Ein Strauß voller Texte

17.07.2016 at 15:18
Schreibwerkstatt von Simone Regina Adams - Lesung

.

 

Das Schriftstellerhaus Stuttgart hat in Zusammenarbeit seiner ehemaligen Stipendiatin und Autorin Simone Regina Adams eine fortlaufende Schreibwerkstatt aus der Taufe gehoben. Während des Kurses sind unterschiedliche Werke entstanden. Einmal im Jahr stellen die Mitglieder der Schreibwerkstatt ihre Texte der Öffentlichkeit vor. Am 12. Juli war es wieder so weit, das kleine Haus in der Kanalstraße 4 war bis auf den letzten Platz besetzt. Was ist im letzten Jahr entstanden?

Brigitte Liebe beginnt den Abend mit einem Auszug aus ihrem Romanprojekt. Er ist in den fünfziger Jahren angesiedet und berichtet von einer sich anbahnenden Ehe, aus einer, wie man heute sagen würde, Long Distance Relationship.

Romanauszüge und Kurzgeschichten aus der Schreibwerkstatt

Ursula Gangl lässt in ihrer Kurzgeschichte „Begegnung“ im Gegensatz dazu den kurzen Moment einer Begegnung zwischen einer Frau und einem Vogel aufscheinen. Eine Frau im Bahnhofscafé beobachtet einen Spatz, der sich frech an ihren Kuchenteller setzt. Ob die Autorin nur sporadisch Bahn fährt? Sonst hätte sie nicht die Pointe der Geschichte schreiben können, dass die Icherzählerin zum ICE hetzt aber die Tür, nachdem sie verschlossen ist, noch öffnen kann. Ich war schon öfters in einer solchen Situation und hätte mir die Zauberkraft dieser Geschichte gewünscht.

David Paulitschek beweist mit seiner Kurzgeschichte, dass Humor immer gut ist bei einer Textlesung. Sein spritziger Text funktioniert wunderbar im mündlichen Vortrag. Auch zeigt sich an seinem Text, die Zuhörer werden eher mitgenommen bei einer abgeschlossenen Geschichte denn bei einem Romanausschnitt, wie ihn auch Ingrid Reinhard präsentiert.

Tobias Niethammer liest allerdings auch einen Romanausschnitt. Er ist auf die Zielgruppe der jugendlichen Leser ausgerichtet. Und was Tobias Niethammer an diesem Abend präsentiert ist überlegt und gut formuliert und zieht den Zuhörer sofort in die Geschichte hinein. Das mag auch daran liegen, dass der gelesene Ausschnitt mit wenig Personen auskommt und aus der Ich-Perspektive des jugendlichen Protagonisten gelesen ist. Der Zuhörer gerät dadurch nicht in Verwirrung, wie es passiert, wenn viele Personen in dem zu lesenden Romanausschnitt auftauchen, deren Rollen sich erst im Gesamttext erschließen.

Brigitte Maria Jacob liest über einen Küchenschrank, der dem Abend auch seinen Titel gegeben hat: Ich bin 45 Jahre alt und fürchte mich vor meinem Küchenschrank. Darin beschwört sie die Geister des Schankes. Der letzte Text des Abends von Katharina Harter kommt in Form einer Reisegeschichte daher. Auch hier verzaubert der feine Humor das Publikum, ähnlich wie der Text von David Paulitschek.

Es ist zu hoffen, dass die Mitglieder der Schreibgruppe von Simone Regina Adams weiter an ihren Texten arbeiten und wir im nächsten Jahr in einer Lesung Zeugen des weiter fortschreitenden Arbeitsprozesses werden können. Da wird wieder viel zu entdecken sein, denn, so Frau Adams, es wird in der Schreibwerkstatt hart um jedes Wort gekämpft.

Ungewöhnlich: Eugen Drewermann liest

07.07.2016 at 22:06
Eugen Drewermann stellt im Hospitalhof sein aktuelles Buch vor

Eugen Drewermann spricht im Hospitalhof über Rebellen, Frevler und Heroen in antiken Mythen

 

Professor Dr. Eugen Drewermann kam auf Einladung des Hospitalhofs am 5. Juli 2016 nach Stuttgart und stellte im Vortrag sein im letzten Jahr erschienenes Buch Grenzgänger: Rebellen, Frevler und Heroen in antiken Mythen vor. Kaum ein Jahr, in dem Eugen Drewermann nicht ein neues Buch veröffentlicht. Er hat als Theologe ein umfangreiches theologisches Werk vorgelegt. Sein Beruf als Psychotherapeut ist ebenso in sein Werk eingeflossen, das er vor allem der menschlichen Sehnsucht nach Liebe und wahrer Menschlichkeit gewidmet hat. Er hat unzähligen Menschen geholfen, ihren Glauben an Gott neu zu verstehen und sich von ihrer Angst zu befreien. Er ist ein ausgewiesener Kapitalismuskritiker. In diesem Jahr legte er ein zweibändiges Werk über Kapital und Christentum vor. Es gibt kaum ein Gebiet für ihn, das – wenn ihn das Thema einmal gepackt hat – er nicht bearbeitet hat. Über achtzig Titel sind bis heute von ihm erschienen.

Eugen Drewermann sprengt den Zeitrahmen

Pfarrerin Monika Renninger, Leiterin des Evangelischen Bildungszentrums, kündigte den ZuhörerInnen im gut gefüllten großen Saal des Hospitalhofes an, dass Eugen Drewermann ca. eine Stunde referieren wolle und dann nach einer Pause eine Aussprache stattfinden solle. Den skizzierten Rahmen sprengte Eugen Drewermann mit seinem Vortrag, den er, wie üblich, völlig frei hielt. Ohne Manuskript redete er mehr als eineinhalb Stunden. Er führte in die komplexe Götterwelt ein, rezitierte Hölderlin und schlug immer wieder einen Bogen zu aktuellen politischen Zuständen. Wenn er den Krieg und die Raffgier des kapitalistischen Systems anprangert, wurde aus ihm ein anklagender Intellektueller. Ein sehr seltener Moment in seinen Vorträgen: im Hospitalhof griff er zum Schluss zu seinem Buch und las daraus ein kurze Passage vor.

Die Rebellen der griechischen Antike

Er erläuterte in seinem Vortrag das Schicksal der Rebellen: Sisyphos, Tantalos, Damokles und andere rebellische Heldinnen und Helden der griechischen Sagen. Sie bestrafen die Götter grausam in der Unterwelt. Diese Sagen des klassischen Altertums mit ihren rachsüchtigen Göttern prägen die Vorstellungen vieler Menschen bis heute, erläuterte Drewermann. „Wir sind die Guten, und das sind die Bösen.“ Wenn es dabei bleibt, ist die Spaltung perfekt. „Diese verstehen nur die Sprache der Gewalt“. Also bleibt auch uns selbst, wie dem griechischen Zeus, einzig der Griff zur Waffe, als äußerste Maßnahme der Vernunft, die, natürlich, wir selber repräsentieren. Es heißt, stark zu sein und dem Recht, der Moral und der Menschlichkeit notfalls mit allen zu Gebote stehenden militärischen Mitteln zur Durchsetzung zu verhelfen. Die USA haben im Nahen Osten in ihren Kriegen 2 Millionen Tote hinterlassen (die Islamisten etwa 10.000).

Eugen Drewermann vermittelt das versöhnliche Christentum

Dagegen vermittelt das Christentum ein heilsames Gegenbild. Denn der Gott Jesu ist wie ein barmherziger Vater, er verlockt zur Freiheit. Eugen Drewermann zeigte mit tiefenpsychologischen Mitteln, wie sich durch Vertrauen in diesen barmherzigen Gott die Angst in der menschlichen Seele überwinden lässt. In der Bergpredigt wird eine Abkehr von der Trennung von Gut und Böse das Wort geredet. Es wird unmöglich, zu Gericht zu sitzen, so endet dieses wichtige 5. Kapitel des Matthäusevangeliums.

Wenn man diesem – im klassischen Sinne – Intellektuellen zuhört, werden Zusammenhänge klar, wird deutlich, dass sich in der Geschichte der Menschheit die Verhaltensweisen seit tausenden von Jahren nicht wesentliche geändert haben. Die Religionen haben sie nur in unterschiedlichen Bildern beschrieben, die Philosophen haben sie unterschiedlich interpretiert. Eugen Drewermann schafft es immer, wieder Brücken zu bauen: zwischen der Mystik, den Religionen, den Naturwissenschaften, der politischen Analyse und der Psychologie. Es bleibt zu hoffen, dass Eugen Drewermann noch häufig im Hospitalhof zu hören sein wird.

Grenzgänger
Rebellen, Frevler und Heroen in antiken Mythen
Hardcover mit Schutzumschlag, 488 Seiten
mit zahlreichen s/w- und farbigen Abbildungen
Patmos Verlag, Preis 44,00€

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Band 2 blättert auf

02.07.2016 at 17:29
Hans Thill vom Band 2 liest "Der Hutmacher"

Hans Thill vom Band 2 liest „Der Hutmacher“

 

Regelmäßig treffen sich im Schriftstellerhaus Schreibende zu Diskussion ihrer Texte und um in werkstattlicher Atmosphäre gemeinsam an Texten zu arbeiten. Der Name der Gruppe: Band 2. Einmal im Jahr stellen sie ihre Texte der Öffentlichkeit vor, dieses Jahr am 1. Juli im Schriftstellerhaus. Das Schriftstellerhaus gilt allgemein als das schmalste Haus in Stuttgart und dementsprechend eng wurde es bei der Lesung der zehn TeilnehmerInnen der Gruppe Band 2. Alle Stühle waren im engen Tagungsraum besetzt, die Treppe zum Büro des Schriftstellerhauses und eine Bierbank im Flur dienten ebenfalls als Sitzgelegenheit für die zuhörenden Gästen. Klar, wenn 10 Mitglieder der Schreibgruppe lesen und jeder auch nur zwei Freunde zum Kommen überreden kann, sind dreißig schnell beieinander und dafür reicht der kleine Raum im Schriftstellerhaus nicht aus, in dem in der Regel intime Werkstattgespräche stattfinden.

Trotz der Enge und der sommerlichen Temperaturen, die die Veranstalter dazu zwangen, die Tür zur Straße offen zu lassen, war es ein Vergnügen, den Beteiligten zuzuhören. Es wurde Lyrik vorgetragen, durchkomponierte Geschichten, historische Familiengeschichten in der Entstehung und all das verband Willi Steinfeld galant mit seinen kurzen Zwischenmoderationen.

Sarah Dressel vom Band 2 trägt Lyrik vor

Sarah Dressel trägt Lyrik vor

Erwartungsgemäß sind die Texte einer Arbeitsgruppe von sehr unterschiedlicher Qualität. Das galt sowohl für den eigentlichen Text als auch für den Vortrag. Aber da alles ein Abbild eines laufenden Arbeitsprozesses war, tat das dem Vergnügen der Zuhörer keinen Abbruch, wie es in den Gesprächen während der Pause und am Schluss der Veranstaltung deutlich wurde. Sarah Dressel, die die Gruppe organisatorisch zusammen hält, trug zwei längere Gedichte vor, unterstrich ihren Vortrag mit fein abgestimmten Gesten.

 

Geschichten dem Leben abgeschaut

Band 2: Die feine englische Art

Die feine englische Art

Dass Geschichten im wahren Leben fußen, bewies David Heinze mit seiner Geschichte über einen fünfzehnjährigen Schüler in England, der zur Perfektionierung seiner Sprachkenntnisse auf die Insel reist, in einer englischen Unterschichtfamilie aufgenommen wird und dort so gar nicht die feine englische Art erkennt. Die Hausmutter macht ihm zu allem Überfluss noch eindeutige sexuelle Avancen, mit denen er hoffnungslos überfordert ist. Der Text ist nicht nur humorvoll geschrieben sondern wurde auch von David Heinze perfekt vorgetragen.

Darüber hinaus trugen an diesem Abend ihre Werke vor: Ingeborg Anna Mentor, Hans Thill, Franz Lässig, Renate Philippi, Svenja Bramfeld, Larissa Hieber und Frank Sohler. Die Resonanz auf ihre Lesung ist sicher Ansporn, weiter an ihren Texten zu arbeiten, neue Texte aufs Papier zu bringen und im nächsten Jahr (in einer größeren Raum?) diese wieder einem breiten Publikum vorzustellen.

Ulf Stolterfoht erhält Preis der Literaturhäuser

05.06.2016 at 21:45
Ulf Stolterfoht

Symbolische Preisübergabe

 

Der mit 14.000 € dotierte Preis der deutschen Literaturhäuser wird dieses Jahr an Ulf Stolterfoht verliehen. Damit wird ein Lyriker ausgezeichnet, der seit mehr als 20 Jahren der deutschsprachigen Lyrik entscheidende Impulse mit seinen regelmäßigen Veröffentlichungen gibt. Das Netzwerk der Literaturhäuser vergibt den Preis seit 2002.

Der Preis wurde Ulf Stolterfoht im März in Leipzig überreicht, damit verbunden ist eine Lesereise durch alle deutschsprachigen Literaturhäuser, am 31. Mai las er im Literaturhaus Stuttgart. Die Leiterin des Hauses, Dr. Stefanie Stegmann, überreichte Ulf Stolterfoht symbolisch als „Preis“ ein Sixpack Bier, über den der Autor sich sichtlich freute. Sein Schriftstellerkollege Marcel Beyer, der den Abend mit dem Preisträger moderierte, forderte Ulf auf, doch die Biersorten zu präsentieren. schmunzelnd entgegneter dieser, die Verkostung würden sie sinnvoller Weise erst nach der Lesung vornehmen.

Erste Veröffentlichungen in den neunziger Jahren in Zeitschriften

Marcel Beyer eröffnete das Gespräch mit einer Anekdote: Urs Engeler und er selber nehmen jeder für sich in Anspruch, die erste Veröffentlichung von Gedichten des Ulf Stolterfoht in ihren jeweiligen Zeitschriften verantwortet zu haben, in der Zeitschrift Zwischen den Zeilen (Urs Engeler) bzw. in Konzepte (M. Beyer). Ulf Stolterfoht erinnerte sich, dass doch ein erheblicher Abstand von zwei Jahren zwischen den zwei Veröffentlichungen gelegen hat. Heute ist sein Gesprächspartner mit einer Veröffentlichung in seinem eigenen Verlag, der Brueterich Press mit einem Band vertreten. Die Brueterich Press verlege „Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis“ berichtete Ulf Stolterfoht stolz. Er hat ein vorab ausgezahltes Erbe zur Gründung des Verlages verwendet und dankte an diesem Abend seinen anwesenden Eltern, die ihn immer unterstütz hätten, in all den schwierigen Anfangsjahren seines lyrischen Schaffens.

Seit 1985 Schreibt Ulf Stolterfoht Lyrik

Ulf Stolterfoht

.

Seine ersten Gedichte hätte er an Norbert Wehr 1985 geschickt, der die Literaturzeitschrift Schreibheft herausgab. Der hätte ihn dann angerufen und sich erkundigt, ob er sich umbringen würde, wenn er seine Gedichte nicht veröffentlichen würde. Offensichtlich hatte er Angst um den Lyrikneuling, der damals in Bochum, später in Tübingen, Germanistik und Allgemeine Sprachwissenschaften studierte. Schon zu der Zeit begann Ulf Stolterfoht an seinem Lyrikprojekt Fachsprachen, das mittlerweile auf vier Bände angewachsen ist. Es ist ein formal strenges Werk, jeder Band enthält jeweils neun Rubriken à neun Gedichte, so dass jeder Band aus 81 Gedichten besteht. Er will die Reihe auf neun Bände ausdehnen, der fünfte ist fertig und der sechste in Arbeit. Es sind bizarre Sprachschöpfungen, die den Gestus von Fachsprachen nachahmen, aber in Wirklichkeit der Phantasie des Autors entstammen.

Mit dem ethnographischen Poem Holzrauch über Heslach oder dessen Fortschreibung in der kulturhistorischen Sektenfarce neu-jerusalem, den so vergnüglichen wie hintersinnigen Ammengesprächen mit einer Sprechmaschine hat Ulf Stolterfoht die Spielarten des gegenwärtigen Gedichts erheblich ausgeweitet. Holzrauch über Heslach hätte er während seines Stipendium der Villa Massimo geschrieben, wie Ulf Stolterfoht verriet.

Ulf Stolterfoht präsentiert seine Lyrik auf sympathische Weise vor

Wie immer trug er auch an diesem Abend seine Texte auf unnachahmliche Weise vor. Bescheiden streute er scheinbar leichthin Reflexionen über den Wert und höheren Unwert des Gedichts ein. Er erzählte von seinem Onlineprojekt Brueterich, das er nach einem vom Goetheinstitut verantworteten argentinisch-deutsche Stadtschreiberprojekt in Rayuela begonnen hatte, wo er erstmals Beiträge auf dem Projektblog veröffentlichte. Der Brueterich hatte eine Vielzahl von Unterprojekten (39 Kammern des Brueterichts), die er „Schwestern, Onkels, Nennonkels, Basen u.s.w.“ nannte. Alle diese Projekt sind abgeschaltet, wiewohl man sie noch im Internet auffinden kann. Aus diesem Blog las er im Literaturhaus einige Ausschnitte vor.

Auch Marcel Beyer kam „lyrisch zu Wort“

Marcel Beyer liest aus Graphit Ulf Stolterfoht

Marcel Beyer liest aus Graphit

Mit Blick auf die Uhr forderte Ulf Stolterfoht Marcel Beyer im Laufe des Abends immer wieder auf, doch eigene Gedichte zu lesen. Dieser ließ sich jedoch nicht drängen. Erst gegen Ende des Abends las er aus seinem neuen Band Graphit, an dem er 13 Jahre lang gearbeitet hat. Darin erkundet Beyer die Materialität von Gegenständen, Stoffen und Substanzen, um die in ihnen abgelagerte Geschichte freizulegen. Er las daraus ein Gedicht zum ersten Todestag von Thomas Kling: ein Dichter, der für beide von sehr großer Bedeutung war. Und: Das Rheinland stirbt zuletzt. Darin wird der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln mitsamt rund 30 Regalkilometern im Jahr 2009 besungen.

Nach gut zwei Stunden verabschiedete der Moderator das Publikum im Literaturhaus. Bei ein paar Bieren konnten sich das Publikum über diesen gelungenen Abend austauschen.

Weitere Videos der Fachsprachengedichte und Gespräch:

Ein frühes Gedicht aus der Reihe Fachsprachen
Lesung aus Fachsprachen (2)
Lesung aus Fachsprachen (3)
Lesung aus Fachsprachen (4)
Lesung aus Fachsprachen (5)
Gespräch über Thomas Kling und andere moderne Lyriker
Gedicht zu Thomas Kling

Wolfgang Haenle mit neuen Texten

15.05.2016 at 17:35
Wolfgang Haenle im Schriftstellerhaus

.

Wolfgang Haenle stellte am 12. Mai im Schriftstellerhaus Stuttgart neue Texte in der Reihe „Forum der Autoren“ vor. Es sind unveröffentlichte Texte, die er dem Publikum präsentierte. Dankenswerter Weise hatte er für die ZuhörerInnen einen großen Teil der Gedichte kopiert, so dass sich eine rege Diskussion über die Texte entwickeln konnte.

Wolfgang Haenle ist ein „spätberufener Lyriker“. 1945 in Altötting geboren, aufgewachsen in Göppingen, studierte er Maschinenbau und Technische Fotografie in Stuttgart. Auf seiner Homepage gewährt er Einblick in sein fotografisches Schaffen. Aber erst gegen Ende seines aktiven Berufslebens begann er sich intensiv mit der Lyrik auseinander zu setzen. 2011 veröffentlichte er seinen ersten Lyrikband mit Liebesgedichten: „eine hand voll du“. Regelmäßig veröffentlichte er in Gedichtanthologien. Die achtzehn Gedichte, die er an diesem Abend mit ins Schriftstellerhaus brachte, sind noch nirgendwo erschienen.  Seine Geburtsstadt Altötting, eine berühmte Pilgerstadt fand Eingang in eines seiner Gedichte. Wir wissen, welche bekannte Persönlichkeit aus der Gegend kam: Papst Benedikt VI., der „Joseph Aloisius“.

Wolfgang Haenle hat sich konsequent der Kleinschreibung in seinen Gedichten verschrieben. Aber auch sonst ist er formal streng, mal verwendet er die Form des Sonetts, dann wieder die der Sestine. Wobei er dem Reim und dem Jambus elegant ausweicht. Er kennt die Formen, folgt ihnen aber nicht streng. Wie viele moderne Lyriker lässt er den Reim links liegen. Und doch ist seine Lyrik von formaler Eleganz. Seine Themen findet er überall: die „Schnapp“-Schildkröte Lotti, die in der Bild-Zeitung Überschrift wurde:  „Ente in die Tiefe gezogen: Alligator-Schildkröte Lotti wieder da“. Oder bei Edgar Degas, dem impressionistischen Maler, dem er ein Gedicht unter dem Namen „leidenschaft“ widmet.

Für Wolfgang Haenle ist die Natur eine Fundgrube

Betrachtungen der Natur wurden bereits von dem von ihm hochgeschätzten Dichterkollegen Jan Wagner zu Lyrik verdichtet. Auch Wolfgang Haenle schreibt Gedichte, die sich diesem Genre verpflichtet fühlt. Ob er den in den in den offenen Savannenlandschaften und bewaldete Flussgebiete des Tief- und Hochlands des südlichen Afrikas beheimateten Kaffernbüffel oder den Kormoran beschreibt, immer findet er eindrucksvolle Bilder. Im Gedicht Kormoran blitzt eine andere Leidenschaft des Autors auf: die Fotografie. Darin heißt es:
... schlaff hängt die sony
ein griff. dann ist sie ganz oben. der gurt zurrt an der schulter

Aber auch eine Wanderung ist es ihm wert, zu Lyrik verdichtet zu werden. Wieder erwähnt er darin die Kamera, die ihm ein ständiger Begleiter scheint. Humorvoll blickt er auf die Esoterikszene, wenn er über „gruppentherapie“ schreibt, und sie dort verortet, wo Bachblüten dreizehn Feen treffen, der Meister ein biegsamer ist.

Immer wieder unterbrach Wolfgang Haenle seinen Vortrag und gab Raum für die Diskussion mit dem Publikum. So entstand fast schon so etwas wie schriftstellerische Arbeitsatmosphäre im Schriftstellerhaus, das mit diesem Format „Forum der Autoren“ genau das beabsichtigt.

Wolfgang Haneles beiden Lyrikbände sind beim Stuttgarter Schweikert-Bonn-Verlag erschienen:

eine hand voll du
Broschiert, 140 Seiten, Preis: 11,50 €

b.antwortet
Gebunden, 136 Seiten, Preis: 17,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

 

Walle Sayer steckt viel in die Streichholzschachtel

07.04.2016 at 1:26
Walle Sayer in der Stadtbibliothek

.

Die LesBar der Stadtbibliothek ist keine Streichholzschachtel, trotzdem erstaunlich, wie viele Zuhörer in diesem Kleinod hoch oben in der Stadtbibliothek bei der Lesung von Walle Sayer am 5. April darin Platz fanden. Viel literarische Prominenz aus Stuttgart war vertreten, um dem Autor des Klöpfer & Meyer Verlages zuzuhören. Man kennt sich in der Szene und der Verlag Klöpfer & Meyer ist für einige der im Publikum sitzenden Autoren ebenfalls ein sicherer Hafen, wie er es für Walle Sayer seit nunmehr acht Büchern ist.

Ingrid Gerlach begrüßt Walle Sayer

.

Seinen neuen Band untertitelte Walle Sayer mit „Feinarbeiten“. Ein treffender Titel, denn Walle Sayer ist bekannt für seinen genauen Blick auf die kleinen Dinge des Lebens, die er immer wieder zum Ausgangspunkt seiner fein gearbeiteten Texte macht. Der Autor ist seit vielen Jahren dem Schriftstellerhaus verbunden und so verwundert es nicht, dass dessen Geschäftsführerin Astrid Braun diesen Abend moderierte. Die gegenseitige Wertschätzung und Empathie durchzog den Abend von Anfang an, das fing schon mit der herzlichen Begrüßung durch Ingrid Gerlach als Vertreterin der Stadtbibliothek an.

Walle Sayer brennt für das Schreiben

Walle Sayer ist einer, der schon früh für sich entschied, die Schriftstellerei zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen. Er absolvierte zwar eine Banklehre, aber die Ausbildung konnte seine Liebe zur Literatur nicht verdrängen. Für Astrid Braun ist Walle Sayer ein lebendes Beispiel, wie Literatur ein Leben im wortwörtlichen Sinne verändern kann, wenn man sich ihr ganz und gar hingibt. Aber vom Schreiben allein kann er nicht leben. Und da er Verantwortung für eine Familie hat, musste er sich zwei berufliche „Flügel“ zulegen: er arbeitet als Nachtportier in einem Hotel und als Kellner in einer Kulturgaststätte in Horb. Die Gedichte des Lyrikers und Essayisten Walter Helmut Fritz seien für ihn die Initialzündung gewesen, selber mit dem Schreiben anzufangen, verrät er zu Anfang des Gesprächs. Und er beginnt seine Lesung mit dem Text „Leseausweis“. Darin beschreibt er einen Jungen, der sich lesend neue Welten erschließt.

Walle Sayer Mikrofon

.

Walle Sayer hat seinen Band in neun Kapitel aufgeteilt, die lediglich mit römischen Ziffern tragen. Doch er legt Wert auf Überschriften zu seinen Texten. Der erste Text eines Bandes hat für ihn immer etwas Programmatisches, erläutert Walle Sayer. Der erste Text in diesem Band trägt die Überschrift „Photographisch“ und er hat ein Zitat von Fernando Pessoa dem Text voran gestellt: „Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern das, was wir sind.“ Und schon in diesem Text tauchen die wunderbaren poetischen Bilder des Autors auf, wenn er von „müden Straßenlampen“ schreibt, von den „Neun Zwergen in einem Vorgarten, die keinerlei Putschplan haben“ und von der „Fellfarbe der Scheunenwand“.

Stetiges Arbeiten am Text verleiht ihm Tiefe

Walle Sayer ist ein Wortesammler. Was er notiert, kann zu einem Text werden, ein Klang als Ausgangspunkt einer nächsten Betrachtung dienen. Die tägliche Zeitungslektüre ist für ihn eine unermessliche Fundgrube. Ein ganzes Kapitel hat er seiner Zeitungsausschnittsammlung gewidmet. Er arbeite lange an seinen Texten, überarbeitet sie ein ums andere Mal. Selbst wenn Texte in Zeitschriften veröffentlicht sind, nimmt er manchmal noch Änderungen vor. Sind sie allerdings als Buch erschienen, dann ist der Prozess auch für ihn endgültig abgeschlossen.

Walle Sayer Detail

.

Immer wieder sind es die Kleinigkeiten, die sonst nicht erwähnten Dinge, die Walle Sayer in seinen Texten in ungewöhnliche Worte kleidet, die er an diesem Abend dem Publikum nahe bringt. Diese Liebe zum Detail seine Verbundenheit mit dem Strom des Lebens werden in der Lesung deutlich. In der ihm eigenen Bescheidenheit nimmt er sich die Zeit, die Zuhörer quer durch sein ganzes Buch zu führen und einen Einblick in sein poetisches Schaffen zu geben. Wer ihm an diesem Abend zugehört hat, hat eine Ahnung davon bekommen können, dass es ist nicht immer der ausufernde Roman ist, der dem Leser eine Welt eröffnet, es sind auch die kurzen Texte dieses in der schwäbischen Landschaft fest verankerten Schriftstellers Walle Sayer.

Was in die Steichholzschachtel passte - Walle Sayer

.

Was in die Streichholzschachtel paßte
Feinarbeiten
124 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Eine Rezension gibt es hier.

Magdalena Schrefel stellt sich vor

19.03.2016 at 17:00
Magdalena Schrefel

Magdalena Schrefel mit Viktor Dallmann bei ihrer szenischen Lesung

 

Schon seit Anfang Februar weilt Magdalena Schrefel als Stipendiatin im Schriftstellerhaus. Am 17. Februar stellte sie sich eben dort vor. Sie hatte den Text mitgebracht, an dem sie während ihres Stipendiums arbeiten will. Die Vorsitzende des Vereins, Ingrid Bussmann, stellte die junge Frau kurz vor. Magdalena Schrefel stammt aus Wien und arbeitet seit 2014 als freie Autorin. Nach ihrer Matura arbeitete sie im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienst ein Jahr in Vukovar, Kroatien, ging dann für ein Jahr nach Göteborg zur Ausbildung im Bereich Projektmanagement für NGO und Sozialen Bewegungen.

Ihren Bachelore im Studium Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig hat sie mit einem Theatertext erlangt. Bisher hat sie noch nicht an längeren Prosatexten gearbeitet, sie will die Zeit ihres Stipendium nutzen, ihren ersten Roman zu beginnen. Als Arbeitstitel hat sie „Reisebleiche Lider“ gewählt, allerdings ist der Titel wie auch der Text ständig im Fluss. Darin beschreibt sie zwei Frauen auf einer Busreise irgendwo in Südeuropa an der Grenze zu Griechenland. Der Bus ist ihnen davon gefahren und die Icherzählerin steht mittellos da, offensichtlich in Griechenland, denn sie kann an keinem Automaten Geld ziehen, das es schlicht nicht mehr gibt.

Die Eingangsszene las Magdalena Schrefel zusammen mit Viktor Dallmann. Er weilt zur Zeit ebenfalls im Schriftstellerhaus, absolviert hier ein Praktikum, bevor sein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig im nächsten Semester beginnt. Da Magdalena Schrefel vom Schreiben fürs Theater kommt, passt die Lesung mit zwei Lesenden gut.

Magdalena Schrefel und ihr Text in kritischer Diskussion

Unter den Zuhörern im Schriftstellerhaus waren einige erfahrene Schriftsteller des Hauses und so entspannte sich eine Art Werkstattgespräch über den Text, es gab sowohl Lob als auch Kritik. Der Text sei sauber erzählt und verließe sich auf die Geschichte, allerdings sei er auch hochredundant. Die Personen bleiben noch schemenhaft, Empathie stellt sich für sie nicht ein. Das sei ein großer Vorsatz von ihr, erläuterte Magdalena Schrefel und ja, es gäbe keinen (oder noch keinen) Plot. Das „Plotten“ hätte ihr noch nie gelegen, auch am Literaturinstitut hätte sie damit immer Probleme gehabt, verriet die angehende Romanautorin. Sie interessiere mehr für die kleinen Risse in einer Geschichte, für das Geheimnis unter der Oberfläche, das dadurch sichtbar würde und die Frage, was passiere, wenn die Risse größer würden.

Der vorgestellte Text sei überwiegend im Konjunktiv geschrieben und behielte doch eine gewisse ästhetische Betulichkeit, so eine kritische Stimme. Aber alle waren sich einig, dass ein begründetes Urteil im gegenwärtigen Stadium des Textes nicht gesprochen werden könne. Auf jeden Fall wäre man auf den fertigen Text gespannt, der sicher ganz anders aussehen wird, wie die Autorin selber einwarf.

Eine weitere Begegnung mit der Stipendiatin ist am Montag, 18. April 2016 um 19 Uhr 30 in der Galerie InterArt vorgesehen. Sie wird mit zwei ehemaligen Kommilitoninnen aus Leipzig eine Lesung fiktiver, fiktionalisierter und faktischer Ansichtskarten unter dem Titel „Das Wetter ist schön. Das Essen schmeckt gut.“ veranstalten. Näheres siehe hier.

Alles Dada oder was?

28.02.2016 at 22:39
dada Faul und Braun

Eckhard Faul und Michael Braun präsentieren Dada-Texte

Dada ist 100 Jahre alt geworden und das Schriftstellerhaus veranstaltete dazu eine Revue mit zwei ausgewiesenen Kennern der Materie. Eckhard Faul und Michael Braun „gastierten“ mit ihrem Vortrag am 25. Februar im Schriftstellerhaus Stuttgart in der Kanalstraße 4. Viele Sendungen haben den Geburtstag des Dadaismus am 5. Februar 1916 in den Blick genommen, hundert Jahre nach der Gründung des legendären Cabaret Voltaire durch Hugo Ball und seiner Freundin Emmy Hennings in Zürich – unweit von Lenins Exilwohnung – in der Spiegelgasse 1. Modern, provokativ und erfinderisch rechnete diese neue Kunstrichtung unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges mit den verlogenen Idealen der Gesellschaft ab, die den Krieg herbeigeführt hatten.

Die Welt versinkt in einem Weltkrieg und die Künstler suchen nach neuen künstlerischen Ausdrucksweisen

Eckard Faul und Michael Braun hatten keinen Schamanenhut dabei wie ihn Hugo Ball am 5. Februar 1916 in der „Künstlerkneipe Voltaire“ trug, die wenig später in Cabaret Voltaire umbenannt wurde. Und sie spannten den zeitlichen Horizont noch einige Jahre weiter auf: Schon 1914 schrieb Hugo Ball unter dem Pseudonym Klarinetta Klaball zusammen mit Klabund und Marietta die Monaco einige Gedichte (Teile aller ihrer Namen finden sich in dem gewählten Pseudonym). In Berlin gehörte er zu der expressionistischen Avantgarde. Hugo Ball entwickelte sich zu einem resoluten Kriegsgegner und beschäftigte sich intensiv mit Revolutionsbewegungen und Anarchismus. 1915 veranstaltete er eine Gedächtnisfeier für gefallene Dichter, deutsche und französische (!). Ende Mai 1915 floh er mit seiner späteren Frau Emmy Hennings in die Schweiz.

Für Hugo Ball wird kreative Entgrenzung zum Programm: „Ich will keine Worte, die andere erfunden haben. Alle Worte haben andere erfunden. Ich will meinen eigenen Unfug, und Vokale und Konsonanten dazu, die ihm entsprechen. Diese vermaledeite Sprache… Das Wort will ich haben, wo es aufhoert und wo es anfängt.“

In Zurüch erblickt Dada das Licht der Welt

In Zürich traten die Künstler Hans Arp, Hugo Ball, Emmy Hennings, Tristan Tzara und Richard Huelsenbeck auf die Kleinkunstbühnen und formulierten im Juli 1916 im Cabaret Voltaire ihr „Dada-Manifest“, in dem es hieß:
„Wie erlangt man die ewige Seligkeit? Indem man Dada sagt. Wie wird man berühmt? Indem man Dada sagt. Mit edlem Gestus und mit feinem Anstand. Bis zum Irrsinn. Bis zur Bewußtlosigkeit. Wie kann man alles Journalige, Aalige, alles Nette und Adrette, Bornierte, Vermoralisierte, Europäisierte, Enervierte, abtun? Indem man Dada sagt. Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou. Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt.“

Das Lautgedicht wird bei Dada Programm

Nur zu gerne wüsste man, wie Hugo Ball sein Lautgedicht «Karawane» im kubistischen Kostüm als magischer Bischof vorgetragen hat. Es gibt keine Tondokumente aus dem Cabaret Voltaire. In seinem Tagebuch schreib Hugo Ball zu seiner Rezitation:

„Die schweren Vokalreihen und der schleppende Rhythmus der Elefanten hatten mir eben noch eine letzte Steigerung erlaubt. Wie sollte ich’s aber zu Ende führen? Da bemerkte ich, dass meine Stimme, der kein anderer Weg mehr blieb, die uralte Kadenz der priesterlichen Lamentation annahm, jenen Stil des Messgesangs, wie er durch die katholischen Kirchen des Morgen- und Abendlandes wehklagt. Ich weiss nicht, was mir diese Musik eingab. Aber ich begann, meine Vokalreihen rezitativartig im Kirchenstile zu singen und versuchte es, nicht nur ernst zu bleiben, sondern mir auch den Ernst zu erzwingen.“ (Hugo Ball: „Die Flucht aus der Zeit“, Wallstein-Verlag)

Eckhard Faul rezitierte das Lautgedicht „Karawane“ weder im kubistischen Kostüm noch als magischer Bischof.

Schon nach wenigen aufreibenden Monaten des Cabaretbetriebs zog sich Hans Ball ins Tessin zurück. Mit der Galerie Dada kehrte er dann noch einmal für kurze Zeit nach Zürich und zum Dadaismus zurück. Während Balls Weggefährten DADA zu einem Credo erhoben, von dem sie ihr Künstlerleben lang zehrten, blieb es für Ball nur Episode. Er konvertiert zum Katholizismus, studiert die alten Mystiker hielt Vorträge in Deutschland und der Schweiz. Trotz der kurzen Dada-Phase entstand ein vielfältiges dadaistisches Werk, das die richtungsweisenden 10 Lautgedichte umfasst, ein „bruitistisches Krippenspiel“ und den DADA-Roman „Tenderenda der Phantast“ (beide posthum veröffentlicht).

Von Hans Arp hier das Gedicht Opus Null, veröffentlicht 1924:

Richard Huelsenbeck, der sich in Zürich zu Hugo Ball gesellt und in Hans Arp und Tristan Tzara Gleichgesinnte gefunden hatte, gründet 1918 in Berlin Club Dada. Von ihm stammt das Gedicht die Dada Schalmei:

Tristan Tzara rezitierte im Cabaret Voltaire „Negerlieder“. Sie erfüllen sicher nicht mehr den Tatbestand sprachpolitischer Korrektheit. Aus manchem Reim funkelt der Glanz vergangener Epochen. Seine Lautgedichte nahmen die Neugierde der Zeit nach Exotik auf und verwandelten sie in priesterlichen Singsang, mit fremden Lauten spielend. Auch damals schon: die Kleinschreibung als Stilmittel.

Michael Braun trug ein Gedicht aus dem Negerliedzyklus vor, den Sotho-Neger:

Der deutsche Künstler, Maler, Dichter und Werbegrafiker Kurt Schwitters gehörte ebenfalls zum Kreis der Dadaisten. In Stuttgart ist er mit seinem grafischen Werk in der Staatsgalerie vertreten. Für den Dichter Schwitters war das Jahr 1919 der Durchbruch zu einem eigenständigen Stil mit dem Gedicht „An Anna Blume“:

Mit der Revue DADA 100 hat das Schriftstellerhaus an diesem Abend durch die beiden Kenner der Materie, Michael Braun und Eckard Faul, einen guten und amüsanten Einblick in diese wichtige Kunstform aus dem Anfang des vorherigen Jahrhunderts geben.

Benefizveranstaltung für Sant’Anna

06.01.2016 at 17:46
Enio Mancini aus Sant'Anna

Enio Mancini aus Sant’Anna
Foto: © Fritz Mielert

Enio Mancini ist einer der wenigen Überlebenden des SS-Massakers in Sant’Anna di Stazzema am 19. August 1944. Die AnStifter haben am Gedenktag der Opfer des Faschismus eine Benefizveranstaltung in der Gaisburger Kirche, Stuttgart, Faberstraße 17 organisiert. Zeit: Mittwoch, 27. Januar 2016, 19:00 Uhr

Ich werde aus Enio Mancinis Erinnerungen, der als Kind das Massaker von Sant‘Anna di Stazzema überlebt hat, lesen. 2013 hat Enio Mancini zusammen mit Enrico Pieri den Friedenspreis der Stuttgarter AnStifter erhalten.

Carolin Kaiser und Jonathan Ferber spielen auf der bemerkenswerten Orgel der Gaisburger Kirche Werke von J. S. Bach, J. G. Albrechtsberger, S. Wesley und F. Schubert.

Der Erlös der Benefizveranstaltung ist für die Friedensorgel in Sant’Anna bestimmt. Die durch Spenden finanzierte Orgel soll zwei zusätzliche Register erhalten. Nach dem eklatanten Versagen der Stuttgarter Justiz – kein Prozess gegen die Täter – sind Zeichen der Solidarität für die Menschen von Sant’Anna von größter Bedeutung.

Die AnStifter laden herzlich ein. Der Eintritt ist frei, Spenden sind erbeten.

Hintergrund zur Problematik Kriegsverbrechen in Sant’Anna di Stazzema

Aus der Erklärung der AnStifter-Initiative Sant’Anna vom 29.9.2015:
Die Stuttgarter AnStifter-Initiative Sant’Anna hatte sich Ende 2012 in der Reaktion auf die Einstellung der Ermittlungen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft zusammengefunden und damals erklärt: „Wir schämen uns und sind empört über den Umgang der Stuttgarter Justiz mit den deutschen Kriegsverbrechen in Sant’Anna di Stazzema. Im Jahr 1944 ermordete die SS 560 Menschen in dem italienischen Dorf Sant’ Anna di Stazzema, vor allem Frauen und Kinder. Die Täter sind von einem italienischen Gericht verurteilt, aber frei. Die Überlebenden fordern Gerechtigkeit… vergeblich. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft – zuständig Bernhard Häußler – hatte das Verfahren im Oktober 2012 eingestellt. Damit bleiben die Täter auf freiem Fuß. Wir Bürgerinnen und Bürger Stuttgarts – und darüber hinaus – sind empört über den Umgang der Stuttgarter Justiz mit den Kriegsverbrechern.“

Sylvia von Keyserling auf den Stuttgarter Buchwochen

22.11.2015 at 7:38

Sylvia von Kayserling las aus ihrem neuen Lyrikband Rosenstein. Der Nikros Verlag in Kooperation mit der Gedok hat die Lesung am 19. November organisiert. Zu Beginn der Lesung zeigte der Verlag die Bilder von Wolfgang Rüter in einer Mulitmedia Projektion. Damit wurde ein guter Eindruck der Parklandschaft im Herzen Stuttgarts vermittelt, die Sylvia von Keyserling in den Mittelpunkt ihrer Gedichte stellte. Eine ausführliche Rezension habe ich bereits an dieser Stelle im Elsternest veröffentlicht.

Mit Zwischentexten erläuterte die Lyrikerin ihre Sicht der Wirklichkeit, die sie poetisch in ihren Gedichten ausbreitet:

Hört man das Gedicht „Lettern“, in dem sie vom „Schattenalphabet der Bäume“ spricht und geht man mit diesen Zeilen im Kopf durch den Rosenstein, sieht man die Bäume mit anderen Augen. Unwillkürlich fragt man sich, warum der Mensch so wenig Ehrfurcht vor der Natur hat und sie rücksichtslos ausbeutet.

Die Sinne der Natur, das unterirdische Wurzelwerk mit seiner Fähigkeit zu riechen, zu schmecken, zu tasten, die murmelnde Kommunikation von Wurzel zu Wurzel beschreibt sie im Gedicht Scrabble. Video dazu auf meinem Kanal „Lerchenflug“.

ROSENSTEIN
Hommage an ein Stuttgarter Kulturdenkmal

64 Seiten, gebunden, mit 45 Fotografien von Wolfgang Rüter
Nikros Verlag, Preis: 16,80 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens