Bob Dylan beim Jazz Open in Stuttgart

14.07.2019 at 18:18

 

Es ist der erste Auftritt, den ich von dem heute achtundsiebzigjährigen Ausnahmemusiker erlebt habe. Lange hatte ich gezaudert, ob ich den Eintrittspreis von 80 € für einen Stehplatz zahlen sollte. Aber um 17 Uhr, 15 Minuten vor Einlass habe ich online eine Karte beim Veranstalter erstanden, für nur noch 35 €. Robert Allen Zimmerman, alias Bob Dylan, bleibt mit diesem Konzert seinem chamäleonhaften Weg treu, erfindet sich immer wieder neu.

Die Bühne, ausgestattet mit riesigen Scheinwerfern, die aus einem alten Hollywoodstudio stammen könnten, illuminieren die Bühne. Auf einem Gitarrenverstärker sein Oscar, den er 2001 für den besten Filmsong erhalten hatte (aus dem Film Wonder Boys). Rechts am Rand steht eine Frauenbüste auf einer korinthischen Säule. Ein Statement gegen die europäische Flüchtlingspolitik? Viel zu weit gedacht. Es handelt sich um eine Figur aus dem Pallas-Athene-Brunnen vor dem österreichischen Parlament. Die Frau symbolisiert die Moldau und sie verleiht der zweistündigen Show einen würdigen Rahmen.

Die Musik aus einem Guss

„Things Have Changed“. Ein typisches Dylan-Motto. Bei ihm ist immer alles anders. Er hat seine Lieder in ein völlig anderes Soundgewand gekleidet. Und das ist an diesem Abend aus einem Guss. Wobei es im Grunde zu trivial wäre, diese Sonette als Songs zu bezeichnen. Für diese kunstvolle Lyrik hat er vor zwei Jahren zu Recht den Nobelpreis für Literatur erhalten.

Seine allseits bekannten Songs erkenne ich häufig nur an einigen wunderbaren Textpassagen wieder so auch meinen Liebslingssong „It Ain’t Me Babe“. Die Musik ist an diesem Abend aus einem Guss: mal hart bluesig, mal fast orchestral, arbeitet sich dagegen am Original ab. Wobei ich mir die Frage stelle: Was ist denn das Original? Die Version, die vor 55 Jahren auf Platte gepresst wurde oder das Lied im heutigen Gewand, immer wieder neu bearbeitet, umgeschrieben und optimiert?

Dylan arbeitet seit Jahren mit hervorragenden Musikern

Hervorzuheben ist die exquisite Begleitband, die Bob Dylan mit auf die Bühne gebracht hat: Der Bassist Tony Garnier webt einen satten Rhythmus mit seinem akustischen Bass, greift auch mal zum Bogen oder tauscht ihn gegen einen E-Bass ein. Mit dem Schlagzeuger George Recile – mit feschem schmalkrempigen Hut, im Gegensatz zu Bob Dylan, der einen sehr breitkrempigen trägt -bildet Tony Garnier das rhythmische Fundament.

Gitarrist Charlie Sexton steht seit 1999 immer wieder an der Seite von Bob Dylan auf der Bühne und treibt mit seinem virtuosen Spiel die Songs voran. Donnie Herron glänzt an vielen Instrumenten: Pedalsteel Gitarre, Lapsteel Gitarre, Mandoline, Banjo und Violine. Bob Dylan sitzt meist am Flügel, schnappt sich manchmal einen Mikrofonständer und singt ohne Instrument. Wenn er so auf der Bühne steht, sieht man ihm sein Alter an: an seiner leicht gebückten Haltung, an seinen verknöcherten Händen. Die Gitarre, früher sein Markenzeichen, hat er nicht mitgebracht, aber seine Mundharmonika.

Eine Zugabe lässt sich der Meister abringen, dann gehen er und seine Band von der Bühne. Seine „Never Ending Tour“ wird in den nächsten Tagen weiter gehen, wie seit 30 Jahren.

Ausnahmsweise habe ich keine Aufnahmen von dem Konzert gemacht, obwohl ich trotz strenger Taschenkontrolle meine Kamera dabei hatte. Aber Bob Dylan verbittet sich alle Aufnahmen. Er hat auch schon mal ein Konzert wegen Missachtung dieser Bitte abgebrochen.

Der Vollständigkeit halber hier die Setlist:

  • Ballad of a Thin Man
  • It Ain’t Me, Babe
  • Highway 61 Revisited
  • Simple Twist of Fate
  • Can’t Wait
  • When I Paint My Masterpiece
  • Honest with Me
  • Tryin’ to Get to Heaven
  • Scarlet Town
  • Make You Feel My Love
  • Pay in Blood
  • Like a Rolling Stone
  • Early Roman Kings
  • Girl of the North Country
  • Love Sick
  • Thunder on the Mountain
  • Soon After Midnight
  • Gotta Serve Somebody
  • Blowin’ in the Wind

Das Indira Quartett ist Made in Stuttgart

28.04.2015 at 16:28
Indira Quartett im Laboratorium

Das Indira Quartett im Laboratorium Stuttgart

 

Stuttgarts Künstlerszene ist vielfältig. Migration und Kontakte zu anderen Kulturen geben ihr immer wieder neue Impulse. Das Forum der Kulturen Stuttgart e. V. hat ein interkulturelles Minifestival auf die Beine gestellt. Vom 24. bis zum 26. April bespielten Gruppen aus Stuttgart neun verschiedene Bühnen der Landeshauptstadt. Musik, Tanz, Literatur, Film und Theater für Erwachsene und Kinder standen auf dem Programm.

Eine Besonderheit von Made in Stuttgart ist die Bürgerjury aus theaterinteressierten Zuschauern. Sie hat die Programmauswahl bestimmt. Die Auswahl spiegelt in ihrer Zusammensetzung die kulturelle Vielfalt der Stuttgarter Einwohner wider und macht ihre Interessen exemplarisch sichtbar. Durch die Bürgerjury schafft Made in Stuttgart ein Instrument der Teilhabe des Publikums, insbesondere auch jenes mit Migrationshintergrund.

Das Indira Quartett im Laboratorium

Fried Dähn an seinem E-Cello

Indira Quartett im LAB

Das Indira Quartett gastierte am 24. April im Laboratorium. Indira ist eine bemerkenswerte Reise durch außergewöhnliche Klangwelten geglückt: Stimme, Cello, Bassklarinette, Sopransaxophon, thailändische Gongs, Trommeln und Percussion gaben dem Quartett einen ganz besonderen Charme. Ihre Musik lehnt sich an indische und arabische Traditionen an. Das Quartett spielte Musik auf allerhöchstem Niveau, ohne dabei folkloristisch zu werden. Mit ausschließlich eigenen Kompositionen schuf Indira eine eigene Textur des großen Begriffs des World-Jazz. Indira sind:

Fauzia Maria Beg (voc, dance); Frank Kroll (b.cl, sax); Fried Dähn (e-cello); Uwe Kühner (dr, perc)

Indira Quartett im Laboratorium

Frank Kroll und Fauzia Maria Beg

Mit weicher, klarer Stimme, ganz in indischer Tradition und Technik, entlockte die aus Bombay stammenden Sängerin und Tänzerin Fauzia Maria Beg ihren Tönen Geist und Seele. Dabei setzte sie oft die an ihren Füßen befestigten Schellengürtel ein. Wie im Jazz üblich, boten die Solisten immer wieder Soli dar oder musizierten in unterschiedlichen Kombinationen. Kongenial Frank Kroll am Sopran-Saxophon und der Bass-Klarinette im musikalischen Dialog mit Fauzia Maria Beg.
Ein Grenzgänger zwischen Rock, neuer Musik und Klassik ist Fried Dähn. Er schlüpfte am E-Cello in die Rolle der indischen Tampura. Gleich einem Feuerwerk spielte er auf seinem Instrument.

Das Indira Quartett im Laboratorium

Fauzia Maria Beg im Duo mit Uwe Kühner an der Udu

Das rhythmische Fundament wurde meisterhaft von Uwe Kühner mit seinen Trommeln gelegt. Einer ganzen Batterie gestimmter Gongs entlockte er gleichwertig Melodie und Rhythmus. Bei einem Duo mit Fauzia Maria Beg setzte er rhythmische Akzente auf der Udu, einem afrikanischen Tongefäß, das er auf seine Knie gelegt hatte und virtuos bespielte.
Seit 2003 existiert Indira. Von Uwe Kühner als Trio mit Fauzia Maria Beg und Frank Kroll gegründet gewann es 2009 den Sonderpreis Prix Courage für außergewöhnliche musikalische Leistungen. Die letzten Jahre spielte Indira im Trio mit Fried Dähn, nun haben sie sich als Quartett neu formiert. Im diesem Quartett verschmelzen die beiden Trio-Besetzungen zu einem neuen Klangkörper.
Nach mehreren Zugaben entließ Indira seine Zuhörer. Man kann gespannt sein auf das nächste Festival des Forums der Kulturen Stuttgart. Vom 11.-15. November 2015 geht es mit „Made in Germany“ weiter, dann werden ausgewählte Gruppen aus der Bundesrepublik auf den Bühnen stehen.

Einen akustischen Eindruck von dem Konzert vermittelt das folgende Video, mitgeschnitten und bearbeitet von „Tonwart“: