziehsohn Manuel übernimmt die Lesung aus der Biermanns Autobiografie, die der achtzigjährige gerade unter dem Titel Warte nicht auf bessere Zeiten! vorgelegt hat. Die Mutter von Manuel, Brigitte Soubeyran, siedelte mit Manuel als Baby 1958 aus Frankreich in die DDR über, aus politischer Überzeugung und weil es in der DDR aus ihrer Sicht das bessere Theater gab. Am Berliner Ensemble (BE) traf sie einen jungen Regieassistenten. Das war Wolf Biermann. Sie wurden ein Liebespaar, aber auch ein Theaterkunstpaar. 1961 gründeten sie zusammen das Berliner Arbeiter- und Studententheater, das heute noch als Studiotheater der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ bekannt ist. Zu der Zeit war Wolf noch nicht der Biermann. Sie hat ihn zum Liedermachen und Singen ermuntert und auch seinen Bart kreiert, weil sie wollte, dass er ein bisschen so aussieht wie der französische Chansonnier Georges Brassens. Den Bart trägt er heute noch, wenn dieser auch ergraut ist.

Wolf Biermann eine Symbolfigur aus dem zweigeteilten Deutschland

Wolf Biermann zählt zu den großen Symbolfiguren aus der Zeit des zweigeteilten Deutschland. Seine Lieder wurden im Westen zu Hymnen, im Osten waren sie untersagt, ihr Schöpfer wurde mit Auftrittsverboten belegt. Nach einer Konzerttour in den Westen verweigerte ihm das DDR-Regime 1976 die Wiedereinreise.

Aber an diesem Morgen beginnt er mit seiner Zeitreise durch sein bewegtes Leben als kleiner Knirps in Hamburg. Nur von seiner kommunistischen Mutter aufgezogen. Sein Vater saß im Lager, den er dort besuchte und den die Faschisten ermordeten. Sein Ziehsohn liest von dem Feuersturm über Hamburg, den Biermann als Junge erlebte. Er wuchs mit dem Auftrag auf, die Menschheit zu retten, seinen Vater zu rächen und nebenbei den Kommunismus aufzubauen. Und weil er seiner Mutter diesen kleinen Gefallen tun wollte, ging er eben mit sechzehn Jahren 1953 nach Osten und wurde ein DDR-Bürger. Und noch heute meint er darüber, das es das Beste war, was er in seinem ganzen Leben gemacht hat. „Ich musste die Lektion lernen, im Vaterland aller Werktätigen, im Arbeiter- und Bauernparadies wirklich zu leben, und nicht nur als Revolutionstourist mal eben vorbeischnuppern. Und wenn ich das nicht gemacht hätte, wäre ich ja gar nicht der Biermann geworden.“

Schon in der Schule ein Widerspruchsgeist

Wie es ihm dort erging, erfahren wir wieder durch einen kleinen Textauszug: Einige evangelische Jugendliche an seiner Schule in Gadebusch bei Schwerin sollen der „Neuen Gemeinde“ abschwören und er erlebt, wie ein junges Mädchen standhaft für ihren Glauben eintritt. Dieser Widerspruchsgeist, dieser aufrechte Gang, hat ihm sehr imponiert.

In Berlin studierte er zuerst Politische Ökonomie an der Humboldt-Universität (auf Anraten seiner Mutter, die meinte, die Regierung in der DDR bräuchte hier kluge Köpfe). Dieses Studium brach er jedoch ab, um als Regieassistent am Berliner Ensemble tätig zu sein. Danach studierte er bis 1963 an der Humboldt-Universität Philosophie und Mathematik.

Sein Weg als Lyriker und Sänger

Wolf Biermann begann Gedichte und Lieder zu schreiben. 1961 gründete er in Ost-Berlin das Berliner Arbeiter-Theater. Seine Inszenierung des Stückes Berliner Brautgang, wurde verboten, das Thema Mauerbau war zu brisant und noch vor der Premiere 1963 musste das Theater geschlossen werden. Seit dieser Zeit stand er immerzu unter Beobachtung der STASI. Wie die ihn überwachten, beschreibt er in eindrucksvollen Bildern.

1976 wird Biermann von der IG Metall zu einer Konzertreise in die Bundesrepublik Deutschland eingeladen, wofür ihm die Behörden der DDR eine Reisegenehmigung erteilten. Dieses Konzert diente dem Politbüro der SED als Vorwand für die Ausbürgerung „wegen grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten“. Eine breite Solidaritätskampagne setzte daraufhin für ihn ein. Viele, auch prominente Personen, in Ost und West protestierten gegen Biermanns Ausbürgerung. Zwölf namhafte DDR-Schriftsteller, unterzeichneten einen von Stephan Hermlin initiierten offenen Brief an die DDR-Führung, in dem sie an diese appellierten, die Ausbürgerung Biermanns zurückzunehmen. Es half nichts.

Wolf Biermann bricht spät mit dem Kommunismus

Sein Bruch mit dem Kommunismus kam jedoch erst viele später. Er wollte die Idee, für die sein Vater und so viele Genossen in den Tod gegangen sind, nicht verraten. Erst die Begegnung mit dem Schriftsteller, Sozialpsychologen und Philosophen Manès Sperber in Paris, brachte ihn zu dem Schritt mit dem Kommunismus zu brechen. Sperber hatte ihm „wie ein guter Zahnarzt mit Betäubungsspritze den kommunistischen Backenzahn gezogen, der schon vergammelt war“, wie Biermann beschreibt. „Er hat mich ermutigt, den Bruch zu wagen, ohne meinen toten Vater zu ermorden. Endlich begriff ich im Herzen, was ich im Kopf schon wusste.“

Was ist für Wolf Biermann an die Stelle der kommunistischen Idee getreten, fragt man sich und es scheint diese „hoffnungslose Hoffnung auf die Vernunft des Menschen“ zu sein, lautet seine Antwort. Sein Leben fasst er zum Schluss in dem Gedicht Bilanzballade im achtzigsten Jahr aus seinem neuen Band Im Bernstein der Balladen: Lieder und Gedichte zusammen. Damit schließt sich der Kreis zu seinem Gedicht „An die alten Genossen“, mit dem er die Funktionäre der SED in der Ost-Berliner Akademie der Künste am 11. Dezember 1962 aufgebracht hatte. (Einspielung siehe hier.)

Warte nicht auf bessere Zeiten!
Die Autobiografie

576 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Propyläen Verlag, Preis 28,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Stuttgart liest ein Buch mit Shida Bazyar

11.03.2017 at 9:07
Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar

Im Schriftstellerhaus haben die Vorbereitungen zu Stuttgart liest ein Buch begonnen. Foto: © S. Martin

 

Im Oktober ist es wieder soweit. Stuttgart liest ein Buch. Zum dritten Mal veranstaltet das Schriftstellerhaus dieses literarische Festival, bei dem ein Buch im Mittelpunkt steht. Dieses Jahr ist es Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar. Die junge Autorin mit iranischen Familienwurzeln las in der Reihe Literatur im Salon im Sommer letzten Jahres aus ihrem Debütroman und eroberte im Sturm die Herzen der Vorsitzenden des Schriftstellerhaus-Vereins und dessen Geschäftsführerin. Es war leicht, mit diesem Erlebnis die an dem Projekt beteiligten Kooperationspartner für das Buch und das Thema des Buches zu begeistern, das uns seit vielen Monaten beschäftigt: Flucht, Vertreibung, Integration in eine fremde Kultur.

Shida Bazyar verwendet vier Erzählstimmen

Dies alles erzählt Shida Bazyar mit leichter Hand, humorvoll und voller Empathie für ihre vier Protagonisten, die in jeweils einem Abschnitt des Buches ihre Lebenswirklichkeit erzählen. Da ist der Vater, der mit seiner Frau 1979 aus dem Iran fliehen musste, da er als kommunistischer Aktivist den bei den Mullahs in Ungnade fiel. Er erzählt von seinen politischen Aktionen und wie er seine Frau kennen lernte mit der er dann aus dem Iran nach Deutschland flieht. In einer Kleinstadt finden er, seine Frau und seine kleinen Kinder Zuflucht. Zehn Jahre später erzählt seine Frau von den Bemühungen der Familie, sich in Deutschland zu integrieren. Über 4 Jahrzehnte erstreckt sich der erzählerische Bogen, den Shida Bazyar aufspannt, bis hin zur grünen Revolution von 2009. Ausführliche Rezensionen hier und hier.

Das Projekt Stuttgart liest ein Buch nimmt Form an

Die Vorbereitungsgruppe, bestehend aus den VertreterInnen der Projektpartner, hat ihre Arbeit aufgenommen, um ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm für die Zeit zwischen dem 17. Oktober und dem 27. Oktober 2017 zusammen zu stellen. Im Einzelnen sind dies:

  • das Schriftstellerhaus
  • das Literaturhaus Stuttgart,
  • die Stadtbibliothek Stuttgart
  • die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart
  • die Schiller Buchhandlung
  • das Evangelische Bildungswerk Hospitalhof Stuttgart
  • der Börsenverein des Deutschen Buchhandels
  • die Volkshochschule Stuttgart

Die Projektleitung hat die Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, Astrid Braun, inne. Das Schriftstellerhaus hat für das Projekt bereits einen Internetauftritt gestaltet, siehe hier. Alle Neuigkeiten werden auch über Facebook und Twitter verbreitet.

„Das Schloss“ im Staatstheater Stuttgart

25.11.2016 at 13:54
Bühnenbild "Das Schloss" von David Hohmann (Foto: © David Hohmann)

Bühnenbild „Das Schloss“ von David Hohmann (Foto: © David Hohmann)

 

K., der nie die Regeln der fremden Welt verstehen und nie das begehrte Schloss erreichen wird, wurde zu Hauptfigur von Kafas Werk „Das Schloss“. Die Geschichte von K. beendet Kafka nicht mehr, vielmehr bricht sie mitten im Satz ab und bleibt ein Fragment mit offenem Ausgang. Was geschieht, wenn auf Basis eines Literaturklassikers kreative Köpfe sich des Stoffes annehmen? Es begann 2013 im Literaturhaus Stuttgart mit einer Comic-Ausstellung. (Siehe Bericht dazu hier im Elsternest). Eine siebenköpfige Band formierte sich um den Musiker und Comiczeichner Jaromír 99 und gab sich den Namen „Kafka Band“.

In einer sprachen- und grenzüberschreitenden musikalischen Inszenierung brachten Mitglieder des Bremer Theaterensembles zusammen mit der Prager Kafka Band und Jaroslav Rudiš, dem tschechischen Schriftsteller, Kafkas Welt auf die Bühne. Nach vielen gefeierten Aufführungen kam das Stück auf Einladung des Literaturhauses am 19. November 2016 zurück nach Stuttgart. Die Aufführung war Teil des Festes zum 15. Geburtstag des Literaturhauses Stuttgart.

Ein perfektes Bühnenbild

Eine riesige Kurparkkonzertmuschel wölbte sich über die Bühne. Die Songtexte liefert der Roman, Kafkas deutsche Sprache mischt sich mit tschechischen Refrains. Die Musik: düster und rau, zugleich zart und zerbrechlich. Sie legt die existenziellen Gefühle in Franz Kafkas Romanfragment offen.

Landvermesser K. wird als Fremder von der hermetischen Schlossgemeinschaft engagiert, die behauptet, seine Arbeit würden nicht benötigt. K. wird abgelehnt, bleibt ein Überzähliger. Das ist die Grundsituation. „Der Winter ist bei uns lang und auch im Sommer fällt manchmal Schnee“, heißt es zur düsteren Atmosphäre der Ausweglosigkeit. Die wird mit Kafkas Worten und mit rhythmisch fein ziseliertem, an- und abschwellendem Melancholie-Poprock intoniert, dabei angenehm melodieselig zum Schweben gebracht.

Das Schloss: Der Autor Jaroslav Rudiš 2013 im Schriftstellerhaus

Der Autor Jaroslav Rudiš 2013 im Schriftstellerhaus

Jaroslav Rudiš führte dazu in einem Interview aus:
„Eigentlich weiß man nicht, warum K. ins Dorf geflüchtet ist. Nur, dass er nicht ankommt und fremd bleibt. Es gibt eine Stelle, die es ganz gut beschreibt. Sinngemäß heißt es da: Du bist nicht aus dem Schloss, du bist nicht aus dem Dorf, du bist nur eins – ein Fremder. Vielleicht ist das deshalb auch so, weil er deutsch spricht und es zwischen ihm und den tschechisch-sprachigen Dorfbewohnern zu Missverständnissen kommt.“

Labyrinthische Architektur der Erzählung

Die Regie verweigert naheliegende Interpretationen, beispielsweise die labyrinthische Architektur der Erzählung als Signatur einer pessimistisch reflektierten Bürokratie-Moderne. Das Bühnenbild von David Hohmann setzt die Ausweglosigkeit mit seiner „Muschel“ perfekt in Szene, die sich über das Geschehen wölbt. Mit ständigen Rollenwechseln des Ensembles wird die Handlung in modellhafte Szenen zerlegt, das Thema Fremdsein variiert in Fragen nach Identität, Erfahrungen der Vereinnahmung und der Ausgrenzung, des Ankommens und Ausgeliefertseins. Das Hamsterrad der Aussichtslosigkeit wird mit Laufbändern dargestellt, auf denen das Schauspielerquartett immer wieder läuft, ohne je voranzukommen: „Wir laufen durch die Nacht und nichts kann uns aufhalten.“

Eine die Sinne ansprechende Aufführung formt alles zu einer existenziellen Grundsituation

Per Videoprojektion verschwimmen die Buchstaben der Kafka-Sätze und purzeln durcheinander. K. versucht vergeblich, das Chaos zu ordnen, Orientierung herzustellen in diesem mysteriösen Dasein. Die projizierten Bilder stammen von Jaromír 99, der seinem holzschnittartigen Comiczeichenstil auch hier treu bleibt, den wir aus der Graphic Novel „Alois Nebel“ kennen.

Regie: Alexander Riemenschneider
Bühnenbearbeitung: Jaroslav Rudiš, Alexander Riemenschneider
Es spielen: Guido Gallmann, Robin Sondermann, Franziska Schubert, Alexander Swoboda
Kafka Band: A.m. Almela, Jiří Hradil, Zdeněk Jurčík, Dušan Neuwerth, Tomáš Neuwerth, Jaroslav Rudiš, Jaromír 99
Künstlerische Gestaltung: Jaromír 99
Dramaturgie: Viktorie Knotková

Carolin Emcke versucht den Hass zu ergründen und schreibt gegen ihn an

15.11.2016 at 14:39
Carolin Emcke im Gespräch mit Insa Wilke

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Carolin Emcke ist ein gern gesehener Gast im Literaturhaus Stuttgart. Es ist ihr dritter Besuch im Haus der Literatur. Die Moderatorin Insa Wilke gratuliert Carolin Emcke noch einmal herzlich zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und das zahlreiche Publikum spendet großen Beifall. Insa Wilke hebt die Bedeutung des Friedenspreises hervor, gerade heute, am 9. November, der für Pogrom und Mauerfall steht. Und: An diesem Tag haben wir von der Wahl Donald Trumps ins Weiße Haus gehört. Dieser US-amerikanische Populist hat mit Ausgrenzung und Hassbotschaften eine Mehrheit hinter sich bringen können.

Die AfD setzt zum Sprung in den Bundestag an, mit Ressentiments und Fremdenhass. In Landesparlamenten hat sie längst mit ihren Abgeordneten Platz genommen.

Carolin Emcke hat ein wichtiges Buch vorgelegt

Da ist Carolin Emckes Buch „Gegen den Hass“ eine wertvolle Lektüre. Die ehemalige Kriegsreporterin wollte ein Buch schreiben, das dieses Phänomen beschreibt und klar benennt ohne dass sie sich selber aus dem Spiel nimmt.

Mit ihrem Lektor Peter Sillem vom S. Fischer Verlag hat sie viele Gespräche geführt, hat gerätselt, was und warum sich um uns herum politisch und in der Öffentlichkeit so viel verändert. Hat den Zustand der zunehmenden Verrohung (nicht nur der Sprache) in den Blick genommen.

Ausgrenzung hat uralte Wurzeln

Schon als Journalistin hat sie auf ihre Artikel abwertende Leserbriefe bekommen. Oft anonym, mit der Maschine geschrieben. Heute schreiben die Leute ihre Hassbotschaften mit Klarnamen. Das sei eine neue Qualität. Es wird nicht mehr in der Anonymität gehasst, sondern öffentlich. Für die Philosophin und Autorin ist Schreiben eine Form der Reflexion aber  trotz intensiven Nachdenkens hat sie bis heute keine schlüssige Theorie entwickeln könne, woher der Hass kommt. Doch während sie  auf der Suche nach einer Antwort auf das Phänomen ist, läuft die Zeit davon, gegen den Hass etwas zu unternehmen, merkt sie selbstkritisch an..

Hass ist von Angst grundverschieden. Hass braucht ein Objekt und hat vor diesem keine Angst. Hass sucht die Nähe zum Objekt des Hasses. Angst sucht die Distanz, zeichnet sich durch Flucht, auch Ekel aus. Der Hass wird systematisch vorbereitet, wird geformt, so ihre These. Nicht in erster Linie auf der Straße sondern auf Foren im Internet, in sozialen Netzwerken, durch einschlägige rechte Lieder etc.

Die Beispiele der Ausgrenzung sind willkürlich. Carolin Emcke greift auf einen alttestamentarischen Text zurück. Im Buch der Richter wird beschrieben, wie Menschen ausgegrenzt werden, die das Wort „Shibbolet“ nicht richtig betont aussprechen. Nur durch eine andere Sprechweise werden Menschen stigmatisiert und in Folge getötet. (Siehe hier Buch der Richter 12. 5,6)

Gefühle sind keine Argumente

Ungefilterte Gefühle der „besorgten“ Bürger sollen wir ernst nehmen, sie als Pack zu beschimpfen ändert nichts. Jedoch sind ihre Handlungen und Sprechweisen als Personen zu verurteilen, wenn sie sich „hassend“ in der Öffentlichkeit zeigen. Dabei sollten Gefühle nicht als Argument dienen. Das Gefühl „wir schaffen das nicht“ ist angesichts der Tatsachen und Umstände völlig „irre“ und zeugt von Selbstmitleid, aus der Brutalität erwachsen kann.
Carolin Emcke appelliert an gegenseitige Milde und dass wir uns in der Auseinandersetzung Zeit nehmen müssen.

Ein Wort zu Donald Trump

Zum Schluss des Abends kommt der Wahlsieg von Donald Trump zur Sprache. Sein Wahlkampf war geprägt von Hass und Verunglimpfung. Carolin Emcke war viel weniger überrascht, dass er die Wahl gewonnen hat, ganz anders als beim Referendum zum Brexit. Sie hätte sich nicht vorgestellt, dass die Briten für den Austritt stimmen würden. Dass Donald Trump zum Präsidenten gewählt würde, hat sie als reale Möglichkeit gesehen. Erstaunt sei sie von seiner allersten Rede, in der er die ausgrenzende Rhetorik nicht verwendet hätte. Sie sei sehr gespannt, wie dieser Mann das Amt ausfüllen wird, der Schwierigkeiten hat, sich länger als zwei Minuten auf ein Thema zu fokussieren.

Gegen den Hass
240 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
S. Fischer, Preis 20,00 €

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Harald Welzer, ein Kopf der Zeit

11.11.2016 at 23:13
Harald Welzer

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Am 6. November 2016 war in der Reihe „Köpfe der Zeit“ Harald Welzer in der Literaturhausmatinée Stuttgart zu Gast bei Talkshowlegende Wieland Backes. Eine unglückliche Wahl der Organisatoren, trifft doch Harald Welzer mit seinen technikkritischen Thesen auf einen deutlich älteren Doktor der Naturwissenschaften, dem die digitale Welt fremd zu sein scheint. Zumindest seine teils naiven Fragen lassen diesen Schluss zu: Ob er denn ein Smartphon besäße. Harald Welzer antwortet lapidar: „Natürlich nicht“. Der Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg und Lehrender an Universität St. Gallen bleibt dabei ganz locker.

Die Frage, was sich am 7. Dezember 1835 ereignete, kann Harald Welzer nicht beantworten. An diesem Datum sei die Adler als erste Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth gefahren. Und ob er denn auch gegen die Eisenbahn gewesen wäre, wie er heute gegen die digitale Kommunikation zu Felde zöge, will Wieland Backes wissen. Harald Welzer nutzt die Antwort zu einer Attacke gegen das derzeitige Bahn-Management, das nicht mehr den Schienenverkehr im Fokus habe, sondern die Profitmaximierung. Für das unter der Dauerbaustelle S21 leidende Stuttgarter Publikum im Saal ist das eine nachvollziehbare These.

Die Unterschiede in den Technologien

Im weiteren Verlauf des Gespräches macht Harald Welzer deutlich, was der Unterschied der digitalen Revolution, am Beispiel der Smartphones, und den vorhergehenden Technologien ist. Schon das Fernsehen habe die Kommunikation verändert aber die Veränderung der Kommunikation durch die Handy-Technologie sei ungleich größer. Es wird mit dem Smartphone nicht nur kommuniziert, es wird auch flächendeckend überwacht. Durch einige wenige IT-Unternehmen, die Daten für ihre Zwecke ausnutzen, die ihnen die Benutzer freiwillig liefern. Der kulturelle Gebrauch der Technik sei bei der Eisenbahn oder auch später beim Auto mit dem Smartphone, das jeden Lebensbereich durchdringt, nicht zu vergleichen.

Als Beispiel führt er die Veränderung der öffentlichen Rede an. Noch vor zehn Jahren sei bei Podiumsdiskussionen anders gesprochen worden als heute, wo permanent die Gefahr besteht, dass irgendeiner mit seinem Smartphone eine Aufzeichnung macht und diese ins Netz stellt. Gedanken, die noch in der Entwicklung sind, könnten durch die Aufzeichnung und das Nichtvergessen des Internets gegen den Redner in Stellung gebracht werden. Das Vergessen sei aber eine wichtige menschliche Eigenschaft, die dadurch zerstört würde.

Ausschluss von Bürgern

Menschen werden von der Gesellschaft ausgeschlossen, wenn sie kein Smartphone besäßen. Zunehmend wird z. B. die Funktion einer Fahrkarte für den öffentlichen Personenverkehr auf das Handy verlagert. Auch öffentliche Einrichtungen böten immer mehr ihre Dienste über Apps an.

Zugriff auf Daten ermöglicht hohe Transparenz

Die Smartphone-Benutzer bewegen sich in einer eigenen „Bubbel“. Nachrichten, Kontakte, Kommunikation werden, z. B. über das „soziale“ Netzwerk Facebook, abgewickelt. Der Gründer und Vorstand dieser Firma, Marc Zuckerberg, hat Zugriff auf die Daten von über 1,8 Milliarden Menschen weltweit. Für Zuckerberg ergibt sich daraus eine totale Transparenz seiner Nutzer. Die Privatheit wird zerstört. Peer Steinbrück hat einmal gesagt: „Totale Transparenz gibt es nur in Diktaturen.“ Was anderes ist dann Facebook?

Die Suche nach Menschenfleisch

Der chinesische Begriff „Renrou Sousuo“ bedeutet: Suchmaschine für Menschenfleisch. Jeder Internetnutzer in China kennt den Begriff, der mit der Vernetzung des Reiches der Mitte entstand. Chinas Aufruf zur Menschenjagd könnte ein Vorbote dessen sein, was dem Rest der digitalisierten Menschheit blüht, erläutert Welzer an einem Beispiel der Auseinandersetzung zweier Autofahrer. Davon sei auf YouTube ein Video ins Netz gestellt worden. Der Internetmob veröffentlicht Wohnadresse, Namen der Angehörigen und des Arbeitgebers. Private Vorlieben werden an den Pranger gestellt. Wenn das Handy brummt, kommt die Angst, weil eine neue Drohung eingegangen ist: „Wir kriegen Dich.“ Mit der Macht des Schwarms werden Menschen zur Strecke gebracht.

Kommerzielle Ausbeutung aller Lebensbereiche

Plattformen wie Airbnb, ein im Silicon Valley gegründeter Community-Marktplatz für weltweite Buchung und Vermietung von Unterkünften, verkehren den Begriff der Gastfreundschaft ins Kommerzielle. Jeder kann seine Wohnung zum Hotel machen. Mit schwerwiegenden Folgen für die Nachbarn. In Berlin und Venedig hätte das bereits bedrohliche Formen angenommen, wenn Horden von Touristen in gewöhnliche Wohngebiete einfallen.

Harald Welzer sieht eine smarte Diktatur in unserem Alltag

Harald Welzer spricht von einer digitalen Diktatur, in der wir leben. Bei Diktatur hat man immer Leute in Uniform im Sinn, man hat Gewalt vor Augen, aber nicht so etwas wie eine nette Konsumgesellschaft, in der man ständig neue Angebote bekommt. Der zugrundeliegende Effekt ist aber der gleiche. Beide Systeme setzen am selben Punkt an. Die klassische Diktatur und das, was er „smarte Diktatur“ nennt, setzen am Individuum an. An seiner möglichst hohen Transparenz und an seiner Steuerbarkeit. Wir sind durch die Nutzung dieser Technologien einer Form von Überwachung und Verlust von Privatheit ausgesetzt, die eine Schutzlosigkeit von uns allen mit sich bringt. Denn es gibt Instanzen (Konzerne oder staatliche Stellen), die mehr über uns wissen als wir selbst.

Die Zerstörung der Privatheit ist ein „Regimewechsel“. Als Auswirkung nennt er die Skandalisierung im Netz. So hat z. B. der amerikanische Wahlkampf durch die Nutzung des Netzes eine radikale Änderung erfahren: Sex & Crime stehen im Mittelpunkt, nicht die politischen Programme und Lösungsstrategien.

Verteidigung der Demokratie

Harald Welzer tritt ein für die Verteidigung der Demokratie. Sie existiert noch. Unter demokratischen Bedingungen sei es ungefährlich, sich für Demokratie einzusetzen. Dazu fordert er auf.

Die smarte Diktatur.: Der Angriff auf unsere Freiheit
320 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
S. Fischer, Preis: 19,99 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Hochstapeln in der Sexualität (2)

26.09.2016 at 22:00
Angela Steidele, Michael Kohtes, Thomas Meinecke und Ann-Christin Bolay (v. l. n. r.)

Angela Steidele, Michael Kohtes, Thomas Meinecke und Ann-Christin Bolay (v. l. n. r.)

 

In der zweiten Veranstaltung an diesem Abend erfahren die ZuhörerInnen wie es ist, wenn der Hochstabler entdeckt wird, wenn seine Machinationen aufgedeckt werden, sein Spiel mit angemaßten Identitäten scheitert. Ann-Christin Bolay, Mitorganisatorin des Festivals stellte zwei über die Grenzen der binären Geschlechteridentität hinaus Reisende vor. Zum einen Angela Steidele, die einen historischen Briefroman geschrieben hat, ganz in der Sprache des ausgehenden 18. Jahrhunderts und sich damit als raffinierte Quellenfälscherin zu erkennen gibt, wiewohl sie für ihre Doktorarbeit zum Thema Liebe und Begehren zwischen Frauen in der deutschsprachigen Literatur 1750–1850 recherchiert hat. Zum anderen den Querdenker, Musiker, Autor und „Feministen“ Thomas Meinecke, der aus seinem noch druckfrischen Roman Selbst las.

Angela Steidele erläutert ihr Konzept

Angela Steidele erläutert ihr Konzept

Im Vorwort zu dem Roman von Angela Steidele wird behauptet, dass eine gewisse Angela Steidele diesen Briefwechsel im Kölner Stadtarchiv bei ihren Recherchen gefunden hätte, ihn an sich genommen hätte und so dieses wertvolle Stück der Literatur vor dem Einsturz des Stadtarchivs für die Öffentlichkeit gerettet habe. Wäre ihr das nicht gelungen, hätte sie an diesem Abend nicht aus Rosenstengel lesen können. Die Geschichte einer gewissen „Rosenstengel“, der (die) einer Knopfmacherin und Soldatin „mit lederner Wurst“ zwischen den Beinen, die sich als Mann tarnte, eine Frau heiratete und 1721 wegen Sodomie, wie man Homosexualität damals nannte, hingerichtet wurde.

In dem Roman Selbst erzählt Thomas Meinecke von drei geschlechtlich nicht fest verorteten Personen, die androgyn, bi- oder transsexuell daher kommen. Ein Roman, der keinem Plot verpflichtet ist und die Erkenntnis vermittelt, die Welt sei eine Täuschung, mit durchaus emanzipatorischem Potenzial. Thomas Meinecke knüpft daran die Hoffnung auf eine weniger hierarchisierte, gewaltfreie Form der Sexualität.

Saša Stanišić outet sich als Hochstapler beim gleichnamigen Literaturfestival (1)

26.09.2016 at 21:00
Dr. Stefanie Stegmann (re.) eröffnet mit Kathrin Hartmann das Festival und begrüßen Saša Stanišić (Mitte) und Lothar Müller (li.)

Dr. Stefanie Stegmann (re.) eröffnet mit Kathrin Hartmann das Festival und begrüßen Saša Stanišić (Mitte) und Lothar Müller (li.)

 

Mit der Lesung des Autors Saša Stanišić aus seinem neuen Erzählband Fallensteller, eröffnete das dreitägige Literaturfestival Hochstapeln im Literaturhaus Stuttgart. Vom 22. – 25. September präsentierte das Literaturhaus unter der Leitung von Dr. Stefanie Stegmann ein Programm, das Inszenierung und Täuschung zum Gegenstand hatte. Stefanie Stegmann führte am 21. September in das Festival ein und begrüßte ihren ersten Gast Saša Stanišić, der, wie er im Gespräch mit dem Literaturkritiker Lothar Müller erläuterte, sich durchaus in seiner Rolle als Schriftsteller als Hochstapler begreift. Schreiben sei für ihn eine Form der Hochstapelei. In seiner Familie sei der Typ des Hochstaplers verbreitet. So habe z. B. sein Vater seiner Mutter weisgemacht, er könne Gitarre spielen, was dieser sehr imponiert habe, obwohl es glatt gelogen war. Obwohl diese Behauptung schnell überprüft werden kann, ist es in der Familie nie dazu gekommen. Auch litt der Vater von Geburt unter einem dicken Augenlid. Immer wenn einer ihn gefragt habe, was er denn mit seinem Auge gemacht hätte, antwortete er, er sei vor kurzem von einer Mücke gestochen worden.

Hochstapeln liegt in der Familie von Saša Stanišić

Auch von einem eigenen Hochstaplererlebnis berichtete der aus Bosnien stammende und auf Deutsch publizierende Autor: In Hamburg hätte er sich häufig zum Schreiben ins Universitätskrankenhaus Eppendorf zurückgezogen. Hier hätte er in Ruhe an seinen Texten arbeiten können, unter all den angehenden jungen Ärzten, die dort für ihr Studium gelernt und ihre Hausarbeiten geschrieben haben. Einmal sei er von einer Frau angesprochen worden, ob er ihr eine Diagnose stellen könne. Sie sie übel auf den Steiß gefallen und ob denn Knochenbruch zu befürchten sei. Er redete sich damit heraus, dass er dazu nichts sagen könne, er sei angehender Dermatologe.

Saša Stanišić verdankt vor allem seinen Ruf als Hochstapler dem Titel seines jüngsten Erzählbands Fallensteller. Dabei erschien er im Gespräch mit dem Literaturkritiker Lothar Müller lauter und ernsthaft, wiewohl er mit Geschichten den Lesern den Kopf verdreht. Den Schauplatz seiner titelgebenden Erzählung, das uckermärkische Dorf Fürstenfelde, verwandelt er in ein Freilichtmuseum seiner Erfindungen, in dem Lüge und Wahrheit enge Nachbarschaft pflegen.

Saša Stanišić ist ein begnadeter Vorleser

Saša Stanišić haucht seinen Texten Leben ein

Saša Stanišić haucht seinen Texten Leben ein

An diesem Abend erweist sich der Autor ein weiteres Mal als begnadeter Vorleser (siehe Bericht seiner Lesung zu Vor dem Fest hier). Er schlüpfte in die Gestalt des Georg Horwart, als er die Kurzgeschichte Georg Horwart ist verstimmt las. Es ist die Geschichte eines nach Brasilien Reisenden, in der auch alltägliche Redewendungen sich als Fallen herausstellen wenn z. B. ein „Meer der Lichter“ zu einem „mehr der Lichter“ beim Landeanflug wird. In Rio angekommen steigt Georg Horwart in ein Taxi, das er als seines ansieht, das ihn aber nicht an den Ort bringt, an den er gelangen will …

Noch einmal zieht Saša Stanišić die narrative Schraube an diesem Abend an, wenn er aus der titelgebenden Erzählung liest in der er in das uckermärkische Dorf Fürstenfelde zurückkehrt, in dem schon sein Roman Vor dem Fest verortet war. In der Erzählung Fallensteller hat er es in ein Freilichtmuseum seiner Erfindungen verwandelt, lässt die realen Vorbilder seines Romans auftreten, die in die Rollen der im Roman geschilderten Personen schlüpfen und Literaturführungen für hippe, anreisende Saša-Stanišić-Fans organisieren. Dabei verwendet er, wie auch in seinem mit dem 2014 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Roman Vor dem Fest unterschiedliche literarische Stimmen: Lada und der stumme Suzi haben unterschiedliche Stimmen, der Fallensteller gar redet wie ein Rapper.

Eine gute Wahl zum Auftakt des Festivals

Mit der Lesung von Saša Stanišić als Auftakt zum Literaturfestival über Inszenierung und Täuschung hat Stefanie Stegmann wieder einmal ihr Talent unter Beweis gestellt, mit herausragenden Autoren und guten Performern die Fallen für die Literatur aufzustellen.

Stuttgarter Lyriknacht mit abwechslungsreichem Programm

18.09.2016 at 14:39
Dr. Stefanie Stegmann begrüßt ihre Gäste auf der Lyriknacht

Dr. Stefanie Stegmann begrüßt ihre Gäste

 

Am 9. September 2016 fand in der Stadtbibliothek Stuttgart die 12. Lyriknacht statt. Drei „Schwergewichte“ der Literatur in der Stadt richten jedes Jahr die Veranstaltung aus: Die Stadtbibliothek, das Schriftstellerhaus und das Literaturhaus Stuttgart.

Die Direktorin der Stadtbibliothek, Christine Brunner, eröffnete die Veranstaltung und stellte für die erste Lesung Anna Breitenbachvor, die von ihr zur Stuttgarter Lyriknacht eingeladen wurde. Anna Breitenbach lebt und arbeitet in Esslingen und hat in diesem Jahr ihren neuen Band Haus und Hof, Sachen, Leute im Klöpfer & Meyer Verlag vorgelegt. Er trägt den programmatischen Untertitel Brauchbare Gedichte. Texte, die klar und leichtfüßig daher kommen.

Anna Breitenbach Lyriknacht 2016

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12 Kapitel mit brauchbaren Gedichten

Der Band umfasst zwölf Kapitel, jedes von ihnen enthält zehn Gedichte. In den Kapiteln geht es um die Niederungen und Zumutungen des Alltags. Da tauchen fremde Leute auf, auch Bekannte, jedenfalls Lebewesen: Vampire, Lampentiere, Sammler. Die Kapitel tragen lyrische Namen wie: Sachen und Sammlung, Alltag und Zumutung, Krankheit und Krise und so weiter.

Anna Breitenbach, die auch als Poetry Slammerin arbeitet, ist geübt, ihre Gedichte lebhaft-mitreißend vorzutragen. Ihre Gedichte sind leidenschaftlich lyrisch, dabei aber kunstvoll einfach. Wie zufällig ergeben sich Binnen- und Endreime einfachster Prägung. Sie lassen den Alltag in einem anderen Licht erscheinen, öffnen den Blick auf eine etwas verrückte Sicht. Oft erscheinen die Gedichte, als seien sie leicht daherkommende Bonmots. Scheinen sie auch wie lyrische Appetithäppchen so enthalten sie oft veritable Sprengkörper. So drückt sie die Empfindungen des Feuerwehrmanns im Kapitel Ego und Eigenheit z. B. so aus:

Feuerabend

hört der Brandstifter
sich müde
sagen.

Anna Breitenbach versteht es, Leerstellen zu umreißen, im entscheidenden Moment wird etwas von ihr nicht benannt. Ihre Gedichte sind oft klassisch gebaut, kommen kurz und lang daher, oft lakonisch, häufig lustvoll komisch. Das kürzeste besteht nur aus sechs Worten:

Auf den
Bahnsteigen

immer diese
Zugluft!

Eine gute Wahl der Stadtbibliothek den Abend mit den Gedichten von Anna Breitenbach zu eröffnen. Ein leichtfüßiger Auftakt voller Sprachwitz und Hintersinn.

şiir sokakta – Das Gedicht ist auf der Straße

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Astrid Braun vom Schriftstellerhaus stellte den Lyriker Achim Wagner vor, der den zweiten Teil des Abends bestritt. Er folgte gerne der Einladung des Schriftstellerhauses, eine Wiederbegegnung von ihm mit dem Haus. Im Jahr 2010 weilte er als Stipenditat des Schriftstellerhauses in Stuttgart. Er entführte die Zuhörer in die Poesie auf den Straßen türkischer Großstädte. Ausführlicher Artikel dazu siehe hier.

Nach einer Pause, in der von der Stadtbibliothek für das leibliche Wohl der Gäste gesorgt wurde und in der lebhafte Diskussionen des lyrikaffinen Publikums stattfanden, ging es im dritten Teil der Lyriknacht mit zwei jungen Lyrikerinnen weiter. Sie lasen auf Einladung des Literaturhauses. Die Leiterin des Literaturhauses, Dr. Stefanie Stegmann, stellte sie vor: Ulrike Almut Sandig und Kerstin Preiwuß.

Zwei junge Lyrikerinnen aus Ostdeutschland mit eigener Sprache

Die Lesungen der zwei in Ostdeutschland geborenen und aufgewachsenen Lyrikerinnen (Preiwuß in Lübz, Sandig in Nauwalde) wurden kommentiert und moderiert von Michael Braun. Er ist ein ausgewiesener Kenner der zeitgenössischen Lyrik und als Lyrikexperte ein gern gesehener Gast im Deutschlandradio, wenn es um neue Lyrikbände geht. Seit 1994 moderiert er das Erlanger Poetenfest und gab zahlreiche Anthologien zeitgenössischer Lyrik heraus.

Kerstin Preiwuß tauchte mit ihren Gedichten aus ihrem neuen Band Gespür für Licht tief in die Märchen und Mythen ein. Höhlenfisch, Aalmutter, Wasserweib und Windsbraut, alles Gestalten aus bekannten Märchen, geistern durch ihre Zeilen. Es sind Schöpfungsgeschichten, von der Sprache der Märchen inspiriert. Ein thematisch hermetisch geschlossener Band. Im Gespräch mit Michael Braun erläuterte sie ihre Poetik. Michael Braun und Kerstin Preiwuß begegneten sich bereits auf dem Erlanger Poetenfest, wo sie sich gegenseitig schätzen lernten. Das ist im Gespräch deutlich zu spüren. Eine Kostprobe zeigt dieses Video.

Das Gedicht als Performance

Ulrike Almut Sandig wurde von ihrem Verleger gedrängt, ihren neuen Lyrikband mit einem Titel zu versehen, der als längster Buchtitel der Saison angesehen werden kann:

ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemäde übereinandergelegt.


Diese Zeilen sind Teil eines Gedichts, das die Lyrikerin, mit Musik unterlegt, an diesem Abend performte. Sie arbeitet mit Musikern zusammen. Sie begreift sich eher als „sprechende Dichterin“, die ihre Gedichte gerne live dem Publikum darbietet. Ihr Einwand, ein solcher Titel würde sich nur schwer verkaufen lassen, wischte ihr Verleger Klaus Schöffling beiseite. Lyrik sei grundsätzlich ein Spartenprodukt und schwer verkaufbar, da wäre ein sperriger Titel gerade für das Lyrikpublikum Lockmittel.

Sie versteht es, ihre Gedichte zu kunstvollen Ohrwürmern zu machen. Wie Kerstin Preiwuß bedient sie sich am Grimm’schen Märchenfundus, wurzeln sie fest in einer Gegenwart. Mit dem Klangorgan ihrer ganz eigenen Sprache erfasst Ulrike Almut Sandig präzise die Untiefen zeitgeschichtlicher Unheimlichkeit und zeichnet den utopischen Gegenentwurf eines Heimatlandes, in dem der Mensch kein „Vieh ohn‘ Seele und Fell“ ist, sondern aufrecht sagen kann: „ich bin“.

Zusammenstellung der Gedichtbände, aus denen an diesem Abend gelesen wurde:

Anna Breitenbach
Haus und Hof, Sachen, Leute
Brauchbare Gedichte
180 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €

Kerstin Preiwuß
Gespür für Licht
Gedichte
128 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Berlin Verlag, Preis: 18,00 €

Ulrike Almut Sandig
ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt
Neue Gedichte
96 Seiten, Leinen, Großformat, Lesebändchen
Schöffling & Co, Preis: 22,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Ulf Stolterfoht erhält Preis der Literaturhäuser

05.06.2016 at 21:45
Ulf Stolterfoht

Symbolische Preisübergabe

 

Der mit 14.000 € dotierte Preis der deutschen Literaturhäuser wird dieses Jahr an Ulf Stolterfoht verliehen. Damit wird ein Lyriker ausgezeichnet, der seit mehr als 20 Jahren der deutschsprachigen Lyrik entscheidende Impulse mit seinen regelmäßigen Veröffentlichungen gibt. Das Netzwerk der Literaturhäuser vergibt den Preis seit 2002.

Der Preis wurde Ulf Stolterfoht im März in Leipzig überreicht, damit verbunden ist eine Lesereise durch alle deutschsprachigen Literaturhäuser, am 31. Mai las er im Literaturhaus Stuttgart. Die Leiterin des Hauses, Dr. Stefanie Stegmann, überreichte Ulf Stolterfoht symbolisch als „Preis“ ein Sixpack Bier, über den der Autor sich sichtlich freute. Sein Schriftstellerkollege Marcel Beyer, der den Abend mit dem Preisträger moderierte, forderte Ulf auf, doch die Biersorten zu präsentieren. schmunzelnd entgegneter dieser, die Verkostung würden sie sinnvoller Weise erst nach der Lesung vornehmen.

Erste Veröffentlichungen in den neunziger Jahren in Zeitschriften

Marcel Beyer eröffnete das Gespräch mit einer Anekdote: Urs Engeler und er selber nehmen jeder für sich in Anspruch, die erste Veröffentlichung von Gedichten des Ulf Stolterfoht in ihren jeweiligen Zeitschriften verantwortet zu haben, in der Zeitschrift Zwischen den Zeilen (Urs Engeler) bzw. in Konzepte (M. Beyer). Ulf Stolterfoht erinnerte sich, dass doch ein erheblicher Abstand von zwei Jahren zwischen den zwei Veröffentlichungen gelegen hat. Heute ist sein Gesprächspartner mit einer Veröffentlichung in seinem eigenen Verlag, der Brueterich Press mit einem Band vertreten. Die Brueterich Press verlege „Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis“ berichtete Ulf Stolterfoht stolz. Er hat ein vorab ausgezahltes Erbe zur Gründung des Verlages verwendet und dankte an diesem Abend seinen anwesenden Eltern, die ihn immer unterstütz hätten, in all den schwierigen Anfangsjahren seines lyrischen Schaffens.

Seit 1985 Schreibt Ulf Stolterfoht Lyrik

Ulf Stolterfoht

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Seine ersten Gedichte hätte er an Norbert Wehr 1985 geschickt, der die Literaturzeitschrift Schreibheft herausgab. Der hätte ihn dann angerufen und sich erkundigt, ob er sich umbringen würde, wenn er seine Gedichte nicht veröffentlichen würde. Offensichtlich hatte er Angst um den Lyrikneuling, der damals in Bochum, später in Tübingen, Germanistik und Allgemeine Sprachwissenschaften studierte. Schon zu der Zeit begann Ulf Stolterfoht an seinem Lyrikprojekt Fachsprachen, das mittlerweile auf vier Bände angewachsen ist. Es ist ein formal strenges Werk, jeder Band enthält jeweils neun Rubriken à neun Gedichte, so dass jeder Band aus 81 Gedichten besteht. Er will die Reihe auf neun Bände ausdehnen, der fünfte ist fertig und der sechste in Arbeit. Es sind bizarre Sprachschöpfungen, die den Gestus von Fachsprachen nachahmen, aber in Wirklichkeit der Phantasie des Autors entstammen.

Mit dem ethnographischen Poem Holzrauch über Heslach oder dessen Fortschreibung in der kulturhistorischen Sektenfarce neu-jerusalem, den so vergnüglichen wie hintersinnigen Ammengesprächen mit einer Sprechmaschine hat Ulf Stolterfoht die Spielarten des gegenwärtigen Gedichts erheblich ausgeweitet. Holzrauch über Heslach hätte er während seines Stipendium der Villa Massimo geschrieben, wie Ulf Stolterfoht verriet.

Ulf Stolterfoht präsentiert seine Lyrik auf sympathische Weise vor

Wie immer trug er auch an diesem Abend seine Texte auf unnachahmliche Weise vor. Bescheiden streute er scheinbar leichthin Reflexionen über den Wert und höheren Unwert des Gedichts ein. Er erzählte von seinem Onlineprojekt Brueterich, das er nach einem vom Goetheinstitut verantworteten argentinisch-deutsche Stadtschreiberprojekt in Rayuela begonnen hatte, wo er erstmals Beiträge auf dem Projektblog veröffentlichte. Der Brueterich hatte eine Vielzahl von Unterprojekten (39 Kammern des Brueterichts), die er „Schwestern, Onkels, Nennonkels, Basen u.s.w.“ nannte. Alle diese Projekt sind abgeschaltet, wiewohl man sie noch im Internet auffinden kann. Aus diesem Blog las er im Literaturhaus einige Ausschnitte vor.

Auch Marcel Beyer kam „lyrisch zu Wort“

Marcel Beyer liest aus Graphit Ulf Stolterfoht

Marcel Beyer liest aus Graphit

Mit Blick auf die Uhr forderte Ulf Stolterfoht Marcel Beyer im Laufe des Abends immer wieder auf, doch eigene Gedichte zu lesen. Dieser ließ sich jedoch nicht drängen. Erst gegen Ende des Abends las er aus seinem neuen Band Graphit, an dem er 13 Jahre lang gearbeitet hat. Darin erkundet Beyer die Materialität von Gegenständen, Stoffen und Substanzen, um die in ihnen abgelagerte Geschichte freizulegen. Er las daraus ein Gedicht zum ersten Todestag von Thomas Kling: ein Dichter, der für beide von sehr großer Bedeutung war. Und: Das Rheinland stirbt zuletzt. Darin wird der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln mitsamt rund 30 Regalkilometern im Jahr 2009 besungen.

Nach gut zwei Stunden verabschiedete der Moderator das Publikum im Literaturhaus. Bei ein paar Bieren konnten sich das Publikum über diesen gelungenen Abend austauschen.

Weitere Videos der Fachsprachengedichte und Gespräch:

Ein frühes Gedicht aus der Reihe Fachsprachen
Lesung aus Fachsprachen (2)
Lesung aus Fachsprachen (3)
Lesung aus Fachsprachen (4)
Lesung aus Fachsprachen (5)
Gespräch über Thomas Kling und andere moderne Lyriker
Gedicht zu Thomas Kling

Dengler ist pleite – Wolfgang Schorlau könnte ihm helfen

14.11.2015 at 10:19
Wolfgang Schorlau und Wolfgang Niess im großen Saal des Hospitalhofes

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Dengler hat den Blues. Vier Monatsmieten schuldet der Privatdetektiv Georg Dengler seiner Vermieterin. Das sind knapp 3.000 €. Seine Beschattungsaufträge untreuer Ehefrauen halten ihn nur mühsam über Wasser. Seine wenigen, guten Freunde haben auch nicht das dicke Geld. Da kommt der anonym zugestellte Umschlag mit 15.000 € gerade recht. Seine Vermieterin ist glücklich. So steht es am Anfang des achten Kriminalromans von Wolfgang Schorlau, den er am 12. November im Hospitalhof vorstellte. Wolfgang Schorlau könnte seinem Privat Eye Dengler mit ein paar Euro aushelfen. Zumal er häufig mit ihm redet, wie er im Gespräch mit Wolfgang Niess vom SWR bei der „Premierenlesung“ verrät. Wolfgang Schorlau hat in Stuttgart – und nicht nur da – eine große Fangemeinde. 800 davon sind an diesem Abend in den großen Saal im Hospitalhof gekommen, der Einladung des Literaturhauses Stuttgarts folgend. Seine Bücher, vom Kiepenheuer & Witsch-Verlag herausgebracht, erzielen hohe Auflagen.

Ein Umschlag mit Geld rettet Dengler

Den Umschlag mit dem Geld hat Dengler von einem Unbekannten erhalten, der den offiziellen Theorien vom Selbstmord der rechtsradikalen Mörder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nicht traut und die Hintergründe dieser Morde aufgeklärt haben will.

Dieser Krimi wird sich gut verkaufen. Es ist ein Roman über den Nationalsozialistischen Untergrund, kurz NSU-Komplex. Mit seinen „literarischen Ermittlungen“ hat sich Wolfgang Schorlau weit vorgewagt. Auch die vorhergegangenen Krimis waren mit brisanten politischen Themen grundiert:
Die Ermordung von Detlef Carsten Rohwedder, Präsidenten der Treuhandgesellschaft, die Privatisierung der Wasserversorgung, der Einsatz von deutschen Soldaten in Afghanistan, die Machenschaften der Pharmaindustrie und im letzten Roman die kriminellen Umtriebe der Fleischindustrie. Aber nie hat er sich eines noch laufenden Verfahrens angenommen. Beate Zschäpe steht seit Mai 2013 vor Gericht. Das Verfahren bekommt aktuell neue Brisanz. Sie hat vor einer Woche angekündigt, ihr hartnäckiges Schweigen zu brechen. Sie ist die dritte im rechtsradikalen Trio, das acht türkischstämmige und einen griechischen Kleinunternehmer regelrecht hingerichtet hat. Aber waren es nur drei? Wer hat die schützende Hand über diese Taten gelegt? Wolfgang Schorlau hat sich durch Ermittlungsakten gearbeitet, hat mit Polizisten Ungereimtheiten diskutiert. Viele Details seiner Recherchen haben unmittelbar Eingang in diesen Roman gefunden. Damit beschreitet er einen Weg, der im deutschen Kriminalroman einmalig ist: Sachbuch und Krimi zugleich. Ob das aufgeht wird sich zeigen. Die 800 Besucher an diesem Abend folgend ihm auf diesem Weg. Gebannt lauschen sie seinen Lesepassagen und verfolgen die Diskussion zwischen ihm und Wolfgang Niess, dem die Moderation sichtlich Vergnügen bereitet.

Wie Georg Dengler hat auch Wolfgang Schorlau einen Neuanfang gewagt

Sie haben den Blues

Blues-Session

Als Wolfgang Schorlau seinen ersten Dengler-Krimi schrieb, war er ein Anfänger. Er hatte eine Softwarefirma geführt, wollte sich aber als Schriftsteller neu erfinden. An diesem Abend erlebten wir ihn als Bluesfreund, der schon mal zur Mundharmonika greift. Sein Freund Werner Dannemann untermalte den Abend mit Bluesstücken. Obwohl dieser Bluesgitarrist sonst nur Profis an seiner Seite duldet, spielte er mit Wolfgang Schorlau zusammen am Ende dieser Buchpräsentation den Blues, den auch der Privatermittler Georg Dengler so liebt.
Die schützende Hand: Denglers achter Fall
384 Seiten, Klappenbroschur
Kiepenheuer & Witsch, Preis: 14,99 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens.