Die Tschechin Kateřina Tučková schreibt über ein deutsches Mädchen

25.05.2019 at 7:41
Kateřina Tučková im Gespräch mit Jaroslav Rudiš

Kateřina Tučková im Gespräch mit Jaroslav Rudiš

 

Schon wieder stattete Jaroslav Rudiš Stuttgart einen Besuch ab. Am 21. Mai 2019 moderierte er die Buchvorstellung der tschechischen Autorin Kateřina Tučková. Sie war im Rahmen der Dreiteiligen Reihe Česko des Literaturhauses im Haus der Heimat zu einer Lesung aus ihrem in Deutschland gerade erschienen Roman Greta. Ein deutsches Mädchen eingeladen.

Der Roman einer Vertreibung

Der Roman erzählt die Geschichte von Gerta Schnirch aus Brünn. Nach dem Krieg wird sie als „Halbdeutsche“ aus ihrer Heimatstadt (tschechisch Brno), vertrieben. Brünn ist heute die Partnerstadt Stuttgarts in Tschechien. In diesem Jahr jährt sich diese Partnerschaft zum dreißigsten Mal. Daher verwundert es nicht, dass die Veranstaltung in Kooperation mit dem Land Baden-Württemberg, dem Schauspiel Stuttgart und dem Haus der Heimat ausgetragen wurde.

Kateřina Tučková ist in Tschechien eine Bestsellerautorin

Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Gebieten Böhmen und Mären ist lange Zeit ein tabuisiertes Thema in der Tschechei gewesen. Umso verwunderlicher, dass sich dieses Buch nach seinem Erscheinen in der Tschechei innerhalb kurzer Zeit zu einem Bestseller entwickelt hat. 50.000 Exemplare wurden verkauft und es wurde 2010 mit dem wichtigsten Literaturpreis des Landes, den Magnesia Litera, ausgezeichnet. Ein Werk ab 10.000 Exemplare gilt in der Tschechei bereits als Bestseller, wie Jaroslav Rudiš erläutert. Von ihrem neuesten Roman Das Vermächtnis der Göttinen wurden in Tschechien sogar 150.000 Exemplare verkauft. Kateřina Tučkovás Bücher erschienen auf dem deutschen Büchermarkt in umgekehrter Reihenfolge. Wie es zu diesem Erfolg bei einem Buch mit diesem düsteren Thema kommen konnte, fragt Jaroslav Rudiš Kateřina Tučková. Es scheinen die neuen Perspektiven zu sein, die die Autorin einbringt. Und dass sie sich extrem in ihre Hauptfigur eingefühlt hat und ihr Schicksal einfühlsam erzählt.

Kateřina Tučková fühlt sich in ihre Figuren ein

Anhand des Einzelschicksals der Gerta Schnirch scheint ein Stück tschechisch-deutscher Geschichte auf. Gerta wächst in einer gespaltenen Familie im mährischen Brünn auf: der Vater Deutscher und Anhänger Hitlers, ebenso ihr Bruder, die Mutter aber ist Tschechin. Diese stirbt nach der Errichtung des deutschen Protektorats 1938. Solche gemischten Ehen waren an der Tagesordnung. Die Familie zerfällt in ihren tschechischen und deutschen Teil – ebenso wie die Gesellschaft – und Gerta wird vom eigenen Vater schwanger. Gerta Schnirch wird zum Staatsfeind erklärt und 1945 im sogenannten Brünner Todesmarsch vertrieben. Sie erleidet ein Schicksal wie 27.000 andere Deutsche, die aus Brünn vertrieben wurden. Die Rache der Tschechen an den Deutschen war hart: Allein auf dem Todesmarsch von Brünn über die österreichische Grenze sterben 5.000 Menschen, teils auf drastische Weise. Jahre später kehrt sie mit ihrer Tochter zurück und lebt, stigmatisiert als Deutsche, am Rande der kommunistischen Gesellschaft.

Sprachbarrieren gibt es mit Jaroslav Rudiš nicht

Jaroslav Rudiš hat seinen letzten Roman (Winterbergs letzte Reise) erstmalig auf Deutsch geschrieben. Er spricht beide Sprachen perfekt und übersetzt die Antworten von Kateřina Tučková. Allerdings gibt er zu, dass er den speziellen Brünner Dialekt nicht beherrscht, der viele jüdische Worte enthält. Brünn war bis zum zweiten Weltkrieg geprägt von der jüdischen, deutschen und tschechischen Kultur. Diesen Dialekt beherrscht Kateřina Tučková, sie wohnt in Brünn in der sogenannten Bronx, sehr zentral in einem eher „schwachen Viertel“, vergleichbar vielleicht mit dem Athener Viertel Exarchia.

Isabel Schmier, Studierende des Studiengangs Sprechkunst an der HMDK Stuttgart, liest an diesem Abend eindrücklich einige Passagen aus der deutschen Übersetzung des Romans.

Greta. Das deutsche Mädchen
Übersetzung von Iris Milde
Broschiert, 548 Seiten
KLAK Verlag, Preis 19,90 €

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Heinrich Steinfest lässt Tonia Schreiber bügeln

06.03.2018 at 21:59

 

Der neue polnische Literaturstar Szczepan Twardoch stellt seinen Boxer vor

09.02.2018 at 22:15
Szczepan Twardoch im Gespräch mit Olaf Kühl

Szczepan Twardoch im Gespräch mit seinem Übersetzer Olaf Kühl

 

Das Gespräch, das Szczepan Twardoch mit Olaf Kühl am 6. Februar 2018 im Literaturhaus Stuttgart führte, war auf beiden Seiten geprägt von tiefer Kenntnis des Romans Der Boxer

Olaf Kühl ist der Übersetzer dieses bei Rowohlt am 24. Januar erschienen Romans. Olaf Kühn kennt den Roman nicht nur durch seine Übersetzertätigkeit in- und auswendig, er ist auch in der Lage, das Gespräch deutsch/polnisch zu führen.

Szczepan Twardoch, geboren 1979, ist einer der herausragenden Autoren der polnischen Gegenwartsliteratur. Mit Morfina (Morphium) gelang ihm 2012 der Durchbruch bei den polnischen Lesern. Für diesen Roman erhielt er den polnischen Kulturpreis Polityka-Passport sowie den Nike-Publikumspreis. Für den ebenfalls hochgelobten Roman Drach wurden Szczepan Twardoch und sein Übersetzer Olaf Kühl 2016 mit dem Brücke Berlin Literatur- und Übersetzerpreis geehrt.

Olaf Kühl umreißt die Handlung des Romans: Der Jude Jakub Shapiro ist ein hoffnungsvoller junger Boxer und überhaupt sehr talentiert. Das erkennt auch der mächtige Warschauer Unterweltpate Kaplica, der Shapiro zu seinem Vertrauten macht. Doch rechte Putschpläne gegen die polnische Regierung bringen das Imperium Kaplicas in Bedrängnis; er kommt in Haft, als ihm ein politischer Mord angehängt wird. Im Schatten dieser Ereignisse bricht ein regelrechter Krieg der Unterwelt los. Jakub Shapiro muss die Dinge in die Hand nehmen: Er geht gegen Feinde wie Verräter vor, beginnt – aus Leidenschaft und Kalkül – eine fatale Affäre mit der Tochter des Staatsanwalts, muss zugleich seine Frau und Kinder vor dem anschwellenden Hass schützen – und nimmt immer mehr die Rolle des Paten ein.

Wolfgang Michalek leiht Szczepan Twardoch seine Stimme

Wie spannend, solide und ansonsten gut lesbar, angereichert mit vielen historischen Details der Roman um den Aufstieg eines Verbrecherhelden zwischen Gewalt, Eleganz und Laster, seine Verletzlichkeit als Jude im Vorkriegs-Warschau ist, erfahren an diesem Abend die Zuhörer in mehreren Textpassagen, die von Wolfgang Michalek, Schauspieler am Staatstheater Stuttgart, vorgetragen werden. Mit Lederjacke bekleidet, mit Dreitagebart, in lässiger Haltung hat die „Lesestimme“ des Romans einen sichtbar großen Abstand zum Schöpfer der Geschichte, der in taubenblauen Anzug und moderner Frisur erschienen ist. In diesen Passagen wird die filmisch erzählte Geschichte erlebbar und deutlich, dass es sich um einen thrillerhaften Roman handelt, der eine eruptive Epoche geradezu körperlich macht.

Fiktiver Roman mit Anleihen an die Realität

Obwohl der Roman historische in den dreißiger Jahren verortet ist und teilweise historische Personen benannt werden, ist es doch ein fiktiver Roman mit fiktiven Figuren. Szczepan Twardoch hat bei der seiner Charakterisierung der Figuren auf reale Figuren gestützt. So gab es mafiöse Strukturen während der Regierung von Józef Piłsudski in den zwanziger Jahren. Die am Anfang der Geschichte stehende Vierteilung des Vaters des Erzählers Mojzesz Bernstein ist an eine tatsächliche Gewalttat an einem Mafia-Schuldner angelehnt. Das Boxen war in Polen zu der Zeit sehr populär. Allerdings gab es keinen Boxer, der wie Jakub Shapiro gleichzeitig ein „Pate“ war.

Männlichkeit ist nicht mit Gewalt zu verwechseln

Olaf Kühl befragt den Autor, was ihn an der Männlichkeit fasziniert. Für Szczepan Twardoch ist eine Neigung zur Gewalt nicht wichtig, um männlich zu sein. Allerdings hat ihn die Rolle der Gewalt in der Natur schon immer interessiert. Er selber habe zu Beginn seiner Recherchen zum Roman selber mit dem Boxen angefangen und weil es ihm liegt, boxt er noch heute. Dadurch konnte er die Boxszenen und das Milieu authentischer beschreiben. Für ihn als Autor ist Gewalt in der Literatur sehr attraktiv, allerdings ist sie für ihn persönlich kein Mittel, um Konflikte zu lösen. Und er ist froh, dass er in Zeiten lebt, in denen die Abwesenheit von Gewalt (von Krieg) in Europa herrscht und das seit 70 Jahren. Sein Großvater hatte dieses Glück nicht.

Literatur mit plakativ politischen Aussagen ist für Szczepan Twardoch keine gute Literatur

Angesichts des grassierenden Antisemitismus und der Ausländerfeindlichkeit, dem herrschenden Nationalismus, ist es dem Autor wichtig zu unterstreichen, dass er keinen zeitgenössischen Roman geschrieben hat, der als Parabel auf die Jetztzeit zu lesen ist. Die Gegenwart würde ihm in seinem Romanwerk entgleiten, Literatur mit politischen Aussagen sei ihm fremd. Er glaubt nicht an politische Literatur. Politik spielt zwar im Roman eine Rolle, sollte aber nicht als Ziel vor Augen sein, sonst wird Literatur schlecht.

Zu Gegenwartsfragen äußere er sich eher in seinem essayistischem Werk und im Feuilleton. Allerdings wird sein Buch von den Lesern, vor allem was die antisemitischen Aktionen der Rechtsnationalen angehen, als Anspielung auf die Gegenwart interpretiert. Für ihn seien historische Analogien nicht geeignet, die Gegenwart zu verstehen. Twardoch meint, wir sollten die Gegenwart versuchen zu verstehen ohne uns historischer Krücken zu bedienen. Die seien sogar schädlich, weil sie verhindern, die Gegenwart zu analysieren und den Gründen für die politischen Gegenwart auf den Grund zu gehen.

Obwohl er diese Aktualität für seinen Roman verneint, handelt der Roman doch von schwierigen Dingen für die Polen und es war ihm wichtig, eine Form zu wählen, die dem Leser wenig Widerstände entgegen bringt. So sind z. B. die jiddischen Dialoge in Fußnoten übersetzt. Diese sprachliche Authentizität ist ihm wichtig, denn Warschau war in den dreißiger Jahren eine zweisprachige Stadt. Bei der Abfassung der jiddischen Dialoge wurde er von einer Professorin unterstützt.

Szczepan Twardoch fühlt sich als Schlesier

Twardoch wird mal als Linker, mal als Rechter eingestuft. Wie er dazu stünde, wird er von Olaf Kühl gefragt. Eine einfache Antwort hat er darauf nicht. In wirtschaftlichen Fragen würde er sich eher im linken Lager verorten, in kulturellen Fragen vertritt er einen liberalen Standpunkt. Seine universitäre Ausbildung war allerdings konservativ geprägt. An der Schlesischen Universität in Katowice studierte er Soziologie und Philosophie. Interessant auch, dass er sich als Schlesier fühlt und in seinem Roman Drach Dialoge in schlesischem Dialekt enthalten sind. Drach soll 2018 auch in schlesischer Übersetzung erscheinen, auch wenn die Schriftsprache noch wenig normiert ist.

Der Boxer
leinengebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 464 Seiten
Rowohlt Berlin, Preis 22,95 €

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Den Herrschenden einen Spiegel vorgehalten

01.02.2018 at 19:35
Daniel Kehlmann in Stuttgart

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Können Schriftsteller zu Stars werden? Wer am 22.02.18 in den Hospitalhof gegangen war und die Lesung von Daniel Kehlmann im ausverkauften großen Saal des Hauses miterlebt hat, muss diese Frage mit Ja beantworten. Mittlerweile sind einige Schriftsteller in der Lage, große Säle mit ihren Lesungen zu füllen. Dabei zeigt an diesem Abend Daniel Kehlmann, dass ihm Starallüren gänzlich fremd sind. Im Gespräch mit Zeit-Redakteur Ijoma Mangold glänzt der Autor mit seiner breiten Bildung und fundiertem Wissen um den Stoff, aus der er seinen neuen Roman Tyll geschaffen hat.

Dabei hätte der 1975 in München geborene und in Wien aufgewachsene Autor allen Grund, auf seine Erfolge stolz zu sein. Immerhin erzielte alleine sein Roman Die Vermessung der Welt eine Gesamtauflage von 6 Millionen Exemplaren. Aber auch vor diesem Erfolg aus dem Jahre 2005 war er schon ein etablierter Autor. Wie in seiner Vermessung der Welt greift er in seinem neuen Buch ein historisches Thema auf. Diesmal hat er einen Roman über den 30jährigen Krieg geschrieben. Seine titelgebende Figur ist an Till Eulenspiegel angelehnt, er benutzt bewusst die uns fremde Schreibweise mit y in Tyll, quasi als Rückgriff auf das Altertum dieses Spaßmachers. Er sagt, er hätte staunend erlebt, wie sich seine Figur beim Schreiben entwickelt hätte, sie ihm aber gleichzeitig rätselhaft geblieben sei. Das würde sich in der altertümlichen Schriftweise manifestieren, die er erst in der Endphase des Schreibens gewählt hat. Zudem versetzte er Tyll aus dem 14. Jahrhundert in die Zeit des grausamen Religionskrieges in Mitteleuropa.

Es ist eine Periode des Übergangs. Die alte Ordnung scheidet sich in mühevollem Prozess von der neuen Welt. Im Zauberkessel der Magie brodeln schon die Anfänge der modernen Wissenschaft. Der Jesuit Athanasius Kircher verkörpert beides als Inquisitor und Universalgelehrter. In einem grausamen Religionskrieg wendet sich die Botschaft der Liebe in eine des Hasses. Ein Klimawandel macht die Böden unfruchtbar. Es scheint die Zeit der Apokalypse sei angebrochen.

Tyll bleibt in vielen Kapiteln eine Nebenfigur, wie einer, der am Rande eines Gemäldes dargestellt ist. Tyll repräsentiert die dämonische Ebene. Er hat keine Angst vor den Mächtigen, in dessen Dienste er ist. Allerdings ist er einer, der auch keine Liebe empfinden kann.

In zwei Blöcken zwischen den Gesprächen mit Ijoma Mangold liest Daniel Kehlmann an diesem Abend aus einem der acht Kapitel in dem er das historische Unglücksrabenpaar, die englische Prinzessin Elisabeth Stuart und ihren Mann, den pfälzischen Kurgraf Friedrich V, auf den drall-pfiffigen Schweden-König Gustav Adolf in seinem Feldlager treffen lässt. Kurgraf Friedrich V wähnt sich Gustav Adolf ebenbürtig. Er, der sich in Prag zum König hat krönen lassen und dadurch erst das ganze Kriegsschlammassel ausgelöst hat. Der Schwedenkönig belehrt ihn eines Besseren.

Zum Schluss diskutieren Kehlmann und Mangold die Frage, ob es im 30jährigen Krieg wirklich um Religion ging und zogen Parallelen zum Kalten Krieg, in dem es auch um Ideologien ging aber doch vor allem um die Ausdehnung der Hegemonieräume. Ähnlich wie wir es heute in der islamischen Welt sehen, wo z. B. das arabische Königshaus islamische Terroristen unterstützt. Mit dieser Betrachtung schlagen Daniel Kehlmann und Ijoma Mangold den Bogen vom Barock zur Neuzeit.

Tyll
gebunden mit Schutzumschlag, 480 Seiten
Rowohlt-Verlag, Preis 22,95 €

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Fiktion & Gesellschaft – Über Feminismus heute

19.10.2017 at 22:00
Shida Bazyar und Lena Vöcklinghaus im Literaturhaus Stuttgart

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So war die Veranstaltung am Mittwoch, 18. Oktober 2017 im Literaturhaus überschrieben. Geplant war ein moderiertes Gespräch zwischen der Autorin Shida Bazyar und der Autorin und Kolumnistin Margarete Stokowski. Gerade hat sie ein Buch mit dem Titel untenrum frei veröffentlicht, in dem sie gewohnt scharf die Beweglichkeiten und Beharrungskräfte unserer heutigen Konzepte von Männlich- und Weiblichkeit analysiert und die sich daraus ergebenen politischen Implikationen beschreibt. Im Gespräch mit der Moderatorin Lena Vöcklinghaus wollten die beiden Autorinnen der Frage nachgehen, warum der Feminismus gerade heute von großer Bedeutung ist. Leider musste die Leiterin des Literaturhauses Stuttgart, Dr. Stefanie Stegmann, Margarete Stokowski entschuldigen, sie ist erkrankt. Das Feminismusthema ist dem Literaturhaus sehr wichtig, so dass eine eigene kleine Reihe geplant ist, zu der Margarete Stokowski eingeladen wird.

Shida Bazyar liest einen Ausschnitt aus dem dritten Teil ihres Romans Nachts ist es leise in Teheran. In diesem Teil wird aus der Sicht der Tochter Laleh die Situation der Frauen im Iran beschrieben. Nach Jahren des Exils ist das die erste Reise die die Mutter mit ihrer Tochter dorthin unternimmt.

Das anschließende Gespräch kreist mehr oder weniger um ein Dossier des »Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken«, in dem über strukturelle Probleme, Sexismus und Machtgefälle an Schreibschulen geschrieben worden ist. Auch Shida Bazyar hatte einen Artikel zu dem Dossier geliefert. Lena Vöcklinghaus hatte das Dossier heraus gebracht und war wie auch Frau Bazyar an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. Beide haben dort literarisches Schreiben studiert. Shida Bazyar richtet in ihrem Artikel mehr den Blick auf den Rassismus denn auf den Sexismus.

Die Rassismuserfahrungen, von denen die deutsche Autorin Shida Bazyar berichtet und über die sie auch in ihrem Text: Bastelstunde in Hildesheim oder warum ich in Hildesheim lernte, dass der eine –ismus mich davon abhält über den anderen zu reden schreibt, sind erschreckend. Sie liest den ihren gesamten Beitrag aus dem Dossier. Schon der Eingangssatz beschreibt Shida Bazyars ganze Wut:

„In den fünf Jahren Lebenszeit, die ich in Hildesheim studiert habe, habe ich meine Dreads verloren, aufgehört bunte Röcke über Ringelstrumpfhosen zu tragen und angefangen, ziemlich wütend zu werden. Ich hatte einen schmerzhaften und traurigen Prozess zu verarbeiten, in dem ich einsah, wie die Strukturen aussehen, in denen wir leben und inwiefern sie mich, als nicht-weiße Frau, strukturelles Arbeiterkind mit Migrationsgeschichte, beeinflussen.“

Sie beschreibt in dem Artikel den täglichen Rassismus, den sie als nichtweiße Frau (so bezeichnet sie sich) erleben muss. Dass sie am Institut die einzige nicht-weiße Person in den Seminaren ist, in denen keine Texte von anderen nicht-weißen Menschen oder über andere nicht-weiße Menschen gelesen werden. Dass sie meistens drei Mal ihre Meinung sagen muss, um gehört zu werden, was ihren weißen Mitstudierenden nicht passiert. Es sind offensichtlich diese subtilen unter der Oberfläche verankerten Strukturen, die zeigen, dass Deutschland weit davon entfernt ist, Rassismus überwunden zu haben. Ein Rassismus, der Kinder von Migranten, obwohl sie seit Generationen bei uns leben und Deutsche sind, ausgrenzt. Über die Haut- oder Haarfarbe, fast immer über den Namen („der klingt aber fremdländisch, wo kommen Sie denn her?“)

Man hätte an diesem Abend nicht nur etwas über Rassismus lernen können, sondern auch über Sexismus, dem anderen –ismus, den Shida Bazyar erwähnte, wäre Margarete Stokowski an der Diskussion beteiligt. So bleibt zu bedauern, dass dem Gespräch eine echte Gegenposition fehlt Die beiden Frauen kennen sich einfach zu gut aus Hildesheim. So hatte man streckenweise den Eindruck, das Gespräch ähnelt einer Fahrt mit dem Landrover durch die Sahara, bei dem sich die Räder langsam aber sicher mehr und mehr im Sand festfahren.

Wolf Biermann stellt seine Biografie im Hospitalhof vor

16.05.2017 at 14:16
Wolf Biermann

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In der Reihe „Köpfe der Zeit“ war Wolf Biermann am Sonntag, 14. Mai 2017 im Hospitalhof. Das Literaturhaus Stuttgart richtet diese Veranstaltung im großen Saal aus und dieser war bis auf den letzten Platz besetzt, um dem begnadeten Liedermacher zuzuhören.

Dem Moderator Wieland Backes fällt es an diesem sonnigen Sonntagvormittag sichtlich schwer, das Gespräch mit dem „Erzähler“ Wolf Biermann in durch Moderation eingehegten Bahnen zu halten. Wolf Biermann ist nicht zu bremsen, wenn es darum geht, Geschichten aus seinem schillernden Leben zu erzählen. Sein Ziehsohn Manuel übernimmt die Lesung aus der Biermanns Autobiografie, die der achtzigjährige gerade unter dem Titel Warte nicht auf bessere Zeiten! vorgelegt hat. Die Mutter von Manuel, Brigitte Soubeyran, siedelte mit Manuel als Baby 1958 aus Frankreich in die DDR über, aus politischer Überzeugung und weil es in der DDR aus ihrer Sicht das bessere Theater gab. Am Berliner Ensemble (BE) traf sie einen jungen Regieassistenten. Das war Wolf Biermann. Sie wurden ein Liebespaar, aber auch ein Theaterkunstpaar. 1961 gründeten sie zusammen das Berliner Arbeiter- und Studententheater, das heute noch als Studiotheater der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ bekannt ist. Zu der Zeit war Wolf noch nicht der Biermann. Sie hat ihn zum Liedermachen und Singen ermuntert und auch seinen Bart kreiert, weil sie wollte, dass er ein bisschen so aussieht wie der französische Chansonnier Georges Brassens. Den Bart trägt er heute noch, wenn dieser auch ergraut ist.

Wolf Biermann eine Symbolfigur aus dem zweigeteilten Deutschland

Wolf Biermann zählt zu den großen Symbolfiguren aus der Zeit des zweigeteilten Deutschland. Seine Lieder wurden im Westen zu Hymnen, im Osten waren sie untersagt, ihr Schöpfer wurde mit Auftrittsverboten belegt. Nach einer Konzerttour in den Westen verweigerte ihm das DDR-Regime 1976 die Wiedereinreise.

Aber an diesem Morgen beginnt er mit seiner Zeitreise durch sein bewegtes Leben als kleiner Knirps in Hamburg. Nur von seiner kommunistischen Mutter aufgezogen. Sein Vater saß im Lager, den er dort besuchte und den die Faschisten ermordeten. Sein Ziehsohn liest von dem Feuersturm über Hamburg, den Biermann als Junge erlebte. Er wuchs mit dem Auftrag auf, die Menschheit zu retten, seinen Vater zu rächen und nebenbei den Kommunismus aufzubauen. Und weil er seiner Mutter diesen kleinen Gefallen tun wollte, ging er eben mit sechzehn Jahren 1953 nach Osten und wurde ein DDR-Bürger. Und noch heute meint er darüber, das es das Beste war, was er in seinem ganzen Leben gemacht hat. „Ich musste die Lektion lernen, im Vaterland aller Werktätigen, im Arbeiter- und Bauernparadies wirklich zu leben, und nicht nur als Revolutionstourist mal eben vorbeischnuppern. Und wenn ich das nicht gemacht hätte, wäre ich ja gar nicht der Biermann geworden.“

Schon in der Schule ein Widerspruchsgeist

Wie es ihm dort erging, erfahren wir wieder durch einen kleinen Textauszug: Einige evangelische Jugendliche an seiner Schule in Gadebusch bei Schwerin sollen der „Neuen Gemeinde“ abschwören und er erlebt, wie ein junges Mädchen standhaft für ihren Glauben eintritt. Dieser Widerspruchsgeist, dieser aufrechte Gang, hat ihm sehr imponiert.

In Berlin studierte er zuerst Politische Ökonomie an der Humboldt-Universität (auf Anraten seiner Mutter, die meinte, die Regierung in der DDR bräuchte hier kluge Köpfe). Dieses Studium brach er jedoch ab, um als Regieassistent am Berliner Ensemble tätig zu sein. Danach studierte er bis 1963 an der Humboldt-Universität Philosophie und Mathematik.

Sein Weg als Lyriker und Sänger

Wolf Biermann begann Gedichte und Lieder zu schreiben. 1961 gründete er in Ost-Berlin das Berliner Arbeiter-Theater. Seine Inszenierung des Stückes Berliner Brautgang, wurde verboten, das Thema Mauerbau war zu brisant und noch vor der Premiere 1963 musste das Theater geschlossen werden. Seit dieser Zeit stand er immerzu unter Beobachtung der STASI. Wie die ihn überwachten, beschreibt er in eindrucksvollen Bildern.

1976 wird Biermann von der IG Metall zu einer Konzertreise in die Bundesrepublik Deutschland eingeladen, wofür ihm die Behörden der DDR eine Reisegenehmigung erteilten. Dieses Konzert diente dem Politbüro der SED als Vorwand für die Ausbürgerung „wegen grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten“. Eine breite Solidaritätskampagne setzte daraufhin für ihn ein. Viele, auch prominente Personen, in Ost und West protestierten gegen Biermanns Ausbürgerung. Zwölf namhafte DDR-Schriftsteller, unterzeichneten einen von Stephan Hermlin initiierten offenen Brief an die DDR-Führung, in dem sie an diese appellierten, die Ausbürgerung Biermanns zurückzunehmen. Es half nichts.

Wolf Biermann bricht spät mit dem Kommunismus

Sein Bruch mit dem Kommunismus kam jedoch erst viele später. Er wollte die Idee, für die sein Vater und so viele Genossen in den Tod gegangen sind, nicht verraten. Erst die Begegnung mit dem Schriftsteller, Sozialpsychologen und Philosophen Manès Sperber in Paris, brachte ihn zu dem Schritt mit dem Kommunismus zu brechen. Sperber hatte ihm „wie ein guter Zahnarzt mit Betäubungsspritze den kommunistischen Backenzahn gezogen, der schon vergammelt war“, wie Biermann beschreibt. „Er hat mich ermutigt, den Bruch zu wagen, ohne meinen toten Vater zu ermorden. Endlich begriff ich im Herzen, was ich im Kopf schon wusste.“

Was ist für Wolf Biermann an die Stelle der kommunistischen Idee getreten, fragt man sich und es scheint diese „hoffnungslose Hoffnung auf die Vernunft des Menschen“ zu sein, lautet seine Antwort. Sein Leben fasst er zum Schluss in dem Gedicht Bilanzballade im achtzigsten Jahr aus seinem neuen Band Im Bernstein der Balladen: Lieder und Gedichte zusammen. Damit schließt sich der Kreis zu seinem Gedicht „An die alten Genossen“, mit dem er die Funktionäre der SED in der Ost-Berliner Akademie der Künste am 11. Dezember 1962 aufgebracht hatte. (Einspielung siehe hier.)

Warte nicht auf bessere Zeiten!
Die Autobiografie

576 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Propyläen Verlag, Preis 28,00 €

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Stuttgart liest ein Buch mit Shida Bazyar

11.03.2017 at 9:07
Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar

Im Schriftstellerhaus haben die Vorbereitungen zu Stuttgart liest ein Buch begonnen. Foto: © S. Martin

 

Im Oktober ist es wieder soweit. Stuttgart liest ein Buch. Zum dritten Mal veranstaltet das Schriftstellerhaus dieses literarische Festival, bei dem ein Buch im Mittelpunkt steht. Dieses Jahr ist es Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar. Die junge Autorin mit iranischen Familienwurzeln las in der Reihe Literatur im Salon im Sommer letzten Jahres aus ihrem Debütroman und eroberte im Sturm die Herzen der Vorsitzenden des Schriftstellerhaus-Vereins und dessen Geschäftsführerin. Es war leicht, mit diesem Erlebnis die an dem Projekt beteiligten Kooperationspartner für das Buch und das Thema des Buches zu begeistern, das uns seit vielen Monaten beschäftigt: Flucht, Vertreibung, Integration in eine fremde Kultur.

Shida Bazyar verwendet vier Erzählstimmen

Dies alles erzählt Shida Bazyar mit leichter Hand, humorvoll und voller Empathie für ihre vier Protagonisten, die in jeweils einem Abschnitt des Buches ihre Lebenswirklichkeit erzählen. Da ist der Vater, der mit seiner Frau 1979 aus dem Iran fliehen musste, da er als kommunistischer Aktivist den bei den Mullahs in Ungnade fiel. Er erzählt von seinen politischen Aktionen und wie er seine Frau kennen lernte mit der er dann aus dem Iran nach Deutschland flieht. In einer Kleinstadt finden er, seine Frau und seine kleinen Kinder Zuflucht. Zehn Jahre später erzählt seine Frau von den Bemühungen der Familie, sich in Deutschland zu integrieren. Über 4 Jahrzehnte erstreckt sich der erzählerische Bogen, den Shida Bazyar aufspannt, bis hin zur grünen Revolution von 2009. Ausführliche Rezensionen hier und hier.

Das Projekt Stuttgart liest ein Buch nimmt Form an

Die Vorbereitungsgruppe, bestehend aus den VertreterInnen der Projektpartner, hat ihre Arbeit aufgenommen, um ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm für die Zeit zwischen dem 17. Oktober und dem 27. Oktober 2017 zusammen zu stellen. Im Einzelnen sind dies:

  • das Schriftstellerhaus
  • das Literaturhaus Stuttgart,
  • die Stadtbibliothek Stuttgart
  • die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart
  • die Schiller Buchhandlung
  • das Evangelische Bildungswerk Hospitalhof Stuttgart
  • der Börsenverein des Deutschen Buchhandels
  • die Volkshochschule Stuttgart

Die Projektleitung hat die Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, Astrid Braun, inne. Das Schriftstellerhaus hat für das Projekt bereits einen Internetauftritt gestaltet, siehe hier. Alle Neuigkeiten werden auch über Facebook und Twitter verbreitet.

„Das Schloss“ im Staatstheater Stuttgart

25.11.2016 at 13:54
Bühnenbild "Das Schloss" von David Hohmann (Foto: © David Hohmann)

Bühnenbild „Das Schloss“ von David Hohmann (Foto: © David Hohmann)

 

K., der nie die Regeln der fremden Welt verstehen und nie das begehrte Schloss erreichen wird, wurde zu Hauptfigur von Kafas Werk „Das Schloss“. Die Geschichte von K. beendet Kafka nicht mehr, vielmehr bricht sie mitten im Satz ab und bleibt ein Fragment mit offenem Ausgang. Was geschieht, wenn auf Basis eines Literaturklassikers kreative Köpfe sich des Stoffes annehmen? Es begann 2013 im Literaturhaus Stuttgart mit einer Comic-Ausstellung. (Siehe Bericht dazu hier im Elsternest). Eine siebenköpfige Band formierte sich um den Musiker und Comiczeichner Jaromír 99 und gab sich den Namen „Kafka Band“.

In einer sprachen- und grenzüberschreitenden musikalischen Inszenierung brachten Mitglieder des Bremer Theaterensembles zusammen mit der Prager Kafka Band und Jaroslav Rudiš, dem tschechischen Schriftsteller, Kafkas Welt auf die Bühne. Nach vielen gefeierten Aufführungen kam das Stück auf Einladung des Literaturhauses am 19. November 2016 zurück nach Stuttgart. Die Aufführung war Teil des Festes zum 15. Geburtstag des Literaturhauses Stuttgart.

Ein perfektes Bühnenbild

Eine riesige Kurparkkonzertmuschel wölbte sich über die Bühne. Die Songtexte liefert der Roman, Kafkas deutsche Sprache mischt sich mit tschechischen Refrains. Die Musik: düster und rau, zugleich zart und zerbrechlich. Sie legt die existenziellen Gefühle in Franz Kafkas Romanfragment offen.

Landvermesser K. wird als Fremder von der hermetischen Schlossgemeinschaft engagiert, die behauptet, seine Arbeit würden nicht benötigt. K. wird abgelehnt, bleibt ein Überzähliger. Das ist die Grundsituation. „Der Winter ist bei uns lang und auch im Sommer fällt manchmal Schnee“, heißt es zur düsteren Atmosphäre der Ausweglosigkeit. Die wird mit Kafkas Worten und mit rhythmisch fein ziseliertem, an- und abschwellendem Melancholie-Poprock intoniert, dabei angenehm melodieselig zum Schweben gebracht.

Das Schloss: Der Autor Jaroslav Rudiš 2013 im Schriftstellerhaus

Der Autor Jaroslav Rudiš 2013 im Schriftstellerhaus

Jaroslav Rudiš führte dazu in einem Interview aus:
„Eigentlich weiß man nicht, warum K. ins Dorf geflüchtet ist. Nur, dass er nicht ankommt und fremd bleibt. Es gibt eine Stelle, die es ganz gut beschreibt. Sinngemäß heißt es da: Du bist nicht aus dem Schloss, du bist nicht aus dem Dorf, du bist nur eins – ein Fremder. Vielleicht ist das deshalb auch so, weil er deutsch spricht und es zwischen ihm und den tschechisch-sprachigen Dorfbewohnern zu Missverständnissen kommt.“

Labyrinthische Architektur der Erzählung

Die Regie verweigert naheliegende Interpretationen, beispielsweise die labyrinthische Architektur der Erzählung als Signatur einer pessimistisch reflektierten Bürokratie-Moderne. Das Bühnenbild von David Hohmann setzt die Ausweglosigkeit mit seiner „Muschel“ perfekt in Szene, die sich über das Geschehen wölbt. Mit ständigen Rollenwechseln des Ensembles wird die Handlung in modellhafte Szenen zerlegt, das Thema Fremdsein variiert in Fragen nach Identität, Erfahrungen der Vereinnahmung und der Ausgrenzung, des Ankommens und Ausgeliefertseins. Das Hamsterrad der Aussichtslosigkeit wird mit Laufbändern dargestellt, auf denen das Schauspielerquartett immer wieder läuft, ohne je voranzukommen: „Wir laufen durch die Nacht und nichts kann uns aufhalten.“

Eine die Sinne ansprechende Aufführung formt alles zu einer existenziellen Grundsituation

Per Videoprojektion verschwimmen die Buchstaben der Kafka-Sätze und purzeln durcheinander. K. versucht vergeblich, das Chaos zu ordnen, Orientierung herzustellen in diesem mysteriösen Dasein. Die projizierten Bilder stammen von Jaromír 99, der seinem holzschnittartigen Comiczeichenstil auch hier treu bleibt, den wir aus der Graphic Novel „Alois Nebel“ kennen.

Regie: Alexander Riemenschneider
Bühnenbearbeitung: Jaroslav Rudiš, Alexander Riemenschneider
Es spielen: Guido Gallmann, Robin Sondermann, Franziska Schubert, Alexander Swoboda
Kafka Band: A.m. Almela, Jiří Hradil, Zdeněk Jurčík, Dušan Neuwerth, Tomáš Neuwerth, Jaroslav Rudiš, Jaromír 99
Künstlerische Gestaltung: Jaromír 99
Dramaturgie: Viktorie Knotková

Carolin Emcke versucht den Hass zu ergründen und schreibt gegen ihn an

15.11.2016 at 14:39
Carolin Emcke im Gespräch mit Insa Wilke

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Carolin Emcke ist ein gern gesehener Gast im Literaturhaus Stuttgart. Es ist ihr dritter Besuch im Haus der Literatur. Die Moderatorin Insa Wilke gratuliert Carolin Emcke noch einmal herzlich zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und das zahlreiche Publikum spendet großen Beifall. Insa Wilke hebt die Bedeutung des Friedenspreises hervor, gerade heute, am 9. November, der für Pogrom und Mauerfall steht. Und: An diesem Tag haben wir von der Wahl Donald Trumps ins Weiße Haus gehört. Dieser US-amerikanische Populist hat mit Ausgrenzung und Hassbotschaften eine Mehrheit hinter sich bringen können.

Die AfD setzt zum Sprung in den Bundestag an, mit Ressentiments und Fremdenhass. In Landesparlamenten hat sie längst mit ihren Abgeordneten Platz genommen.

Carolin Emcke hat ein wichtiges Buch vorgelegt

Da ist Carolin Emckes Buch „Gegen den Hass“ eine wertvolle Lektüre. Die ehemalige Kriegsreporterin wollte ein Buch schreiben, das dieses Phänomen beschreibt und klar benennt ohne dass sie sich selber aus dem Spiel nimmt.

Mit ihrem Lektor Peter Sillem vom S. Fischer Verlag hat sie viele Gespräche geführt, hat gerätselt, was und warum sich um uns herum politisch und in der Öffentlichkeit so viel verändert. Hat den Zustand der zunehmenden Verrohung (nicht nur der Sprache) in den Blick genommen.

Ausgrenzung hat uralte Wurzeln

Schon als Journalistin hat sie auf ihre Artikel abwertende Leserbriefe bekommen. Oft anonym, mit der Maschine geschrieben. Heute schreiben die Leute ihre Hassbotschaften mit Klarnamen. Das sei eine neue Qualität. Es wird nicht mehr in der Anonymität gehasst, sondern öffentlich. Für die Philosophin und Autorin ist Schreiben eine Form der Reflexion aber  trotz intensiven Nachdenkens hat sie bis heute keine schlüssige Theorie entwickeln könne, woher der Hass kommt. Doch während sie  auf der Suche nach einer Antwort auf das Phänomen ist, läuft die Zeit davon, gegen den Hass etwas zu unternehmen, merkt sie selbstkritisch an..

Hass ist von Angst grundverschieden. Hass braucht ein Objekt und hat vor diesem keine Angst. Hass sucht die Nähe zum Objekt des Hasses. Angst sucht die Distanz, zeichnet sich durch Flucht, auch Ekel aus. Der Hass wird systematisch vorbereitet, wird geformt, so ihre These. Nicht in erster Linie auf der Straße sondern auf Foren im Internet, in sozialen Netzwerken, durch einschlägige rechte Lieder etc.

Die Beispiele der Ausgrenzung sind willkürlich. Carolin Emcke greift auf einen alttestamentarischen Text zurück. Im Buch der Richter wird beschrieben, wie Menschen ausgegrenzt werden, die das Wort „Shibbolet“ nicht richtig betont aussprechen. Nur durch eine andere Sprechweise werden Menschen stigmatisiert und in Folge getötet. (Siehe hier Buch der Richter 12. 5,6)

Gefühle sind keine Argumente

Ungefilterte Gefühle der „besorgten“ Bürger sollen wir ernst nehmen, sie als Pack zu beschimpfen ändert nichts. Jedoch sind ihre Handlungen und Sprechweisen als Personen zu verurteilen, wenn sie sich „hassend“ in der Öffentlichkeit zeigen. Dabei sollten Gefühle nicht als Argument dienen. Das Gefühl „wir schaffen das nicht“ ist angesichts der Tatsachen und Umstände völlig „irre“ und zeugt von Selbstmitleid, aus der Brutalität erwachsen kann.
Carolin Emcke appelliert an gegenseitige Milde und dass wir uns in der Auseinandersetzung Zeit nehmen müssen.

Ein Wort zu Donald Trump

Zum Schluss des Abends kommt der Wahlsieg von Donald Trump zur Sprache. Sein Wahlkampf war geprägt von Hass und Verunglimpfung. Carolin Emcke war viel weniger überrascht, dass er die Wahl gewonnen hat, ganz anders als beim Referendum zum Brexit. Sie hätte sich nicht vorgestellt, dass die Briten für den Austritt stimmen würden. Dass Donald Trump zum Präsidenten gewählt würde, hat sie als reale Möglichkeit gesehen. Erstaunt sei sie von seiner allersten Rede, in der er die ausgrenzende Rhetorik nicht verwendet hätte. Sie sei sehr gespannt, wie dieser Mann das Amt ausfüllen wird, der Schwierigkeiten hat, sich länger als zwei Minuten auf ein Thema zu fokussieren.

Gegen den Hass
240 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
S. Fischer, Preis 20,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Harald Welzer, ein Kopf der Zeit

11.11.2016 at 23:13
Harald Welzer

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Am 6. November 2016 war in der Reihe „Köpfe der Zeit“ Harald Welzer in der Literaturhausmatinée Stuttgart zu Gast bei Talkshowlegende Wieland Backes. Eine unglückliche Wahl der Organisatoren, trifft doch Harald Welzer mit seinen technikkritischen Thesen auf einen deutlich älteren Doktor der Naturwissenschaften, dem die digitale Welt fremd zu sein scheint. Zumindest seine teils naiven Fragen lassen diesen Schluss zu: Ob er denn ein Smartphon besäße. Harald Welzer antwortet lapidar: „Natürlich nicht“. Der Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg und Lehrender an Universität St. Gallen bleibt dabei ganz locker.

Die Frage, was sich am 7. Dezember 1835 ereignete, kann Harald Welzer nicht beantworten. An diesem Datum sei die Adler als erste Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth gefahren. Und ob er denn auch gegen die Eisenbahn gewesen wäre, wie er heute gegen die digitale Kommunikation zu Felde zöge, will Wieland Backes wissen. Harald Welzer nutzt die Antwort zu einer Attacke gegen das derzeitige Bahn-Management, das nicht mehr den Schienenverkehr im Fokus habe, sondern die Profitmaximierung. Für das unter der Dauerbaustelle S21 leidende Stuttgarter Publikum im Saal ist das eine nachvollziehbare These.

Die Unterschiede in den Technologien

Im weiteren Verlauf des Gespräches macht Harald Welzer deutlich, was der Unterschied der digitalen Revolution, am Beispiel der Smartphones, und den vorhergehenden Technologien ist. Schon das Fernsehen habe die Kommunikation verändert aber die Veränderung der Kommunikation durch die Handy-Technologie sei ungleich größer. Es wird mit dem Smartphone nicht nur kommuniziert, es wird auch flächendeckend überwacht. Durch einige wenige IT-Unternehmen, die Daten für ihre Zwecke ausnutzen, die ihnen die Benutzer freiwillig liefern. Der kulturelle Gebrauch der Technik sei bei der Eisenbahn oder auch später beim Auto mit dem Smartphone, das jeden Lebensbereich durchdringt, nicht zu vergleichen.

Als Beispiel führt er die Veränderung der öffentlichen Rede an. Noch vor zehn Jahren sei bei Podiumsdiskussionen anders gesprochen worden als heute, wo permanent die Gefahr besteht, dass irgendeiner mit seinem Smartphone eine Aufzeichnung macht und diese ins Netz stellt. Gedanken, die noch in der Entwicklung sind, könnten durch die Aufzeichnung und das Nichtvergessen des Internets gegen den Redner in Stellung gebracht werden. Das Vergessen sei aber eine wichtige menschliche Eigenschaft, die dadurch zerstört würde.

Ausschluss von Bürgern

Menschen werden von der Gesellschaft ausgeschlossen, wenn sie kein Smartphone besäßen. Zunehmend wird z. B. die Funktion einer Fahrkarte für den öffentlichen Personenverkehr auf das Handy verlagert. Auch öffentliche Einrichtungen böten immer mehr ihre Dienste über Apps an.

Zugriff auf Daten ermöglicht hohe Transparenz

Die Smartphone-Benutzer bewegen sich in einer eigenen „Bubbel“. Nachrichten, Kontakte, Kommunikation werden, z. B. über das „soziale“ Netzwerk Facebook, abgewickelt. Der Gründer und Vorstand dieser Firma, Marc Zuckerberg, hat Zugriff auf die Daten von über 1,8 Milliarden Menschen weltweit. Für Zuckerberg ergibt sich daraus eine totale Transparenz seiner Nutzer. Die Privatheit wird zerstört. Peer Steinbrück hat einmal gesagt: „Totale Transparenz gibt es nur in Diktaturen.“ Was anderes ist dann Facebook?

Die Suche nach Menschenfleisch

Der chinesische Begriff „Renrou Sousuo“ bedeutet: Suchmaschine für Menschenfleisch. Jeder Internetnutzer in China kennt den Begriff, der mit der Vernetzung des Reiches der Mitte entstand. Chinas Aufruf zur Menschenjagd könnte ein Vorbote dessen sein, was dem Rest der digitalisierten Menschheit blüht, erläutert Welzer an einem Beispiel der Auseinandersetzung zweier Autofahrer. Davon sei auf YouTube ein Video ins Netz gestellt worden. Der Internetmob veröffentlicht Wohnadresse, Namen der Angehörigen und des Arbeitgebers. Private Vorlieben werden an den Pranger gestellt. Wenn das Handy brummt, kommt die Angst, weil eine neue Drohung eingegangen ist: „Wir kriegen Dich.“ Mit der Macht des Schwarms werden Menschen zur Strecke gebracht.

Kommerzielle Ausbeutung aller Lebensbereiche

Plattformen wie Airbnb, ein im Silicon Valley gegründeter Community-Marktplatz für weltweite Buchung und Vermietung von Unterkünften, verkehren den Begriff der Gastfreundschaft ins Kommerzielle. Jeder kann seine Wohnung zum Hotel machen. Mit schwerwiegenden Folgen für die Nachbarn. In Berlin und Venedig hätte das bereits bedrohliche Formen angenommen, wenn Horden von Touristen in gewöhnliche Wohngebiete einfallen.

Harald Welzer sieht eine smarte Diktatur in unserem Alltag

Harald Welzer spricht von einer digitalen Diktatur, in der wir leben. Bei Diktatur hat man immer Leute in Uniform im Sinn, man hat Gewalt vor Augen, aber nicht so etwas wie eine nette Konsumgesellschaft, in der man ständig neue Angebote bekommt. Der zugrundeliegende Effekt ist aber der gleiche. Beide Systeme setzen am selben Punkt an. Die klassische Diktatur und das, was er „smarte Diktatur“ nennt, setzen am Individuum an. An seiner möglichst hohen Transparenz und an seiner Steuerbarkeit. Wir sind durch die Nutzung dieser Technologien einer Form von Überwachung und Verlust von Privatheit ausgesetzt, die eine Schutzlosigkeit von uns allen mit sich bringt. Denn es gibt Instanzen (Konzerne oder staatliche Stellen), die mehr über uns wissen als wir selbst.

Die Zerstörung der Privatheit ist ein „Regimewechsel“. Als Auswirkung nennt er die Skandalisierung im Netz. So hat z. B. der amerikanische Wahlkampf durch die Nutzung des Netzes eine radikale Änderung erfahren: Sex & Crime stehen im Mittelpunkt, nicht die politischen Programme und Lösungsstrategien.

Verteidigung der Demokratie

Harald Welzer tritt ein für die Verteidigung der Demokratie. Sie existiert noch. Unter demokratischen Bedingungen sei es ungefährlich, sich für Demokratie einzusetzen. Dazu fordert er auf.

Die smarte Diktatur.: Der Angriff auf unsere Freiheit
320 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
S. Fischer, Preis: 19,99 €

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