Der neue polnische Literaturstar Szczepan Twardoch stellt seinen Boxer vor

09.02.2018 at 22:15
Szczepan Twardoch im Gespräch mit Olaf Kühl

Szczepan Twardoch im Gespräch mit seinem Übersetzer Olaf Kühl

 

Das Gespräch, das Szczepan Twardoch mit Olaf Kühl am 6. Februar 2018 im Literaturhaus Stuttgart führte, war auf beiden Seiten geprägt von tiefer Kenntnis des Romans Der Boxer

Olaf Kühl ist der Übersetzer dieses bei Rowohlt am 24. Januar erschienen Romans. Olaf Kühn kennt den Roman nicht nur durch seine Übersetzertätigkeit in- und auswendig, er ist auch in der Lage, das Gespräch deutsch/polnisch zu führen.

Szczepan Twardoch, geboren 1979, ist einer der herausragenden Autoren der polnischen Gegenwartsliteratur. Mit Morfina (Morphium) gelang ihm 2012 der Durchbruch bei den polnischen Lesern. Für diesen Roman erhielt er den polnischen Kulturpreis Polityka-Passport sowie den Nike-Publikumspreis. Für den ebenfalls hochgelobten Roman Drach wurden Szczepan Twardoch und sein Übersetzer Olaf Kühl 2016 mit dem Brücke Berlin Literatur- und Übersetzerpreis geehrt.

Olaf Kühl umreißt die Handlung des Romans: Der Jude Jakub Shapiro ist ein hoffnungsvoller junger Boxer und überhaupt sehr talentiert. Das erkennt auch der mächtige Warschauer Unterweltpate Kaplica, der Shapiro zu seinem Vertrauten macht. Doch rechte Putschpläne gegen die polnische Regierung bringen das Imperium Kaplicas in Bedrängnis; er kommt in Haft, als ihm ein politischer Mord angehängt wird. Im Schatten dieser Ereignisse bricht ein regelrechter Krieg der Unterwelt los. Jakub Shapiro muss die Dinge in die Hand nehmen: Er geht gegen Feinde wie Verräter vor, beginnt – aus Leidenschaft und Kalkül – eine fatale Affäre mit der Tochter des Staatsanwalts, muss zugleich seine Frau und Kinder vor dem anschwellenden Hass schützen – und nimmt immer mehr die Rolle des Paten ein.

Wolfgang Michalek leiht Szczepan Twardoch seine Stimme

Wie spannend, solide und ansonsten gut lesbar, angereichert mit vielen historischen Details der Roman um den Aufstieg eines Verbrecherhelden zwischen Gewalt, Eleganz und Laster, seine Verletzlichkeit als Jude im Vorkriegs-Warschau ist, erfahren an diesem Abend die Zuhörer in mehreren Textpassagen, die von Wolfgang Michalek, Schauspieler am Staatstheater Stuttgart, vorgetragen werden. Mit Lederjacke bekleidet, mit Dreitagebart, in lässiger Haltung hat die „Lesestimme“ des Romans einen sichtbar großen Abstand zum Schöpfer der Geschichte, der in taubenblauen Anzug und moderner Frisur erschienen ist. In diesen Passagen wird die filmisch erzählte Geschichte erlebbar und deutlich, dass es sich um einen thrillerhaften Roman handelt, der eine eruptive Epoche geradezu körperlich macht.

Fiktiver Roman mit Anleihen an die Realität

Obwohl der Roman historische in den dreißiger Jahren verortet ist und teilweise historische Personen benannt werden, ist es doch ein fiktiver Roman mit fiktiven Figuren. Szczepan Twardoch hat bei der seiner Charakterisierung der Figuren auf reale Figuren gestützt. So gab es mafiöse Strukturen während der Regierung von Józef Piłsudski in den zwanziger Jahren. Die am Anfang der Geschichte stehende Vierteilung des Vaters des Erzählers Mojzesz Bernstein ist an eine tatsächliche Gewalttat an einem Mafia-Schuldner angelehnt. Das Boxen war in Polen zu der Zeit sehr populär. Allerdings gab es keinen Boxer, der wie Jakub Shapiro gleichzeitig ein „Pate“ war.

Männlichkeit ist nicht mit Gewalt zu verwechseln

Olaf Kühl befragt den Autor, was ihn an der Männlichkeit fasziniert. Für Szczepan Twardoch ist eine Neigung zur Gewalt nicht wichtig, um männlich zu sein. Allerdings hat ihn die Rolle der Gewalt in der Natur schon immer interessiert. Er selber habe zu Beginn seiner Recherchen zum Roman selber mit dem Boxen angefangen und weil es ihm liegt, boxt er noch heute. Dadurch konnte er die Boxszenen und das Milieu authentischer beschreiben. Für ihn als Autor ist Gewalt in der Literatur sehr attraktiv, allerdings ist sie für ihn persönlich kein Mittel, um Konflikte zu lösen. Und er ist froh, dass er in Zeiten lebt, in denen die Abwesenheit von Gewalt (von Krieg) in Europa herrscht und das seit 70 Jahren. Sein Großvater hatte dieses Glück nicht.

Literatur mit plakativ politischen Aussagen ist für Szczepan Twardoch keine gute Literatur

Angesichts des grassierenden Antisemitismus und der Ausländerfeindlichkeit, dem herrschenden Nationalismus, ist es dem Autor wichtig zu unterstreichen, dass er keinen zeitgenössischen Roman geschrieben hat, der als Parabel auf die Jetztzeit zu lesen ist. Die Gegenwart würde ihm in seinem Romanwerk entgleiten, Literatur mit politischen Aussagen sei ihm fremd. Er glaubt nicht an politische Literatur. Politik spielt zwar im Roman eine Rolle, sollte aber nicht als Ziel vor Augen sein, sonst wird Literatur schlecht.

Zu Gegenwartsfragen äußere er sich eher in seinem essayistischem Werk und im Feuilleton. Allerdings wird sein Buch von den Lesern, vor allem was die antisemitischen Aktionen der Rechtsnationalen angehen, als Anspielung auf die Gegenwart interpretiert. Für ihn seien historische Analogien nicht geeignet, die Gegenwart zu verstehen. Twardoch meint, wir sollten die Gegenwart versuchen zu verstehen ohne uns historischer Krücken zu bedienen. Die seien sogar schädlich, weil sie verhindern, die Gegenwart zu analysieren und den Gründen für die politischen Gegenwart auf den Grund zu gehen.

Obwohl er diese Aktualität für seinen Roman verneint, handelt der Roman doch von schwierigen Dingen für die Polen und es war ihm wichtig, eine Form zu wählen, die dem Leser wenig Widerstände entgegen bringt. So sind z. B. die jiddischen Dialoge in Fußnoten übersetzt. Diese sprachliche Authentizität ist ihm wichtig, denn Warschau war in den dreißiger Jahren eine zweisprachige Stadt. Bei der Abfassung der jiddischen Dialoge wurde er von einer Professorin unterstützt.

Szczepan Twardoch fühlt sich als Schlesier

Twardoch wird mal als Linker, mal als Rechter eingestuft. Wie er dazu stünde, wird er von Olaf Kühl gefragt. Eine einfache Antwort hat er darauf nicht. In wirtschaftlichen Fragen würde er sich eher im linken Lager verorten, in kulturellen Fragen vertritt er einen liberalen Standpunkt. Seine universitäre Ausbildung war allerdings konservativ geprägt. An der Schlesischen Universität in Katowice studierte er Soziologie und Philosophie. Interessant auch, dass er sich als Schlesier fühlt und in seinem Roman Drach Dialoge in schlesischem Dialekt enthalten sind. Drach soll 2018 auch in schlesischer Übersetzung erscheinen, auch wenn die Schriftsprache noch wenig normiert ist.

Der Boxer
leinengebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 464 Seiten
Rowohlt Berlin, Preis 22,95 Euro

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Den Herrschenden einen Spiegel vorgehalten

01.02.2018 at 19:35
Daniel Kehlmann in Stuttgart

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Können Schriftsteller zu Stars werden? Wer am 22.02.18 in den Hospitalhof gegangen war und die Lesung von Daniel Kehlmann im ausverkauften großen Saal des Hauses miterlebt hat, muss diese Frage mit Ja beantworten. Mittlerweile sind einige Schriftsteller in der Lage, große Säle mit ihren Lesungen zu füllen. Dabei zeigt an diesem Abend Daniel Kehlmann, dass ihm Starallüren gänzlich fremd sind. Im Gespräch mit Zeit-Redakteur Ijoma Mangold glänzt der Autor mit seiner breiten Bildung und fundiertem Wissen um den Stoff, aus der er seinen neuen Roman Tyll geschaffen hat.

Dabei hätte der 1975 in München geborene und in Wien aufgewachsene Autor allen Grund, auf seine Erfolge stolz zu sein. Immerhin erzielte alleine sein Roman Die Vermessung der Welt eine Gesamtauflage von 6 Millionen Exemplaren. Aber auch vor diesem Erfolg aus dem Jahre 2005 war er schon ein etablierter Autor. Wie in seiner Vermessung der Welt greift er in seinem neuen Buch ein historisches Thema auf. Diesmal hat er einen Roman über den 30jährigen Krieg geschrieben. Seine titelgebende Figur ist an Till Eulenspiegel angelehnt, er benutzt bewusst die uns fremde Schreibweise mit y in Tyll, quasi als Rückgriff auf das Altertum dieses Spaßmachers. Er sagt, er hätte staunend erlebt, wie sich seine Figur beim Schreiben entwickelt hätte, sie ihm aber gleichzeitig rätselhaft geblieben sei. Das würde sich in der altertümlichen Schriftweise manifestieren, die er erst in der Endphase des Schreibens gewählt hat. Zudem versetzte er Tyll aus dem 14. Jahrhundert in die Zeit des grausamen Religionskrieges in Mitteleuropa.

Es ist eine Periode des Übergangs. Die alte Ordnung scheidet sich in mühevollem Prozess von der neuen Welt. Im Zauberkessel der Magie brodeln schon die Anfänge der modernen Wissenschaft. Der Jesuit Athanasius Kircher verkörpert beides als Inquisitor und Universalgelehrter. In einem grausamen Religionskrieg wendet sich die Botschaft der Liebe in eine des Hasses. Ein Klimawandel macht die Böden unfruchtbar. Es scheint die Zeit der Apokalypse sei angebrochen.

Tyll bleibt in vielen Kapiteln eine Nebenfigur, wie einer, der am Rande eines Gemäldes dargestellt ist. Tyll repräsentiert die dämonische Ebene. Er hat keine Angst vor den Mächtigen, in dessen Dienste er ist. Allerdings ist er einer, der auch keine Liebe empfinden kann.

In zwei Blöcken zwischen den Gesprächen mit Ijoma Mangold liest Daniel Kehlmann an diesem Abend aus einem der acht Kapitel in dem er das historische Unglücksrabenpaar, die englische Prinzessin Elisabeth Stuart und ihren Mann, den pfälzischen Kurgraf Friedrich V, auf den drall-pfiffigen Schweden-König Gustav Adolf in seinem Feldlager treffen lässt. Kurgraf Friedrich V wähnt sich Gustav Adolf ebenbürtig. Er, der sich in Prag zum König hat krönen lassen und dadurch erst das ganze Kriegsschlammassel ausgelöst hat. Der Schwedenkönig belehrt ihn eines Besseren.

Zum Schluss diskutieren Kehlmann und Mangold die Frage, ob es im 30jährigen Krieg wirklich um Religion ging und zogen Parallelen zum Kalten Krieg, in dem es auch um Ideologien ging aber doch vor allem um die Ausdehnung der Hegemonieräume. Ähnlich wie wir es heute in der islamischen Welt sehen, wo z. B. das arabische Königshaus islamische Terroristen unterstützt. Mit dieser Betrachtung schlagen Daniel Kehlmann und Ijoma Mangold den Bogen vom Barock zur Neuzeit.

Tyll
gebunden mit Schutzumschlag, 480 Seiten
Rowohlt-Verlag, Preis 22,95 Euro

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Fiktion & Gesellschaft – Über Feminismus heute

19.10.2017 at 22:00
Shida Bazyar und Lena Vöcklinghaus im Literaturhaus Stuttgart

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So war die Veranstaltung am Mittwoch, 18. Oktober 2017 im Literaturhaus überschrieben. Geplant war ein moderiertes Gespräch zwischen der Autorin Shida Bazyar und der Autorin und Kolumnistin Margarete Stokowski. Gerade hat sie ein Buch mit dem Titel untenrum frei veröffentlicht, in dem sie gewohnt scharf die Beweglichkeiten und Beharrungskräfte unserer heutigen Konzepte von Männlich- und Weiblichkeit analysiert und die sich daraus ergebenen politischen Implikationen beschreibt. Im Gespräch mit der Moderatorin Lena Vöcklinghaus wollten die beiden Autorinnen der Frage nachgehen, warum der Feminismus gerade heute von großer Bedeutung ist. Leider musste die Leiterin des Literaturhauses Stuttgart, Dr. Stefanie Stegmann, Margarete Stokowski entschuldigen, sie ist erkrankt. Das Feminismusthema ist dem Literaturhaus sehr wichtig, so dass eine eigene kleine Reihe geplant ist, zu der Margarete Stokowski eingeladen wird.

Shida Bazyar liest einen Ausschnitt aus dem dritten Teil ihres Romans Nachts ist es leise in Teheran. In diesem Teil wird aus der Sicht der Tochter Laleh die Situation der Frauen im Iran beschrieben. Nach Jahren des Exils ist das die erste Reise die die Mutter mit ihrer Tochter dorthin unternimmt.

Das anschließende Gespräch kreist mehr oder weniger um ein Dossier des »Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken«, in dem über strukturelle Probleme, Sexismus und Machtgefälle an Schreibschulen geschrieben worden ist. Auch Shida Bazyar hatte einen Artikel zu dem Dossier geliefert. Lena Vöcklinghaus hatte das Dossier heraus gebracht und war wie auch Frau Bazyar an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. Beide haben dort literarisches Schreiben studiert. Shida Bazyar richtet in ihrem Artikel mehr den Blick auf den Rassismus denn auf den Sexismus.

Die Rassismuserfahrungen, von denen die deutsche Autorin Shida Bazyar berichtet und über die sie auch in ihrem Text: Bastelstunde in Hildesheim oder warum ich in Hildesheim lernte, dass der eine –ismus mich davon abhält über den anderen zu reden schreibt, sind erschreckend. Sie liest den ihren gesamten Beitrag aus dem Dossier. Schon der Eingangssatz beschreibt Shida Bazyars ganze Wut:

„In den fünf Jahren Lebenszeit, die ich in Hildesheim studiert habe, habe ich meine Dreads verloren, aufgehört bunte Röcke über Ringelstrumpfhosen zu tragen und angefangen, ziemlich wütend zu werden. Ich hatte einen schmerzhaften und traurigen Prozess zu verarbeiten, in dem ich einsah, wie die Strukturen aussehen, in denen wir leben und inwiefern sie mich, als nicht-weiße Frau, strukturelles Arbeiterkind mit Migrationsgeschichte, beeinflussen.“

Sie beschreibt in dem Artikel den täglichen Rassismus, den sie als nichtweiße Frau (so bezeichnet sie sich) erleben muss. Dass sie am Institut die einzige nicht-weiße Person in den Seminaren ist, in denen keine Texte von anderen nicht-weißen Menschen oder über andere nicht-weiße Menschen gelesen werden. Dass sie meistens drei Mal ihre Meinung sagen muss, um gehört zu werden, was ihren weißen Mitstudierenden nicht passiert. Es sind offensichtlich diese subtilen unter der Oberfläche verankerten Strukturen, die zeigen, dass Deutschland weit davon entfernt ist, Rassismus überwunden zu haben. Ein Rassismus, der Kinder von Migranten, obwohl sie seit Generationen bei uns leben und Deutsche sind, ausgrenzt. Über die Haut- oder Haarfarbe, fast immer über den Namen („der klingt aber fremdländisch, wo kommen Sie denn her?“)

Man hätte an diesem Abend nicht nur etwas über Rassismus lernen können, sondern auch über Sexismus, dem anderen –ismus, den Shida Bazyar erwähnte, wäre Margarete Stokowski an der Diskussion beteiligt. So bleibt zu bedauern, dass dem Gespräch eine echte Gegenposition fehlt Die beiden Frauen kennen sich einfach zu gut aus Hildesheim. So hatte man streckenweise den Eindruck, das Gespräch ähnelt einer Fahrt mit dem Landrover durch die Sahara, bei dem sich die Räder langsam aber sicher mehr und mehr im Sand festfahren.

Wolf Biermann stellt seine Biografie im Hospitalhof vor

16.05.2017 at 14:16
Wolf Biermann

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In der Reihe „Köpfe der Zeit“ war Wolf Biermann am Sonntag, 14. Mai 2017 im Hospitalhof. Das Literaturhaus Stuttgart richtet diese Veranstaltung im großen Saal aus und dieser war bis auf den letzten Platz besetzt, um dem begnadeten Liedermacher zuzuhören.

Dem Moderator Wieland Backes fällt es an diesem sonnigen Sonntagvormittag sichtlich schwer, das Gespräch mit dem „Erzähler“ Wolf Biermann in durch Moderation eingehegten Bahnen zu halten. Wolf Biermann ist nicht zu bremsen, wenn es darum geht, Geschichten aus seinem schillernden Leben zu erzählen. Sein Ziehsohn Manuel übernimmt die Lesung aus der Biermanns Autobiografie, die der achtzigjährige gerade unter dem Titel Warte nicht auf bessere Zeiten! vorgelegt hat. Die Mutter von Manuel, Brigitte Soubeyran, siedelte mit Manuel als Baby 1958 aus Frankreich in die DDR über, aus politischer Überzeugung und weil es in der DDR aus ihrer Sicht das bessere Theater gab. Am Berliner Ensemble (BE) traf sie einen jungen Regieassistenten. Das war Wolf Biermann. Sie wurden ein Liebespaar, aber auch ein Theaterkunstpaar. 1961 gründeten sie zusammen das Berliner Arbeiter- und Studententheater, das heute noch als Studiotheater der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ bekannt ist. Zu der Zeit war Wolf noch nicht der Biermann. Sie hat ihn zum Liedermachen und Singen ermuntert und auch seinen Bart kreiert, weil sie wollte, dass er ein bisschen so aussieht wie der französische Chansonnier Georges Brassens. Den Bart trägt er heute noch, wenn dieser auch ergraut ist.

Wolf Biermann eine Symbolfigur aus dem zweigeteilten Deutschland

Wolf Biermann zählt zu den großen Symbolfiguren aus der Zeit des zweigeteilten Deutschland. Seine Lieder wurden im Westen zu Hymnen, im Osten waren sie untersagt, ihr Schöpfer wurde mit Auftrittsverboten belegt. Nach einer Konzerttour in den Westen verweigerte ihm das DDR-Regime 1976 die Wiedereinreise.

Aber an diesem Morgen beginnt er mit seiner Zeitreise durch sein bewegtes Leben als kleiner Knirps in Hamburg. Nur von seiner kommunistischen Mutter aufgezogen. Sein Vater saß im Lager, den er dort besuchte und den die Faschisten ermordeten. Sein Ziehsohn liest von dem Feuersturm über Hamburg, den Biermann als Junge erlebte. Er wuchs mit dem Auftrag auf, die Menschheit zu retten, seinen Vater zu rächen und nebenbei den Kommunismus aufzubauen. Und weil er seiner Mutter diesen kleinen Gefallen tun wollte, ging er eben mit sechzehn Jahren 1953 nach Osten und wurde ein DDR-Bürger. Und noch heute meint er darüber, das es das Beste war, was er in seinem ganzen Leben gemacht hat. „Ich musste die Lektion lernen, im Vaterland aller Werktätigen, im Arbeiter- und Bauernparadies wirklich zu leben, und nicht nur als Revolutionstourist mal eben vorbeischnuppern. Und wenn ich das nicht gemacht hätte, wäre ich ja gar nicht der Biermann geworden.“

Schon in der Schule ein Widerspruchsgeist

Wie es ihm dort erging, erfahren wir wieder durch einen kleinen Textauszug: Einige evangelische Jugendliche an seiner Schule in Gadebusch bei Schwerin sollen der „Neuen Gemeinde“ abschwören und er erlebt, wie ein junges Mädchen standhaft für ihren Glauben eintritt. Dieser Widerspruchsgeist, dieser aufrechte Gang, hat ihm sehr imponiert.

In Berlin studierte er zuerst Politische Ökonomie an der Humboldt-Universität (auf Anraten seiner Mutter, die meinte, die Regierung in der DDR bräuchte hier kluge Köpfe). Dieses Studium brach er jedoch ab, um als Regieassistent am Berliner Ensemble tätig zu sein. Danach studierte er bis 1963 an der Humboldt-Universität Philosophie und Mathematik.

Sein Weg als Lyriker und Sänger

Wolf Biermann begann Gedichte und Lieder zu schreiben. 1961 gründete er in Ost-Berlin das Berliner Arbeiter-Theater. Seine Inszenierung des Stückes Berliner Brautgang, wurde verboten, das Thema Mauerbau war zu brisant und noch vor der Premiere 1963 musste das Theater geschlossen werden. Seit dieser Zeit stand er immerzu unter Beobachtung der STASI. Wie die ihn überwachten, beschreibt er in eindrucksvollen Bildern.

1976 wird Biermann von der IG Metall zu einer Konzertreise in die Bundesrepublik Deutschland eingeladen, wofür ihm die Behörden der DDR eine Reisegenehmigung erteilten. Dieses Konzert diente dem Politbüro der SED als Vorwand für die Ausbürgerung „wegen grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten“. Eine breite Solidaritätskampagne setzte daraufhin für ihn ein. Viele, auch prominente Personen, in Ost und West protestierten gegen Biermanns Ausbürgerung. Zwölf namhafte DDR-Schriftsteller, unterzeichneten einen von Stephan Hermlin initiierten offenen Brief an die DDR-Führung, in dem sie an diese appellierten, die Ausbürgerung Biermanns zurückzunehmen. Es half nichts.

Wolf Biermann bricht spät mit dem Kommunismus

Sein Bruch mit dem Kommunismus kam jedoch erst viele später. Er wollte die Idee, für die sein Vater und so viele Genossen in den Tod gegangen sind, nicht verraten. Erst die Begegnung mit dem Schriftsteller, Sozialpsychologen und Philosophen Manès Sperber in Paris, brachte ihn zu dem Schritt mit dem Kommunismus zu brechen. Sperber hatte ihm „wie ein guter Zahnarzt mit Betäubungsspritze den kommunistischen Backenzahn gezogen, der schon vergammelt war“, wie Biermann beschreibt. „Er hat mich ermutigt, den Bruch zu wagen, ohne meinen toten Vater zu ermorden. Endlich begriff ich im Herzen, was ich im Kopf schon wusste.“

Was ist für Wolf Biermann an die Stelle der kommunistischen Idee getreten, fragt man sich und es scheint diese „hoffnungslose Hoffnung auf die Vernunft des Menschen“ zu sein, lautet seine Antwort. Sein Leben fasst er zum Schluss in dem Gedicht Bilanzballade im achtzigsten Jahr aus seinem neuen Band Im Bernstein der Balladen: Lieder und Gedichte zusammen. Damit schließt sich der Kreis zu seinem Gedicht „An die alten Genossen“, mit dem er die Funktionäre der SED in der Ost-Berliner Akademie der Künste am 11. Dezember 1962 aufgebracht hatte. (Einspielung siehe hier.)

Warte nicht auf bessere Zeiten!
Die Autobiografie

576 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Propyläen Verlag, Preis 28,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Stuttgart liest ein Buch mit Shida Bazyar

11.03.2017 at 9:07
Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar

Im Schriftstellerhaus haben die Vorbereitungen zu Stuttgart liest ein Buch begonnen. Foto: © S. Martin

 

Im Oktober ist es wieder soweit. Stuttgart liest ein Buch. Zum dritten Mal veranstaltet das Schriftstellerhaus dieses literarische Festival, bei dem ein Buch im Mittelpunkt steht. Dieses Jahr ist es Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar. Die junge Autorin mit iranischen Familienwurzeln las in der Reihe Literatur im Salon im Sommer letzten Jahres aus ihrem Debütroman und eroberte im Sturm die Herzen der Vorsitzenden des Schriftstellerhaus-Vereins und dessen Geschäftsführerin. Es war leicht, mit diesem Erlebnis die an dem Projekt beteiligten Kooperationspartner für das Buch und das Thema des Buches zu begeistern, das uns seit vielen Monaten beschäftigt: Flucht, Vertreibung, Integration in eine fremde Kultur.

Shida Bazyar verwendet vier Erzählstimmen

Dies alles erzählt Shida Bazyar mit leichter Hand, humorvoll und voller Empathie für ihre vier Protagonisten, die in jeweils einem Abschnitt des Buches ihre Lebenswirklichkeit erzählen. Da ist der Vater, der mit seiner Frau 1979 aus dem Iran fliehen musste, da er als kommunistischer Aktivist den bei den Mullahs in Ungnade fiel. Er erzählt von seinen politischen Aktionen und wie er seine Frau kennen lernte mit der er dann aus dem Iran nach Deutschland flieht. In einer Kleinstadt finden er, seine Frau und seine kleinen Kinder Zuflucht. Zehn Jahre später erzählt seine Frau von den Bemühungen der Familie, sich in Deutschland zu integrieren. Über 4 Jahrzehnte erstreckt sich der erzählerische Bogen, den Shida Bazyar aufspannt, bis hin zur grünen Revolution von 2009. Ausführliche Rezensionen hier und hier.

Das Projekt Stuttgart liest ein Buch nimmt Form an

Die Vorbereitungsgruppe, bestehend aus den VertreterInnen der Projektpartner, hat ihre Arbeit aufgenommen, um ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm für die Zeit zwischen dem 17. Oktober und dem 27. Oktober 2017 zusammen zu stellen. Im Einzelnen sind dies:

  • das Schriftstellerhaus
  • das Literaturhaus Stuttgart,
  • die Stadtbibliothek Stuttgart
  • die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart
  • die Schiller Buchhandlung
  • das Evangelische Bildungswerk Hospitalhof Stuttgart
  • der Börsenverein des Deutschen Buchhandels
  • die Volkshochschule Stuttgart

Die Projektleitung hat die Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, Astrid Braun, inne. Das Schriftstellerhaus hat für das Projekt bereits einen Internetauftritt gestaltet, siehe hier. Alle Neuigkeiten werden auch über Facebook und Twitter verbreitet.