Mit Küchenmesser und Querflöte

23.11.2018 at 17:00
Vincent Klink und Patrick Bebelaar

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Weit über Stuttgart hinaus ist der Koch und Restaurantbetreiber Vincent Klink bekannt. Am 22. November 2018 stellte der Küchenmeister sein neues, schön gestaltetes Buch auf der Stuttgarter Buchwochen vor, das in diesen Tagen beim Klöpfer und Meyer Verlag erschienen ist.

Sein Verleger Hubert Klöpfer ist sichtlich stolz, diesen Tausendsassa für seinen Verlag gewonnen zu haben. Vincent Klink, so erwähnt er beiläufig, ist selbst Verleger. Aber auch als Jazzmusiker hat sich Vincent Klink so ganz nebenbei einen Namen gemacht. An diesem Abend hat er seinen Freund Patrick Bebelaar mitgebracht und so sorgt Vincent Klink mit diesem hervorragenden Jazzpianisten selber für den musikalischen Rahmen. Für ihn sei Kochen wie Jazz: Die Kunst der Improvisation. Bei Klassik fehlt ihm das Spontane. Sie spielen an diesem Abend Jazzstandards. Vincent Klink begleitet Patrick Bebelaar auf seinem letzten, ihm verbliebenen Instrument. Alle anderen Instrumente, Trompeten, Flügelhorn, hat er vor einiger Zeit verkauft, wie er verrät. Diese vergoldete Flöte sei offenbar für potentielle Käufer zu teuer gewesen. Er selber habe sie bei einem Instrumentenbauer vor vielen Jahren gegen sein Motorrad eingetauscht. So launig, wie er von seinen Musikererlebnissen erzählt, liest und führt er an diesem Abend auch durch sein Buch.

Tagesrezpte und Gedanken zur Tagespolitik

Ein Tagebuch im klassischen Sinn, mit persönlichen Gefühlen, wollte er nie schreiben. Aber viele Jahre hat er über seine vielseitigen Tätigkeiten gebloggt und hat sein Ideen von Rezepten und Gerichten in einer Art Tagebuch festgehalten. Er notierte nicht nur Rezepte sondern politisiert und philosophiert, diskutiert und interveniert, nimmt die Lebensmittelindustrie und Stuttgart 21 aufs Korn, gibt Tipps für Bücher und Restaurants, berichtet von Begegnungen mit Prominenten. Daraus ist das Buch Angerichtet, herzhaft und scharf! entstanden, das der Chef des Stuttgarter Restaurants „Wielandshöhe“ auch selber mit Zeichnungen angereichert hat.

Vincent Klink plaudert mehr als das er liest

Vincent Klink

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Die Lesung ist weniger eine Lesung als eine Plauderstunde über die aufgeschriebenen Begegnungen und Gedanken, wobei Vincent Klink auf eine große Schar namhafter Persönlichkeiten zurückgreifen kann, die er in seinem Restaurant verköstigt hat. Von Peter Rühmkorf z. B. weiß er zu berichten, dass er Single-Malt-Whisky nur aus randvollen Wassergläsern trank. Oder er gibt die Anekdote zum Besten, wie beim Catering bei dem berühmten Nagelbildkünstlers Günther Uecker seine Küchencrew ihre Klamotten in der Garage an die Nägel der dort verbrachten Bilder hingen.

Zu seinen Bekannten zählt auch der Dichter F. W. Bernstein. Das Bonmot dieses humorvollen Dichters gibt er an diesem Abend gerne weiter: „Lesen gefährdet die Dummheit“ und Vincent Klink ermuntert die Anwesenden Zuhörer, sein Buch an dem Büchertisch des Verlages zu kaufen.

Angerichtet, herzhaft und scharf!
Aus meinem Tage- und Rezeptebuch

276 Seiten, zweifarbig gedruckt, 27 Originalzeichnungen und über 30 Rezepte, davon 11 in faksimilierter Handschrift, Hardcover mit Lesebändchen und farbigem Vorsatz.
Klöpfer & Meyer, Preis 28  €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Wort trifft Wein bei Jaques‘

11.06.2018 at 19:46
Wort trifft Wein bei Jaques

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Jaques’ Weindepot lud am 9 Juni 2018 zu einem literarischen Weinspaziergang in seine Verkaufsräume am Feuersee in Stuttgart ein. Hans Thill hatte die Idee, mit der Gruppe Band 2 aus dem Schriftstellerhaus dort eine Lesung zum Thema Wein zu veranstalten. Die Gruppe trifft sich regelmäßig im Schriftstellerhaus, um Texte der Mitglieder zu diskutieren und Feedback zu geben.

An diesem Abend präsentiert Hans Thill zusammen mit Thomas Werling und seiner Frau von Jaques’ Weindepot acht literarische Streifzüge der Gruppe zum Thema Wein. Hans Thill eröffnet den Abend mit einem Sketch – frei nach Loriot – den er zusammen mit seiner Partnerin Hanni Schäfer vorstellt. Zu jeder Lesung wird von Thomas Werling ein ausgesuchter, passender Wein kredenzt.

Ich selber lese einen Text über die Schattenseiten des Weingenusses. In seinem Mittelpunkt die Begegnung eines Sohnes mit seinem alkoholabhängigen Vater. (Hier nachzulesen). Passend zum Text mit dem Titel „Moselwein“ präsentiert Thomas Werling einen Weißwein von der Mosel.

Peter Schmidt hat eine Geschichte aus der französischen Résistance im Gepäck. Frank Sohler fragt in seinem Text „Wein oder nicht Wein?“. In eine Welt in naher Zukunft, in der die Privatwohnungen der Menschen überwacht werden, entführt der Text von Sarah Dressel, den sie fast szenisch lesend vorträgt.

Zu jedem Text kredenzt Thomas Werling seine Weine, zu denen er ausführlich Hintergründe aus Weinanbau und Gebiet den Zuhörern erzählt. Die etwa 50 Gäste verkosten und genießen sie ebenso wie die Texte.

Claudia Stursberg aus Bad Boll liest einen Romanauszug. Zwei alte russische Freunde treffen sich nach langer Zeit wieder und feiern das mit einem guten Essen. Thomas Werling philosophiert anschließend, ob man einen Wein zu einem Essen empfehlen kann und kommt zu dem Schluss, dass es einfacher sei, zu einem guten Wein, dessen Aromen man kennt, ein passendes Essen zu kreieren.

Die Lesung von Willi Steinfeld lässt erkennen, dass er über Erfahrungen aus Poetry Slam Veranstaltungen verfügt.

Zum Abschluss der Lesung trägt noch einmal Hans Thill einen Text vor, in dem er eine Begegnung mit Bacchus in den Mittelpunkt rückt und Thomas Werling krönt den Abend mit einem guten Tropfen aus einem französischen Weinanbaugebiet, das wie kein anderes für hochwertigen Rotwein steht: Bordeaux.

Viele Worte sind gesprochen und viele Weine getrunken, als dieser laue Sommerabend zu Ende geht.

Drogen per Drohnen – der neue Krimi von Zoë Beck

10.03.2018 at 12:07

Zoë BeckSchon achtmal kooperierte die Stadtbibliothek Bad Cannstatt mit dem Verein Stuttgarter Kriminächte, um Kriminalautoren einem breiten Publikum vorzustellen. Am 7. März 2018 las Zoë Beck hier aus ihrem neuen Roman. Sichtlich stolz präsentierte Alexandra Kirchner, die Leiterin der Bibliothek, mit ihrem reinen Frauenteam diese Ausnahmeschriftstellerin. Immer wieder eroberte Zoë Beck die Krimibestenliste mit ihren spannenden Romanen, die häufig in Großbritannien spielen. Für ihrer Kurzgeschichte Draußen erhielt sie 2010 den renommierten Friedrich-Glauser-Preis, 2014 gewann sie den Radio-Bremen-Krimipreis, der Autorinnen und Autoren für qualitativ herausragende Werke der Kriminalliteratur auszeichnet und zwei Jahre später den 3. Platz beim Deutschen Krimi Preis in der Kategorie „National“.

Nach dem Brexit kommt der Druxit

Zoë Becks neuer Kriminalroman spielt in London in nicht ferner Zukunft. Nach dem Brexit steht der Druxit auf der Agenda der regierenden Partei der „Rotweißblauen“. Sie hat einen Gesetzesentwurf vorbereitet, der einen Ausstieg aus den Drogen zum Ziel hat. Mit ihrer populistischen Kampagne unter dem Slogan „Großbritannien wird drogenfrei“ macht sie sich nicht nur die Abhängigen zu Feinden sondern vor allem die, die an den Drogen verdienen. Mächtige englische Verbrechersyndikate. Ellie Johnson hat ein besonderes Geschäftsmodel entwickelt, abseits von den Distributionswegen der Kartelle: Über einen von ihr entwickelten App bestellt man Drogen in höchster Qualität, die von Drohnen ausgeliefert werden. Anonym, sicher, perfekt organisiert. Die Londoner Unterwelt fühlt sich von ihrem Geschäftsmodell bedroht und will „Die Lieferantin“ aus dem Weg räumen. Ein Kopfgeld wird auf sie ausgesetzt. Ellie beschließt zu kämpfen doch ihre Gegner sind mächtig und lauern an jeder Straßenecke. In ihrem Kampf arbeitet sie mit der Rechtsanwältin Catherine Wiltshire zusammen, die sich für eine Legalisierung der Drogen einsetzt. Um an Geld für die Antikampagne zu kommen, schrecken sie auch vor Erpressung eines hochrangigen, drogenabhängigen Ministers nicht zurück.

Zu Beginn des Buches und der Lesung stellt Zoë Beck einen netten jungen Restaurantbesitzer vor, der sich einer Schutzgelderpressung ausgesetzt sieht. Als ihm das zu viel wird, bringt er den Schutzgelderpresser um und betoniert ihn in seinem Haus unter seinem Fußboden ein. Dumm nur, dass er sich fortan einbildet, der Typ klopfe von dort unten und dumm für ihn, dass er damit nie wird sein Haus verkaufen können.

Ein Marktplatz der Abscheulichkeiten

Sehr ausführlich spricht sie über ihre Recherche im Darknet, dort gibt es alles zu kaufen: Von Sex bis zu Drogen. Im Darknet gibt es einen Marktplatz für alle denkbaren Abscheulichkeiten. Auch ihre Protagonistin findet ihre Kunden über das Darknet. Bezahlt wird mit Bitcoins, geliefert wird der Stoff mit Drohnen, die die Übergabe auch noch filmen. Damit sichert sie ihr „Geschäftsmodel“ ab, denn sie hat was gegen ihre Kunden in der Hand. Sollte ein Drohne abstürzen oder eingefangen werden, zerstört sie augenblicklich alle gespeicherten Daten, eine Spur zur Lieferantin ist nicht mehr vorhanden.

Zoë Beck erzählt und schreibt in einem hintergründig-lakonischen Erzählstil, springt bei der Lesung durch das Buch ohne die Gesamtkonstruktion und das Ende der Geschichte zu verraten. Damit ragt sie wie ihre Kollegen Friedrich Ani und Oliver Bottini weit aus der großen Genre-Masse heraus.

Zoë Beck zeigt Kante

Inhaltlich setzt die Autorin mit ihrem halbfuturistischen Drogenthriller Akzente, der mit seinen Anspielungen auf populistische Strömungen als Diskussionsgrundlage durchaus relevant sein könnte für unsere heutige Gesellschaft. Mit Populisten hat die Autorin auch als Verlegerin zu tun: Sie ist eine der Mitinitiatorinnen der Kampagne gegen rechte Verlage, der sich mittlerweile 45 unabhängige Verlage unter dem Hashtag #verlagegegenrechts zusammengeschlossen haben. Damit positioniert sich die Autorin eindeutig für Weltoffenheit und Vielfalt und gegen Ausgrenzung und Hass. Die Kampagne hat es mittlerweile geschafft, dass die rechtspopulistische Zeitung „Junge Freiheit“ sich nicht auf der Leipziger Buchmesse präsentiert. Darauf ist Zoë Beck sichtlich stolz. Bericht siehe hier. Damit zeigt die Autorin, dass sie nicht nur literarisch heiße Eisen anpackt sondern auch bereit ist, sich die Finger im richtigen Leben zu verbrennen.

Die Lieferantin
324 Seiten, Klappenbroschur
Suhrkamp, Preis 14,95 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens, die in Bad Cannstatt die Buchhandlung „Wagner“ in der Marktstraße 34 sein könnte

Heinrich Steinfest lässt Tonia Schreiber bügeln

06.03.2018 at 21:59

 

Der vielseitige Autor Michael Wildenhain als Stipendiat im Schriftstellerhaus

09.02.2018 at 22:42
Michael Wildenhain

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Astrid Braun stellte Michael Wildenhain am 7. Februar als neuen Stipendiat im Schriftstellerhaus vor. In seiner Bewerbung für das Stipendium führte Michael Wildenhain aus, dass sein Hausverlag in Stuttgart angesiedelt sei und er plane, diese Stadt soll den örtlichen Backround in seinem nächsten Roman bilden. Allerdings kennt er als Berliner Stuttgart nur von kurzen Besuchen zu Gesprächen im Klett Cotta Verlag. Skizzenhaft umreißt der Autor sein neues Projekt.

Im Mittelpunkt steht jedoch an diesem Abend die Lesung aus Das Singen der Sirenen. Dieser Roman erschien im September vergangen Jahres und schaffte es auf Anhieb auf die Longlist des Deutschen Buchpreises.

Der Protagonist des Romans, Jörg Krippen, ist nach London gekommen, wo er ein Seminar halten soll. Er forscht über Frankenstein. Doch er ist auch geflohen vor einem Leben mit Frau und Sohn, die er in in Berlin zurück ließ.

Unter die Fittiche genommen wird er von Mae, eine Stammzellenforscherin.
„You look so lost“, sind die ersten Worte, die sie an ihn richtet, als er auf dem Universitätsgelände mit seinem Koffer und zwei Rucksäcken auftaucht, einen auf dem Bauch, einen auf dem Rücken. In der Folge wird sie immer wieder da auftauchen, wo Jörg Krippen verloren scheint, bis die beiden ein Liebesverhältnis eingehen – der Frankensteinexperte und die Stammzellenforscherin. Zwischen ihnen soll sich aber auch jener Graben aufmachen, der sich zwischen Natur- und Geisteswissenschaft aufmacht.

Michael Wildenhain durchstreift seinen Roman, liest Stellen aus der Zeit in London, springt dann zu einer Pegida Demonstration in Dresden, die sein Protagonist als linker Antifaschist mit seiner Frau erlebt hat. Er lässt durchblicken, dass das Kind von der Stammzellenforscherin Mae sein eigenes ist.

Michael Wildenhain kennt das linke Milieu, war selber in den achtziger Jahren in der Berliner Hausbesetzerszene aktiv. Auch in seinen anderen Romanen scheint die politische, linke Ebene immer wieder durch.

Bevor er sich an die Recherchen zu seinem neuen Roman macht, will er noch einige Projekte abschließen. Der Stipendienaufenthalt in Stuttgart wird ihm die Gelegenheit geben, diese Pläne zu verwirklichen.

Der neue polnische Literaturstar Szczepan Twardoch stellt seinen Boxer vor

09.02.2018 at 22:15
Szczepan Twardoch im Gespräch mit Olaf Kühl

Szczepan Twardoch im Gespräch mit seinem Übersetzer Olaf Kühl

 

Das Gespräch, das Szczepan Twardoch mit Olaf Kühl am 6. Februar 2018 im Literaturhaus Stuttgart führte, war auf beiden Seiten geprägt von tiefer Kenntnis des Romans Der Boxer

Olaf Kühl ist der Übersetzer dieses bei Rowohlt am 24. Januar erschienen Romans. Olaf Kühn kennt den Roman nicht nur durch seine Übersetzertätigkeit in- und auswendig, er ist auch in der Lage, das Gespräch deutsch/polnisch zu führen.

Szczepan Twardoch, geboren 1979, ist einer der herausragenden Autoren der polnischen Gegenwartsliteratur. Mit Morfina (Morphium) gelang ihm 2012 der Durchbruch bei den polnischen Lesern. Für diesen Roman erhielt er den polnischen Kulturpreis Polityka-Passport sowie den Nike-Publikumspreis. Für den ebenfalls hochgelobten Roman Drach wurden Szczepan Twardoch und sein Übersetzer Olaf Kühl 2016 mit dem Brücke Berlin Literatur- und Übersetzerpreis geehrt.

Olaf Kühl umreißt die Handlung des Romans: Der Jude Jakub Shapiro ist ein hoffnungsvoller junger Boxer und überhaupt sehr talentiert. Das erkennt auch der mächtige Warschauer Unterweltpate Kaplica, der Shapiro zu seinem Vertrauten macht. Doch rechte Putschpläne gegen die polnische Regierung bringen das Imperium Kaplicas in Bedrängnis; er kommt in Haft, als ihm ein politischer Mord angehängt wird. Im Schatten dieser Ereignisse bricht ein regelrechter Krieg der Unterwelt los. Jakub Shapiro muss die Dinge in die Hand nehmen: Er geht gegen Feinde wie Verräter vor, beginnt – aus Leidenschaft und Kalkül – eine fatale Affäre mit der Tochter des Staatsanwalts, muss zugleich seine Frau und Kinder vor dem anschwellenden Hass schützen – und nimmt immer mehr die Rolle des Paten ein.

Wolfgang Michalek leiht Szczepan Twardoch seine Stimme

Wie spannend, solide und ansonsten gut lesbar, angereichert mit vielen historischen Details der Roman um den Aufstieg eines Verbrecherhelden zwischen Gewalt, Eleganz und Laster, seine Verletzlichkeit als Jude im Vorkriegs-Warschau ist, erfahren an diesem Abend die Zuhörer in mehreren Textpassagen, die von Wolfgang Michalek, Schauspieler am Staatstheater Stuttgart, vorgetragen werden. Mit Lederjacke bekleidet, mit Dreitagebart, in lässiger Haltung hat die „Lesestimme“ des Romans einen sichtbar großen Abstand zum Schöpfer der Geschichte, der in taubenblauen Anzug und moderner Frisur erschienen ist. In diesen Passagen wird die filmisch erzählte Geschichte erlebbar und deutlich, dass es sich um einen thrillerhaften Roman handelt, der eine eruptive Epoche geradezu körperlich macht.

Fiktiver Roman mit Anleihen an die Realität

Obwohl der Roman historische in den dreißiger Jahren verortet ist und teilweise historische Personen benannt werden, ist es doch ein fiktiver Roman mit fiktiven Figuren. Szczepan Twardoch hat bei der seiner Charakterisierung der Figuren auf reale Figuren gestützt. So gab es mafiöse Strukturen während der Regierung von Józef Piłsudski in den zwanziger Jahren. Die am Anfang der Geschichte stehende Vierteilung des Vaters des Erzählers Mojzesz Bernstein ist an eine tatsächliche Gewalttat an einem Mafia-Schuldner angelehnt. Das Boxen war in Polen zu der Zeit sehr populär. Allerdings gab es keinen Boxer, der wie Jakub Shapiro gleichzeitig ein „Pate“ war.

Männlichkeit ist nicht mit Gewalt zu verwechseln

Olaf Kühl befragt den Autor, was ihn an der Männlichkeit fasziniert. Für Szczepan Twardoch ist eine Neigung zur Gewalt nicht wichtig, um männlich zu sein. Allerdings hat ihn die Rolle der Gewalt in der Natur schon immer interessiert. Er selber habe zu Beginn seiner Recherchen zum Roman selber mit dem Boxen angefangen und weil es ihm liegt, boxt er noch heute. Dadurch konnte er die Boxszenen und das Milieu authentischer beschreiben. Für ihn als Autor ist Gewalt in der Literatur sehr attraktiv, allerdings ist sie für ihn persönlich kein Mittel, um Konflikte zu lösen. Und er ist froh, dass er in Zeiten lebt, in denen die Abwesenheit von Gewalt (von Krieg) in Europa herrscht und das seit 70 Jahren. Sein Großvater hatte dieses Glück nicht.

Literatur mit plakativ politischen Aussagen ist für Szczepan Twardoch keine gute Literatur

Angesichts des grassierenden Antisemitismus und der Ausländerfeindlichkeit, dem herrschenden Nationalismus, ist es dem Autor wichtig zu unterstreichen, dass er keinen zeitgenössischen Roman geschrieben hat, der als Parabel auf die Jetztzeit zu lesen ist. Die Gegenwart würde ihm in seinem Romanwerk entgleiten, Literatur mit politischen Aussagen sei ihm fremd. Er glaubt nicht an politische Literatur. Politik spielt zwar im Roman eine Rolle, sollte aber nicht als Ziel vor Augen sein, sonst wird Literatur schlecht.

Zu Gegenwartsfragen äußere er sich eher in seinem essayistischem Werk und im Feuilleton. Allerdings wird sein Buch von den Lesern, vor allem was die antisemitischen Aktionen der Rechtsnationalen angehen, als Anspielung auf die Gegenwart interpretiert. Für ihn seien historische Analogien nicht geeignet, die Gegenwart zu verstehen. Twardoch meint, wir sollten die Gegenwart versuchen zu verstehen ohne uns historischer Krücken zu bedienen. Die seien sogar schädlich, weil sie verhindern, die Gegenwart zu analysieren und den Gründen für die politischen Gegenwart auf den Grund zu gehen.

Obwohl er diese Aktualität für seinen Roman verneint, handelt der Roman doch von schwierigen Dingen für die Polen und es war ihm wichtig, eine Form zu wählen, die dem Leser wenig Widerstände entgegen bringt. So sind z. B. die jiddischen Dialoge in Fußnoten übersetzt. Diese sprachliche Authentizität ist ihm wichtig, denn Warschau war in den dreißiger Jahren eine zweisprachige Stadt. Bei der Abfassung der jiddischen Dialoge wurde er von einer Professorin unterstützt.

Szczepan Twardoch fühlt sich als Schlesier

Twardoch wird mal als Linker, mal als Rechter eingestuft. Wie er dazu stünde, wird er von Olaf Kühl gefragt. Eine einfache Antwort hat er darauf nicht. In wirtschaftlichen Fragen würde er sich eher im linken Lager verorten, in kulturellen Fragen vertritt er einen liberalen Standpunkt. Seine universitäre Ausbildung war allerdings konservativ geprägt. An der Schlesischen Universität in Katowice studierte er Soziologie und Philosophie. Interessant auch, dass er sich als Schlesier fühlt und in seinem Roman Drach Dialoge in schlesischem Dialekt enthalten sind. Drach soll 2018 auch in schlesischer Übersetzung erscheinen, auch wenn die Schriftsprache noch wenig normiert ist.

Der Boxer
leinengebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 464 Seiten
Rowohlt Berlin, Preis 22,95 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Den Herrschenden einen Spiegel vorgehalten

01.02.2018 at 19:35
Daniel Kehlmann in Stuttgart

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Können Schriftsteller zu Stars werden? Wer am 22.02.18 in den Hospitalhof gegangen war und die Lesung von Daniel Kehlmann im ausverkauften großen Saal des Hauses miterlebt hat, muss diese Frage mit Ja beantworten. Mittlerweile sind einige Schriftsteller in der Lage, große Säle mit ihren Lesungen zu füllen. Dabei zeigt an diesem Abend Daniel Kehlmann, dass ihm Starallüren gänzlich fremd sind. Im Gespräch mit Zeit-Redakteur Ijoma Mangold glänzt der Autor mit seiner breiten Bildung und fundiertem Wissen um den Stoff, aus der er seinen neuen Roman Tyll geschaffen hat.

Dabei hätte der 1975 in München geborene und in Wien aufgewachsene Autor allen Grund, auf seine Erfolge stolz zu sein. Immerhin erzielte alleine sein Roman Die Vermessung der Welt eine Gesamtauflage von 6 Millionen Exemplaren. Aber auch vor diesem Erfolg aus dem Jahre 2005 war er schon ein etablierter Autor. Wie in seiner Vermessung der Welt greift er in seinem neuen Buch ein historisches Thema auf. Diesmal hat er einen Roman über den 30jährigen Krieg geschrieben. Seine titelgebende Figur ist an Till Eulenspiegel angelehnt, er benutzt bewusst die uns fremde Schreibweise mit y in Tyll, quasi als Rückgriff auf das Altertum dieses Spaßmachers. Er sagt, er hätte staunend erlebt, wie sich seine Figur beim Schreiben entwickelt hätte, sie ihm aber gleichzeitig rätselhaft geblieben sei. Das würde sich in der altertümlichen Schriftweise manifestieren, die er erst in der Endphase des Schreibens gewählt hat. Zudem versetzte er Tyll aus dem 14. Jahrhundert in die Zeit des grausamen Religionskrieges in Mitteleuropa.

Es ist eine Periode des Übergangs. Die alte Ordnung scheidet sich in mühevollem Prozess von der neuen Welt. Im Zauberkessel der Magie brodeln schon die Anfänge der modernen Wissenschaft. Der Jesuit Athanasius Kircher verkörpert beides als Inquisitor und Universalgelehrter. In einem grausamen Religionskrieg wendet sich die Botschaft der Liebe in eine des Hasses. Ein Klimawandel macht die Böden unfruchtbar. Es scheint die Zeit der Apokalypse sei angebrochen.

Tyll bleibt in vielen Kapiteln eine Nebenfigur, wie einer, der am Rande eines Gemäldes dargestellt ist. Tyll repräsentiert die dämonische Ebene. Er hat keine Angst vor den Mächtigen, in dessen Dienste er ist. Allerdings ist er einer, der auch keine Liebe empfinden kann.

In zwei Blöcken zwischen den Gesprächen mit Ijoma Mangold liest Daniel Kehlmann an diesem Abend aus einem der acht Kapitel in dem er das historische Unglücksrabenpaar, die englische Prinzessin Elisabeth Stuart und ihren Mann, den pfälzischen Kurgraf Friedrich V, auf den drall-pfiffigen Schweden-König Gustav Adolf in seinem Feldlager treffen lässt. Kurgraf Friedrich V wähnt sich Gustav Adolf ebenbürtig. Er, der sich in Prag zum König hat krönen lassen und dadurch erst das ganze Kriegsschlammassel ausgelöst hat. Der Schwedenkönig belehrt ihn eines Besseren.

Zum Schluss diskutieren Kehlmann und Mangold die Frage, ob es im 30jährigen Krieg wirklich um Religion ging und zogen Parallelen zum Kalten Krieg, in dem es auch um Ideologien ging aber doch vor allem um die Ausdehnung der Hegemonieräume. Ähnlich wie wir es heute in der islamischen Welt sehen, wo z. B. das arabische Königshaus islamische Terroristen unterstützt. Mit dieser Betrachtung schlagen Daniel Kehlmann und Ijoma Mangold den Bogen vom Barock zur Neuzeit.

Tyll
gebunden mit Schutzumschlag, 480 Seiten
Rowohlt-Verlag, Preis 22,95 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Das zweite Buch – Kat Kaufmann in der StaBi

09.12.2017 at 21:32
Kat Kaufmann in der Stadtbibliothek

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In der neu konzipierten Reihe Secondo präsentierte die Stadtbibliothek Stuttgart am 7. Dezember 2017 Kat Kaufmann. Nach Superposition nun ihr zweiter Roman Die Nacht ist laut, der Tag ist finster. Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit dem Theater Rampe durchgeführt. Dort wird im Dezember ihr Stück „Ich distanziere mich von allem (und jetzt gut‘ Nacht)“ aufgeführt.

Die 1981 in Leningrad geborene Autorin ist ein Multitalent, sie arbeitet als Fotografin, Komponistin und ist Dozentin für Gesang. Ihre Fotos veröffentlicht sie auch unter @cokodela auf Instagram. Moderator Andreas Vogel vom Theater Rampe hat ihren Roman in einem Zug am Tag ihrer Lesung zur Vorbereitung auf die Moderation gelesen. Er will das Publikum nicht mit biografischen Details langweilen, zumal Kat ihm verrät, dass sie vorhat, all ihre biografischen Daten zu „faken“. Das passt zu dieser lebhaften Frau, die sich immerzu neu erfindet.

Der Roman Die Nacht ist laut, der Tag ist finster eine Road Novel und ein Buch über die Suche nach sich selbst und einem Platz im Leben. Es ist multiperspektivisch angelegt, wobei der auktoriale Erzähler das Universum himself ist. Sie hätte nie verstanden, wie man z. B. eine Tante als auktoriale Erzählerin einführen kann. Woher soll die alle die Details wissen, die der Protagonist selbst nicht weiß? Diese Schwierigkeit hat das Universum nicht, es ist immer schon da, hat alles mitbekommen und wird immer da sein. Der Prolog, den sie als erstes Lesestück vorträgt, ist aus eben dieser Perspektive geschrieben. Lesend und erzählend führt sie in die Geschichte von Jonas ein. Es ist ein Protagonist nach ihrem Gusto, denn sie schreibt gerne über sensible Menschen, die an sich oder der Welt scheitern. Opa Ernst hinterlässt Jonas 5.000 Euro und eine Notiz, die sagt: Finde diesen Mann. Dazu nur ein Name: Valerij Butzukin. Jonas hat nie von diesem Mann gehört. Hat sich Opa Ernst einen Scherz erlaubt, den er nicht mehr auflösen wird, weil er tot ist? Oder war es das Delirium? Damit beginnt die Odyssee von Jonas, die ihn tief ins russische Land verschlägt. Russland hat sich mittlerweile mit Asien zur Russisch Asiatischen Union verbunden. Diesem Staatengebilde steht die USA, mit Europa vereint, gegenüber. Ein neuer Kalter Krieg droht auszubrechen. Weite Teile des Romans sind aus der Ich-Perspektive von Jonas geschrieben, wobei die Autorin auf das „ich“ verzichtet und in der zweiten Person Singular von Jonas schreibt. Das „du“ ist wohl zugleich Identifikationsangebot und Aufforderung, sich mit der Autorin auf eine Fantasie-Reise zu begeben.

Kat Kaufmann: Lebhaft in der Diskussion

Lebhaft in der Diskussion

Nach den ersten Leserunden gibt Andreas Vogel dem Publikum Gelegenheit, Fragen an die Autorin zu stellen. Und leider gibt es manchmal im Publikum einen, der die Rolle des ewigen Nörglers auszufüllen weiß. An diesem Abend kommen die kritischen Anmerkungen und Fragen von einem jungen Mann, der in dem Roman eine detaillierte Personenzeichnung vermisst. Die Charakteren seien schwach beschrieben. Das kommt so unvermittelt und anklagend, dass Kat Kaufmann kurze Zeit irritiert ist. Ob er den Roman gelesen hätte, fragt sie dann. Nein, aber schon die ersten Stellen hätten ihn zu diesem Urteil kommen lassen. Sie läd ihn ein, doch erst noch ein wenig zuzuhören. Aber er will weiter diskutieren. Statt darauf einzugehen wagt sie ihrerseits eine These: Er sei wohl jemand, der in der Schule nicht gemocht wurde.

Um die Charaktere des Romans dem Publikum näher zu bringen, liest sie eine weitere Passage anstatt sich auf solche Diskussionen einzulassen. Und nach kurzer Zeit wird klar, in dieser Geschichte wird viel geflucht, gefeiert und gezecht. Sie erzählt in diesem Kapitel, wie Jonas die Passfälscher Stass und Juri in einer Diskothek kennen lernt, denn er braucht ein Visum, um seine Odyssee nach Russland antreten zu können.

Er wird viele Grenzen überschreiten, Grenzen die sich öffnen und schließen und begibt er sich in ein Labyrinth, das Urgroßvater, Großvater, Jonas und den Unbekannten Valerij Butzukin für immer verbinden und trennen wird. An dieser Textpassage wird deutlich, Kaufmann schreibt wild. Sie verbindet die Geschichte eines vaterlos aufgewachsenen Antihelden mit denen von prolligen Saufbolden. Und sie erzählt filmisch rasant.

Ob sie mit ihrem zweiten Buch an den Erfolg des ersten anknüpfen kann, bleibt abzuwarten.

Die Nacht ist laut, der Tag ist finster

272 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Tempo Verlag, Preis 20,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Olga Tokarczuk in der Stadtbibliothek Stuttgart zu Gast

18.11.2017 at 15:00
Olga Tokarczuk

Olga Tokarczuk im Gespräch mit Manfred Mack

 

Am 13.10.2017 saß eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Polens auf dem Podium der Stuttgarter Bibliothek: Olga Tokarczuk. Sie kam auf Einladung des Vereins Treffpunkt Polen. Im Publikum wurde viel Polnisch gesprochen, Olga Tokarczuk ist auch unter den in Deutschland lebenden Polen eine feste Größe. Die Autorin wurde am 29. Januar 1962 in Sulechów geboren, ca. 100 km von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Sie studierte von 1980 bis 1985 Psychologie an der Universität Warschau. Während ihres Studium arbeitete sie in einem Therapiezentrum für verhaltensauffällige Jugendliche. Bevor sie 1989 ihren ersten Roman veröffentlichte, praktizierte sie als Therapeutin. Seitdem hat sie ununterbrochen publiziert und ist mehrfach mit dem wichtigsten polnischen Literaturpreis, dem mit 25.000 € dotierten Nike-Hauptpreis, ausgezeichnet worden (zweimal Hauptpreis, fünfmal den Nike-Publikumspreis).

Olga Tokarczuk ist eine vielfach ausgezeichnete Autorin

Ihre Werke gerieten immer wieder in die Kritik der in Polen Regierenden. Sie selbst schreibe weder für „das Vaterland“ noch für die Opposition, erläutert der Moderator des Abends, der für den „Verein Treffpunkt Polen“ arbeitende Manfred Mack. Ihre Themen seien allgemein menschliche Themen, doch diese geraten immer wieder in die Kritik der konservativen Katholiken in ihrem Land. Olga Tokarczuk ist neben Andrzej Stasiuk die derzeit erfolgreichste Autorin Polens. Ihre Romane sind in 30 Ländern veröffentlicht worden und wurden auch im Ausland mit Preisen ausgezeichnet.

Einen Ausschnitt aus dem Buch Der Gesang der Fledermäuse liest die Schauspielerin Barbara Stoll. Das Buch wird oft als Krimi beschrieben, m. E. ist das eine verkürztende Kategorisierung dieses Romans. Im Mittelpunkt steht Janina, eine Pensionärin, die ihre Rente als Englisch-Lehrerin und als Hüterin der verlassenen Datschen nebenan aufbessert. Sie ist eine Esoterikerin, die am liebsten Horoskope studiert. Ihr bester Freund heißt Dionyzo und besucht sie regelmäßig, um mit ihr seine William Blake Übersetzungen zu besprechen. Der Roman ist angesiedelt in einer düster romantischen Natur, in der im Winter, entleert von allen Sommerfrischlern, nur ein paar verschrobene Kauze übrig bleiben. Vage erfährt man von ihrem vorigen Leben, in dem sie als Ingenieurin in aller Welt Brücken baute.

Hochstände der Jäger – Vorhöfe der Hölle für die Tierwelt

Mit Hilfe von Horoskopen ist sie in der Lage, die genauen Todesdaten einzelner Personen zu erforschen und mit einem Todesfall beginnt auch das Buch. Ist es ein Unfall, ein Mord? Weitere Morde geschehen, immer an Jägern. Für Janina sind die Kanzeln der Jäger, von denen nicht gepredigt, sondern geschossen wird, die Vorhöfe der Hölle auf Erden. Die Polizei behandelt sie als Wahnsinnige, deren Anzeigen man nicht beachtet. Als langsam klar wird, dass die Leiche am Beginn des Romans eine ganze Serie von Morden nach sich zieht, fragt sich, wem man glauben soll: Der korrupten Welt da draußen, in der die Schöpfung Material ist, aus dem man Pelzkragen züchtet oder einer alten Frau, die einen Ausweg gefunden hat und die Wahrheit kennt? Sie kennt den Mörder: Es waren die Füchse und Rehe, die Vergeltung an Jägern und Züchtern üben!

Im Fadenkreuz der Regierenden

Der Roman hat durch die Verfilmung ein zweites Leben bekommen. Die polnische Regisseurin Agnieszka Holland hat sich des Stoffs angenommen. Olga Tokarczuk schrieb mit ihr das Drehbuch zum Film Pokot (Die Spur). Der Film erhielt dafür auf der Berlinale 2017 den Alfred-Bauer-Preis.

Gegen den Film wurde in den sozialen Medien eine Hetzkampagne gegen Olga Tokarczuk gestartet. Der Vorwurf der Kritiker: der Film sei antipolnisch und antikatholisch. (In der Kirche wird immer wieder gepredigt, dass die Jäger letztendlich den Willen Gottes ausführen.) Aufgrund von Morddrohungen musste sich die Autorin unter Polizeischutz begeben.

Allgemein menschliche Themen in große Romane gepackt

Ihr Talent, einen philosophisch ambitionierten Stoff in literarische Form zu verpacken, hat Olga Tokarczuk auch in dem zweiten, an diesem Abend vorgestellten Roman unter Beweis gestellt. Es ist das tausendseitige Werk über Jakob Joseph Frank, einem aschkenasischen Juden, der sich als Sabbatianer, Rabbiner und Kabbalist verstand und glaubte, er sei eine Reinkarnation des biblischen Jakobs und des vermeintlichen Messias Schabbtai Zvi. Er zog im 18. Jahrhundert durch Osteuropa. Er konvertierte zum Islam und später zum Christentum. Er ließ sich mit 50-80 Anhängern 1787 in Offenbach am Main im Isenburger Schloss nieder. Bis zu seinem Tod, vier Jahre später, lebte er als unabhängiger Souverän mit dem Titel Baron mit seinem Hofstaat und herrschte über die ungefähr 400 polnischer Kleinadliger, die ihm hierher gefolgt waren.

Acht Jahre hat Olga Tokarczuk an diesem Roman geschrieben. Sie stieß in einem Antiquariat in Toruń (Thorn) auf den Stoff, wollte ursprünglich einen Essay darüber schreiben. Das war ihr aber dann zu wenig, sie wollte mehr aus dem Stoff heraus holen. Ihr schwebten zu Beginn der Arbeit 200 – 300 Seiten vor. Am Ende wurden es tausend Seiten.

Auch als Essayistin erleben die Besucher der Stadtbibliothek Olga Tokarczuk an diesem Abend: Barbara Stoll liest den Essay „Haub keine Angst“. Darin heißt es zum Schluss: „Solange wir schreiben und lesen sind wir zusammen!“ Das möchte man der Autorin als Zuhörer zurufen, nachdem man über die Anfeindungen ihrer Person im modernen Polen gehört hat.

Die Bücher der Autorin sind derzeit in Deutschland nur antiquarisch zu erhalten. Ein Verlag in Gründung wird sie demnächst wieder auflegen. Der historischer Roman über Jakob Joseph Frank, Księgi Jakubowe (Jakobs Bücher), 2014 in Polen erschienen, ist noch nicht auf Deutsch veröffentlicht.

 

Grenzüberwindungen mit Wajiha Said

28.10.2017 at 14:00
Wajiah Said in lebhaftem Gespräch, rechts neben ihr die Stuttgarter Künstlerin Christa Lippelt

Wajiah Said in lebhaftem Gespräch, rechts neben ihr die Stuttgarter Künstlerin Christa Lippelt.
Foto © T. Seehoff

 

Die aus Syrien geflohene Autorin Wajiha Said las am 24. Oktober 2017 im Rahme des Lesefestivals „Stuttgart liest ein Buch“ in der Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt. In Syrien ist sie eine bekannte Autorin und Frauenrechtlerin und hat bereits im arabischen Sprachraum dreizehn Bücher veröffentlicht.

Über die Balkanroute kamen Wajiha Said, ihr Mann, ihre Tochter Lounar und ihr Sohn Souyar nach Weinstadt, wo sie nach anfänglicher Unterbringung in einer Massenunterkunft Heimat gefunden haben. Sie sind zwei Wochen lang durch sechs Länder gelaufen. Angekommen in Deutschland hat Frau Said begonnen, ihre Erfahrungen dieser Flucht aufzuschreiben. Mittlerweile ist es als Buch unter dem Titel: Die fünfte Durchreise auf Arabisch erschienen.

Musikalische Begleitung durch die Kinder der Autorin

Souyar und Lounar Said begleiten die Lesung musikalisch

Souyar und Lounar Said begleiten die Lesung musikalisch
Foto © T. Seehoff

An diesem Abend in Cannstatt ist die ganze Familie anwesend und gestaltet das Programm: Wajiha Said liest aus ihrem Buch, die Tochter Lounar singt Lieder aus ihrer kurdischen Heimat, begleitet von ihrem Bruder Souyar auf der Saz, der siebensaitigen, langhalsigen Laute, die überall in den Ländern des vorderen Orients gespielt wird.

Hier in der Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt erklingt die Musik der beiden jungen Leute, ähnlich wie vor fünfzig Jahren in diesem Stadtteil die Musik der Arbeitsmigranten aus Griechenland, Italien und der Türkei in den Kneipen erklang, denn Bad Cannstatt hat einen extrem hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergund. Das war auch ein Grund, warum die Stadtbibliothek Stuttgart das Ansinnen der Leiterin dieser Dependance, Frau Kirchner, von Anfang an unterstützt hat, als Kooperationspartner des Lesefestivals neben der Bibliothek am Mailänder Platz einen eigenen Programmpunkt zu gestalten. Dazu gehörte nicht nur die Einladung an eine Autorin und ihrer musikalischen Kinder, sondern auch eine Kooperation mit der evangelischen Pfarrerin Friederike Weltzien und der Flüchtlingsgruppe „Hand in Hand“ anzubahnen, die die Übersetzungen machten und die Zuhörer am Schluss mit in Weinblätter gerolletem Reis beköstigten. Süßspeisen aus Syrien und mit Minze gewürzter Kartoffelkuchen brachten Freunde der Autorin mit.

Im Visier des Staates wird Wajiha Said zur Flucht gezwungen

An diesem Abend wird im Gespräch klar, warum Wajiha Said aus ihrer Heimat fliehen musste. Sie floh aus ähnlichen Gründen wie der jungen Mann in Shida Bazyars Roman Nachts ist es leise in Teheran, der als Kommunist vor der Machtübernahme der Mullahs floh. Auch sie ist mit ihrer Kritik an dem politischen System in ihrem Land ins Visier des Assads-Regimes geraten: Sie schilderte in ihren Büchern die Situation politischer Gefangener und schrieb über die inhaftierten Frauen im Frauengefängnis in Al-Hassaki.

Wajiha Saids Buch Die fünfte Durchreise ist nicht nur Tatsachenbeschreibung der schwierigen Situation in den Grenzgebieten Syriens und der Flucht aus ihrer Heimat. Es ist vielmehr ein lyrisch stark verdichteter Stoff, der sehr intime Passagen enthält, die sie in einer ungewöhnlichen Form abgefasst hat. Die Gewalt, die ihr angetan wurde wird von ihr personalisiert in einer fiktiven männlichen Person, ja diese Erlebnisse werden zum Mann. Ihr lebhafter Diskussionsstil erfordert einen hohen Einsatz von der Übersetzerin, Frau Weltzin, die dabei von Syrern aus der Flüchtlings-Gruppe „Hand in Hand“ unterstützt wird.

Lesung und Gespräch: zweisprachig

Vier Passagen liest Wajiha Said in arabischer Sprache. Die Zuhörer haben so Gelegenheit, die arabische Sprachmelodie zu erleben. Die deutsche Übersetzung liest die Stuttgarter Künstlerin Christa Lippelt gleich im Anschluss eines jeden Teils. Die deutschen Besucher können so dem Gelesenen und der Diskussion mit der Autorin folgen.

Wajiah Said mit ihren Kindern Souyar und Lounar Foto © A. Kirchner

Wajiah Said mit ihren Kindern Souyar und Lounar
Foto © A. Kirchner

Nach Lesung, Gespräch und Diskussion mit dem Publikum und dem musikalischen Abschluss überreicht Frau Kirchner der Autorin einen großen Blumenstrauß und bedankt sich im Namen ihres gesamten Teams. Blumen, die bei uns bei solchen Anlässen gerne übergeben werden, sind in der vom Bürgerkrieg zerrütteten Region des nahen Ostens eine Seltenheit geworden. Es bleibt zu hoffen, dass der Krieg bald zu Ende geht und Blumen auch in der Heimat der Familie Said wieder blühen können. Dann kann Wajiha Said wieder in ihrer Heimat publizieren und muss sich nicht auf den steinigen Weg machen, der mit der Übersetzung und der Verlagssuche verbunden ist. Wenn ihr Buch übersetzt einen Verlag findet, was wir ihr wünschen, dann wird das für sie die sechste Überquerung.

Wajiha Said BuchcoverDie fünfte Überquerung
arabische Ausgabe

zu beziehen über die Autorin (Anfragen bitte an Michael Seehoff stellen, Kontaktdaten im Impressum)