Stuttgart liest ein Buch – Eröffnungsveranstaltung in der Musikhochschule

18.10.2017 at 23:00
Shida Bazyar im Kreise der Veranstalterinnen

Dr. Regular Rapp, Direktorin der HMDK Stuttgart und Bettina Backes von der Heinrich Böll Stiftung links neben Shida Bazyar

 

Mit einem Festakt in der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart wurde das diesjährige Lesefestival „Stuttgart liest ein Buch“ am 17.10.2017 eröffnet. Im Abstand von jeweils zwei Jahren wird dieses Lesefestival nun schon zum dritten Mal vom Schriftstellerhaus auf den Weg gebracht. Dieses Jahr steht der Roman Nachts ist es leise in Teheran der 1988 in der hessischen Kleinstadt Hermeskeil geborenen Shida Bazyar im Mittelpunkt. Ihre literarische Leistung wird an diesem Abend von allen Festrednerinnen gewürdigt. Rückblickend auf die letzten zwei Jahre ist das Thema des Buches angesichts der Entwicklung des Bürgerkrieges in Syrien und in dessen Folge einer Fluchtbewegung aus dem Land nach Europa höchst aktuell. Der Roman bildet einen perfekten Ausgangspunkt für ein vielschichtiges Veranstaltungsprogramm mit vielen unterschiedlichen Akteuren. Der Roman wird die nächsten zwei Wochen Stadtgespräch sein, genau das, was die Projektgruppe unter der Leitung von Astrid Braun vom Schriftstellerhaus bezweckte, als sie sich für diesen Roman entschieden hat.

Ein Ausschnitt der Welt erzählt über vier Jahrzente

Mit ihrem Roman gelingt es der jungen Autorin auf anschauliche Weise einen Ausschnitt von Welt zu zeigen. Sie schöpft dabei aus der Geschichte der eigenen Familie, ihre Eltern sind nach dem Sturz des Shahs als Kommunisten vor den neuen Machthabern, den Mullahs, geflüchtet. Ihr geht es in ihrem Roman um existentielle Fragen wie Heimat und Heimatverlust, um Verrat und Zivilcourage, um Macht und Machtmissbrauch sowie den steten Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung. Der Roman erzählt vielstimmig aus vier Perspektiven von der iranischen Revolution 1979 bis zu den Protesten gegen die Bildungspolitik in Deutschland 2009. Unterschiedliche Schauplätze und gesellschaftliche Rahmenbedingungen nimmt er in den Blick. Die Erzählstimmen im Roman sind die der vier Familienmitgliedern: Eltern und Kindern. Die als Ich-Erzähler agierenden Figuren erinnern sich. und erzählen in der Abfolge von vier Jahrzehnten ihre Geschichten vom Leben im Iran und der Flucht, der Integration in die deutsche Gesellschaft, vom Blick der Tochter auf die iranische Gesellschaft und aus dem Blickwinkel des Sohnes von der grünen Revolution im Iran. Über die puzzleartigen Rückblicke wird offenbar, wie sich die Lebenswelten im Iran und in Deutschland annähern, obwohl die Realitäten der daheimgebliebenen Familienangehörigen und der Exilierten gleichzeitig immer stärker auseinanderlaufen.

Das Rahmenprogramm bestreiten Studierende der HMDK Stuttgart

Janina Picard und Jule Hölzgen sprechen den Text von Shida Bazyar

Janina Picard und Jule Hölzgen sprechen den Text von Shida Bazyar

Auszüge aus dem Buch werden an diesem Abend von den beiden Studentinnen, Janina Picard und Jule Hölzgen, rezitiert. Der aus dem Iran stammende Pinanist Nima Farahmand Bafi breitet mit dem Percussionisten Johannes Werner ein von der persischen Musiktradition inspiriertes Klangspektrum aus. Die beiden spannen den Bogen zwischen exzellentem Klavierspiel und modernem Percussionsspiel.

Shida Bazyar erläutert Hintergründe ihres Romanprojektes im Gespräch mit Thorsten Dönges

Im Gespräch mit Thorsten Dönges vom Literarischen Colloquium Berlin erläutert die Autorin, wie sie bei der Konzeption des Romans vorgegangen ist. Erwartungsgemäß entstanden die Kapitel nicht wie im vorliegenden Buch chronologisch. Für die einzelnen Stimmen der Eltern Behsad und Nahid und die der Kinder Laleh und Morad hat sie lange recherchiert, auch im Iran.

Shida Bazyar möchte sich mit ihrem Roman nicht auf die Themen Flucht und Migration reduzieren lassen. Für sie ist es ein Buch, das viele Themen hat: Es geht darum, was Zeitgeschichte, was geschichtliche Wendepunkte mit Menschen und Menschenleben machen. Und um die Frage: Wie brennen sich diese Erfahrungen in die Gene der Generationen ein? Was macht das mit Geschlechterrollen?

Das Thema Rassismus ist für die Autorin eines, das sie am eigenen Leibe tagtäglich erfährt, ihr aufgrund ihres persischen Aussehen ebenso entgegenschlägt wie den Figuren in ihrem Roman. Sie selber hat aus diesen Erfahrungen die Konsequenz gezogen und ist nach dem Studium des Literarischen Schreibens aus der Kleinstadt Hildesheim in die anonyme Großstadt Berlin gezogen, in der viele Migranten leben. Hier ist sie nicht ein Phänomen, das immerzu angestarrt wird. Ihre Eltern, die als Fremde nach Deutschland kamen, gingen damit ganz anders um. Aber Shida Bazyar ist in Deutschland geboren und hier aufgewachsen, sie war hier nie eine Fremde. Dass sie aufgrund ihres Aussehens so angesehen wird, suggerieren ihr die Menschen von außen.

All das ist Ausgangspunkt für das abwechslungsreich Programm von Stuttgart liest ein Buch. Alle Termine und Veranstaltungsorte sind hier abrufbar.

Günter Guben: Im Doppelpack

08.10.2017 at 20:57
Günter Guben stellt seine neuen Veröffentlichungen vor und das Vocalensemble Exvoco

Günter Guben stellt seine neuen Veröffentlichungen vor und das Vocalensemble Exvoco

 

In vielerlei Hinsicht war das war eine Lesung im Doppelpack, die das Urgestein der Stuttgarter Literaturszene Günter Guben am 28. September 2017 in der LesBar der Stadtbibliothek Stuttgart auf die Beine stellte: Günter Guben las aus seinen zwei neuen Büchern und er trat mit dem Vocalensemble Exvoco auf, das wiederum aus zwei Personen besteht: Hanna Aurbacher und Ewald Liska.

75 Gedichte aus den Jahren 1970-2015 hat Günter für seinen Lyrikband aus seinem enormen Fundus ausgesucht. Es ist ein Querschnitt seiner lyrischen Produktion aus 45 Jahren. Ihm geht es nicht zuletzt um das Heitere im Gedicht, durchaus auch um die erotische Note, um die abgründigen Hintersinnigkeiten und eben um das lustvolle Spiel mit der Sprache, die neben, unter und über unserem alltäglichen Jargon ungeahnte Möglichkeiten des überraschenden Ausdrucks bereit hält.

Veröffentlicht wurde dieser Band in der Reihe »Edition Hammer + Veilchen«. Einen kleinen Einblick lässt er an diesem Abend das zahlreich anwesende Publikum nehmen.

Elefanten auf dem Tisch ...

Elefanten auf dem Tisch …

Auf dem Lesetisch hat er einen Holzelefanten gestellt, einen von denen, die bei ihm zu Hause über seinen Schreibtisch laufen. Günter Guben kann sich mit diesem herrlichen Tier identifizieren. Im Eingangsgedicht des Bandes heißt es dazu:

Achtzehn Zeilen Schreibtisch-Glück

Eine Herde Elefanten
zieht über meinen Schreibtisch hin.
Sie eilen auch durch den Kopf.
Von ferne ruft ein Afrika:
Ach du, du armer Tropf!
Spielt dir die Phantasie,
wie häufig, Streiche?
. . .

Oft sind es ganz kurze Situationsbeschreibungen, die so typisch für den Lyriker Guben sind, wie in dem Dreizeiler Das hat auch was:

Tee mit Zitrone,
Milch mit Honig,
Kaffee mit Marlene.

Und immer wieder blitzt der Humor hervor, den dieser, 1938 in Hamburg aufgewachsene, wie selbstverständlich mit dem Publikum teilt, als gäbe es unendlich viel davon. Wer eine seiner legendären Lesungen am Aschermittwoch bei den AnStiftern erlebt hat, kann das gut nachvollziehen.

Die Zusammenarbeit mit dem Vocalensemble Exvoco geht auf seine Zeit als Regisseur beim Hörfunk in Stuttgart zurück. In den achtziger Jahren hat er dieses Ensemble für den Hörfunk produziert. Die beiden Künstler, Hanna Aurbacher und Ewald Liska haben mit ihren Vokalstücken, sehr häufig aus lautmalerischen Gedichten bestehend, die ganze Welt bereist.

Hanna Aurbacher ist bekannt als Solistin bei internationalen Festivals für alte und neue Musik. Zahlreiche Uraufführungen und Produktionen in allen Medien kennzeichnen ihr künstlerisches Schaffen. Sie ist Mitglied diverser Ensembles, gibt Seminare in Vokaltechnik und Stimmphysiologie und hat als Professorin an der Musikhochschule Stuttgart gewirkt.

Ewald Liska ist Konzert- und Liedsänger und war Kantor in Stuttgart. Nach Promotion und Habilitation in Physik war er Hochschullehrer und in der Industrie tätig. Er gründete EXVOCO, war als Redakteur beim Süddeutscher Rundfunk tätig und traf dort Günter Guben.

Ein Dada-Gedicht wird wie ein Musikstück in Japan verstanden wie auch in den USA. Mit immer noch frischen Stimmen tragen sie Texte von den großen Dadaisten aber auch Gedichte von Günter Guben vor:

Weiter Videos der Guben-Gedicht-Rezitationen hier,  hier und hier

Günter Guben präsentiert auf langen Tischen die Zeichnungen seines Kollegen und Galeriefreundes Prof. Klaus Bushoff, der diese für den Band Vom Leben, Lieben und Lottern beigesteuert hat. Im dritten Teil des Abends präsentiert Günter Guben einen Ausschnitt aus diesem Band. Hier, auf erotischem Gebiet, zeigt sich noch einmal die Virtuosität des Dichtes, der abseits plumper Anspielungen über Liebe, Sexualität und das Lottern zu schreiben vermag.

Verfügung der Dinge
Reihe »Edition Hammer + Veilchen«
81 Seiten, Preis: 12 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Vom Leben, Lieben und Lottern: erotische Texte und Graphiken
Mit Grafikcollagen von Prof. Klaus Bushoff
Verlag der Studiengalerie Stuttgart, 2016
38 ungezählte Seiten in einer Auflage von 100 Exemplaren

zu erwerben beim Autor oder über den Verlag

Vers trifft Pinsel

09.07.2017 at 23:23
Moritz Heger

Dichter unter Dichterinnen

 

Am 7. Juli 2017 eröffneten die beiden Künstler Moritz Heger und Christian Lang ihre Ausstellung mit Gedichten und Tuschezeichnungen im Schriftstellerhaus in der Kanalstraße.

Die beiden kennen sich vom Heidehofgymnasium, an dem sie als Lehrer arbeiten. Beide sind ungefähr gleich alt, Moritz Heger ist Jahrgang 1971, Christan Lang Jahrgang 1972. Kollegial arbeiten die beiden auch an diesem Abend zusammen. Während Moritz Heger seine Gedichte vorträgt, projiziert Christian Lang seine – die Gedichte illustrierenden – Zeichnungen an die Wand. Zwei Künste stehen in Beziehung. Es wird deutlich, die Texte von Moritz Heger sind für Christian Lang ein Sprungbrett, um sich auf seine ganz spezielle Art mit dem Gedicht auseinander zu setzen. Dazu bedient er sich der Technik der chinesischen Reibetusche. Zur Illustration dieser These sei das Gedicht Die Rückenschwimmerin sieht den Himmel zitiert:

Stumm auf der letzten halben Bahn
bloß fünfundzwanzig Meter
von der Zeitnahme ließt du
die Schaufelarme sinken

Die Stopuhr los der Strömung
überantwortet glänzt dein Nabel
leicht treibst du Schaumgeburt
als wärs das Tote Meer

Deine Zeit mein Silberfisch
wies auf Weltrecord
die Besten jung die Beeiltesten
sterben just in time

Christian Lang mit Schwimmerin

Christian Lang mit Schwimmerin

 

Die knapp 20 Zuhörerrinnen und Zuhörer leiden unter dem heißen Wetter an diesem Abend. Es sind zum großen Teil Freunde und Kollegen, die den Weg an diesem Juliabend ins Schriftstellerhaus gefunden haben. Die wenigen Regentropfen, die fallen, lassen eher aufatmen, als dass sie ihnen die Laune verderben. Mit einem Glas Wein in der Hand und ein paar Knabbereien werden die gehörten Texte diskutiert.

Der Gedichtband Lichtgrau von Moritz Heger
mit Zeichnungen von Christian Lang ist in der Edition Kanalstraße 4 erschienen.

43 Seiten, Preis 12 €
zu erwerben im Schriftstellerhaus

Drei Frauen – drei starke Stimmen

21.05.2017 at 11:52
Drei Frauen: Claudia Michelsen vor den großen Frauen Else Lasker-Schüler, Bettina von Arnim und Erika Mann

Karoline Eichhorn, Gesine Cukrowski und Claudia Michelsen vor den großen Frauen Else Lasker-Schüler, Bettina von Arnim und Erika Mann

 

Das Projekt Drei Frauen aus Deutschland stellte die Schriftstellerinnen Bettina von Arnim, Else Lasker-Schüler und Erika Mann am 19. Mai 2017 im Theaterhaus in den Mittelpunkt. Es sind die Schauspielerinnen Claudia Michelsen, Gesine Cukrowski und Karoline Eichhorn die diese bedeutenden Schriftstellerinnen aus dem Randfigurendasein einer von Männern beherrschten Welt herausholten. Die Schauspielerinnen erzählten zweihundertjährige Geschichte über die Biografien dieser drei spannenden Frauen.

Bettina von Arnim, die am 4. April 1785 in Frankfurt am Main als Bettina Brentano zur Welt kam, provozierte das bürgerliche und aristokratische Establishment bis zu ihrem Tod am 20. Januar 1859 mit ihren liberalen Gedanken. Ähnlich provozierend waren die Auftritte der großen Lyrikerin Else Lasker-Schüler (1869 – 1945). Und Erika Mann entwickelte sich im Laufe ihres Lebens von einer vergnügungssüchtigen Bohemienne zu einer politisch denkenden, engagierten Frau.

Diese drei Frauen waren lange vor der Frauenbewegung Streiterinnen für ein selbstbestimmtes Leben

Diese drei Frauen waren Vorreiterinnen für ein selbstbestimmtes Leben – ironischerweise: nicht nur für Frauen. Denn wie sagte schon Bettina von Arnim: „Selbstdenken ist der höchste Mut. Wer wagt, selbst zu denken, der wird auch selbst handeln, und wer nicht selbst denkt, nicht aufs freie, uferlose Meer steuert mit seinem Geist, der wird die Gottheit nicht selbst erreichen. Handeln ist Selbstsein. Denn wir bauen selbst den Himmel, sonst kommt er nicht zur Welt.“

Ein schlichtes Bühnenbild lässt das gesprochene Wort erstrahlen

Das schlichte Bühnenbild dieser literarischen Revue zeigt die Portraits auf durchschimmernden Stoff überlebensgroß. Die Schauspielerinnen konnten dahinter sitzend biografische Details der jeweiligen Schriftstellerin lesen. Dann wieder traten sie ins Rampenlicht vor die Portraits und lasen aus den Werken der Frauen, die ihre Zeit mit wachen Augen beobachtet und mitgestaltet haben. Leidenschaftlich gelebte Leben, ineinander verwoben. Claudia Michelsen, Gesine Cukrowski und Karoline Eichhorn liehen den drei Schriftstellerinnen ihre Stimmen und gaben ihnen damit eine Stimme.

Wolf Biermann stellt seine Biografie im Hospitalhof vor

16.05.2017 at 14:16
Wolf Biermann

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In der Reihe „Köpfe der Zeit“ war Wolf Biermann am Sonntag, 14. Mai 2017 im Hospitalhof. Das Literaturhaus Stuttgart richtet diese Veranstaltung im großen Saal aus und dieser war bis auf den letzten Platz besetzt, um dem begnadeten Liedermacher zuzuhören.

Dem Moderator Wieland Backes fällt es an diesem sonnigen Sonntagvormittag sichtlich schwer, das Gespräch mit dem „Erzähler“ Wolf Biermann in durch Moderation eingehegten Bahnen zu halten. Wolf Biermann ist nicht zu bremsen, wenn es darum geht, Geschichten aus seinem schillernden Leben zu erzählen. Sein Ziehsohn Manuel übernimmt die Lesung aus der Biermanns Autobiografie, die der achtzigjährige gerade unter dem Titel Warte nicht auf bessere Zeiten! vorgelegt hat. Die Mutter von Manuel, Brigitte Soubeyran, siedelte mit Manuel als Baby 1958 aus Frankreich in die DDR über, aus politischer Überzeugung und weil es in der DDR aus ihrer Sicht das bessere Theater gab. Am Berliner Ensemble (BE) traf sie einen jungen Regieassistenten. Das war Wolf Biermann. Sie wurden ein Liebespaar, aber auch ein Theaterkunstpaar. 1961 gründeten sie zusammen das Berliner Arbeiter- und Studententheater, das heute noch als Studiotheater der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ bekannt ist. Zu der Zeit war Wolf noch nicht der Biermann. Sie hat ihn zum Liedermachen und Singen ermuntert und auch seinen Bart kreiert, weil sie wollte, dass er ein bisschen so aussieht wie der französische Chansonnier Georges Brassens. Den Bart trägt er heute noch, wenn dieser auch ergraut ist.

Wolf Biermann eine Symbolfigur aus dem zweigeteilten Deutschland

Wolf Biermann zählt zu den großen Symbolfiguren aus der Zeit des zweigeteilten Deutschland. Seine Lieder wurden im Westen zu Hymnen, im Osten waren sie untersagt, ihr Schöpfer wurde mit Auftrittsverboten belegt. Nach einer Konzerttour in den Westen verweigerte ihm das DDR-Regime 1976 die Wiedereinreise.

Aber an diesem Morgen beginnt er mit seiner Zeitreise durch sein bewegtes Leben als kleiner Knirps in Hamburg. Nur von seiner kommunistischen Mutter aufgezogen. Sein Vater saß im Lager, den er dort besuchte und den die Faschisten ermordeten. Sein Ziehsohn liest von dem Feuersturm über Hamburg, den Biermann als Junge erlebte. Er wuchs mit dem Auftrag auf, die Menschheit zu retten, seinen Vater zu rächen und nebenbei den Kommunismus aufzubauen. Und weil er seiner Mutter diesen kleinen Gefallen tun wollte, ging er eben mit sechzehn Jahren 1953 nach Osten und wurde ein DDR-Bürger. Und noch heute meint er darüber, das es das Beste war, was er in seinem ganzen Leben gemacht hat. „Ich musste die Lektion lernen, im Vaterland aller Werktätigen, im Arbeiter- und Bauernparadies wirklich zu leben, und nicht nur als Revolutionstourist mal eben vorbeischnuppern. Und wenn ich das nicht gemacht hätte, wäre ich ja gar nicht der Biermann geworden.“

Schon in der Schule ein Widerspruchsgeist

Wie es ihm dort erging, erfahren wir wieder durch einen kleinen Textauszug: Einige evangelische Jugendliche an seiner Schule in Gadebusch bei Schwerin sollen der „Neuen Gemeinde“ abschwören und er erlebt, wie ein junges Mädchen standhaft für ihren Glauben eintritt. Dieser Widerspruchsgeist, dieser aufrechte Gang, hat ihm sehr imponiert.

In Berlin studierte er zuerst Politische Ökonomie an der Humboldt-Universität (auf Anraten seiner Mutter, die meinte, die Regierung in der DDR bräuchte hier kluge Köpfe). Dieses Studium brach er jedoch ab, um als Regieassistent am Berliner Ensemble tätig zu sein. Danach studierte er bis 1963 an der Humboldt-Universität Philosophie und Mathematik.

Sein Weg als Lyriker und Sänger

Wolf Biermann begann Gedichte und Lieder zu schreiben. 1961 gründete er in Ost-Berlin das Berliner Arbeiter-Theater. Seine Inszenierung des Stückes Berliner Brautgang, wurde verboten, das Thema Mauerbau war zu brisant und noch vor der Premiere 1963 musste das Theater geschlossen werden. Seit dieser Zeit stand er immerzu unter Beobachtung der STASI. Wie die ihn überwachten, beschreibt er in eindrucksvollen Bildern.

1976 wird Biermann von der IG Metall zu einer Konzertreise in die Bundesrepublik Deutschland eingeladen, wofür ihm die Behörden der DDR eine Reisegenehmigung erteilten. Dieses Konzert diente dem Politbüro der SED als Vorwand für die Ausbürgerung „wegen grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten“. Eine breite Solidaritätskampagne setzte daraufhin für ihn ein. Viele, auch prominente Personen, in Ost und West protestierten gegen Biermanns Ausbürgerung. Zwölf namhafte DDR-Schriftsteller, unterzeichneten einen von Stephan Hermlin initiierten offenen Brief an die DDR-Führung, in dem sie an diese appellierten, die Ausbürgerung Biermanns zurückzunehmen. Es half nichts.

Wolf Biermann bricht spät mit dem Kommunismus

Sein Bruch mit dem Kommunismus kam jedoch erst viele später. Er wollte die Idee, für die sein Vater und so viele Genossen in den Tod gegangen sind, nicht verraten. Erst die Begegnung mit dem Schriftsteller, Sozialpsychologen und Philosophen Manès Sperber in Paris, brachte ihn zu dem Schritt mit dem Kommunismus zu brechen. Sperber hatte ihm „wie ein guter Zahnarzt mit Betäubungsspritze den kommunistischen Backenzahn gezogen, der schon vergammelt war“, wie Biermann beschreibt. „Er hat mich ermutigt, den Bruch zu wagen, ohne meinen toten Vater zu ermorden. Endlich begriff ich im Herzen, was ich im Kopf schon wusste.“

Was ist für Wolf Biermann an die Stelle der kommunistischen Idee getreten, fragt man sich und es scheint diese „hoffnungslose Hoffnung auf die Vernunft des Menschen“ zu sein, lautet seine Antwort. Sein Leben fasst er zum Schluss in dem Gedicht Bilanzballade im achtzigsten Jahr aus seinem neuen Band Im Bernstein der Balladen: Lieder und Gedichte zusammen. Damit schließt sich der Kreis zu seinem Gedicht „An die alten Genossen“, mit dem er die Funktionäre der SED in der Ost-Berliner Akademie der Künste am 11. Dezember 1962 aufgebracht hatte. (Einspielung siehe hier.)

Warte nicht auf bessere Zeiten!
Die Autobiografie

576 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Propyläen Verlag, Preis 28,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Max Goldt mit neuen Texten im Merlin

29.04.2017 at 10:25
Max Goldt im Merlin

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Es ist immer ein Genuss, Max Goldt bei einer Lesung zu erleben, auch am 23. April 2017 im Kulturzentrum Merlin. Nur ein Mikrofon  und eine große Karaffe mit Wasser. Mehr braucht dieser Wortminimalist nicht, um bei seiner Lesung Funken aus seinen Texten zu schlagen.  Er beherrscht die Kunst der absichtsvollen Ab- und Ausschweifung, das lässige Lustwandeln von Pontius zu Pilatus wie kaum ein anderer. Gerade hat er den Sammelband Lippen abwischen und lächeln – Die prachtvollsten Texte 2003 bis 2014 im Rowohlt Verlag veröffentlicht aus dem er liest. Doch er greift auch auf einige ältere Texte zurück. Seine kurzen Prosaminiaturen sind voller Witz und Humor und beschreiben Alltagssituationen aufs trefflichste.

Max Goldt legt nach etwa einer Stunde eine Pause ein. Damit die Zuhörer sehen, dass sie sich anschließend im zweiten Teil der Lesung befinden, weist Max Goldt darauf hin, dass er nun mit Brille liest. Der Qualität der Texte tut das keinen Abbruch.

Verneigung vor Christoph Lippelt

18.12.2016 at 12:05

 

Christoph Lippelt Gedächtnislesung

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Kolleginnen und Kollegen aus dem Schriftstellerhaus verneigten sich am 13. Dezember 2016 im Schriftstellerhaus vor Christoph Lippelt mit einer Gedenklesung.

Vieles erinnert bei dieser Lesung an den Abend vor 2 Jahren, als Christoph Lippelt seinen letzten Roman im Schriftstellerhaus vorstellte. Damals wie heute ist der kleine Saal des Schriftstellerhauses bis auf den letzten Platz besetzt. Von schwerer Krankheit gezeichnet, fehlte Christoph Lippelt bereits die Kraft, eine lange Lesung zu bestreiten. Kurz nach der Lesung im Dezember 2014 verstarb der geschätzte Autor. Seine Weggefährten aus dem Schriftstellerhaus lesen, wie vor zwei Jahren Passagen aus seinen Werken und erinnern an ihn. Ein Bild über den Lesenden zeigt den letzten öffentlichen Auftritt von Christoph Lippelt. Wiewohl absehbar, hat uns sein Tod erschüttert. Carmen Kortaski erinnert sich an die letzten Worte, die Christoph an sie richtete. Er war fest davon überzeugt, dass trotz der Anfeindungen der Menschen untereinander und des gegenseitigen aufeinander Einschlagens, vier Dinge Bestand haben werden: „Liebe, Kunst, Religion und Natur, das bleibt!“

So beginnt Carmen Kotarski auch die Lesung mit einem Langgedicht, das Christoph Lippelt, der Hautarzt und Christ, als Dankesrede 1983 anlässlich der Verleihung des Literaturpreises der Bundesärztekammer hielt. Es ist ein sehr politisches Gedicht in dem aber auch sein christlicher Glaube durchschimmert. Er, der Hautarzt, schreibt angesichts militärischer Bedrohungen, das wir dünnhäutiger werden müssten, nicht dickfellig. Es war die Zeit, als der NATO-Doppelbeschluss um die Stationierung der Pershing II Raketen und die damit einhergehenden atomare Hochrüstung, die außen- und innenpolitischen Debatten bestimmten und die Menschen auf die Straßen gingen.

Rainer Wochele liest an diesem Abend aus dem ersten Kapitel des 2008 erschienen Romans Engelsbühl. Die auf dem Buchumschlag abgebildeten Papageien erinnern ihn immer an die Gelbkopfamazonen, die er beim Schreiben in seiner Schriftstellerklause in Bad Cannstatt hört. In dieser Passage kommt die Bildkraft der Sprache Christoph Lippelts gut zum Ausdruck.

Usch Pfaffinger, langjährige Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, verantwortete lange Zeit die Herausgabe der Anthologien des Hauses. Für die Ausgabe zum zwanzigjährigen Jubiläum hat sie Texte von Christoph Lippelt aufgenommen und sie liest einen Text von ihm aus dieser Anthologie. Sie erinnert sich gut, wie sie mit ihm vor der Veröffentlichung darüber diskutierte.

Eleonore Lindemann hat in ihrer Zeit als Sekretärin von Thaddäus Troll viele Schriftsteller persönlich kennen gelernt, auch Christoph Lippelt. Sie lässt es sie es sich nicht nehmen, an diesem Abend ebenfalls in die Gruppe der Lesenden einzureihen. Den Abschluss der Lesung bestreitet der Lyriker Gilbert Fels, der, wie könnte es anders sein, das lyrische Werk des Christoph Lippelt zum Gegenstand seiner Lesung macht. Ähnlich wie am Abend vor zwei Jahren, kommen Lesende und Zuhörer nach der Lesung bei einem Glas Wein ins Gespräch.

Eine Wasserglaslesung von Thommie Bayer

27.11.2016 at 11:11
Thommie Bayer auf den Stuttgarter Buchwochen

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Einer der meistgelesenen Autoren Deutschlands. Mit dieser Beschreibung Thommie Bayers eröffnet die Moderatorin vom Börsenverein im Literaturcafé der Stuttgarter Buchwochen an einem trüben Novemberabend diesen Jahres die Lesung von Thommie Bayer. Warum immer diese Superlativen? Sie erhöhen nur die Fallhöhe.

Immer von Anfang an

Thommie Bayer fängt seine Lesung dort an, wo er immer seine Lesungen anfangen lässt: Am Anfang des Buches. Seite um Seite liest er mit rauer Stimme und streicht nach dem Umblättern einer jeden Seite akkurat über die Seite. Am Ende seiner Lesung hat er 43 Seiten aus dem Buch gelesen. Diese Angabe macht die Moderatorin, so dass „faule Leser“ sich das Lesen eines Fünftel des Buches sparen können.

Es ist eine dieser berühmt-berüchtigten Wasserglaslesungen. Nur greift Thommie Bayer zwischendurch nicht zu einem Wasserglas sondern zu einem langstieligen Rotweinglas. In Esslingen geboren, lebt Thommie Bayer heute in Staufen im Breisgau. Da ist es verständlich, dass er den Rotwein dem Wasser vorzieht. Wasserlesungen ist eine Art der Literaturvermittlung, bei der ein Autor eine zeitlang liest und anschließend das Publikum mehr oder minder schlaue Fragen stellt. Exakt das passierte an diesem Abend.

Thommie Bayer gibt einen wichtigen Hinweis

In seinem neuen Roman Seltene Affären erzählt Thommie Bayer von Peter Vorden, der von Montag bis Donnerstag ein Feinschmecker-Restaurant in dem kleinen Badeort Luxeuil-les-Bains in Lothringen führt. Danach beginnt sein richtiges Leben. Denn dann zieht Vorden sich zurück in seine Wohnung in Deutschland und schreibt Kurzgeschichten. Er tut es für seinen erfolgreichen Bruder Paul, den Schriftsteller, dem er damit immer wieder aus der Klemme hilft. Paul ist sein Zwillingsbruder und hat vor vielen Jahren Anne geheiratet, die einzige Frau, die für Peter je infrage kam. Geldsorgen hat Peter Vorden nicht. Aufgrund einer Erbschaft ist Arbeit für ihn eher eine Beschäftigung denn eine Notwendigkeit.

Während seiner Abwesenheit kommt seine Putzfrau und kümmert sich um die Wohnung. Kleinste Zeichen, die sie in seiner pedantischen Ordnung hinterlässt, einerseits, andererseits sein Angebot an sie, seine Texte zu lesen, die er als Ausdruck offen liegen lässt, lassen so etwas wie ein gegenseitiges Interesse der beiden aneinander durchschimmern. Thommie Bayer verrät in der anschließenden Fragerunde, dass dieses Buch eine Fortsetzung seines Romans Weißer Zug nach Süden ist. Diesen Roman hat er aus der Sicht der Putzfrau geschildert, die bei Peter Vorden putzt, ihn aber nie zu Gesicht bekommt, ihm nur durch das Lesen seiner Kurzgeschichten näher kommt. Damit hat der Autor an diesem Abend einen wichtigen Hinweis gegeben: Lest erst „den weißen Zug“ und dann Seltene Affären

Seltene Affären
192 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Piper Verlag, Preis 18,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Als Blogger auf den Stuttgarter Buchwochen

27.11.2016 at 9:00
Gastland Norwegen auf den Stuttgarter Buchwochen

Gastland Norwegen auf den Stuttgarter Buchwochen

 

Der Börsenverein hatte Literatur-Blogger eingeladen, einen Blick hinter die Kulissen der Stuttgarter Buchwochen zu werfen. Die Elster vom Elsternest war dabei.

Blick auf die Stuttgarter Buchwochen

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Es sind die 66. Stuttgarter Buchwochen, die dieses Jahr vom 10. November bis zum 4. Dezember stattfinden. Veranstalter ist der Landesverband Baden-Württemberg des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden Württembergs.

Begonnen hatte alles mit einer Ausstellung im Nachkriegsjahr 1949. Damals war es noch eine reine Leistungsschau für Verlage. Mittlerweile sind die Buchwochen ein Fest der Kultur für die Region Stuttgart und weit darüber hinaus geworden. Die professionelle Präsentation von rund 25.000 Büchern aus etwa 330 Verlagen, Lesungen namhafter Autoren aus dem In- und Ausland sowie viele andere Veranstaltungs-Höhepunkte bilden jene gute Mischung, die jedes Jahr an die 100.000 Besucher anzieht. Innerhalb von wenigen Tagen baute das Team des Landesverbandes Baden-Württemberg des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels die von den Verlagen in vielen Kisten angelieferten Bücher in ansprechenden Buchständern auf.

Diverse Sonderausstellungen im Rahmen der Buchwochen komplettieren die Ausstellung:

  • Kaufkalender 2017
  • Die schönsten deutschen Bücher
  • Graphic Novels, Comics & Mangas
  • Ihre Buchhändler empfehlen

Besonderes Glanzlicht jedes Jahr ist die Präsentation eines Gastlandes. Dieses Jahr ist es Norwegen, das allein mit 600 Titeln vertreten ist. In diesem Jahr hat den gestalterischen Rahmen eine Werbeagentur übernommen, die den Buchwochen ein ansprechendes, einheitliches Aussehen verliehen hat.

Im Anschluss an den Rundgang und den Einblick hinter die Kulissen las die Autorin Julia Zange aus ihrem neuen Roman Realistätsgewitter exklusiv für die Blogger.

Heinrich Steinfests Spatz ist ein träumender

26.11.2016 at 18:55
Heinrich Steinfest in der Stadtbibliothek Bad Cannstatt

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Heinrich Steinfest ins Elsternest zu tragen ist ein ähnliches Unterfangen, wie Eulen nach Athen zu tragen. Das Team der Stadtbibliothek in Bad Cannstatt hat es am 24. November 2016 gemacht und es ihm auf charmante Art gelungen. In Bad Cannstatt war er zu Gast, las aus seinem neuesten Roman: Das Leben und Sterben der Flugzeuge, der bereits auf die Shortlist für den Bayerischen Buchpreis 2016 gekommen ist.

Heinrich Steinfest wurde 1961 in Albury /Australien geboren. Aufgewachsen in Wien kam er in den neunziger Jahren nach Stuttgart, wo er heute als Autor und bildender Künstler lebt. Er erfand den einarmigen Detektiv Cheng. Heinrich Steinfest wurde mehrfach mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. Sein Roman Der Allesforscher schaffte es sogar auf die renommierte Shortlist des Deutschen Buchpreises. Im Jahr 2010 erhielt er den Heimito von Doderer-Literaturpreis. Nicht abschließend geklärt werden konnte an diesem Abend in der Stadtteilbibliothek Stuttgart Bad Cannstatt die Frage, wie viele Romane und Erzählungen sein Œuvre umfasst, 23 oder 25.

Heinrich Steinfest hat sein äußeres Erscheinungsbild verändert. Nach wie vor tritt er elegant-gepflegt, ganz in schwarz gekleidet, mit Anzug und Polohemd auf, aber sein Gesicht umrahmt seit neuestem ein Vollbart. Unverändert ist seine Fabulierkunst und sein Hang zu philosophischen Betrachtungen in seiner Geschichte. Wer die Romane Heinrich Steinfests kennt, weiß: In seinen Welten ist alles ein Leichtes. Seine Gratwanderung zwischen Phantastischem und Realität gerät ihm auch diesmal wieder zu einem hochliterarischen Drahtseilakt. Schon nach wenigen Minuten gelingt Heinrich Steinfest das Meisterstück, uns in eine Welt zu entführen, in der man keine Sekunde daran zweifelt, dass alles auch wirklich passiert.

Der komplizierte Plot von Heinrich Steinfest lebendig erzählt

In groben Zügen skizziert er den Plot seines neuen Romans: Der Spatz Quimp lebt im Pariser Bahnhof Montparnasse und ernährt sich von den Krümeln der Reisenden. Tatsächlich gab es für Heinrich Steinfest eine solche Begebenheit in Paris, die den Anfang seines Romanprojektes evozierte. Immer wieder sind philosophischen Betrachtungen des Spatzes eingeflochten, der lieber Fast-Food-Reste isst, als selber zu jagen und zu töten. Er wird mit seiner eigenen Unfähigkeit, sich artgerecht zu ernähren, konfrontiert, er versinkt in trotziger Scham, als er es versucht und versagt. Ein folgenschwerer Zusammenstoß mit einem explodierenden Sperling, schickt ihn auf eine geheime Mission nach Wien. Dort soll er einen uralten Sperling aufsuchen, den legendären Pinesits. Heinrich Steinfest kappt die Grenzen jenseits der Vorstellungen des Zuhörers. Es ist eine bizarre Welt, in die er uns eintauchen lässt. Jedoch verlässt er diese Welt immer wieder an diesem Leseabend, um aus seiner realen Welt zu erzählen, wie er beim Schreiben auf die Vögel vor seinem Fenster aufmerksam geworden ist und wie er sie gefüttert hat. Mit Bionüssen, das sei doch klar, er würde sich doch auch gesund ernähren. Im Gegensatz zu den Spatzen vor seinem Fenster ist Quimp aber keineswegs ein normaler Vogel. Wenn er träumt, verwandelt er sich in einen Kommissar, Blind mit Namen, der in dem Roman den vermeintlichen Unfalltod einer jungen Frau aufklären muss. Blind seinerseits träumt, er sei ein Vogel, der Spatz Quimp. So erschafft Steinfest zwei Ich-Erzählstimmen, die er miteinander verschränkt.

Heinrich Steinfest manipuliert die „bekannte“ Realität

Steinfest geht unabhängig von seinem alles überstrahlenden Humor durchaus ernst an seinen Weltentwurf heran. Mit seinem sympathischen wienerisch gefärbten Sprachstiel verrät Heinrich Steinfest, dass die Realität nur bedingt greift, das Träume höheres Gewicht erhalten können als nackte Fakten. Er klärt uns Zuhörer auf, dass beide Hauptdarsteller, die eigentlich nur einer sind, je auf ihre Weise die Dinge ganz anders angehen und dennoch zu ihrem Ziel gelangen werden. Die Welten sind verschränkt, durchdringen einander. Dabei achtetet Steinfest darauf, dass seine phantasierte Welt eine in sich schlüssige bleibt. Er bezeichnet die doppelte Struktur seines Romans, in dem das Fantastische und das Gewöhnliche untrennbar miteinander verwoben sind, als Spiel zweier Leben. Und immer hat man als Zuhörer an diesem Abend das Gefühl, dass Steinfest seinem „Personal“ liebevoll zugewandt ist.

Wegen seiner ungebremsten Fabulierkunst und seinen bildkräftigen Formulierungen kann man Heinrich Steinfest durchaus mit dem großen amerikanischen Autor John Irving vergleichen. Der hielt sich durch Ringen fit, Steinfest hat in seiner Küche ein Laufband aufgestellt, auf dem er sich schon in der Frühe des herannahenden Tages ertüchtigt und den Vögeln zuschaut.

Ein gastlicher Ort für eine gelungene Lesung

Als perfekte Gastgeber erweist sich das Team der Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt als es dem Autor zum Abschluss ein Geschenk überreicht: Ein aufgeblättertes Buch, auf eine stabile Unterlage aufgeklebt. Darin kann er seine vielen neuen Ideen sammeln, die er auf Zettel aufgeschrieben hat. Heinrich Steinfest schaut überrascht bei der Überreichung des Geschenkes. So aufmerksam wurde er wohl noch nicht bei einer Lesung beschenkt. Aber auch für ihn gilt es an diesem Abend, eine neue Welt zu entdecken. Eine, die ihm wohlgesonnen ist, in der nicht geheime Mächte miteinander kämpfen: die der Stadtteilbibliothek in Bad Cannstatt.

Das Leben und Sterben der Flugzeuge
608 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit Zeichnungen des Autors
Piper Verlag, Preis 25,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens, die in Bad Cannstatt die Buchhandlung „Wagner“ in der Marktstraße 34 sein könnte

Ein Strauß voller Texte

17.07.2016 at 15:18
Schreibwerkstatt von Simone Regina Adams - Lesung

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Das Schriftstellerhaus Stuttgart hat in Zusammenarbeit seiner ehemaligen Stipendiatin und Autorin Simone Regina Adams eine fortlaufende Schreibwerkstatt aus der Taufe gehoben. Während des Kurses sind unterschiedliche Werke entstanden. Einmal im Jahr stellen die Mitglieder der Schreibwerkstatt ihre Texte der Öffentlichkeit vor. Am 12. Juli war es wieder so weit, das kleine Haus in der Kanalstraße 4 war bis auf den letzten Platz besetzt. Was ist im letzten Jahr entstanden?

Brigitte Liebe beginnt den Abend mit einem Auszug aus ihrem Romanprojekt. Er ist in den fünfziger Jahren angesiedet und berichtet von einer sich anbahnenden Ehe, aus einer, wie man heute sagen würde, Long Distance Relationship.

Romanauszüge und Kurzgeschichten aus der Schreibwerkstatt

Ursula Gangl lässt in ihrer Kurzgeschichte „Begegnung“ im Gegensatz dazu den kurzen Moment einer Begegnung zwischen einer Frau und einem Vogel aufscheinen. Eine Frau im Bahnhofscafé beobachtet einen Spatz, der sich frech an ihren Kuchenteller setzt. Ob die Autorin nur sporadisch Bahn fährt? Sonst hätte sie nicht die Pointe der Geschichte schreiben können, dass die Icherzählerin zum ICE hetzt aber die Tür, nachdem sie verschlossen ist, noch öffnen kann. Ich war schon öfters in einer solchen Situation und hätte mir die Zauberkraft dieser Geschichte gewünscht.

David Paulitschek beweist mit seiner Kurzgeschichte, dass Humor immer gut ist bei einer Textlesung. Sein spritziger Text funktioniert wunderbar im mündlichen Vortrag. Auch zeigt sich an seinem Text, die Zuhörer werden eher mitgenommen bei einer abgeschlossenen Geschichte denn bei einem Romanausschnitt, wie ihn auch Ingrid Reinhard präsentiert.

Tobias Niethammer liest allerdings auch einen Romanausschnitt. Er ist auf die Zielgruppe der jugendlichen Leser ausgerichtet. Und was Tobias Niethammer an diesem Abend präsentiert ist überlegt und gut formuliert und zieht den Zuhörer sofort in die Geschichte hinein. Das mag auch daran liegen, dass der gelesene Ausschnitt mit wenig Personen auskommt und aus der Ich-Perspektive des jugendlichen Protagonisten gelesen ist. Der Zuhörer gerät dadurch nicht in Verwirrung, wie es passiert, wenn viele Personen in dem zu lesenden Romanausschnitt auftauchen, deren Rollen sich erst im Gesamttext erschließen.

Brigitte Maria Jacob liest über einen Küchenschrank, der dem Abend auch seinen Titel gegeben hat: Ich bin 45 Jahre alt und fürchte mich vor meinem Küchenschrank. Darin beschwört sie die Geister des Schankes. Der letzte Text des Abends von Katharina Harter kommt in Form einer Reisegeschichte daher. Auch hier verzaubert der feine Humor das Publikum, ähnlich wie der Text von David Paulitschek.

Es ist zu hoffen, dass die Mitglieder der Schreibgruppe von Simone Regina Adams weiter an ihren Texten arbeiten und wir im nächsten Jahr in einer Lesung Zeugen des weiter fortschreitenden Arbeitsprozesses werden können. Da wird wieder viel zu entdecken sein, denn, so Frau Adams, es wird in der Schreibwerkstatt hart um jedes Wort gekämpft.

Ungewöhnlich: Eugen Drewermann liest

07.07.2016 at 22:06
Eugen Drewermann stellt im Hospitalhof sein aktuelles Buch vor

Eugen Drewermann spricht im Hospitalhof über Rebellen, Frevler und Heroen in antiken Mythen

 

Professor Dr. Eugen Drewermann kam auf Einladung des Hospitalhofs am 5. Juli 2016 nach Stuttgart und stellte im Vortrag sein im letzten Jahr erschienenes Buch Grenzgänger: Rebellen, Frevler und Heroen in antiken Mythen vor. Kaum ein Jahr, in dem Eugen Drewermann nicht ein neues Buch veröffentlicht. Er hat als Theologe ein umfangreiches theologisches Werk vorgelegt. Sein Beruf als Psychotherapeut ist ebenso in sein Werk eingeflossen, das er vor allem der menschlichen Sehnsucht nach Liebe und wahrer Menschlichkeit gewidmet hat. Er hat unzähligen Menschen geholfen, ihren Glauben an Gott neu zu verstehen und sich von ihrer Angst zu befreien. Er ist ein ausgewiesener Kapitalismuskritiker. In diesem Jahr legte er ein zweibändiges Werk über Kapital und Christentum vor. Es gibt kaum ein Gebiet für ihn, das – wenn ihn das Thema einmal gepackt hat – er nicht bearbeitet hat. Über achtzig Titel sind bis heute von ihm erschienen.

Eugen Drewermann sprengt den Zeitrahmen

Pfarrerin Monika Renninger, Leiterin des Evangelischen Bildungszentrums, kündigte den ZuhörerInnen im gut gefüllten großen Saal des Hospitalhofes an, dass Eugen Drewermann ca. eine Stunde referieren wolle und dann nach einer Pause eine Aussprache stattfinden solle. Den skizzierten Rahmen sprengte Eugen Drewermann mit seinem Vortrag, den er, wie üblich, völlig frei hielt. Ohne Manuskript redete er mehr als eineinhalb Stunden. Er führte in die komplexe Götterwelt ein, rezitierte Hölderlin und schlug immer wieder einen Bogen zu aktuellen politischen Zuständen. Wenn er den Krieg und die Raffgier des kapitalistischen Systems anprangert, wurde aus ihm ein anklagender Intellektueller. Ein sehr seltener Moment in seinen Vorträgen: im Hospitalhof griff er zum Schluss zu seinem Buch und las daraus ein kurze Passage vor.

Die Rebellen der griechischen Antike

Er erläuterte in seinem Vortrag das Schicksal der Rebellen: Sisyphos, Tantalos, Damokles und andere rebellische Heldinnen und Helden der griechischen Sagen. Sie bestrafen die Götter grausam in der Unterwelt. Diese Sagen des klassischen Altertums mit ihren rachsüchtigen Göttern prägen die Vorstellungen vieler Menschen bis heute, erläuterte Drewermann. „Wir sind die Guten, und das sind die Bösen.“ Wenn es dabei bleibt, ist die Spaltung perfekt. „Diese verstehen nur die Sprache der Gewalt“. Also bleibt auch uns selbst, wie dem griechischen Zeus, einzig der Griff zur Waffe, als äußerste Maßnahme der Vernunft, die, natürlich, wir selber repräsentieren. Es heißt, stark zu sein und dem Recht, der Moral und der Menschlichkeit notfalls mit allen zu Gebote stehenden militärischen Mitteln zur Durchsetzung zu verhelfen. Die USA haben im Nahen Osten in ihren Kriegen 2 Millionen Tote hinterlassen (die Islamisten etwa 10.000).

Eugen Drewermann vermittelt das versöhnliche Christentum

Dagegen vermittelt das Christentum ein heilsames Gegenbild. Denn der Gott Jesu ist wie ein barmherziger Vater, er verlockt zur Freiheit. Eugen Drewermann zeigte mit tiefenpsychologischen Mitteln, wie sich durch Vertrauen in diesen barmherzigen Gott die Angst in der menschlichen Seele überwinden lässt. In der Bergpredigt wird eine Abkehr von der Trennung von Gut und Böse das Wort geredet. Es wird unmöglich, zu Gericht zu sitzen, so endet dieses wichtige 5. Kapitel des Matthäusevangeliums.

Wenn man diesem – im klassischen Sinne – Intellektuellen zuhört, werden Zusammenhänge klar, wird deutlich, dass sich in der Geschichte der Menschheit die Verhaltensweisen seit tausenden von Jahren nicht wesentliche geändert haben. Die Religionen haben sie nur in unterschiedlichen Bildern beschrieben, die Philosophen haben sie unterschiedlich interpretiert. Eugen Drewermann schafft es immer, wieder Brücken zu bauen: zwischen der Mystik, den Religionen, den Naturwissenschaften, der politischen Analyse und der Psychologie. Es bleibt zu hoffen, dass Eugen Drewermann noch häufig im Hospitalhof zu hören sein wird.

Grenzgänger
Rebellen, Frevler und Heroen in antiken Mythen
Hardcover mit Schutzumschlag, 488 Seiten
mit zahlreichen s/w- und farbigen Abbildungen
Patmos Verlag, Preis 44,00€

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Band 2 blättert auf

02.07.2016 at 17:29
Hans Thill vom Band 2 liest "Der Hutmacher"

Hans Thill vom Band 2 liest „Der Hutmacher“

 

Regelmäßig treffen sich im Schriftstellerhaus Schreibende zu Diskussion ihrer Texte und um in werkstattlicher Atmosphäre gemeinsam an Texten zu arbeiten. Der Name der Gruppe: Band 2. Einmal im Jahr stellen sie ihre Texte der Öffentlichkeit vor, dieses Jahr am 1. Juli im Schriftstellerhaus. Das Schriftstellerhaus gilt allgemein als das schmalste Haus in Stuttgart und dementsprechend eng wurde es bei der Lesung der zehn TeilnehmerInnen der Gruppe Band 2. Alle Stühle waren im engen Tagungsraum besetzt, die Treppe zum Büro des Schriftstellerhauses und eine Bierbank im Flur dienten ebenfalls als Sitzgelegenheit für die zuhörenden Gästen. Klar, wenn 10 Mitglieder der Schreibgruppe lesen und jeder auch nur zwei Freunde zum Kommen überreden kann, sind dreißig schnell beieinander und dafür reicht der kleine Raum im Schriftstellerhaus nicht aus, in dem in der Regel intime Werkstattgespräche stattfinden.

Trotz der Enge und der sommerlichen Temperaturen, die die Veranstalter dazu zwangen, die Tür zur Straße offen zu lassen, war es ein Vergnügen, den Beteiligten zuzuhören. Es wurde Lyrik vorgetragen, durchkomponierte Geschichten, historische Familiengeschichten in der Entstehung und all das verband Willi Steinfest galant mit seinen kurzen Zwischenmoderationen.

Sarah Dressel vom Band 2 trägt Lyrik vor

Sarah Dressel trägt Lyrik vor

Erwartungsgemäß sind die Texte einer Arbeitsgruppe von sehr unterschiedlicher Qualität. Das galt sowohl für den eigentlichen Text als auch für den Vortrag. Aber da alles ein Abbild eines laufenden Arbeitsprozesses war, tat das dem Vergnügen der Zuhörer keinen Abbruch, wie es in den Gesprächen während der Pause und am Schluss der Veranstaltung deutlich wurde. Sarah Dressel, die die Gruppe organisatorisch zusammen hält, trug zwei längere Gedichte vor, unterstrich ihren Vortrag mit fein abgestimmten Gesten.

 

Geschichten dem Leben abgeschaut

Band 2: Die feine englische Art

Die feine englische Art

Dass Geschichten im wahren Leben fußen, bewies David Heinze mit seiner Geschichte über einen fünfzehnjährigen Schüler in England, der zur Perfektionierung seiner Sprachkenntnisse auf die Insel reist, in einer englischen Unterschichtfamilie aufgenommen wird und dort so gar nicht die feine englische Art erkennt. Die Hausmutter macht ihm zu allem Überfluss noch eindeutige sexuelle Avancen, mit denen er hoffnungslos überfordert ist. Der Text ist nicht nur humorvoll geschrieben sondern wurde auch von David Heinze perfekt vorgetragen.

Darüber hinaus trugen an diesem Abend ihre Werke vor: Ingeborg Anna Mentor, Hans Thill, Franz Lässig, Renate Philippi, Svenja Bramfeld, Larissa Hieber und Frank Sohler. Die Resonanz auf ihre Lesung ist sicher Ansporn, weiter an ihren Texten zu arbeiten, neue Texte aufs Papier zu bringen und im nächsten Jahr (in einer größeren Raum?) diese wieder einem breiten Publikum vorzustellen.

Ulf Stolterfoht erhält Preis der Literaturhäuser

05.06.2016 at 21:45
Ulf Stolterfoht

Symbolische Preisübergabe

 

Der mit 14.000 € dotierte Preis der deutschen Literaturhäuser wird dieses Jahr an Ulf Stolterfoht verliehen. Damit wird ein Lyriker ausgezeichnet, der seit mehr als 20 Jahren der deutschsprachigen Lyrik entscheidende Impulse mit seinen regelmäßigen Veröffentlichungen gibt. Das Netzwerk der Literaturhäuser vergibt den Preis seit 2002.

Der Preis wurde Ulf Stolterfoht im März in Leipzig überreicht, damit verbunden ist eine Lesereise durch alle deutschsprachigen Literaturhäuser, am 31. Mai las er im Literaturhaus Stuttgart. Die Leiterin des Hauses, Dr. Stefanie Stegmann, überreichte Ulf Stolterfoht symbolisch als „Preis“ ein Sixpack Bier, über den der Autor sich sichtlich freute. Sein Schriftstellerkollege Marcel Beyer, der den Abend mit dem Preisträger moderierte, forderte Ulf auf, doch die Biersorten zu präsentieren. schmunzelnd entgegneter dieser, die Verkostung würden sie sinnvoller Weise erst nach der Lesung vornehmen.

Erste Veröffentlichungen in den neunziger Jahren in Zeitschriften

Marcel Beyer eröffnete das Gespräch mit einer Anekdote: Urs Engeler und er selber nehmen jeder für sich in Anspruch, die erste Veröffentlichung von Gedichten des Ulf Stolterfoht in ihren jeweiligen Zeitschriften verantwortet zu haben, in der Zeitschrift Zwischen den Zeilen (Urs Engeler) bzw. in Konzepte (M. Beyer). Ulf Stolterfoht erinnerte sich, dass doch ein erheblicher Abstand von zwei Jahren zwischen den zwei Veröffentlichungen gelegen hat. Heute ist sein Gesprächspartner mit einer Veröffentlichung in seinem eigenen Verlag, der Brueterich Press mit einem Band vertreten. Die Brueterich Press verlege „Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis“ berichtete Ulf Stolterfoht stolz. Er hat ein vorab ausgezahltes Erbe zur Gründung des Verlages verwendet und dankte an diesem Abend seinen anwesenden Eltern, die ihn immer unterstütz hätten, in all den schwierigen Anfangsjahren seines lyrischen Schaffens.

Seit 1985 Schreibt Ulf Stolterfoht Lyrik

Ulf Stolterfoht

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Seine ersten Gedichte hätte er an Norbert Wehr 1985 geschickt, der die Literaturzeitschrift Schreibheft herausgab. Der hätte ihn dann angerufen und sich erkundigt, ob er sich umbringen würde, wenn er seine Gedichte nicht veröffentlichen würde. Offensichtlich hatte er Angst um den Lyrikneuling, der damals in Bochum, später in Tübingen, Germanistik und Allgemeine Sprachwissenschaften studierte. Schon zu der Zeit begann Ulf Stolterfoht an seinem Lyrikprojekt Fachsprachen, das mittlerweile auf vier Bände angewachsen ist. Es ist ein formal strenges Werk, jeder Band enthält jeweils neun Rubriken à neun Gedichte, so dass jeder Band aus 81 Gedichten besteht. Er will die Reihe auf neun Bände ausdehnen, der fünfte ist fertig und der sechste in Arbeit. Es sind bizarre Sprachschöpfungen, die den Gestus von Fachsprachen nachahmen, aber in Wirklichkeit der Phantasie des Autors entstammen.

Mit dem ethnographischen Poem Holzrauch über Heslach oder dessen Fortschreibung in der kulturhistorischen Sektenfarce neu-jerusalem, den so vergnüglichen wie hintersinnigen Ammengesprächen mit einer Sprechmaschine hat Ulf Stolterfoht die Spielarten des gegenwärtigen Gedichts erheblich ausgeweitet. Holzrauch über Heslach hätte er während seines Stipendium der Villa Massimo geschrieben, wie Ulf Stolterfoht verriet.

Ulf Stolterfoht präsentiert seine Lyrik auf sympathische Weise vor

Wie immer trug er auch an diesem Abend seine Texte auf unnachahmliche Weise vor. Bescheiden streute er scheinbar leichthin Reflexionen über den Wert und höheren Unwert des Gedichts ein. Er erzählte von seinem Onlineprojekt Brueterich, das er nach einem vom Goetheinstitut verantworteten argentinisch-deutsche Stadtschreiberprojekt in Rayuela begonnen hatte, wo er erstmals Beiträge auf dem Projektblog veröffentlichte. Der Brueterich hatte eine Vielzahl von Unterprojekten (39 Kammern des Brueterichts), die er „Schwestern, Onkels, Nennonkels, Basen u.s.w.“ nannte. Alle diese Projekt sind abgeschaltet, wiewohl man sie noch im Internet auffinden kann. Aus diesem Blog las er im Literaturhaus einige Ausschnitte vor.

Auch Marcel Beyer kam „lyrisch zu Wort“

Marcel Beyer liest aus Graphit Ulf Stolterfoht

Marcel Beyer liest aus Graphit

Mit Blick auf die Uhr forderte Ulf Stolterfoht Marcel Beyer im Laufe des Abends immer wieder auf, doch eigene Gedichte zu lesen. Dieser ließ sich jedoch nicht drängen. Erst gegen Ende des Abends las er aus seinem neuen Band Graphit, an dem er 13 Jahre lang gearbeitet hat. Darin erkundet Beyer die Materialität von Gegenständen, Stoffen und Substanzen, um die in ihnen abgelagerte Geschichte freizulegen. Er las daraus ein Gedicht zum ersten Todestag von Thomas Kling: ein Dichter, der für beide von sehr großer Bedeutung war. Und: Das Rheinland stirbt zuletzt. Darin wird der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln mitsamt rund 30 Regalkilometern im Jahr 2009 besungen.

Nach gut zwei Stunden verabschiedete der Moderator das Publikum im Literaturhaus. Bei ein paar Bieren konnten sich das Publikum über diesen gelungenen Abend austauschen.

Weitere Videos der Fachsprachengedichte und Gespräch:

Ein frühes Gedicht aus der Reihe Fachsprachen
Lesung aus Fachsprachen (2)
Lesung aus Fachsprachen (3)
Lesung aus Fachsprachen (4)
Lesung aus Fachsprachen (5)
Gespräch über Thomas Kling und andere moderne Lyriker
Gedicht zu Thomas Kling

Wolfgang Haenle mit neuen Texten

15.05.2016 at 17:35
Wolfgang Haenle im Schriftstellerhaus

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Wolfgang Haenle stellte am 12. Mai im Schriftstellerhaus Stuttgart neue Texte in der Reihe „Forum der Autoren“ vor. Es sind unveröffentlichte Texte, die er dem Publikum präsentierte. Dankenswerter Weise hatte er für die ZuhörerInnen einen großen Teil der Gedichte kopiert, so dass sich eine rege Diskussion über die Texte entwickeln konnte.

Wolfgang Haenle ist ein „spätberufener Lyriker“. 1945 in Altötting geboren, aufgewachsen in Göppingen, studierte er Maschinenbau und Technische Fotografie in Stuttgart. Auf seiner Homepage gewährt er Einblick in sein fotografisches Schaffen. Aber erst gegen Ende seines aktiven Berufslebens begann er sich intensiv mit der Lyrik auseinander zu setzen. 2011 veröffentlichte er seinen ersten Lyrikband mit Liebesgedichten: „eine hand voll du“. Regelmäßig veröffentlichte er in Gedichtanthologien. Die achtzehn Gedichte, die er an diesem Abend mit ins Schriftstellerhaus brachte, sind noch nirgendwo erschienen.  Seine Geburtsstadt Altötting, eine berühmte Pilgerstadt fand Eingang in eines seiner Gedichte. Wir wissen, welche bekannte Persönlichkeit aus der Gegend kam: Papst Benedikt VI., der „Joseph Aloisius“.

Wolfgang Haenle hat sich konsequent der Kleinschreibung in seinen Gedichten verschrieben. Aber auch sonst ist er formal streng, mal verwendet er die Form des Sonetts, dann wieder die der Sestine. Wobei er dem Reim und dem Jambus elegant ausweicht. Er kennt die Formen, folgt ihnen aber nicht streng. Wie viele moderne Lyriker lässt er den Reim links liegen. Und doch ist seine Lyrik von formaler Eleganz. Seine Themen findet er überall: die „Schnapp“-Schildkröte Lotti, die in der Bild-Zeitung Überschrift wurde:  „Ente in die Tiefe gezogen: Alligator-Schildkröte Lotti wieder da“. Oder bei Edgar Degas, dem impressionistischen Maler, dem er ein Gedicht unter dem Namen „leidenschaft“ widmet.

Für Wolfgang Haenle ist die Natur eine Fundgrube

Betrachtungen der Natur wurden bereits von dem von ihm hochgeschätzten Dichterkollegen Jan Wagner zu Lyrik verdichtet. Auch Wolfgang Haenle schreibt Gedichte, die sich diesem Genre verpflichtet fühlt. Ob er den in den in den offenen Savannenlandschaften und bewaldete Flussgebiete des Tief- und Hochlands des südlichen Afrikas beheimateten Kaffernbüffel oder den Kormoran beschreibt, immer findet er eindrucksvolle Bilder. Im Gedicht Kormoran blitzt eine andere Leidenschaft des Autors auf: die Fotografie. Darin heißt es:
... schlaff hängt die sony
ein griff. dann ist sie ganz oben. der gurt zurrt an der schulter

Aber auch eine Wanderung ist es ihm wert, zu Lyrik verdichtet zu werden. Wieder erwähnt er darin die Kamera, die ihm ein ständiger Begleiter scheint. Humorvoll blickt er auf die Esoterikszene, wenn er über „gruppentherapie“ schreibt, und sie dort verortet, wo Bachblüten dreizehn Feen treffen, der Meister ein biegsamer ist.

Immer wieder unterbrach Wolfgang Haenle seinen Vortrag und gab Raum für die Diskussion mit dem Publikum. So entstand fast schon so etwas wie schriftstellerische Arbeitsatmosphäre im Schriftstellerhaus, das mit diesem Format „Forum der Autoren“ genau das beabsichtigt.

Wolfgang Haneles beiden Lyrikbände sind beim Stuttgarter Schweikert-Bonn-Verlag erschienen:

eine hand voll du
Broschiert, 140 Seiten, Preis: 11,50 €

b.antwortet
Gebunden, 136 Seiten, Preis: 17,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

 

Walle Sayer steckt viel in die Streichholzschachtel

07.04.2016 at 1:26
Walle Sayer in der Stadtbibliothek

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Die LesBar der Stadtbibliothek ist keine Streichholzschachtel, trotzdem erstaunlich, wie viele Zuhörer in diesem Kleinod hoch oben in der Stadtbibliothek bei der Lesung von Walle Sayer am 5. April darin Platz fanden. Viel literarische Prominenz aus Stuttgart war vertreten, um dem Autor des Klöpfer & Meyer Verlages zuzuhören. Man kennt sich in der Szene und der Verlag Klöpfer & Meyer ist für einige der im Publikum sitzenden Autoren ebenfalls ein sicherer Hafen, wie er es für Walle Sayer seit nunmehr acht Büchern ist.

Ingrid Gerlach begrüßt Walle Sayer

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Seinen neuen Band untertitelte Walle Sayer mit „Feinarbeiten“. Ein treffender Titel, denn Walle Sayer ist bekannt für seinen genauen Blick auf die kleinen Dinge des Lebens, die er immer wieder zum Ausgangspunkt seiner fein gearbeiteten Texte macht. Der Autor ist seit vielen Jahren dem Schriftstellerhaus verbunden und so verwundert es nicht, dass dessen Geschäftsführerin Astrid Braun diesen Abend moderierte. Die gegenseitige Wertschätzung und Empathie durchzog den Abend von Anfang an, das fing schon mit der herzlichen Begrüßung durch Ingrid Gerlach als Vertreterin der Stadtbibliothek an.

Walle Sayer brennt für das Schreiben

Walle Sayer ist einer, der schon früh für sich entschied, die Schriftstellerei zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen. Er absolvierte zwar eine Banklehre, aber die Ausbildung konnte seine Liebe zur Literatur nicht verdrängen. Für Astrid Braun ist Walle Sayer ein lebendes Beispiel, wie Literatur ein Leben im wortwörtlichen Sinne verändern kann, wenn man sich ihr ganz und gar hingibt. Aber vom Schreiben allein kann er nicht leben. Und da er Verantwortung für eine Familie hat, musste er sich zwei berufliche „Flügel“ zulegen: er arbeitet als Nachtportier in einem Hotel und als Kellner in einer Kulturgaststätte in Horb. Die Gedichte des Lyrikers und Essayisten Walter Helmut Fritz seien für ihn die Initialzündung gewesen, selber mit dem Schreiben anzufangen, verrät er zu Anfang des Gesprächs. Und er beginnt seine Lesung mit dem Text „Leseausweis“. Darin beschreibt er einen Jungen, der sich lesend neue Welten erschließt.

Walle Sayer Mikrofon

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Walle Sayer hat seinen Band in neun Kapitel aufgeteilt, die lediglich mit römischen Ziffern tragen. Doch er legt Wert auf Überschriften zu seinen Texten. Der erste Text eines Bandes hat für ihn immer etwas Programmatisches, erläutert Walle Sayer. Der erste Text in diesem Band trägt die Überschrift „Photographisch“ und er hat ein Zitat von Fernando Pessoa dem Text voran gestellt: „Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern das, was wir sind.“ Und schon in diesem Text tauchen die wunderbaren poetischen Bilder des Autors auf, wenn er von „müden Straßenlampen“ schreibt, von den „Neun Zwergen in einem Vorgarten, die keinerlei Putschplan haben“ und von der „Fellfarbe der Scheunenwand“.

Stetiges Arbeiten am Text verleiht ihm Tiefe

Walle Sayer ist ein Wortesammler. Was er notiert, kann zu einem Text werden, ein Klang als Ausgangspunkt einer nächsten Betrachtung dienen. Die tägliche Zeitungslektüre ist für ihn eine unermessliche Fundgrube. Ein ganzes Kapitel hat er seiner Zeitungsausschnittsammlung gewidmet. Er arbeite lange an seinen Texten, überarbeitet sie ein ums andere Mal. Selbst wenn Texte in Zeitschriften veröffentlicht sind, nimmt er manchmal noch Änderungen vor. Sind sie allerdings als Buch erschienen, dann ist der Prozess auch für ihn endgültig abgeschlossen.

Walle Sayer Detail

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Immer wieder sind es die Kleinigkeiten, die sonst nicht erwähnten Dinge, die Walle Sayer in seinen Texten in ungewöhnliche Worte kleidet, die er an diesem Abend dem Publikum nahe bringt. Diese Liebe zum Detail seine Verbundenheit mit dem Strom des Lebens werden in der Lesung deutlich. In der ihm eigenen Bescheidenheit nimmt er sich die Zeit, die Zuhörer quer durch sein ganzes Buch zu führen und einen Einblick in sein poetisches Schaffen zu geben. Wer ihm an diesem Abend zugehört hat, hat eine Ahnung davon bekommen können, dass es ist nicht immer der ausufernde Roman ist, der dem Leser eine Welt eröffnet, es sind auch die kurzen Texte dieses in der schwäbischen Landschaft fest verankerten Schriftstellers Walle Sayer.

Was in die Steichholzschachtel passte - Walle Sayer

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Was in die Streichholzschachtel paßte
Feinarbeiten
124 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Eine Rezension gibt es hier.

Magdalena Schrefel stellt sich vor

19.03.2016 at 17:00
Magdalena Schrefel

Magdalena Schrefel mit Viktor Dallmann bei ihrer szenischen Lesung

 

Schon seit Anfang Februar weilt Magdalena Schrefel als Stipendiatin im Schriftstellerhaus. Am 17. Februar stellte sie sich eben dort vor. Sie hatte den Text mitgebracht, an dem sie während ihres Stipendiums arbeiten will. Die Vorsitzende des Vereins, Ingrid Bussmann, stellte die junge Frau kurz vor. Magdalena Schrefel stammt aus Wien und arbeitet seit 2014 als freie Autorin. Nach ihrer Matura arbeitete sie im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienst ein Jahr in Vukovar, Kroatien, ging dann für ein Jahr nach Göteborg zur Ausbildung im Bereich Projektmanagement für NGO und Sozialen Bewegungen.

Ihren Bachelore im Studium Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig hat sie mit einem Theatertext erlangt. Bisher hat sie noch nicht an längeren Prosatexten gearbeitet, sie will die Zeit ihres Stipendium nutzen, ihren ersten Roman zu beginnen. Als Arbeitstitel hat sie „Reisebleiche Lider“ gewählt, allerdings ist der Titel wie auch der Text ständig im Fluss. Darin beschreibt sie zwei Frauen auf einer Busreise irgendwo in Südeuropa an der Grenze zu Griechenland. Der Bus ist ihnen davon gefahren und die Icherzählerin steht mittellos da, offensichtlich in Griechenland, denn sie kann an keinem Automaten Geld ziehen, das es schlicht nicht mehr gibt.

Die Eingangsszene las Magdalena Schrefel zusammen mit Viktor Dallmann. Er weilt zur Zeit ebenfalls im Schriftstellerhaus, absolviert hier ein Praktikum, bevor sein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig im nächsten Semester beginnt. Da Magdalena Schrefel vom Schreiben fürs Theater kommt, passt die Lesung mit zwei Lesenden gut.

Magdalena Schrefel und ihr Text in kritischer Diskussion

Unter den Zuhörern im Schriftstellerhaus waren einige erfahrene Schriftsteller des Hauses und so entspannte sich eine Art Werkstattgespräch über den Text, es gab sowohl Lob als auch Kritik. Der Text sei sauber erzählt und verließe sich auf die Geschichte, allerdings sei er auch hochredundant. Die Personen bleiben noch schemenhaft, Empathie stellt sich für sie nicht ein. Das sei ein großer Vorsatz von ihr, erläuterte Magdalena Schrefel und ja, es gäbe keinen (oder noch keinen) Plot. Das „Plotten“ hätte ihr noch nie gelegen, auch am Literaturinstitut hätte sie damit immer Probleme gehabt, verriet die angehende Romanautorin. Sie interessiere mehr für die kleinen Risse in einer Geschichte, für das Geheimnis unter der Oberfläche, das dadurch sichtbar würde und die Frage, was passiere, wenn die Risse größer würden.

Der vorgestellte Text sei überwiegend im Konjunktiv geschrieben und behielte doch eine gewisse ästhetische Betulichkeit, so eine kritische Stimme. Aber alle waren sich einig, dass ein begründetes Urteil im gegenwärtigen Stadium des Textes nicht gesprochen werden könne. Auf jeden Fall wäre man auf den fertigen Text gespannt, der sicher ganz anders aussehen wird, wie die Autorin selber einwarf.

Eine weitere Begegnung mit der Stipendiatin ist am Montag, 18. April 2016 um 19 Uhr 30 in der Galerie InterArt vorgesehen. Sie wird mit zwei ehemaligen Kommilitoninnen aus Leipzig eine Lesung fiktiver, fiktionalisierter und faktischer Ansichtskarten unter dem Titel „Das Wetter ist schön. Das Essen schmeckt gut.“ veranstalten. Näheres siehe hier.

Alles Dada oder was?

28.02.2016 at 22:39
dada Faul und Braun

Eckhard Faul und Michael Braun präsentieren Dada-Texte

Dada ist 100 Jahre alt geworden und das Schriftstellerhaus veranstaltete dazu eine Revue mit zwei ausgewiesenen Kennern der Materie. Eckhard Faul und Michael Braun „gastierten“ mit ihrem Vortrag am 25. Februar im Schriftstellerhaus Stuttgart in der Kanalstraße 4. Viele Sendungen haben den Geburtstag des Dadaismus am 5. Februar 1916 in den Blick genommen, hundert Jahre nach der Gründung des legendären Cabaret Voltaire durch Hugo Ball und seiner Freundin Emmy Hennings in Zürich – unweit von Lenins Exilwohnung – in der Spiegelgasse 1. Modern, provokativ und erfinderisch rechnete diese neue Kunstrichtung unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges mit den verlogenen Idealen der Gesellschaft ab, die den Krieg herbeigeführt hatten.

Die Welt versinkt in einem Weltkrieg und die Künstler suchen nach neuen künstlerischen Ausdrucksweisen

Eckard Faul und Michael Braun hatten keinen Schamanenhut dabei wie ihn Hugo Ball am 5. Februar 1916 in der „Künstlerkneipe Voltaire“ trug, die wenig später in Cabaret Voltaire umbenannt wurde. Und sie spannten den zeitlichen Horizont noch einige Jahre weiter auf: Schon 1914 schrieb Hugo Ball unter dem Pseudonym Klarinetta Klaball zusammen mit Klabund und Marietta die Monaco einige Gedichte (Teile aller ihrer Namen finden sich in dem gewählten Pseudonym). In Berlin gehörte er zu der expressionistischen Avantgarde. Hugo Ball entwickelte sich zu einem resoluten Kriegsgegner und beschäftigte sich intensiv mit Revolutionsbewegungen und Anarchismus. 1915 veranstaltete er eine Gedächtnisfeier für gefallene Dichter, deutsche und französische (!). Ende Mai 1915 floh er mit seiner späteren Frau Emmy Hennings in die Schweiz.

Für Hugo Ball wird kreative Entgrenzung zum Programm: „Ich will keine Worte, die andere erfunden haben. Alle Worte haben andere erfunden. Ich will meinen eigenen Unfug, und Vokale und Konsonanten dazu, die ihm entsprechen. Diese vermaledeite Sprache… Das Wort will ich haben, wo es aufhoert und wo es anfängt.“

In Zurüch erblickt Dada das Licht der Welt

In Zürich traten die Künstler Hans Arp, Hugo Ball, Emmy Hennings, Tristan Tzara und Richard Huelsenbeck auf die Kleinkunstbühnen und formulierten im Juli 1916 im Cabaret Voltaire ihr „Dada-Manifest“, in dem es hieß:
„Wie erlangt man die ewige Seligkeit? Indem man Dada sagt. Wie wird man berühmt? Indem man Dada sagt. Mit edlem Gestus und mit feinem Anstand. Bis zum Irrsinn. Bis zur Bewußtlosigkeit. Wie kann man alles Journalige, Aalige, alles Nette und Adrette, Bornierte, Vermoralisierte, Europäisierte, Enervierte, abtun? Indem man Dada sagt. Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou. Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt.“

Das Lautgedicht wird bei Dada Programm

Nur zu gerne wüsste man, wie Hugo Ball sein Lautgedicht «Karawane» im kubistischen Kostüm als magischer Bischof vorgetragen hat. Es gibt keine Tondokumente aus dem Cabaret Voltaire. In seinem Tagebuch schreib Hugo Ball zu seiner Rezitation:

„Die schweren Vokalreihen und der schleppende Rhythmus der Elefanten hatten mir eben noch eine letzte Steigerung erlaubt. Wie sollte ich’s aber zu Ende führen? Da bemerkte ich, dass meine Stimme, der kein anderer Weg mehr blieb, die uralte Kadenz der priesterlichen Lamentation annahm, jenen Stil des Messgesangs, wie er durch die katholischen Kirchen des Morgen- und Abendlandes wehklagt. Ich weiss nicht, was mir diese Musik eingab. Aber ich begann, meine Vokalreihen rezitativartig im Kirchenstile zu singen und versuchte es, nicht nur ernst zu bleiben, sondern mir auch den Ernst zu erzwingen.“ (Hugo Ball: „Die Flucht aus der Zeit“, Wallstein-Verlag)

Eckhard Faul rezitierte das Lautgedicht „Karawane“ weder im kubistischen Kostüm noch als magischer Bischof.

Schon nach wenigen aufreibenden Monaten des Cabaretbetriebs zog sich Hans Ball ins Tessin zurück. Mit der Galerie Dada kehrte er dann noch einmal für kurze Zeit nach Zürich und zum Dadaismus zurück. Während Balls Weggefährten DADA zu einem Credo erhoben, von dem sie ihr Künstlerleben lang zehrten, blieb es für Ball nur Episode. Er konvertiert zum Katholizismus, studiert die alten Mystiker hielt Vorträge in Deutschland und der Schweiz. Trotz der kurzen Dada-Phase entstand ein vielfältiges dadaistisches Werk, das die richtungsweisenden 10 Lautgedichte umfasst, ein „bruitistisches Krippenspiel“ und den DADA-Roman „Tenderenda der Phantast“ (beide posthum veröffentlicht).

Von Hans Arp hier das Gedicht Opus Null, veröffentlicht 1924:

Richard Huelsenbeck, der sich in Zürich zu Hugo Ball gesellt und in Hans Arp und Tristan Tzara Gleichgesinnte gefunden hatte, gründet 1918 in Berlin Club Dada. Von ihm stammt das Gedicht die Dada Schalmei:

Tristan Tzara rezitierte im Cabaret Voltaire „Negerlieder“. Sie erfüllen sicher nicht mehr den Tatbestand sprachpolitischer Korrektheit. Aus manchem Reim funkelt der Glanz vergangener Epochen. Seine Lautgedichte nahmen die Neugierde der Zeit nach Exotik auf und verwandelten sie in priesterlichen Singsang, mit fremden Lauten spielend. Auch damals schon: die Kleinschreibung als Stilmittel.

Michael Braun trug ein Gedicht aus dem Negerliedzyklus vor, den Sotho-Neger:

Der deutsche Künstler, Maler, Dichter und Werbegrafiker Kurt Schwitters gehörte ebenfalls zum Kreis der Dadaisten. In Stuttgart ist er mit seinem grafischen Werk in der Staatsgalerie vertreten. Für den Dichter Schwitters war das Jahr 1919 der Durchbruch zu einem eigenständigen Stil mit dem Gedicht „An Anna Blume“:

Mit der Revue DADA 100 hat das Schriftstellerhaus an diesem Abend durch die beiden Kenner der Materie, Michael Braun und Eckard Faul, einen guten und amüsanten Einblick in diese wichtige Kunstform aus dem Anfang des vorherigen Jahrhunderts geben.

Benefizveranstaltung für Sant’Anna

06.01.2016 at 17:46
Enio Mancini aus Sant'Anna

Enio Mancini aus Sant’Anna
Foto: © Fritz Mielert

Enio Mancini ist einer der wenigen Überlebenden des SS-Massakers in Sant’Anna di Stazzema am 19. August 1944. Die AnStifter haben am Gedenktag der Opfer des Faschismus eine Benefizveranstaltung in der Gaisburger Kirche, Stuttgart, Faberstraße 17 organisiert. Zeit: Mittwoch, 27. Januar 2016, 19:00 Uhr

Ich werde aus Enio Mancinis Erinnerungen, der als Kind das Massaker von Sant‘Anna di Stazzema überlebt hat, lesen. 2013 hat Enio Mancini zusammen mit Enrico Pieri den Friedenspreis der Stuttgarter AnStifter erhalten.

Carolin Kaiser und Jonathan Ferber spielen auf der bemerkenswerten Orgel der Gaisburger Kirche Werke von J. S. Bach, J. G. Albrechtsberger, S. Wesley und F. Schubert.

Der Erlös der Benefizveranstaltung ist für die Friedensorgel in Sant’Anna bestimmt. Die durch Spenden finanzierte Orgel soll zwei zusätzliche Register erhalten. Nach dem eklatanten Versagen der Stuttgarter Justiz – kein Prozess gegen die Täter – sind Zeichen der Solidarität für die Menschen von Sant’Anna von größter Bedeutung.

Die AnStifter laden herzlich ein. Der Eintritt ist frei, Spenden sind erbeten.

Hintergrund zur Problematik Kriegsverbrechen in Sant’Anna di Stazzema

Aus der Erklärung der AnStifter-Initiative Sant’Anna vom 29.9.2015:
Die Stuttgarter AnStifter-Initiative Sant’Anna hatte sich Ende 2012 in der Reaktion auf die Einstellung der Ermittlungen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft zusammengefunden und damals erklärt: „Wir schämen uns und sind empört über den Umgang der Stuttgarter Justiz mit den deutschen Kriegsverbrechen in Sant’Anna di Stazzema. Im Jahr 1944 ermordete die SS 560 Menschen in dem italienischen Dorf Sant’ Anna di Stazzema, vor allem Frauen und Kinder. Die Täter sind von einem italienischen Gericht verurteilt, aber frei. Die Überlebenden fordern Gerechtigkeit… vergeblich. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft – zuständig Bernhard Häußler – hatte das Verfahren im Oktober 2012 eingestellt. Damit bleiben die Täter auf freiem Fuß. Wir Bürgerinnen und Bürger Stuttgarts – und darüber hinaus – sind empört über den Umgang der Stuttgarter Justiz mit den Kriegsverbrechern.“

Sylvia von Keyserling auf den Stuttgarter Buchwochen

22.11.2015 at 7:38

Sylvia von Kayserling las aus ihrem neuen Lyrikband Rosenstein. Der Nikros Verlag in Kooperation mit der Gedok hat die Lesung am 19. November organisiert. Zu Beginn der Lesung zeigte der Verlag die Bilder von Wolfgang Rüter in einer Mulitmedia Projektion. Damit wurde ein guter Eindruck der Parklandschaft im Herzen Stuttgarts vermittelt, die Sylvia von Keyserling in den Mittelpunkt ihrer Gedichte stellte. Eine ausführliche Rezension habe ich bereits an dieser Stelle im Elsternest veröffentlicht.

Mit Zwischentexten erläuterte die Lyrikerin ihre Sicht der Wirklichkeit, die sie poetisch in ihren Gedichten ausbreitet:

Hört man das Gedicht „Lettern“, in dem sie vom „Schattenalphabet der Bäume“ spricht und geht man mit diesen Zeilen im Kopf durch den Rosenstein, sieht man die Bäume mit anderen Augen. Unwillkürlich fragt man sich, warum der Mensch so wenig Ehrfurcht vor der Natur hat und sie rücksichtslos ausbeutet.

Die Sinne der Natur, das unterirdische Wurzelwerk mit seiner Fähigkeit zu riechen, zu schmecken, zu tasten, die murmelnde Kommunikation von Wurzel zu Wurzel beschreibt sie im Gedicht Scrabble. Video dazu auf meinem Kanal „Lerchenflug“.

ROSENSTEIN
Hommage an ein Stuttgarter Kulturdenkmal

64 Seiten, gebunden, mit 45 Fotografien von Wolfgang Rüter
Nikros Verlag, Preis: 16,80 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens