Wolf Biermann stellt seine Biografie im Hospitalhof vor

16.05.2017 at 14:16
Wolf Biermann

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In der Reihe „Köpfe der Zeit“ war Wolf Biermann am Sonntag, 14. Mai 2017 im Hospitalhof. Das Literaturhaus Stuttgart richtet diese Veranstaltung im großen Saal aus und dieser war bis auf den letzten Platz besetzt, um dem begnadeten Liedermacher zuzuhören.

Dem Moderator Wieland Backes fällt es an diesem sonnigen Sonntagvormittag sichtlich schwer, das Gespräch mit dem „Erzähler“ Wolf Biermann in durch Moderation eingehegten Bahnen zu halten. Wolf Biermann ist nicht zu bremsen, wenn es darum geht, Geschichten aus seinem schillernden Leben zu erzählen. Sein Ziehsohn Manuel übernimmt die Lesung aus der Biermanns Autobiografie, die der achtzigjährige gerade unter dem Titel Warte nicht auf bessere Zeiten! vorgelegt hat. Die Mutter von Manuel, Brigitte Soubeyran, siedelte mit Manuel als Baby 1958 aus Frankreich in die DDR über, aus politischer Überzeugung und weil es in der DDR aus ihrer Sicht das bessere Theater gab. Am Berliner Ensemble (BE) traf sie einen jungen Regieassistenten. Das war Wolf Biermann. Sie wurden ein Liebespaar, aber auch ein Theaterkunstpaar. 1961 gründeten sie zusammen das Berliner Arbeiter- und Studententheater, das heute noch als Studiotheater der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ bekannt ist. Zu der Zeit war Wolf noch nicht der Biermann. Sie hat ihn zum Liedermachen und Singen ermuntert und auch seinen Bart kreiert, weil sie wollte, dass er ein bisschen so aussieht wie der französische Chansonnier Georges Brassens. Den Bart trägt er heute noch, wenn dieser auch ergraut ist.

Wolf Biermann eine Symbolfigur aus dem zweigeteilten Deutschland

Wolf Biermann zählt zu den großen Symbolfiguren aus der Zeit des zweigeteilten Deutschland. Seine Lieder wurden im Westen zu Hymnen, im Osten waren sie untersagt, ihr Schöpfer wurde mit Auftrittsverboten belegt. Nach einer Konzerttour in den Westen verweigerte ihm das DDR-Regime 1976 die Wiedereinreise.

Aber an diesem Morgen beginnt er mit seiner Zeitreise durch sein bewegtes Leben als kleiner Knirps in Hamburg. Nur von seiner kommunistischen Mutter aufgezogen. Sein Vater saß im Lager, den er dort besuchte und den die Faschisten ermordeten. Sein Ziehsohn liest von dem Feuersturm über Hamburg, den Biermann als Junge erlebte. Er wuchs mit dem Auftrag auf, die Menschheit zu retten, seinen Vater zu rächen und nebenbei den Kommunismus aufzubauen. Und weil er seiner Mutter diesen kleinen Gefallen tun wollte, ging er eben mit sechzehn Jahren 1953 nach Osten und wurde ein DDR-Bürger. Und noch heute meint er darüber, das es das Beste war, was er in seinem ganzen Leben gemacht hat. „Ich musste die Lektion lernen, im Vaterland aller Werktätigen, im Arbeiter- und Bauernparadies wirklich zu leben, und nicht nur als Revolutionstourist mal eben vorbeischnuppern. Und wenn ich das nicht gemacht hätte, wäre ich ja gar nicht der Biermann geworden.“

Schon in der Schule ein Widerspruchsgeist

Wie es ihm dort erging, erfahren wir wieder durch einen kleinen Textauszug: Einige evangelische Jugendliche an seiner Schule in Gadebusch bei Schwerin sollen der „Neuen Gemeinde“ abschwören und er erlebt, wie ein junges Mädchen standhaft für ihren Glauben eintritt. Dieser Widerspruchsgeist, dieser aufrechte Gang, hat ihm sehr imponiert.

In Berlin studierte er zuerst Politische Ökonomie an der Humboldt-Universität (auf Anraten seiner Mutter, die meinte, die Regierung in der DDR bräuchte hier kluge Köpfe). Dieses Studium brach er jedoch ab, um als Regieassistent am Berliner Ensemble tätig zu sein. Danach studierte er bis 1963 an der Humboldt-Universität Philosophie und Mathematik.

Sein Weg als Lyriker und Sänger

Wolf Biermann begann Gedichte und Lieder zu schreiben. 1961 gründete er in Ost-Berlin das Berliner Arbeiter-Theater. Seine Inszenierung des Stückes Berliner Brautgang, wurde verboten, das Thema Mauerbau war zu brisant und noch vor der Premiere 1963 musste das Theater geschlossen werden. Seit dieser Zeit stand er immerzu unter Beobachtung der STASI. Wie die ihn überwachten, beschreibt er in eindrucksvollen Bildern.

1976 wird Biermann von der IG Metall zu einer Konzertreise in die Bundesrepublik Deutschland eingeladen, wofür ihm die Behörden der DDR eine Reisegenehmigung erteilten. Dieses Konzert diente dem Politbüro der SED als Vorwand für die Ausbürgerung „wegen grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten“. Eine breite Solidaritätskampagne setzte daraufhin für ihn ein. Viele, auch prominente Personen, in Ost und West protestierten gegen Biermanns Ausbürgerung. Zwölf namhafte DDR-Schriftsteller, unterzeichneten einen von Stephan Hermlin initiierten offenen Brief an die DDR-Führung, in dem sie an diese appellierten, die Ausbürgerung Biermanns zurückzunehmen. Es half nichts.

Wolf Biermann bricht spät mit dem Kommunismus

Sein Bruch mit dem Kommunismus kam jedoch erst viele später. Er wollte die Idee, für die sein Vater und so viele Genossen in den Tod gegangen sind, nicht verraten. Erst die Begegnung mit dem Schriftsteller, Sozialpsychologen und Philosophen Manès Sperber in Paris, brachte ihn zu dem Schritt mit dem Kommunismus zu brechen. Sperber hatte ihm „wie ein guter Zahnarzt mit Betäubungsspritze den kommunistischen Backenzahn gezogen, der schon vergammelt war“, wie Biermann beschreibt. „Er hat mich ermutigt, den Bruch zu wagen, ohne meinen toten Vater zu ermorden. Endlich begriff ich im Herzen, was ich im Kopf schon wusste.“

Was ist für Wolf Biermann an die Stelle der kommunistischen Idee getreten, fragt man sich und es scheint diese „hoffnungslose Hoffnung auf die Vernunft des Menschen“ zu sein, lautet seine Antwort. Sein Leben fasst er zum Schluss in dem Gedicht Bilanzballade im achtzigsten Jahr aus seinem neuen Band Im Bernstein der Balladen: Lieder und Gedichte zusammen. Damit schließt sich der Kreis zu seinem Gedicht „An die alten Genossen“, mit dem er die Funktionäre der SED in der Ost-Berliner Akademie der Künste am 11. Dezember 1962 aufgebracht hatte. (Einspielung siehe hier.)

Warte nicht auf bessere Zeiten!
Die Autobiografie

576 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Propyläen Verlag, Preis 28,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Stuttgart liest ein Buch mit Shida Bazyar

11.03.2017 at 9:07
Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar

Im Schriftstellerhaus haben die Vorbereitungen zu Stuttgart liest ein Buch begonnen. Foto: © S. Martin

 

Im Oktober ist es wieder soweit. Stuttgart liest ein Buch. Zum dritten Mal veranstaltet das Schriftstellerhaus dieses literarische Festival, bei dem ein Buch im Mittelpunkt steht. Dieses Jahr ist es Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar. Die junge Autorin mit iranischen Familienwurzeln las in der Reihe Literatur im Salon im Sommer letzten Jahres aus ihrem Debütroman und eroberte im Sturm die Herzen der Vorsitzenden des Schriftstellerhaus-Vereins und dessen Geschäftsführerin. Es war leicht, mit diesem Erlebnis die an dem Projekt beteiligten Kooperationspartner für das Buch und das Thema des Buches zu begeistern, das uns seit vielen Monaten beschäftigt: Flucht, Vertreibung, Integration in eine fremde Kultur.

Shida Bazyar verwendet vier Erzählstimmen

Dies alles erzählt Shida Bazyar mit leichter Hand, humorvoll und voller Empathie für ihre vier Protagonisten, die in jeweils einem Abschnitt des Buches ihre Lebenswirklichkeit erzählen. Da ist der Vater, der mit seiner Frau 1979 aus dem Iran fliehen musste, da er als kommunistischer Aktivist den bei den Mullahs in Ungnade fiel. Er erzählt von seinen politischen Aktionen und wie er seine Frau kennen lernte mit der er dann aus dem Iran nach Deutschland flieht. In einer Kleinstadt finden er, seine Frau und seine kleinen Kinder Zuflucht. Zehn Jahre später erzählt seine Frau von den Bemühungen der Familie, sich in Deutschland zu integrieren. Über 4 Jahrzehnte erstreckt sich der erzählerische Bogen, den Shida Bazyar aufspannt, bis hin zur grünen Revolution von 2009. Ausführliche Rezensionen hier und hier.

Das Projekt Stuttgart liest ein Buch nimmt Form an

Die Vorbereitungsgruppe, bestehend aus den VertreterInnen der Projektpartner, hat ihre Arbeit aufgenommen, um ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm für die Zeit zwischen dem 17. Oktober und dem 27. Oktober 2017 zusammen zu stellen. Im Einzelnen sind dies:

  • das Schriftstellerhaus
  • das Literaturhaus Stuttgart,
  • die Stadtbibliothek Stuttgart
  • die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart
  • die Schiller Buchhandlung
  • das Evangelische Bildungswerk Hospitalhof Stuttgart
  • der Börsenverein des Deutschen Buchhandels
  • die Volkshochschule Stuttgart

Die Projektleitung hat die Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, Astrid Braun, inne. Das Schriftstellerhaus hat für das Projekt bereits einen Internetauftritt gestaltet, siehe hier. Alle Neuigkeiten werden auch über Facebook und Twitter verbreitet.

„Das Schloss“ im Staatstheater Stuttgart

25.11.2016 at 13:54
Bühnenbild "Das Schloss" von David Hohmann (Foto: © David Hohmann)

Bühnenbild „Das Schloss“ von David Hohmann (Foto: © David Hohmann)

 

K., der nie die Regeln der fremden Welt verstehen und nie das begehrte Schloss erreichen wird, wurde zu Hauptfigur von Kafas Werk „Das Schloss“. Die Geschichte von K. beendet Kafka nicht mehr, vielmehr bricht sie mitten im Satz ab und bleibt ein Fragment mit offenem Ausgang. Was geschieht, wenn auf Basis eines Literaturklassikers kreative Köpfe sich des Stoffes annehmen? Es begann 2013 im Literaturhaus Stuttgart mit einer Comic-Ausstellung. (Siehe Bericht dazu hier im Elsternest). Eine siebenköpfige Band formierte sich um den Musiker und Comiczeichner Jaromír 99 und gab sich den Namen „Kafka Band“.

In einer sprachen- und grenzüberschreitenden musikalischen Inszenierung brachten Mitglieder des Bremer Theaterensembles zusammen mit der Prager Kafka Band und Jaroslav Rudiš, dem tschechischen Schriftsteller, Kafkas Welt auf die Bühne. Nach vielen gefeierten Aufführungen kam das Stück auf Einladung des Literaturhauses am 19. November 2016 zurück nach Stuttgart. Die Aufführung war Teil des Festes zum 15. Geburtstag des Literaturhauses Stuttgart.

Ein perfektes Bühnenbild

Eine riesige Kurparkkonzertmuschel wölbte sich über die Bühne. Die Songtexte liefert der Roman, Kafkas deutsche Sprache mischt sich mit tschechischen Refrains. Die Musik: düster und rau, zugleich zart und zerbrechlich. Sie legt die existenziellen Gefühle in Franz Kafkas Romanfragment offen.

Landvermesser K. wird als Fremder von der hermetischen Schlossgemeinschaft engagiert, die behauptet, seine Arbeit würden nicht benötigt. K. wird abgelehnt, bleibt ein Überzähliger. Das ist die Grundsituation. „Der Winter ist bei uns lang und auch im Sommer fällt manchmal Schnee“, heißt es zur düsteren Atmosphäre der Ausweglosigkeit. Die wird mit Kafkas Worten und mit rhythmisch fein ziseliertem, an- und abschwellendem Melancholie-Poprock intoniert, dabei angenehm melodieselig zum Schweben gebracht.

Das Schloss: Der Autor Jaroslav Rudiš 2013 im Schriftstellerhaus

Der Autor Jaroslav Rudiš 2013 im Schriftstellerhaus

Jaroslav Rudiš führte dazu in einem Interview aus:
„Eigentlich weiß man nicht, warum K. ins Dorf geflüchtet ist. Nur, dass er nicht ankommt und fremd bleibt. Es gibt eine Stelle, die es ganz gut beschreibt. Sinngemäß heißt es da: Du bist nicht aus dem Schloss, du bist nicht aus dem Dorf, du bist nur eins – ein Fremder. Vielleicht ist das deshalb auch so, weil er deutsch spricht und es zwischen ihm und den tschechisch-sprachigen Dorfbewohnern zu Missverständnissen kommt.“

Labyrinthische Architektur der Erzählung

Die Regie verweigert naheliegende Interpretationen, beispielsweise die labyrinthische Architektur der Erzählung als Signatur einer pessimistisch reflektierten Bürokratie-Moderne. Das Bühnenbild von David Hohmann setzt die Ausweglosigkeit mit seiner „Muschel“ perfekt in Szene, die sich über das Geschehen wölbt. Mit ständigen Rollenwechseln des Ensembles wird die Handlung in modellhafte Szenen zerlegt, das Thema Fremdsein variiert in Fragen nach Identität, Erfahrungen der Vereinnahmung und der Ausgrenzung, des Ankommens und Ausgeliefertseins. Das Hamsterrad der Aussichtslosigkeit wird mit Laufbändern dargestellt, auf denen das Schauspielerquartett immer wieder läuft, ohne je voranzukommen: „Wir laufen durch die Nacht und nichts kann uns aufhalten.“

Eine die Sinne ansprechende Aufführung formt alles zu einer existenziellen Grundsituation

Per Videoprojektion verschwimmen die Buchstaben der Kafka-Sätze und purzeln durcheinander. K. versucht vergeblich, das Chaos zu ordnen, Orientierung herzustellen in diesem mysteriösen Dasein. Die projizierten Bilder stammen von Jaromír 99, der seinem holzschnittartigen Comiczeichenstil auch hier treu bleibt, den wir aus der Graphic Novel „Alois Nebel“ kennen.

Regie: Alexander Riemenschneider
Bühnenbearbeitung: Jaroslav Rudiš, Alexander Riemenschneider
Es spielen: Guido Gallmann, Robin Sondermann, Franziska Schubert, Alexander Swoboda
Kafka Band: A.m. Almela, Jiří Hradil, Zdeněk Jurčík, Dušan Neuwerth, Tomáš Neuwerth, Jaroslav Rudiš, Jaromír 99
Künstlerische Gestaltung: Jaromír 99
Dramaturgie: Viktorie Knotková

Carolin Emcke versucht den Hass zu ergründen und schreibt gegen ihn an

15.11.2016 at 14:39
Carolin Emcke im Gespräch mit Insa Wilke

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Carolin Emcke ist ein gern gesehener Gast im Literaturhaus Stuttgart. Es ist ihr dritter Besuch im Haus der Literatur. Die Moderatorin Insa Wilke gratuliert Carolin Emcke noch einmal herzlich zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und das zahlreiche Publikum spendet großen Beifall. Insa Wilke hebt die Bedeutung des Friedenspreises hervor, gerade heute, am 9. November, der für Pogrom und Mauerfall steht. Und: An diesem Tag haben wir von der Wahl Donald Trumps ins Weiße Haus gehört. Dieser US-amerikanische Populist hat mit Ausgrenzung und Hassbotschaften eine Mehrheit hinter sich bringen können.

Die AfD setzt zum Sprung in den Bundestag an, mit Ressentiments und Fremdenhass. In Landesparlamenten hat sie längst mit ihren Abgeordneten Platz genommen.

Carolin Emcke hat ein wichtiges Buch vorgelegt

Da ist Carolin Emckes Buch „Gegen den Hass“ eine wertvolle Lektüre. Die ehemalige Kriegsreporterin wollte ein Buch schreiben, das dieses Phänomen beschreibt und klar benennt ohne dass sie sich selber aus dem Spiel nimmt.

Mit ihrem Lektor Peter Sillem vom S. Fischer Verlag hat sie viele Gespräche geführt, hat gerätselt, was und warum sich um uns herum politisch und in der Öffentlichkeit so viel verändert. Hat den Zustand der zunehmenden Verrohung (nicht nur der Sprache) in den Blick genommen.

Ausgrenzung hat uralte Wurzeln

Schon als Journalistin hat sie auf ihre Artikel abwertende Leserbriefe bekommen. Oft anonym, mit der Maschine geschrieben. Heute schreiben die Leute ihre Hassbotschaften mit Klarnamen. Das sei eine neue Qualität. Es wird nicht mehr in der Anonymität gehasst, sondern öffentlich. Für die Philosophin und Autorin ist Schreiben eine Form der Reflexion aber  trotz intensiven Nachdenkens hat sie bis heute keine schlüssige Theorie entwickeln könne, woher der Hass kommt. Doch während sie  auf der Suche nach einer Antwort auf das Phänomen ist, läuft die Zeit davon, gegen den Hass etwas zu unternehmen, merkt sie selbstkritisch an..

Hass ist von Angst grundverschieden. Hass braucht ein Objekt und hat vor diesem keine Angst. Hass sucht die Nähe zum Objekt des Hasses. Angst sucht die Distanz, zeichnet sich durch Flucht, auch Ekel aus. Der Hass wird systematisch vorbereitet, wird geformt, so ihre These. Nicht in erster Linie auf der Straße sondern auf Foren im Internet, in sozialen Netzwerken, durch einschlägige rechte Lieder etc.

Die Beispiele der Ausgrenzung sind willkürlich. Carolin Emcke greift auf einen alttestamentarischen Text zurück. Im Buch der Richter wird beschrieben, wie Menschen ausgegrenzt werden, die das Wort „Shibbolet“ nicht richtig betont aussprechen. Nur durch eine andere Sprechweise werden Menschen stigmatisiert und in Folge getötet. (Siehe hier Buch der Richter 12. 5,6)

Gefühle sind keine Argumente

Ungefilterte Gefühle der „besorgten“ Bürger sollen wir ernst nehmen, sie als Pack zu beschimpfen ändert nichts. Jedoch sind ihre Handlungen und Sprechweisen als Personen zu verurteilen, wenn sie sich „hassend“ in der Öffentlichkeit zeigen. Dabei sollten Gefühle nicht als Argument dienen. Das Gefühl „wir schaffen das nicht“ ist angesichts der Tatsachen und Umstände völlig „irre“ und zeugt von Selbstmitleid, aus der Brutalität erwachsen kann.
Carolin Emcke appelliert an gegenseitige Milde und dass wir uns in der Auseinandersetzung Zeit nehmen müssen.

Ein Wort zu Donald Trump

Zum Schluss des Abends kommt der Wahlsieg von Donald Trump zur Sprache. Sein Wahlkampf war geprägt von Hass und Verunglimpfung. Carolin Emcke war viel weniger überrascht, dass er die Wahl gewonnen hat, ganz anders als beim Referendum zum Brexit. Sie hätte sich nicht vorgestellt, dass die Briten für den Austritt stimmen würden. Dass Donald Trump zum Präsidenten gewählt würde, hat sie als reale Möglichkeit gesehen. Erstaunt sei sie von seiner allersten Rede, in der er die ausgrenzende Rhetorik nicht verwendet hätte. Sie sei sehr gespannt, wie dieser Mann das Amt ausfüllen wird, der Schwierigkeiten hat, sich länger als zwei Minuten auf ein Thema zu fokussieren.

Gegen den Hass
240 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
S. Fischer, Preis 20,00 €

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Harald Welzer, ein Kopf der Zeit

11.11.2016 at 23:13
Harald Welzer

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Am 6. November 2016 war in der Reihe „Köpfe der Zeit“ Harald Welzer in der Literaturhausmatinée Stuttgart zu Gast bei Talkshowlegende Wieland Backes. Eine unglückliche Wahl der Organisatoren, trifft doch Harald Welzer mit seinen technikkritischen Thesen auf einen deutlich älteren Doktor der Naturwissenschaften, dem die digitale Welt fremd zu sein scheint. Zumindest seine teils naiven Fragen lassen diesen Schluss zu: Ob er denn ein Smartphon besäße. Harald Welzer antwortet lapidar: „Natürlich nicht“. Der Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg und Lehrender an Universität St. Gallen bleibt dabei ganz locker.

Die Frage, was sich am 7. Dezember 1835 ereignete, kann Harald Welzer nicht beantworten. An diesem Datum sei die Adler als erste Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth gefahren. Und ob er denn auch gegen die Eisenbahn gewesen wäre, wie er heute gegen die digitale Kommunikation zu Felde zöge, will Wieland Backes wissen. Harald Welzer nutzt die Antwort zu einer Attacke gegen das derzeitige Bahn-Management, das nicht mehr den Schienenverkehr im Fokus habe, sondern die Profitmaximierung. Für das unter der Dauerbaustelle S21 leidende Stuttgarter Publikum im Saal ist das eine nachvollziehbare These.

Die Unterschiede in den Technologien

Im weiteren Verlauf des Gespräches macht Harald Welzer deutlich, was der Unterschied der digitalen Revolution, am Beispiel der Smartphones, und den vorhergehenden Technologien ist. Schon das Fernsehen habe die Kommunikation verändert aber die Veränderung der Kommunikation durch die Handy-Technologie sei ungleich größer. Es wird mit dem Smartphone nicht nur kommuniziert, es wird auch flächendeckend überwacht. Durch einige wenige IT-Unternehmen, die Daten für ihre Zwecke ausnutzen, die ihnen die Benutzer freiwillig liefern. Der kulturelle Gebrauch der Technik sei bei der Eisenbahn oder auch später beim Auto mit dem Smartphone, das jeden Lebensbereich durchdringt, nicht zu vergleichen.

Als Beispiel führt er die Veränderung der öffentlichen Rede an. Noch vor zehn Jahren sei bei Podiumsdiskussionen anders gesprochen worden als heute, wo permanent die Gefahr besteht, dass irgendeiner mit seinem Smartphone eine Aufzeichnung macht und diese ins Netz stellt. Gedanken, die noch in der Entwicklung sind, könnten durch die Aufzeichnung und das Nichtvergessen des Internets gegen den Redner in Stellung gebracht werden. Das Vergessen sei aber eine wichtige menschliche Eigenschaft, die dadurch zerstört würde.

Ausschluss von Bürgern

Menschen werden von der Gesellschaft ausgeschlossen, wenn sie kein Smartphone besäßen. Zunehmend wird z. B. die Funktion einer Fahrkarte für den öffentlichen Personenverkehr auf das Handy verlagert. Auch öffentliche Einrichtungen böten immer mehr ihre Dienste über Apps an.

Zugriff auf Daten ermöglicht hohe Transparenz

Die Smartphone-Benutzer bewegen sich in einer eigenen „Bubbel“. Nachrichten, Kontakte, Kommunikation werden, z. B. über das „soziale“ Netzwerk Facebook, abgewickelt. Der Gründer und Vorstand dieser Firma, Marc Zuckerberg, hat Zugriff auf die Daten von über 1,8 Milliarden Menschen weltweit. Für Zuckerberg ergibt sich daraus eine totale Transparenz seiner Nutzer. Die Privatheit wird zerstört. Peer Steinbrück hat einmal gesagt: „Totale Transparenz gibt es nur in Diktaturen.“ Was anderes ist dann Facebook?

Die Suche nach Menschenfleisch

Der chinesische Begriff „Renrou Sousuo“ bedeutet: Suchmaschine für Menschenfleisch. Jeder Internetnutzer in China kennt den Begriff, der mit der Vernetzung des Reiches der Mitte entstand. Chinas Aufruf zur Menschenjagd könnte ein Vorbote dessen sein, was dem Rest der digitalisierten Menschheit blüht, erläutert Welzer an einem Beispiel der Auseinandersetzung zweier Autofahrer. Davon sei auf YouTube ein Video ins Netz gestellt worden. Der Internetmob veröffentlicht Wohnadresse, Namen der Angehörigen und des Arbeitgebers. Private Vorlieben werden an den Pranger gestellt. Wenn das Handy brummt, kommt die Angst, weil eine neue Drohung eingegangen ist: „Wir kriegen Dich.“ Mit der Macht des Schwarms werden Menschen zur Strecke gebracht.

Kommerzielle Ausbeutung aller Lebensbereiche

Plattformen wie Airbnb, ein im Silicon Valley gegründeter Community-Marktplatz für weltweite Buchung und Vermietung von Unterkünften, verkehren den Begriff der Gastfreundschaft ins Kommerzielle. Jeder kann seine Wohnung zum Hotel machen. Mit schwerwiegenden Folgen für die Nachbarn. In Berlin und Venedig hätte das bereits bedrohliche Formen angenommen, wenn Horden von Touristen in gewöhnliche Wohngebiete einfallen.

Harald Welzer sieht eine smarte Diktatur in unserem Alltag

Harald Welzer spricht von einer digitalen Diktatur, in der wir leben. Bei Diktatur hat man immer Leute in Uniform im Sinn, man hat Gewalt vor Augen, aber nicht so etwas wie eine nette Konsumgesellschaft, in der man ständig neue Angebote bekommt. Der zugrundeliegende Effekt ist aber der gleiche. Beide Systeme setzen am selben Punkt an. Die klassische Diktatur und das, was er „smarte Diktatur“ nennt, setzen am Individuum an. An seiner möglichst hohen Transparenz und an seiner Steuerbarkeit. Wir sind durch die Nutzung dieser Technologien einer Form von Überwachung und Verlust von Privatheit ausgesetzt, die eine Schutzlosigkeit von uns allen mit sich bringt. Denn es gibt Instanzen (Konzerne oder staatliche Stellen), die mehr über uns wissen als wir selbst.

Die Zerstörung der Privatheit ist ein „Regimewechsel“. Als Auswirkung nennt er die Skandalisierung im Netz. So hat z. B. der amerikanische Wahlkampf durch die Nutzung des Netzes eine radikale Änderung erfahren: Sex & Crime stehen im Mittelpunkt, nicht die politischen Programme und Lösungsstrategien.

Verteidigung der Demokratie

Harald Welzer tritt ein für die Verteidigung der Demokratie. Sie existiert noch. Unter demokratischen Bedingungen sei es ungefährlich, sich für Demokratie einzusetzen. Dazu fordert er auf.

Die smarte Diktatur.: Der Angriff auf unsere Freiheit
320 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
S. Fischer, Preis: 19,99 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Hochstapeln in der Sexualität (2)

26.09.2016 at 22:00
Angela Steidele, Michael Kohtes, Thomas Meinecke und Ann-Christin Bolay (v. l. n. r.)

Angela Steidele, Michael Kohtes, Thomas Meinecke und Ann-Christin Bolay (v. l. n. r.)

 

In der zweiten Veranstaltung an diesem Abend erfahren die ZuhörerInnen wie es ist, wenn der Hochstabler entdeckt wird, wenn seine Machinationen aufgedeckt werden, sein Spiel mit angemaßten Identitäten scheitert. Ann-Christin Bolay, Mitorganisatorin des Festivals stellte zwei über die Grenzen der binären Geschlechteridentität hinaus Reisende vor. Zum einen Angela Steidele, die einen historischen Briefroman geschrieben hat, ganz in der Sprache des ausgehenden 18. Jahrhunderts und sich damit als raffinierte Quellenfälscherin zu erkennen gibt, wiewohl sie für ihre Doktorarbeit zum Thema Liebe und Begehren zwischen Frauen in der deutschsprachigen Literatur 1750–1850 recherchiert hat. Zum anderen den Querdenker, Musiker, Autor und „Feministen“ Thomas Meinecke, der aus seinem noch druckfrischen Roman Selbst las.

Angela Steidele erläutert ihr Konzept

Angela Steidele erläutert ihr Konzept

Im Vorwort zu dem Roman von Angela Steidele wird behauptet, dass eine gewisse Angela Steidele diesen Briefwechsel im Kölner Stadtarchiv bei ihren Recherchen gefunden hätte, ihn an sich genommen hätte und so dieses wertvolle Stück der Literatur vor dem Einsturz des Stadtarchivs für die Öffentlichkeit gerettet habe. Wäre ihr das nicht gelungen, hätte sie an diesem Abend nicht aus Rosenstengel lesen können. Die Geschichte einer gewissen „Rosenstengel“, der (die) einer Knopfmacherin und Soldatin „mit lederner Wurst“ zwischen den Beinen, die sich als Mann tarnte, eine Frau heiratete und 1721 wegen Sodomie, wie man Homosexualität damals nannte, hingerichtet wurde.

In dem Roman Selbst erzählt Thomas Meinecke von drei geschlechtlich nicht fest verorteten Personen, die androgyn, bi- oder transsexuell daher kommen. Ein Roman, der keinem Plot verpflichtet ist und die Erkenntnis vermittelt, die Welt sei eine Täuschung, mit durchaus emanzipatorischem Potenzial. Thomas Meinecke knüpft daran die Hoffnung auf eine weniger hierarchisierte, gewaltfreie Form der Sexualität.

Saša Stanišić outet sich als Hochstapler beim gleichnamigen Literaturfestival (1)

26.09.2016 at 21:00
Dr. Stefanie Stegmann (re.) eröffnet mit Kathrin Hartmann das Festival und begrüßen Saša Stanišić (Mitte) und Lothar Müller (li.)

Dr. Stefanie Stegmann (re.) eröffnet mit Kathrin Hartmann das Festival und begrüßen Saša Stanišić (Mitte) und Lothar Müller (li.)

 

Mit der Lesung des Autors Saša Stanišić aus seinem neuen Erzählband Fallensteller, eröffnete das dreitägige Literaturfestival Hochstapeln im Literaturhaus Stuttgart. Vom 22. – 25. September präsentierte das Literaturhaus unter der Leitung von Dr. Stefanie Stegmann ein Programm, das Inszenierung und Täuschung zum Gegenstand hatte. Stefanie Stegmann führte am 21. September in das Festival ein und begrüßte ihren ersten Gast Saša Stanišić, der, wie er im Gespräch mit dem Literaturkritiker Lothar Müller erläuterte, sich durchaus in seiner Rolle als Schriftsteller als Hochstapler begreift. Schreiben sei für ihn eine Form der Hochstapelei. In seiner Familie sei der Typ des Hochstaplers verbreitet. So habe z. B. sein Vater seiner Mutter weisgemacht, er könne Gitarre spielen, was dieser sehr imponiert habe, obwohl es glatt gelogen war. Obwohl diese Behauptung schnell überprüft werden kann, ist es in der Familie nie dazu gekommen. Auch litt der Vater von Geburt unter einem dicken Augenlid. Immer wenn einer ihn gefragt habe, was er denn mit seinem Auge gemacht hätte, antwortete er, er sei vor kurzem von einer Mücke gestochen worden.

Hochstapeln liegt in der Familie von Saša Stanišić

Auch von einem eigenen Hochstaplererlebnis berichtete der aus Bosnien stammende und auf Deutsch publizierende Autor: In Hamburg hätte er sich häufig zum Schreiben ins Universitätskrankenhaus Eppendorf zurückgezogen. Hier hätte er in Ruhe an seinen Texten arbeiten können, unter all den angehenden jungen Ärzten, die dort für ihr Studium gelernt und ihre Hausarbeiten geschrieben haben. Einmal sei er von einer Frau angesprochen worden, ob er ihr eine Diagnose stellen könne. Sie sie übel auf den Steiß gefallen und ob denn Knochenbruch zu befürchten sei. Er redete sich damit heraus, dass er dazu nichts sagen könne, er sei angehender Dermatologe.

Saša Stanišić verdankt vor allem seinen Ruf als Hochstapler dem Titel seines jüngsten Erzählbands Fallensteller. Dabei erschien er im Gespräch mit dem Literaturkritiker Lothar Müller lauter und ernsthaft, wiewohl er mit Geschichten den Lesern den Kopf verdreht. Den Schauplatz seiner titelgebenden Erzählung, das uckermärkische Dorf Fürstenfelde, verwandelt er in ein Freilichtmuseum seiner Erfindungen, in dem Lüge und Wahrheit enge Nachbarschaft pflegen.

Saša Stanišić ist ein begnadeter Vorleser

Saša Stanišić haucht seinen Texten Leben ein

Saša Stanišić haucht seinen Texten Leben ein

An diesem Abend erweist sich der Autor ein weiteres Mal als begnadeter Vorleser (siehe Bericht seiner Lesung zu Vor dem Fest hier). Er schlüpfte in die Gestalt des Georg Horwart, als er die Kurzgeschichte Georg Horwart ist verstimmt las. Es ist die Geschichte eines nach Brasilien Reisenden, in der auch alltägliche Redewendungen sich als Fallen herausstellen wenn z. B. ein „Meer der Lichter“ zu einem „mehr der Lichter“ beim Landeanflug wird. In Rio angekommen steigt Georg Horwart in ein Taxi, das er als seines ansieht, das ihn aber nicht an den Ort bringt, an den er gelangen will …

Noch einmal zieht Saša Stanišić die narrative Schraube an diesem Abend an, wenn er aus der titelgebenden Erzählung liest in der er in das uckermärkische Dorf Fürstenfelde zurückkehrt, in dem schon sein Roman Vor dem Fest verortet war. In der Erzählung Fallensteller hat er es in ein Freilichtmuseum seiner Erfindungen verwandelt, lässt die realen Vorbilder seines Romans auftreten, die in die Rollen der im Roman geschilderten Personen schlüpfen und Literaturführungen für hippe, anreisende Saša-Stanišić-Fans organisieren. Dabei verwendet er, wie auch in seinem mit dem 2014 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Roman Vor dem Fest unterschiedliche literarische Stimmen: Lada und der stumme Suzi haben unterschiedliche Stimmen, der Fallensteller gar redet wie ein Rapper.

Eine gute Wahl zum Auftakt des Festivals

Mit der Lesung von Saša Stanišić als Auftakt zum Literaturfestival über Inszenierung und Täuschung hat Stefanie Stegmann wieder einmal ihr Talent unter Beweis gestellt, mit herausragenden Autoren und guten Performern die Fallen für die Literatur aufzustellen.

Stuttgarter Lyriknacht mit abwechslungsreichem Programm

18.09.2016 at 14:39
Dr. Stefanie Stegmann begrüßt ihre Gäste auf der Lyriknacht

Dr. Stefanie Stegmann begrüßt ihre Gäste

 

Am 9. September 2016 fand in der Stadtbibliothek Stuttgart die 12. Lyriknacht statt. Drei „Schwergewichte“ der Literatur in der Stadt richten jedes Jahr die Veranstaltung aus: Die Stadtbibliothek, das Schriftstellerhaus und das Literaturhaus Stuttgart.

Die Direktorin der Stadtbibliothek, Christine Brunner, eröffnete die Veranstaltung und stellte für die erste Lesung Anna Breitenbachvor, die von ihr zur Stuttgarter Lyriknacht eingeladen wurde. Anna Breitenbach lebt und arbeitet in Esslingen und hat in diesem Jahr ihren neuen Band Haus und Hof, Sachen, Leute im Klöpfer & Meyer Verlag vorgelegt. Er trägt den programmatischen Untertitel Brauchbare Gedichte. Texte, die klar und leichtfüßig daher kommen.

Anna Breitenbach Lyriknacht 2016

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12 Kapitel mit brauchbaren Gedichten

Der Band umfasst zwölf Kapitel, jedes von ihnen enthält zehn Gedichte. In den Kapiteln geht es um die Niederungen und Zumutungen des Alltags. Da tauchen fremde Leute auf, auch Bekannte, jedenfalls Lebewesen: Vampire, Lampentiere, Sammler. Die Kapitel tragen lyrische Namen wie: Sachen und Sammlung, Alltag und Zumutung, Krankheit und Krise und so weiter.

Anna Breitenbach, die auch als Poetry Slammerin arbeitet, ist geübt, ihre Gedichte lebhaft-mitreißend vorzutragen. Ihre Gedichte sind leidenschaftlich lyrisch, dabei aber kunstvoll einfach. Wie zufällig ergeben sich Binnen- und Endreime einfachster Prägung. Sie lassen den Alltag in einem anderen Licht erscheinen, öffnen den Blick auf eine etwas verrückte Sicht. Oft erscheinen die Gedichte, als seien sie leicht daherkommende Bonmots. Scheinen sie auch wie lyrische Appetithäppchen so enthalten sie oft veritable Sprengkörper. So drückt sie die Empfindungen des Feuerwehrmanns im Kapitel Ego und Eigenheit z. B. so aus:

Feuerabend

hört der Brandstifter
sich müde
sagen.

Anna Breitenbach versteht es, Leerstellen zu umreißen, im entscheidenden Moment wird etwas von ihr nicht benannt. Ihre Gedichte sind oft klassisch gebaut, kommen kurz und lang daher, oft lakonisch, häufig lustvoll komisch. Das kürzeste besteht nur aus sechs Worten:

Auf den
Bahnsteigen

immer diese
Zugluft!

Eine gute Wahl der Stadtbibliothek den Abend mit den Gedichten von Anna Breitenbach zu eröffnen. Ein leichtfüßiger Auftakt voller Sprachwitz und Hintersinn.

şiir sokakta – Das Gedicht ist auf der Straße

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Astrid Braun vom Schriftstellerhaus stellte den Lyriker Achim Wagner vor, der den zweiten Teil des Abends bestritt. Er folgte gerne der Einladung des Schriftstellerhauses, eine Wiederbegegnung von ihm mit dem Haus. Im Jahr 2010 weilte er als Stipenditat des Schriftstellerhauses in Stuttgart. Er entführte die Zuhörer in die Poesie auf den Straßen türkischer Großstädte. Ausführlicher Artikel dazu siehe hier.

Nach einer Pause, in der von der Stadtbibliothek für das leibliche Wohl der Gäste gesorgt wurde und in der lebhafte Diskussionen des lyrikaffinen Publikums stattfanden, ging es im dritten Teil der Lyriknacht mit zwei jungen Lyrikerinnen weiter. Sie lasen auf Einladung des Literaturhauses. Die Leiterin des Literaturhauses, Dr. Stefanie Stegmann, stellte sie vor: Ulrike Almut Sandig und Kerstin Preiwuß.

Zwei junge Lyrikerinnen aus Ostdeutschland mit eigener Sprache

Die Lesungen der zwei in Ostdeutschland geborenen und aufgewachsenen Lyrikerinnen (Preiwuß in Lübz, Sandig in Nauwalde) wurden kommentiert und moderiert von Michael Braun. Er ist ein ausgewiesener Kenner der zeitgenössischen Lyrik und als Lyrikexperte ein gern gesehener Gast im Deutschlandradio, wenn es um neue Lyrikbände geht. Seit 1994 moderiert er das Erlanger Poetenfest und gab zahlreiche Anthologien zeitgenössischer Lyrik heraus.

Kerstin Preiwuß tauchte mit ihren Gedichten aus ihrem neuen Band Gespür für Licht tief in die Märchen und Mythen ein. Höhlenfisch, Aalmutter, Wasserweib und Windsbraut, alles Gestalten aus bekannten Märchen, geistern durch ihre Zeilen. Es sind Schöpfungsgeschichten, von der Sprache der Märchen inspiriert. Ein thematisch hermetisch geschlossener Band. Im Gespräch mit Michael Braun erläuterte sie ihre Poetik. Michael Braun und Kerstin Preiwuß begegneten sich bereits auf dem Erlanger Poetenfest, wo sie sich gegenseitig schätzen lernten. Das ist im Gespräch deutlich zu spüren. Eine Kostprobe zeigt dieses Video.

Das Gedicht als Performance

Ulrike Almut Sandig wurde von ihrem Verleger gedrängt, ihren neuen Lyrikband mit einem Titel zu versehen, der als längster Buchtitel der Saison angesehen werden kann:

ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemäde übereinandergelegt.


Diese Zeilen sind Teil eines Gedichts, das die Lyrikerin, mit Musik unterlegt, an diesem Abend performte. Sie arbeitet mit Musikern zusammen. Sie begreift sich eher als „sprechende Dichterin“, die ihre Gedichte gerne live dem Publikum darbietet. Ihr Einwand, ein solcher Titel würde sich nur schwer verkaufen lassen, wischte ihr Verleger Klaus Schöffling beiseite. Lyrik sei grundsätzlich ein Spartenprodukt und schwer verkaufbar, da wäre ein sperriger Titel gerade für das Lyrikpublikum Lockmittel.

Sie versteht es, ihre Gedichte zu kunstvollen Ohrwürmern zu machen. Wie Kerstin Preiwuß bedient sie sich am Grimm’schen Märchenfundus, wurzeln sie fest in einer Gegenwart. Mit dem Klangorgan ihrer ganz eigenen Sprache erfasst Ulrike Almut Sandig präzise die Untiefen zeitgeschichtlicher Unheimlichkeit und zeichnet den utopischen Gegenentwurf eines Heimatlandes, in dem der Mensch kein „Vieh ohn‘ Seele und Fell“ ist, sondern aufrecht sagen kann: „ich bin“.

Zusammenstellung der Gedichtbände, aus denen an diesem Abend gelesen wurde:

Anna Breitenbach
Haus und Hof, Sachen, Leute
Brauchbare Gedichte
180 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €

Kerstin Preiwuß
Gespür für Licht
Gedichte
128 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Berlin Verlag, Preis: 18,00 €

Ulrike Almut Sandig
ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt
Neue Gedichte
96 Seiten, Leinen, Großformat, Lesebändchen
Schöffling & Co, Preis: 22,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Ulf Stolterfoht erhält Preis der Literaturhäuser

05.06.2016 at 21:45
Ulf Stolterfoht

Symbolische Preisübergabe

 

Der mit 14.000 € dotierte Preis der deutschen Literaturhäuser wird dieses Jahr an Ulf Stolterfoht verliehen. Damit wird ein Lyriker ausgezeichnet, der seit mehr als 20 Jahren der deutschsprachigen Lyrik entscheidende Impulse mit seinen regelmäßigen Veröffentlichungen gibt. Das Netzwerk der Literaturhäuser vergibt den Preis seit 2002.

Der Preis wurde Ulf Stolterfoht im März in Leipzig überreicht, damit verbunden ist eine Lesereise durch alle deutschsprachigen Literaturhäuser, am 31. Mai las er im Literaturhaus Stuttgart. Die Leiterin des Hauses, Dr. Stefanie Stegmann, überreichte Ulf Stolterfoht symbolisch als „Preis“ ein Sixpack Bier, über den der Autor sich sichtlich freute. Sein Schriftstellerkollege Marcel Beyer, der den Abend mit dem Preisträger moderierte, forderte Ulf auf, doch die Biersorten zu präsentieren. schmunzelnd entgegneter dieser, die Verkostung würden sie sinnvoller Weise erst nach der Lesung vornehmen.

Erste Veröffentlichungen in den neunziger Jahren in Zeitschriften

Marcel Beyer eröffnete das Gespräch mit einer Anekdote: Urs Engeler und er selber nehmen jeder für sich in Anspruch, die erste Veröffentlichung von Gedichten des Ulf Stolterfoht in ihren jeweiligen Zeitschriften verantwortet zu haben, in der Zeitschrift Zwischen den Zeilen (Urs Engeler) bzw. in Konzepte (M. Beyer). Ulf Stolterfoht erinnerte sich, dass doch ein erheblicher Abstand von zwei Jahren zwischen den zwei Veröffentlichungen gelegen hat. Heute ist sein Gesprächspartner mit einer Veröffentlichung in seinem eigenen Verlag, der Brueterich Press mit einem Band vertreten. Die Brueterich Press verlege „Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis“ berichtete Ulf Stolterfoht stolz. Er hat ein vorab ausgezahltes Erbe zur Gründung des Verlages verwendet und dankte an diesem Abend seinen anwesenden Eltern, die ihn immer unterstütz hätten, in all den schwierigen Anfangsjahren seines lyrischen Schaffens.

Seit 1985 Schreibt Ulf Stolterfoht Lyrik

Ulf Stolterfoht

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Seine ersten Gedichte hätte er an Norbert Wehr 1985 geschickt, der die Literaturzeitschrift Schreibheft herausgab. Der hätte ihn dann angerufen und sich erkundigt, ob er sich umbringen würde, wenn er seine Gedichte nicht veröffentlichen würde. Offensichtlich hatte er Angst um den Lyrikneuling, der damals in Bochum, später in Tübingen, Germanistik und Allgemeine Sprachwissenschaften studierte. Schon zu der Zeit begann Ulf Stolterfoht an seinem Lyrikprojekt Fachsprachen, das mittlerweile auf vier Bände angewachsen ist. Es ist ein formal strenges Werk, jeder Band enthält jeweils neun Rubriken à neun Gedichte, so dass jeder Band aus 81 Gedichten besteht. Er will die Reihe auf neun Bände ausdehnen, der fünfte ist fertig und der sechste in Arbeit. Es sind bizarre Sprachschöpfungen, die den Gestus von Fachsprachen nachahmen, aber in Wirklichkeit der Phantasie des Autors entstammen.

Mit dem ethnographischen Poem Holzrauch über Heslach oder dessen Fortschreibung in der kulturhistorischen Sektenfarce neu-jerusalem, den so vergnüglichen wie hintersinnigen Ammengesprächen mit einer Sprechmaschine hat Ulf Stolterfoht die Spielarten des gegenwärtigen Gedichts erheblich ausgeweitet. Holzrauch über Heslach hätte er während seines Stipendium der Villa Massimo geschrieben, wie Ulf Stolterfoht verriet.

Ulf Stolterfoht präsentiert seine Lyrik auf sympathische Weise vor

Wie immer trug er auch an diesem Abend seine Texte auf unnachahmliche Weise vor. Bescheiden streute er scheinbar leichthin Reflexionen über den Wert und höheren Unwert des Gedichts ein. Er erzählte von seinem Onlineprojekt Brueterich, das er nach einem vom Goetheinstitut verantworteten argentinisch-deutsche Stadtschreiberprojekt in Rayuela begonnen hatte, wo er erstmals Beiträge auf dem Projektblog veröffentlichte. Der Brueterich hatte eine Vielzahl von Unterprojekten (39 Kammern des Brueterichts), die er „Schwestern, Onkels, Nennonkels, Basen u.s.w.“ nannte. Alle diese Projekt sind abgeschaltet, wiewohl man sie noch im Internet auffinden kann. Aus diesem Blog las er im Literaturhaus einige Ausschnitte vor.

Auch Marcel Beyer kam „lyrisch zu Wort“

Marcel Beyer liest aus Graphit Ulf Stolterfoht

Marcel Beyer liest aus Graphit

Mit Blick auf die Uhr forderte Ulf Stolterfoht Marcel Beyer im Laufe des Abends immer wieder auf, doch eigene Gedichte zu lesen. Dieser ließ sich jedoch nicht drängen. Erst gegen Ende des Abends las er aus seinem neuen Band Graphit, an dem er 13 Jahre lang gearbeitet hat. Darin erkundet Beyer die Materialität von Gegenständen, Stoffen und Substanzen, um die in ihnen abgelagerte Geschichte freizulegen. Er las daraus ein Gedicht zum ersten Todestag von Thomas Kling: ein Dichter, der für beide von sehr großer Bedeutung war. Und: Das Rheinland stirbt zuletzt. Darin wird der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln mitsamt rund 30 Regalkilometern im Jahr 2009 besungen.

Nach gut zwei Stunden verabschiedete der Moderator das Publikum im Literaturhaus. Bei ein paar Bieren konnten sich das Publikum über diesen gelungenen Abend austauschen.

Weitere Videos der Fachsprachengedichte und Gespräch:

Ein frühes Gedicht aus der Reihe Fachsprachen
Lesung aus Fachsprachen (2)
Lesung aus Fachsprachen (3)
Lesung aus Fachsprachen (4)
Lesung aus Fachsprachen (5)
Gespräch über Thomas Kling und andere moderne Lyriker
Gedicht zu Thomas Kling

Dengler ist pleite – Wolfgang Schorlau könnte ihm helfen

14.11.2015 at 10:19
Wolfgang Schorlau und Wolfgang Niess im großen Saal des Hospitalhofes

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Dengler hat den Blues. Vier Monatsmieten schuldet der Privatdetektiv Georg Dengler seiner Vermieterin. Das sind knapp 3.000 €. Seine Beschattungsaufträge untreuer Ehefrauen halten ihn nur mühsam über Wasser. Seine wenigen, guten Freunde haben auch nicht das dicke Geld. Da kommt der anonym zugestellte Umschlag mit 15.000 € gerade recht. Seine Vermieterin ist glücklich. So steht es am Anfang des achten Kriminalromans von Wolfgang Schorlau, den er am 12. November im Hospitalhof vorstellte. Wolfgang Schorlau könnte seinem Privat Eye Dengler mit ein paar Euro aushelfen. Zumal er häufig mit ihm redet, wie er im Gespräch mit Wolfgang Niess vom SWR bei der „Premierenlesung“ verrät. Wolfgang Schorlau hat in Stuttgart – und nicht nur da – eine große Fangemeinde. 800 davon sind an diesem Abend in den großen Saal im Hospitalhof gekommen, der Einladung des Literaturhauses Stuttgarts folgend. Seine Bücher, vom Kiepenheuer & Witsch-Verlag herausgebracht, erzielen hohe Auflagen.

Ein Umschlag mit Geld rettet Dengler

Den Umschlag mit dem Geld hat Dengler von einem Unbekannten erhalten, der den offiziellen Theorien vom Selbstmord der rechtsradikalen Mörder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nicht traut und die Hintergründe dieser Morde aufgeklärt haben will.

Dieser Krimi wird sich gut verkaufen. Es ist ein Roman über den Nationalsozialistischen Untergrund, kurz NSU-Komplex. Mit seinen „literarischen Ermittlungen“ hat sich Wolfgang Schorlau weit vorgewagt. Auch die vorhergegangenen Krimis waren mit brisanten politischen Themen grundiert:
Die Ermordung von Detlef Carsten Rohwedder, Präsidenten der Treuhandgesellschaft, die Privatisierung der Wasserversorgung, der Einsatz von deutschen Soldaten in Afghanistan, die Machenschaften der Pharmaindustrie und im letzten Roman die kriminellen Umtriebe der Fleischindustrie. Aber nie hat er sich eines noch laufenden Verfahrens angenommen. Beate Zschäpe steht seit Mai 2013 vor Gericht. Das Verfahren bekommt aktuell neue Brisanz. Sie hat vor einer Woche angekündigt, ihr hartnäckiges Schweigen zu brechen. Sie ist die dritte im rechtsradikalen Trio, das acht türkischstämmige und einen griechischen Kleinunternehmer regelrecht hingerichtet hat. Aber waren es nur drei? Wer hat die schützende Hand über diese Taten gelegt? Wolfgang Schorlau hat sich durch Ermittlungsakten gearbeitet, hat mit Polizisten Ungereimtheiten diskutiert. Viele Details seiner Recherchen haben unmittelbar Eingang in diesen Roman gefunden. Damit beschreitet er einen Weg, der im deutschen Kriminalroman einmalig ist: Sachbuch und Krimi zugleich. Ob das aufgeht wird sich zeigen. Die 800 Besucher an diesem Abend folgend ihm auf diesem Weg. Gebannt lauschen sie seinen Lesepassagen und verfolgen die Diskussion zwischen ihm und Wolfgang Niess, dem die Moderation sichtlich Vergnügen bereitet.

Wie Georg Dengler hat auch Wolfgang Schorlau einen Neuanfang gewagt

Sie haben den Blues

Blues-Session

Als Wolfgang Schorlau seinen ersten Dengler-Krimi schrieb, war er ein Anfänger. Er hatte eine Softwarefirma geführt, wollte sich aber als Schriftsteller neu erfinden. An diesem Abend erlebten wir ihn als Bluesfreund, der schon mal zur Mundharmonika greift. Sein Freund Werner Dannemann untermalte den Abend mit Bluesstücken. Obwohl dieser Bluesgitarrist sonst nur Profis an seiner Seite duldet, spielte er mit Wolfgang Schorlau zusammen am Ende dieser Buchpräsentation den Blues, den auch der Privatermittler Georg Dengler so liebt.
Die schützende Hand: Denglers achter Fall
384 Seiten, Klappenbroschur
Kiepenheuer & Witsch, Preis: 14,99 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens.

Ralf Rothmann stellt seinen neuen Roman vor

04.07.2015 at 14:28
Ralf Rothmann im Literaturhaus Stuttgart

Ralf Rothmann im Gespräch mit Katharina Borchardt

 

Ralf Rothmann stellte sein neues Werk „Im Frühling sterben“ am 3.7. im Literaturhaus Stuttgart vor. Ich schätze ihn seit vielen Jahren für seine einfühlsamen Romane in lyrischer Sprache. Seine Ruhrgebietsromane „Milch und Kohle“ und „Junges Licht“, für den er 2004 den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis erhielt, haben mich begeistert durch genaue Beschreibung der Gefühle und Innenwelten seiner Protagonisten.

Er hat sich für seinen neuen Roman ein schwieriges Thema ausgesucht: Die Sprachlosigkeit der Vätergeneration, die als junge Männer mit dem Grauen des Zweiten Weltkrieges konfrontiert wurden. Wie in seinen vorangegangen Romanen verwebt er biografische Anteile mit Fiktion in diesem Werk. Erzählt wird die Geschichte der 17jährigen Freunde Walter und Fiete, die bei einem Freibierfest des „Reichsnährstandes“ für die SS zwangsrekrutiert werden. Rothmann, der von sich sagt: „Meine Sprache hat nur dann Schwerkraft, wenn ich aus meinen Erfahrungen spreche“ erzählt diese Geschichte der beiden Freunde, die in der norddeutschen Provinz in der Melkerlehre sind. Der Vater des Autors lernte ebenfalls in Norddeutschland das Handwerk des Melkers, er fand im Ruhrgebiet keinen Ausbildungsplatz als Bergmann. Die Zechen waren aufgrund des Krieges geschlossen. Auch er wurde von der berüchtigten SS-Division Frundsberg als Jugendlicher rekrutiert und zum Fahrer eines Versorgungslasters ausgebildet. Mit diesem Roman hat er seinem früh verstorbenen Vater ein Denkmal gesetzt.

Ralf Rothmann

Ralf Rothmann: „Im Frühling sterben“

Das Schweigen auf die Fragen des Ralf Rothmann

Als Ralf Rothmann acht Jahre alt war, fragte er seinen Vater: „Hast du jemanden erschossen?“ Er hatte eine Antwort erwartet, die vom Kämpfen und Sterben erzählt, wie er es aus seinen Indianerbüchern kannte. Aber der Vater antwortete nur: „Was soll ich denn jetzt sagen?“, und verstummte. Die Mutter sagte dann: „Geh dein Zimmer aufräumen!“ und schickte den Jungen auf sein Zimmer. Für Ralf Rothmann entstand damals ein Vakuum, das ihm sein ganzes Leben lang blieb.

Der Protagonist seines Romans, ebenfalls Schriftsteller, stellt auch solche Fragen an seinen Vater und erfährt das Schweigen über die Zeit, das beredter ist als viele Worte. Walter Urban hat sich nach dem Krieg unter Tage krumm geschuftet. Zu seiner Pensionierung hat der Sohn ihm eine Kladde geschenkt, verbunden mit der Bitte, seine Kriegserlebnisse aufzuschreiben. “Du bist doch der Schriftsteller“, bekommt er als Antwort zurück, die Kladde die der Sohn dem Vater gibt, bleibt leer. Die Arbeit, die der Sohn dem Vater auferlegen wollte, muss er nun also selbst tun. Das Ergebnis ist der Roman, den wir vor uns haben. Er beginnt mit den Satz: „Das Schweigen, das tiefe Verschweigen, besonders wenn es Tote meint, ist letztlich ein Vakuum, das das Leben irgendwann selbst mit Wahrheit füllt.“ Ein für Ralf Rothmann typischer Satz, der seine Nähe zum Sentiment nie verborgen hat und als Erfinder einer ganz speziellen Ausprägung eines romantischen Realismus gelten darf ohne jemals in den Kitsch abzugleiten.

Jugendliche als Kanonenfutter an die Ostfront

In langen Lesepassagen lässt Ralf Rothmann die ZuhörerInnen im Literaturhaus Einblick nehmen in dieses Romanwerk, das trotz der Wärme für sein Personal teils schwer zu ertragen ist, weil es ihm in eindringlichen Bildern gelingt, die Brutalität des Krieges darzustellen. Deutsche Offiziere werfen im letzten Kriegsfrühjahr in Ungarn ihren Männern Handgranaten in die Hacken, damit sie noch angreifen. Die Kriegserlebnisse der beiden Jugendlichen nehmen den größten Raum des Romans ein. Fiete spürt, dass er an der Front als Kanonenfutter verheizt werden soll. Als er einen Fluchtversuch von seiner Einheit wagt und gefangen wird, wird sein bester Freund von seinem zynischen Offizier gezwungen, an der Erschießung teilzunehmen. Dies wird Walter noch als Freundschaftsdienst „verkauft“: „Aus Menschlichkeit, natürlich. Weil du sein Freund bist, wie du sagst. Da wirst du gut zielen, damit er nicht leidet.“

Das Trauma manifestiert sich in den Zellen der Nachkommen

Ralf Rothmann erzählt von den Traumata, die sich über die Generationen durch transgenerationelle Vererbung weitergegeben werden. Er selbst träumt, seit er in die Pubertät gekommen ist, regelmäßig davon, erschossen zu werden. Im Gespräch mit der SWR-Redakteurin Katharina Borchardt erscheint er als ernster, eher spröder Schriftsteller, der ganz auf sein Sprache vertraut. Diese poetische Sprache hat er seit seinem Erstlingswerk „Stier“ immer wieder zu wundervollen Romanen verdichtet.

Wer nicht das Glück hatte, diesen Schriftsteller im Literaturhaus zu erleben, kann einen Mitschnitt der Veranstaltung am 14.07.2015 um 22.03 Uhr auf SWR2 hören.

Im Frühling sterben
234 Seiten, in Leinen gebunden
Suhrkamp Verlag, Preis 19,95 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Giraffe trifft Krähe und Esel im Literaturhaus

13.05.2015 at 12:36
Literaturhaus Stuttgart

Judith Schalansky, Cord Riechelmann, Petra von Olschowski und Jutta Person im Literaturhaus Stuttgart

 

Judith Schalansky, deren Roman „Der Hals der Giraffe“ im Zentrum des Lesefestes „Stuttgart liest ein Buch“ steht, ist Herausgeberin der Reihe „Naturkunden“. Das Literaturhaus Stuttgart hatte sie zusammen mit der Autorin Jutta Person und dem Autor Cord Riechelmann zu einem Gespräch über ihre Werke eingeladen. Die Moderation lag in den Händen der Rektorin der Akademie der bildenden Künste Stuttgart, Petra von Olschowski.

Die Bücher „Esel Ein Portrait“ (Person) und „Krähen – Ein Portrait“ (Riechelmann) sind hochwertig mit Fadenheftung verarbeitet und in dunklen Farben gehalten. Daraus auf eine dunkle Zukunft für das gedruckte Buch zu schließen, wäre fatal, wie der vergnügliche Diskussionsabend im Literaturhaus am 12. Mai bewies.

Cord Riechelmann

Cord Riechelmann spricht über die Familie der Krähen

Cord Riechelmann erzählt lebendig vom den klugen Krähen

Als Betreiber des Blogs „Elsternest“ war ich natürlich hocherfreut, dass die Elstern im Buch von Cord Riechelmann einen festen Stellenwert haben. Die Elster ist eine Krähenart aus der 123 Arten umfassenden Familie der Krähen (Corvidae). Auch, dass die Krähen die Paradiesvögel zu ihren engsten Verwandten zählten, erfuhr ich an diesem Abend. Die Mythen, die die Krähen von jeher begleiten, sind ebenso dunkel wie sie und handeln fast immer von Übel und Tod. Selbst die zunehmende Erforschung ihrer herausragenden Intelligenz konnte sie nicht von ihrem schlechten Ruf befreien. Im Gegenteil: Dass Krähen über ein Gedächtnisvermögen verfügen, das sogar jede menschliche Kapazität übersteigt, scheint nur ein weiterer Beweis ihrer Unheimlichkeit zu sein. All das vermittelte Cord Riechelmann auf humorvolle und äußerst lebendige Art.

Jutta Person liest aus ihrem Buch "Esel"

Jutta Person liest aus ihrem Buch „Esel“

Ein Lob auf den Esel

Ein Lob des Eigensinns stimmte Jutta Person in ihrem Buch über die Esel an. Sie gelten als störrisch, dumm, eigensinnig und geil. Und doch spielt kaum ein Tier in der Kulturgeschichte eine so bedeutende Rolle wie der Esel. Die Autorin zeigte, entgegen den landläufigen Vorurteilen, wie klug dieses vermeintlich dumme Tier mit den schönen Augen ist, welches Spiel seine Ohren veranstalten und wie viel wir von ihm lernen können.

Obwohl Esel und Krähe keine Freunde sind, wie Cord Riechelmann betonte, herrschte unter den Gästen auf dem Podium ein kollegiales Verhältnis. Judith Schalansky verantwortet die Reihe Naturkunden, die es in den zwei Jahren ihres Bestehens auf 19 Bände gebracht hat. Die Reihe erscheint im Verlag Matthes & Seitz. In ihr erscheinen Bücher, die von der Natur erzählen, von Tieren und Pflanzen, von Pilzen und Menschen, von Landschaften, Steinen und Himmelskörpern, von belebter und unbelebter, fremder und vertrauter Natur. Die Zusammenarbeit mit dem Verlag ergab sich aus einer zufälligen Begegnung in Taipeh(!) zwischen Judith Schalansky und dem Geschäftsführer des Verlages, Andreas Rötzer.

Ein Video der Lesung von Cord Richelmann auf dem youtube-Kanal Lerchenflug, die Lesung von Jutta Person hier und hier.

Jutta Person, Judith Schalansky (Hg.)
Esel
Ein Portrait
Mit zahlreichen farbigen Abbildungen, Kleinoktav-Format
144 Seiten, flexibler Einband, fadengeheftet und mit Kopfschnitt
Matthes & Seitz, Preis: 18,00 €

Cord Riechelmann, Judith Schalansky (Hg.)
Krähen
Ein Portrait
Mit zahlreichen Abbildungen, Kleinoktav-Format
155 Seiten, flexibler Einband, fadengeheftet und mit schwarzem Kopfschnitt, 5. Auflage
Matthes & Seitz, Preis: 18,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens, ebenso wie alle anderen Titel aus der Reihe „Naturen“

Nicolas Mahler erhält den Preis der Literaturhäuser 2015

06.05.2015 at 19:30
Nicolas Mahler und Jaroslav Rudiš

Nicolas Mahler erhält den Preis der Literaturhäuser: Jaroslav Rudiš (Laudator) und der Preisträger

 

Wie präsentiert sich ein Comic-Zeichner seinem Publikum bei einer „Lesung“? Diese Frage stellten sich wohl die Gäste am 5. Mai im Literaturhaus Stuttgart anlässlich der Vergabe des Preises der Literaturhäuser In diesem Jahr geht er an den österreichischen Zeichner Nicolas Mahler. Die elf Literaturhäuser aus Österreich, der Schweiz und Deutschland ehren damit einen Autor, der sich in innovativer Form mit Literatur auseinander setzt und in sehr eigenständigen und kunstvollen Formen der Vermittlung das Publikum für die Literatur zu gewinnen weiß.

Fragen an den Künstler

Fragen an den Künstler

Nicolas Mahler zeigt seine Comics als Bildpräsentation mittels PC und Leinwand. Humorvoll arbeitet er einen Fragenkatalog ab. Die Antworten gibt er mit Einblicken in sein umfangreiches Werk.

Laudatio für Nicolas Mahler von Jaroslav Rudiš

Doch bevor er sein Werk präsentierte, hielt Jaroslav Rudiš, Schriftsteller, Dramatiker und Drehbuchautor, die Laudatio auf den Preisträger. Die beiden hatten sich vor zwei Jahren auf dem Erlanger Comic-Salon kennen gelernt, als Jaroslav Rudiš mit seiner Graphic Novel „Alois Nebel“ durch die Lande zog.

Rudiš ist ein Geschichtenerzähler, der ebenso wie Mahler viele seiner Geschichten den Menschen in der Sauna, der Straße und bevorzugt in Kneipen und Wirtshäusern ablauscht. Womit schon gleich die Frage: „Woher nehmen Sie Ihre Ideen, Herr Mahler?“, beantwortet wäre. Und weil uns Jaroslav Rudiš immer wieder mit seinen Geschichten zu fesseln vermag, in denen der Böhmische Witz durchschimmert, hielt er seine Laudatio in Form einer Kurzgeschichte. Die hatte er eigens für diesen Abend geschrieben. Er zeichne „brutal schön“, charkterisierte Jaroslav Rudiš Nicolas Mahler. Bevor er Nicolaus Mahler das Podium überlies, überreichte er ihm einen Gruß aus der Heimat. Wie könnte es anders sein – eine Dose tschechisches Pilsener Urquell.

Ein umfangreiches Œvre

In seinem 25jährigen Schaffen hat Nicolas Mahler mehr als 50 Publikationen herausgebracht. Seine Zeichnungen erscheinen u.a. in der ZEIT, der Neuen Zürcher Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und in der Satirezeitschrift Titanic.

Da verwundert schon ein wenig die erste Frage aus seinem Fragenkatalog: „Zeichnen Sie absichtlich so schlecht?“ Er erzählte von seinen Anfängen, die einen ganz anderen Charakter hatten als seine heutigen Bildgeschichten, viel opulenter ausgemalt. Er sagt von sich: „Ich konnte nicht zeichnen, bis ich wegließ, was ich nicht zeichnen konnte.“ Mit 20 Jahren hatte er mit dem Zeichnen begonnen, mit 23 Jahren schaffte er es endlich auf die Kunsthochschule. Schnell wurde ihm klar, Comic und Kunstbetrieb, das funktioniert nicht so richtig. Weswegen er seinen ersten Comics auch als „Kleinstunternehmer“ in von ihm aufgehängten Automaten verkaufte. Seine ersten Skizzenbücher wollte er nicht nutzen, da sie ihm leer schöner erschienen als mit seinen Skizzen und Storyboards gefüllt. Auf der Leinwand gab er dennoch Einblick in seine Skizzenbücher. Sie offenbaren eine anarchistische Arbeitsweise, in denen die Recherchearbeiten und Vorarbeiten zu Bildgeschichten festgehalten sind. Anhand einiger Zeichnungen erzählte er von seinen Bemühungen bei seiner Sachbearbeiterin vom Finanzamt, Frau Goldhuber, seinen Status als Künstler durchzusetzen, um mindestens bei der Mehrwertsteuer von seiner Profession einen finanziellen Vorteil zu erlangen.

Von Hamstern und Kleinverlagen

Nicolas Mahler erkläert seine Adaption von Musils Roman

Nicolas Mahler erklärt seine Adaption von Musils Roman

Auf die Frage, warum seine Bücher in so vielen Ländern erschienen – er verlegt in ganz Europa, in den USA und Kanada – erklärte er, Kleinverlage, und in solchen erschienen seine Werke zum allergrößten Teil, seien wie Hamster: Sie sterben schnell, daher sollte man sich immer einige halten. Mittlerweile hat er es aber in die ganz großen Verlage geschafft: Seine Literaturadaptionen „Alte Meister“ nach Thomas Bernhard, „Alice in Sussex“ nach Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ und „Der Mann ohne Eigenschaften“ nach Robert Musil sind allesamt bei Suhrkamp erschienen. Einen Gedichtband mit visueller Poesie ohne Worte veröffentlichte er im Insel-Verlag.

Damit wäre auch die letzte Frage („Kann man davon leben?“) seiner Sammlung „Fragen der Leser“ beantwortet und die Frage, warum ein Zeichner den Preis der Literaturhäuser bekommt auch.

Nicolas Mahlers Bilderwitzen aus Zeitschriften

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In regelmäßigen Abständen …

10.11.2014 at 23:58

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… legt Heinrich Steinfest einen neuen Roman vor. Mit dem 2014 erschienen „Allesforscher“ schaffte er es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises, nun ist er wieder da. Ein Projekt so ganz anders als seine bisherigen Bücher ist diese Nacherzählung des Nibelungenliedes geworden und doch, es ist durchzogen von dem unverwechselbaren Steinfest-Sound.

Denis Scheck führte sehr humorvoll in das Gespräch mit Steinfest, am 8. November im Literaturhaus, ein. Im Alter von fünf Jahren hörte Denis Scheck das Nibelungenlied zum ersten Mal im katholischen Kindergarten(!), gelesen von der Erzieherin. Warum, so frage ich mich, sollte dieser blutrünstige Text dem kleinen Denis mehr zugesetzt haben als die nicht minder grausamen Schilderungen im Alten Testament, die sicher dort auch gelesen wurden?
Das Nibelungenlied ist die bedeutendste deutsche Heldendichtung des Mittelalters, dessen Entstehung sich auf die Jahre 1180 bis 1210 (und damit auf die „Blütezeit“ der mittelhochdeutschen Literatur) eingrenzen lässt. Der Text liegt in 35 Handschriften vor. Heinrich Steinfest musste sich für eine Fassung entscheiden und hat die St. Gallener Fassung als Ausgangsmaterial gewählt. Auf die Frage, wie es zu der „Nacherzählung“ gekommen ist, meinte Heinrich Steinfest, es sei eine Auftragsarbeit gewesen. Dieser Auftrag wurde ihm vom Geschäftsführers des Reclam Verlags, Frank R. Max, während eines Abendessens erteilt: Steinfest: „Wenn ein Verleger einen Autor zum Essen einlädt, geht es in erster Linie nicht darum, dem Autor den Magen zu füllen.“ So hat er sich nach dem Allesforscher dem Alleswisser Hagen von Tronje zugewandt und innerhalb von 3 1/2 Wochen den Text kapitelweise geschrieben. Obwohl es eine Nacherzählung in moderner Form ist, ist dennoch ein Steinfest-Roman daraus entstanden, mit dem ihm eigenen Tonfall, dem essayhaften Stil, der ihn auszeichnet.
Sehr schön das Storyboard von Robert de Rijn, das im unteren Drittel jeder Seite das ganze Buch durchzieht und dem ganzen einen filmischen Anstrich verleiht. Der Kinofreund Heinrich Steinfest hat sich Siegfried als Tom Cruise vorgestellt. Für Steinfest gibt es im Nibelungenlied kein eindeutigen Guten und Bösen, die Grenzen sind schwimmend. Siegfried ist einer, der schon mal einen Krieg vom Zaun bricht, um seine Ziele durchzusetzen und ist damit der heutigen amerikanischen Politik verwandt. Es wird deutlich, Siegfried genießt nicht die Sympathie des Autors. Schon eher Hagen. Der Schatz der Nibelungen ist für Steinfest eine Form des Radikalkapitalismus: Der Schatz der Nibelungen ist ein unendlicher und wird von Kriemhild eingesetzt, um sich die Menschen gefügig zu machen und sich ihrer Gefolgschaft zu versichern.
Moderne Frauen häuften keine Schätze mehr an, wiewohl die schier unendliche Zahl von Schuhen bei einigen diesen Gedanken durchaus nahe legen. (Über einen Tresor für diesen Schatz berichtete ich hier.)
Heinrich Steinfest wurde durch die Vorgabe der Nacherzählung diszipliniert. Die Figuren waren vorgegeben und entsprangen nicht seinem Kopf. Er räumte ein, das sei teils schwierig gewesen, denn es bereitet ihm unendlichen Spaß, selber Figuren zu erfinden und sie, ihren eigenen Gesetzen unterworfen, handeln zu lassen. Das sei auch der Grund, warum er diese Auftragsarbeit nicht auf andere Werke der Weltliteratur ausdehnen wolle. Ich frage mich, wie die Bibel in einer Fassung von Steinfest aussähe. Die moderne Fassung eines Jörg Zink ist wesentlich humorloser als die Nacherzählung des Nibelungenliedes von Heinrich Steinfest. Wie genial Steinfest die Einsichten eines modernen Icherzählers in dem Text unterbringt möchte ich mit folgender Textstelle belegen:
Hagen hat gehandelt und den Nibelungenschatz versenkt, die anderen haben gezaudert. „Als die Könige zurückkommen, ist alles vorbei und ihnen bleibt nur die übliche Heuchelei. Sie wussten alle, was er vorhatte, vielmehr noch, sie hatten per Eid beschlossen, den Ort der Verwahrung geheim zu halten. Es braucht nicht zu wundern, dass die Fürsten zwar offiziell Hagens Verhalten kritisieren – wie man einen Polizeipräsidenten kritisiert, wenn mal ein Einsatz eine Spur zu brutal ablief – aber nichts unternehmen, um eine Strafverfolgung einzuleiten“.

Da uns dieser Autor Jahr um Jahr mit einem neuen Roman verzaubert, können wir uns schon auf das nächste Buch von ihm – dann wieder mit Figuren, die seinem eigenen Kopf entsprungen sind – freuen.

Der Nibelungen Untergang
Mit einem Storyboard von Robert de Rijn
120 Seiten, davon 60 illustriert.
gebunden, mit Schutzumschlag
Reclam Verlag, Preis 19,95 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Der Preisträger des Deutschen Buchpreises 2014 im Literaturhaus

08.11.2014 at 10:25

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Lutz Seiler las am 5. November 2014 im Literaturhaus aus seinem ersten Roman „Kruso“. Helmut Böttiger stellte den Autor vor und diskutierte mit ihm über sein Werk.

Lutz Seiler, Jahrgang 1963, wuchs in Ostthüringen auf. Heute lebt er im Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst bei Berlin. Helmut Böttiger erinnerte an sein 1995 erschienenen Debüt “berührt/geführt” im Oberbaum Verlag. Mit “pech & blende” legte Lutz Seiler seinen ersten Band im Suhrkamp Verlag vor. 2003 folgte der Gedichtband “vierzig kilometer nacht”. 2004 erschien die erste Essaysammlung “Sonntags dachte ich an Gott”, 2005 die Erzählung “Die Anrufung“. 2009 legte er einen Band mit 13 Erzählungen unter dem Titel “Die Zeitwaage” vor. Für sein Werk erhielt er vielfach Preise, darunter den Kranichsteiner Literaturpreis, den Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen, den Preis der SWR-Bestenliste, 2007 den Ingeborg-Bachmann-Preis für die Erzählung “Turksib”. Helmut Böttiger stellte mit dieser Aufzählung die These auf, dass sich der Lyriker Lutz Seiler über den erzählenden Essay sehr langsam der Prosa zugewandt hat. Nun also den Deutschen Buchpreis für seinen ersten Roman „Kruso“.

Darin schildert er die illustre Gesellschaft von Gestrandeten auf der Insel Hiddensee, von der Touristengaststätte „Zum Klausner“ und von den so genannten „Esskaas“, dem Kürzel für die Saisonkräfte, die dort arbeiten, von denen seine Hauptfigur Ed Bendler einer ist. Sie nennen ihre Gaststätte die Arche und Lutz Seiler hat diese Gemeinschaft in einer Skizze am Ende des Buches festgehalten, die Beziehungen der Gruppe werden daraus deutlich, wie sie der Roman langsam aufblättert. Und er erzählt die Geschichte von der Freundschaft zwischen Ed und Alexander Krusowitsch, genannt Kruso, dem Besitzer des Klausners, von den Stoßzeiten im Klausner, wenn die Kellner zu großer Form auflaufen. Diese Freundschaft wird durch den Verlust von geliebten Menschen gespeist: Kruso hat sein Schwester Sonja bei einem Fluchtversuch über die Ostsee verloren, Ed seine Freundin. Gedichte, die beiden rezitieren, haben den Charakter von Kassibern.

Am Ende begegnet Ed dem Leser auf der anderen Seite der Ostseeküste, im dänischen Kopenhagen. Er macht sich als gereifter Mann auf die Spurensuche nach Krusos verschollener Schwester Sonja, die als junges Mädchen am Strand von Hiddensee herausgeschwommen war und für immer verschollen blieb.

Seiler verfügt über eine „ins Magische spielende Sprache“ (Begründung der Jury), die er in seiner Lesung an diesem Abend bewies. Er greift immer wieder zu drastischen, teils unappetitlichen Bildern, wie dem vom „Molch“ genannten Pfropfen aus dem Schleim der Gaststättenabwässer, den die Tellerwäscher des Klausner schließlich mit vereinten Kräften im Gemüsebeet begraben. Die erzählende Direktheit, auch unappetitlicher Dinge, denen er eine eigene Poesie verleiht, hat er bei Wolfgang Hilbig kennen gelernt, der für ihn wohl wichtigste Schriftsteller der alten DDR.

Lutz Seiler steigt ganz langsam in seinen Stoff ein. Er beschreibt Ed als Student, mit der Fähigkeit ausgestattet, gelesene Gedichte schnell memorieren zu können. Ed arbeitet über Trakl. In den Semesterferien reist er nach Hiddensee, will in einer Kneipe arbeiten. Die Arbeit in der Kneipe wählt er vor allem, weil er darüber eine Schlafstelle bekommen kann, die den Saisonkräften zur Verfügung gestellt wird. Anders käme er nie auf Hiddensee unter, die Ferienquartiere sind über Jahre hinaus ausgebucht.

Lutz Seiler lässt im Gespräch erkennen, dass er selbst Ende der Achtziger als Saisonkraft auf Hiddensee gearbeitet hat, als „Brotholer, erstmals für 1,20 Mark, ohne Schlafplatz, auch für DDR-Verhältnisse ein sehr geringer Lohn. Er ist im folgenden Jahr wieder gekommen, hätte sich in der Küchenhierarchie des Klausners langsam vom Zwiebelschneider in den Abwasch nach oben gearbeitet. Das ist nicht die einzige autobiografische Grundierung des Romans: Auch Seiler hat sich intensiv mit Trakl beschäftigt.

Ausschnitte aus diesem Gespräch sind auf dem youtube-Channel „Lerchenflug“ eingestellt.

Teil 2 und 3 können hier und hier abgerufen werden.

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484 Seiten, gebunden, Lesebändchen
Verlag Suhrkamp/Insel, Preis 22,95 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

1914 – Ein literarischer Blick auf die Städte Europas

20.06.2014 at 9:22

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Am 16. Juni lasen A.L. Kennedy und Katrin Seddig im Rahmen der Reihe: August 1914: „Mit dieser Welt muss aufgeräumt werden“. 22 Autoren blicken auf die Städte Europas. Immer zwei AutorenInnen lesen auf Einladung des Netzwerkes der deutschsprachigen Literaturhäuser in diesem Rahmen Texte zum August 2014, bezogen auf ihre Stadt.

Die beiden Autorinnen erforschten, was die Menschen 1914, vor und mit Beginn des Krieges, tatsächlich bewegt hat. Was sie notiert, was sie aufgeschrieben haben und welche Schlagzeilen die lokale Presse bestimmten. Auf die Frage der Moderatorin, Dr. Julika Griem, Professorin am Institut für England und Amerikastudien der Goethe-Universität Frankfurt, warum sie sich entschieden hat, antwortete Katrin Seddig, sie hätte gezögert. Die Recherche sei nicht ihre Sache. Für ihre beiden Romane „Runterkommen“ und „Eheroman“ habe sie nicht recherchiert. Trotzdem hat sie sich der Aufgabe gestellt und umfangreiche Recherchen in den Hamburger Archiven angestellt. Aus all den Zeitungsartikel, Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, die sie dabei gesichtet hat, hat sie ein literarisches Destillat gewonnen. Sie legt Wert darauf, dass die Quellen erkennbar bleiben, deshalb hat sie vieles wörtlich zitiert.

A. L. Kennedy hat in ihrem Text Glasgow zum Mittelpunkt gemacht. Sie hat ihn an den einfachen Leuten ausgerichtet, den Jahreswechsel 1913/1914 in den Blick genommen, als noch keiner die drohende Katastrophe erahnte, die acht Monate später über die Menschen in Glasgow kommen sollte. Wobei der Krieg sich ja nicht in Glasgow selber abspielte. Ihre Großmutter erzählte, dass in ihrer Straße alle Männer in den Krieg gezogen sind und eine schmerzhafte Lücke hinterlassen haben. So gut wie keiner ist zurückgekommen und wenn, verstümmelt und verletzt. In England und Wales gibt es 32 „Thankfull Villages“. Dörfer, die vom Krieg verschont geblieben sind, kein männliches Mitglied ist im ersten Weltkrieg gefallen. In Schottland gibt es kein einziges dieser Dörfer. Ein Hinweis darauf, wie sehr die Schotten unter diesem Krieg gelitten haben. A. L. Kennedy hat die kleinen Dinge interessiert, z. B. warum auf einmal als Nachtisch Rhabarber auf den Tisch kam, dieses ungewöhnliche, leicht bittere Gewächs.

Und dann die schottische Folklore, die sich erst im 19. Jahrhundert herausgebildet hat. Die Schottenkaros der einzelnen Regionen wurden auf einmal zu Erkennungszeichen der einzelnen Regimenter. Dudelsackmusik wurde als anfeuernde Marschmusik umgedeutet.

Beiden Autorinnen erfüllten ihre Aufgabe auf ganz unterschiedliche Weise und doch sind zwei Texte entstanden, die die Situation vor Ausbruch des 1. Weltkrieges in Glasgow und in Hamburg in sprachlich dichter Weise dem Hörer vor Augen führen.

Die Texte aller Autorinnen und Autoren wurden vom Netzwerk der Literaturhäuser zusammen gestellt. Erschienen sind sie in der Zeitschrift „Die Horen“, Wallstein Verlag, herausgegeben von Jürgen Krätzer.

 

Gedanken aus Amerika

10.05.2014 at 17:38

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Am 7. Mai veranstaltete das Literaturhaus einen Diskussionsabend mit dem Schriftsteller Jonathan Lethem und Ronald Grigor Suny, Leiter des Eisenberg Institude of Historical Studies an der Universität of Michigan. Beide, der Schriftsteller und der Historiker, sind derzeit Fellow an der American Academy in Berlin.

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Jonathan Lethem hat gerade mit seinem neunten Roman Der Garten der Dissidenten einen interessanten Beitrag zur sowohl jüdischen als auch politischen Familienbiografie vorgelegt. Er blättert darin die linke Gegenkultur im 20. Jahrhundert aus der Perspektive einer jüdischen Familie über drei Generationen hinweg auf, begleitet seine Protagonisten über acht Jahrzehnte. Bevor die beiden in die Diskussion einstiegen, las der Schauspieler Helmuth Mooshammer vom Deutschen Theater in Berlin ausdruckstark einen Auszug aus dem Roman.jonathan_lethem

Beide diskutieren an diesem Abend den Moment, in welchem politischen Idealismus mit persönlichen Träumen und Enttäuschungen kollidieren. Sie stellen die Frage, ob Individuen in diesem Spannungsfeld in der Lage sind, ihren Traum von einer besseren Welt zu realisieren.
Eine Diskussion zwischen zwei wortgewaltigen Intellektuellen, die an diesem Abend auf hohem Niveau von der Konferenzdolmetscherin Johanna Roose-Stähle übersetzt wurde.

Gefahr riecht nie nach Tränen

28.03.2014 at 17:16

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Saša Stanišić gewann am 13. März den renommierten Leipziger Belletristik-Preis und las am 24. März 2014 im Literaturhaus Stuttgart. Uwe Kossak zeigte sich begeistert: „So viele Preisträger haben in diesem Saal schon gelesen“, womit er dem Haus einen guten Riecher für gehobene Literatur bescheinigte.

Vor dem Fest ist Stanišics zweiter Roman. Schon mit seinem Erstling: Wie der Soldat das Grammofon repariert, hatte er international Erfolg. Konzentrierte er sich in seinem letzten Roman auf seine Heimat, er wurde 1978 in Višegrad, Bosnien/Herzegowina, geboren, löst er sich in seinem neuen Werk ganz von dieser Region. Er erzählt von einem Dorf in der Uckermark, erzählt aus wechselnden Perspektiven mit wechselnden Erzählstimmen von der Nacht vor dem Annenfest. Er begibt sich in die Tiefe der Zeit und beschreibt anhand alter Überlieferungen Dorfgeschichte bis ins 16. Jahrhundert: das aber gleichfalls fiktiv, mitunter als Parodie, in altem Sprachsound. Das Dorf als Kollektiv spricht in Wir-Form, eine Kunstsprache, an der Stanišić lange herumgefeilt hat.

Saša Stanišić erzählt, dass er sich ein Dorf sprachlich erschaffen wollte, wie andere Häuser bauen. Bevor er in ein reales Dorf fuhr, hatte er es bereits in seiner Fantasie hergestellt, die Topologie festgelegt, wusste, dass es einen Weg zärtlich zwischen zwei Seen geben würde. Eine Freundin brachte ihn auf das Dorf Fürstenwerder in der Feldberger Seenlandschaft. Vieles, was er dort vorfand, hatte er längst zu Papier gebracht. So verband er bei seinem langen Aufenthalt dort die Realität mit seiner Fiktion, vergrub sich in die Dorfchronik, fragte die Bewohner nach ihren Geschichten und rang der Realität die Ingredienzien seines Romans ab.

Er erzählt von einer nachtblinden Malerin, die das Dorf bei Nacht malen möchte, von einem früheren Offizier der Nationalen Volksarmee, der den Zigarettenautomaten erschießt und von dem ehemaligen Briefträger Dietmar Dietz, von allen nur Ditsche genannt. Er war früher Briefträger und von allen als Spitzel verachtet. Heute hegt er sechzehn Hühner und bietet jeden Tag den Dorfbewohnern 10 Eier für unglaubliche 2 Euro an, präsentiert in einer rosa Box an der Pforte seiners Grundstücks. Von den Eiern angezogen wird auch eine Fähe, die im Dorf Futter für ihre Jungen sucht. Eine Passage aus der Sicht eben dieser Füchsin liest Saša Stanišić an diesem Abend Es wird seine ihm zur Verfügung stehende sprachliche Bandbreite deutlich mit der er uns in diese Geschichte zieht. Und er erzählt von der jahrhundertlangen Vergangenheit des Dorfes. Mit all seinen Geschichten, Mythen und Märchen, er erzählt von Menschen, ihren Schicksalen und Träumen. Der Text hat eine Lebendigkeit und Biegsamkeit, die einen verzaubert.

Vor dem Fest
320 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Luchterhand, Preis: 19,99 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Der Allesforscher

15.03.2014 at 11:35
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Da ist er wieder, der Steinfest-Sound. Diesmal höre ich ihn im Literaturhaus anlässlich der Buchpremiere seines neuen Romans Der Allesforscher. Am Tag der Lesung kam es in den Buchhandel. Steinfest, dieser lyrisch-philosophische Wortdrechsler, beginnt seine Lesereise in Stuttgart. Hier ist er seit Jahren verwurzelt. Oft hat er uns auf Demonstrationen gegen das Wahnsinnsprojekt „Stuttgart 21“ mit seinen Texten die Seele gewärmt, hat sich nicht in Polemiken ergangen, hat seinen Sprachsound über die Lautsprecher geschickt. In seinem neuen Werk philosophiert er ebenfalls über den tiefen Riss, der durch seine (Wahl-) Heimatstadt geht, wenn er die Station von Sixten Braun als Bademeister im Mineralbad Berg beschreibt (als Vorabdruck in der Wochenzeitung Kontext zu lesen).

In einer von Situationskomik durchtränkten Szene lässt Steinfest Sixten Braun im „Berg“ einen Erpel wiederbeleben, der einen Schwächeanfall erleidet. Ins Rollen kommt die Geschichte in Taiwan, als der Ich-Erzähler, von einem explodierenden Pottwal schwer verletzt, sich im Krankenhaus wieder findet. Kaum aus dem Krankenhaus entlassen, stürzt er mit dem nächstbesten Flugzeug ab und überlebt abermals. Nicht ohne zwischendurch die große Liebe erlebt zu haben.

Begleitet wird Heinrich Steinfest auf seiner Lesereise von Denis Scheck. Auch für ihn ein Heimspiel, vor 50 Jahren in Stuttgart geboren und hier aufgewachsen. Der Deutschlandfunk-Redakteur der Sendung „Büchermarkt“ und „Druckfrisch“-Macher kann Heinrich Steinfest nicht erdrücken. Beide diskutieren sprachgewandt die Motive und Entstehungsgeschichte des Romans. Denis Scheck mit seinem Faible für Science Fiction, phantastische Literatur und Krimis befragt humorvoll Heinrich Steinfest, der seine Texte auf den Grenzen dieser Gattungen ansiedelt. Ganz nebenbei entwickeln die beiden an diesem Abend eine Poetologie des Steinfest’schen Krimis:

Auf die Frage, warum er diesmal keinen Krimi geschrieben hat, antwortet Steinfest kurz und knapp, „weil diese Geschichte keinen Krimi erfordert“.

Für Steinfest, der von der Malerei kommend zur Schriftstellerei gefunden hat, ist Eskapismus durch Literatur eine absolute Notwendigkeit. Er hat die Literatur entdeckt, nachdem er feststellte, als Maler immer die gleichen Bilder zu malen und um einen direkteren Weg zur Realität zu finden. Sein Buch enthält Zeichnungen von ihm. D. Scheck vermisst diesmal die legendären Fußnoten, die die Texte von Steinfest unter anderem auszeichnen. Heinrich Steinfest verspricht ihm, in die zweite Auflage eine hinein zu schmuggeln. Ich bin davon überzeugt, schon bald wird es diese geben.

Nachdem Steinfest mit dem Schreiben angefangen hat, hörte er auf zu lesen. Das ginge für ihn nicht: Schreiben und gleichzeitig lesen. Er wollte seine Sprache nicht durch die Sprache anderer Autoren überlagert wissen. Ideen holt er sich eher aus Filmen als aus anderen Büchern, wobei ihn die französischen Filme der 30er – 60er Jahre mit ihrer ganz eigenen Bildästhetik besonders beeinflusst haben.

Er schreibt über Dinge, die die Leser schon kennen, aber will sie so beschreiben, dass der Leser einen „Wow-Effekt“ erfährt. Das gelingt ihm im neuen Buch fulminant. Dem Allesforscher ist alles wichtig, selbst die kleinsten Dinge. Mit dem „Allesforscher“ ist ein Kind gemeint. Den Titel übernahm der Autor von seinem Sohn, der als kleines Kind das Wort „Allesforscher“ als Alternative zum Ausdruck „Universalgelehrter“ verwendete. Kinder sind die große Liebe des Erzählers Heinrich Steinfest, vor allem eigensinnige wie einsichtige Jungen und Mädchen. Sie taugen zu untadeligen, zutiefst makellosen Gegenbildern der oft von schweren Makeln und Macken behafteten Erwachsenen seiner Romane. In seinem letzten Buch nannte er eines dieser Kinder „Das himmlische Kind“. In der GEDOK-Gallerie las er daraus, ich berichtete darüber.

Das Kind im Mittelpunkt des neuen Romans, ist der erstaunliche Simon. Der Ich-Erzähler Sixten Braun lernt ihn im Vorschulalter kennen. Er ist ihm verbunden, hätte er doch aus der kurzen, heftigen Liaison mit der deutschen Ärztin Lana Senft entstammen können, die ihn nach seinem Schädel-Hirn-Trauma im taiwanesischen Krankenhaus behandelte. Der Junge ist nicht sein Kind, jedenfalls nicht biologisch. Dennoch nimmt Sixten die Vaterrolle, genötigt von einem Mitarbeiterin der taiwanesischen Vertretung in München, mit geradezu leidenschaftlicher Begeisterung an.

Mit Simon setzt der Autor seine außerirdischen Unwahrscheinlichkeiten fort: Das Kind spricht eine Sprache, die niemand versteht. Es erweist sich allenthalben als kleiner Überflieger. Beim Klettern an künstlichen Felsen, beim Zeichnen, beim Go-Spiel. Die Vermutung wird laut, Simon sei ein Alien. Das wäre bei Steinfest keine ungewöhnliche Wendung, wie auch im letzten Teil dieses Buches, als Sixten Braun in den Tiroler Alpen Hebammenfunktion übernehmen muss.

Schönheit im Spiegelkabinett der literarischen Einfälle tritt in Heinrich Steinfests Roman hervor. Wer philosophische Diskurse und unvorhersehbare Wendungen liebt, kommt bei der Lektüre auf seine Kosten. Denis Scheck hat die Lesung sichtlich amüsiert. Er wird diesen Zustand erhalten können, auf den nächsten Stationen ihrer Lesereise.

Der Allesforscher
400 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit Zeichnung des Autors
Piper Verlag, Preis: 19,99 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Vernissage im Literaturhaus

09.11.2013 at 17:55

kafka_00Eine Ausstellungseröffnung wie man sie sich wünscht: Gespräche, Musik und natürlich Bier aus Tschechien für die Band und die Gäste. Das Literaturhaus hat mal wieder ein literarisches Thema ungewöhnlich aufbereitet: Kafka. Diesmal im Comic.

kafka_01Die Ausstellung zeigt Arbeiten der Zeichner Robert Crumb, der Zeichnerin Chantal Montellier und dem tschechischen Zeichner Jaromír 99. Ihre Werke bilden die Grundlage für die von David Zane Mairowitz und Małgorzata Zerwe kuratierte Ausstellung „K: KafKa in KomiKs“. Das Besondere an den drei Werken: David Zane Mairowitz hat jedes Mal als Szenarist für die Zeichner gearbeitet. Zusammen mit Chantal Montellier und Jaromír 99 ließ er sich von dem Comic-Kenner Andreas Platthaus von der F.A.Z. zu ihren Arbeiten befragen. Mairowitz, der heute in Südfrankreich lebt, übersetzte die Fragen und Antworten für Chantal Montellier. Der Schriftsteller Jaroslav Rudiš übersetzte für Jaromír 99. Rudiš ist derzeit Stipendiat im Stuttgarter Schriftstellerhaus.

Jaroslav Rudiš und Jaromír 99 bilden mit vier Instrumentalisten die Band „Kafka“: Jaromír 99 vertonte Kafka-Texte, die er in düsterem Sprechgesang vortrug. Jaroslav Rudiš unterlegte die Musik mit der deutschen Übersetzung. kafka_02In der Zugabe trieb die Band die Zuhörer aus dem Saal an die Bierkästen wie in dem vertonten Kafka-Text aus „Das Schloss“ in dem von Frida berichtet wird:

Sie nahm eine Peitsche aus der Ecke und sprang mit einem einzigen hohen, nicht ganz sicheren Sprung, so wie etwa ein Lämmchen springt, auf die Tanzenden zu. Zuerst wandten sie sich gegen sie, als sei eine neue Tänzerin angekommen, und tatsächlich sah es einen Augenblick lang so aus, als wolle Frieda die Peitsche fallen lassen, aber dann hob sie sie wieder. »Im Namen Klamms«, rief sie, »in den Stall! Alle in den Stall!«

Unter den Gästen waren viele Teilnehmer der Tagung „Weltautor Kafka“ des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, die zeitgleich die Werke Kafkas behandelt. Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach (Kreis Ludwigsburg) zeigt dazu unter dem Titel „Der ganze Prozess“ bis 9. Februar 2014 alle Blätter des Manuskripts in einem ursprünglichen von Malcolm Pasley 1990 erstmals rekonstruierten Heft-Zusammenhang.