Der Nahe Osten zu Gast im Welthaus

28.10.2017 at 19:37

Laiea Nekoufar und Odile Néri-Kaiser mit der Gruppe Hindukusch

 

Odile Néri-Kaiser und Laiea Nekoufar verstehen sich darauf, Geschichten lebendig zu erzählen. Zwei Frauen, zwei Herkunftsländer. Odile Néri-Kaiser ist in Frankreich geboren und Laiea Nekoufar im Iran, dem Land, in dem das erste Kapitel aus Nachts ist es leise in Teheran der Autorin Shida Bazyar spielt. Wie Bazyars Protagonisten – fünf Familienmitglieder – ist Laiea Nekoufar aus dem Iran zu uns gekommen und hat ihre Geschichten mitgebracht, die sie am 25. Oktober 2017 im Weltcafé vor über vierzig ZuhörerInnen erzählt.

Ein breites Bündnis

Alle drei Kooperationspartner dieses Abends: Das Welthaus, Die AnStifter, Kontext Wochenzeitung und das Schriftstellerhaus als Initiator des Lesefestivals „Stuttgart liest ein Buch“ hatten die Idee, die Geschichten des Landes nach Stuttgart zu bringen, aus der die Familie der Autorin stammt. Mit Odile Néri-Kaiser und Laiea Nekoufar brachten sie zwei Vollblutprofis der oralen Erzählkunst auf die Bühne des „Globalen Klassenzimmers“ des Welthauses. Mit wenigen Requisiten, ein paar Teppichen, einem reich verzierten Windlicht, schaffen die beiden Erzählerinnen eine warme Atmosphäre.

Beim mündlichen Erzählen pulsiert etwas Wesentliches und Flüchtiges zugleich. Es hat eine besondere Herzenskraft, verwandelt unseren Alltag und lässt immer wieder neue Geschichten entstehen. Das wurde an diesem Abend erlebbar. Die Geschichten, die Odile Néri-Kaiser und Laiea Nekoufar erzählen funktionieren, wie auch die Märchen funktionieren, die in den unterschiedlichen Kulturen erzählt werden.

Geschichten und Musik in Harmonie

Die Lieder der Gruppe Hindukusch um den Sänger und Gitarristen Qasem Heidary passen perfekt auf die Erzählungen, denn beide Gattungen sind in der oralen Tradition verankert. Die Themen seiner Lieder haben alle vor Beginn der Veranstaltung in Deutsch und Farsi ausgehändigt bekommen, so dass die ZuhörerInnen mit den in Farsi vorgetragenen Liedern über den rein akustischen Genuss etwas verbinden können. Das Lied hat in unserer Gesellschaft einen großen Stellenwert: vor einem Jahr hat ein Sänger, Bob Dylan, verdient für seine „Poesie für die Ohren“, den Literaturnobelpreis erhalten.

Aber Geschichten werden bei uns nicht mehr oder nur selten mündlich erzählt (z. B. in der Poetry-Slam-Szene). Es ist schön, an diesem Abend an dieser Tradition teilhaben zu können. Viele Geschichten sind auch in anderen Gegenden in leicht variierter Form bekannt, so z. B. die von dem Schmuggler, der sein Leben lang über die Grenze geht und auf seinem Esel eine Kiste mit unwichtigen Dingen mitführt. Am Ende wird er gefragt, was er denn nun die vielen Jahre geschmuggelt hat und er antwortet: „Esel!“

Geschichte aus 1001 Nacht

Odile Néri-Kaiser und Laiea Nekoufar

Odile Néri-Kaiser und Laiea Nekoufar

Dervishe sind im vorderen Orient Männer, die starke Geschichten erzählen, erfahren wir an diesem Abend von Laiea Nekoufar. Hinter Dervishe brauchen sich diese beiden selbstbewussten Frauen nicht verstecken. Und wenn wir der Geschichte von Scheherazade lauschen, die ihren König mit Geschichten von seinem grausigen Tun, dem Töten seiner Frauen abbringt, so begreifen wir, wie wirkmächtig Geschichten sind. Scheherazade ist die Tochter des Wesirs des persischen Königs Schahrayâr, der von seiner Frau mit einem schwarzen Sklaven betrogen wurde. Davon überzeugt, dass es keine treue Frau auf Erden gibt, fasst Schahrayâr den Entschluss, sich nie wieder von einer Frau betrügen zu lassen. Deshalb heiratet er jeden Tag eine neue Frau, die er am nächsten Morgen töten lässt. Um diesem Treiben ein Ende zu bereiten, lässt Scheherazade sich selbst von ihrem Vater dem König zur Frau geben. In der Nacht beginnt sie, dem König eine Geschichte zu erzählen, deren Handlung am nächsten Morgen abbricht. Neugierig auf das Ende der Geschichte lässt König Schahrayâr sie am Leben.

Anna Hunger von der KONTEXT Wochenzeitung eröffnete den Abend mit dem Hinweis, dass sie als Journalistin ebenfalls Geschichten erzählt unter anderem Geschichten von Menschen, die die Welt verändern. Wenn wir auf die Weisheit der Geschichten hören würden, könnte sich die Welt ein wenig zum besseren wenden.

Kontext feiert fünfjährigen Geburtstag

05.05.2016 at 13:54
Ines Pohl und Georg Löwisch zu Kontext

Ines Pohl und Georg Löwisch

 

Kontext wird dieses Jahr schon 5 Jahre alt und feierte dies mit einem großen Fest im Theaterhaus. Seit 5 Jahren mischt sich eine Gruppe engagierter Journalistinnen und Journalisten in die Meinungsbildung in Baden-Württemberg ein. Ein einmaliges, regionales Zeitungsprojekt. Woche für Woche erscheint Kontext jeden Mittwoch in elektronischer Form in ansprechendem Gewand. In der Samstagsausgabe der linken Tageszeitung taz liegt Kontext bundesweit in gedruckter Form als Sonderveröffentlichung bei. Eine breite Unterstützung der Leserschaft ist der Zeitung sicher und die Kooperation mit der taz verschafft dem Projekt zusätzlichen finanziellen Spielraum.

Ines Pohl kam extra aus den Vereinigten Staaten zum Geburtstag von Kontext

Die Macher von Kontext freut es, dass die ehemalige Chefredakteurin der taz extra aus Washington eingeflogen war, und die Moderation der Geburtstagsfeier übernahm. Heute arbeitet Ines Pohl als Korrespondentin für die Deutsche Welle und berichtet aus der amerikanischen Hauptstadt. Für die gebürtige Baden-Württembergerin war es ein Heimspiel. Maßgeblich hat sie die Zusammenarbeit der taz mit Kontext gestaltet. Oft war sie, wie sie humorvoll berichtete, zum Brezelessen in der Stuttgarter Redaktion. Sie lobte die professionelle Arbeit des Teams.

Nicht Kontext kommentierte an diesem Abend die politische Lage, es war Max Uthoff, der Dauerbrenner aus der ZDF-„Anstalt“ nahm scharfzüngig die großen Themen der deutschen Politik unter die Lupe aber er ging auch auf die Lokalpolitik ein. Immerhin schicken sich die Grünen gerade an, mit der CDU ein Regierungsbündnis zusammen zu zimmern. Nicht unumstritten und die Kommentare von Max Uthoff zu der Politik der Grünen hier im Land bissig und schonungslos.

Die Laudatio auf das Geburtstagskind vom Chefredakteur der taz

Werbehund

Nicht auf den Hund gekommen

Georg Löwisch, Chefredakteur der taz, hielt die Laudatio auf das Geburtstagskind. Er selber aus Freiburg stammend, sprach respektvoll von der Arbeit seiner Kollegen in Stuttgart. Für ihn ist das Überleben der Zeitung rekordverdächtig in einer Zeitungslandschaft, in der gerade die lokalen Blätter der Konzentration zum Opfer fallen. Aber auch, dass Kontext immer wieder über die 4. Gewalt berichtet, also den eigenen Medienjournalismus reflektiert, lobte Georg Löwisch. Dass Provinz und Leidenschaft zusammengehen können, dafür sei Kontext der Beweis.

Zwischendurch lief der Hund der Redakteurin Anna Hunger über die Bühne und machte Werbung für ein Buch, das die wichtigsten Artikel aus 5 Jahren Kontext versammelt. Es ist gerade im Klöpfer und Meyer Verlag erschienen.

Susanne Stiefel

Susanne Stiefel spricht im Namen des Redaktionsteams von Kontext

Ein hartes Stück Arbeit, wie Redakteurin Susanne Stiefel berichtete, die die Auswahl der Texte mit getroffen hat. Sie hielt die Festrede im Namen der Redaktion. Es sind nicht nur die fünf Festangestellten, die den Erfolg der Zeitung ausmachen, sondern eine große Anzahl der Zeitung verbundener Journalisten. Ohne die wäre die thematische Breite der Zeitung gar nicht zu gewährleisten.

Peter Grohmann, Anstifter der ersten Stunde und einer der ersten Kriegsdienstverweigerer im Ländle, wetterte in bekannter Manier, nahm die Unterdrückung und die Ausbeutung aufs Korn. Er hat in der Kontext wöchentlich eine Videokolumne. Seine Omi Glimbzsch aus Zittau geistert durch viele seiner Folgen und so wunderte es nicht, dass er sie in seiner Rede ebenfalls erwähnte.

Wettern in der Kontext

Wettern in der Kontext

Er, der sich über all die Jahre nicht verhärten ließ, haute der Regierung die Verfassung des Landes Baden-Württemberg um die Ohren, zitiert Marx und die Bibel. Seine Rede wurde dankenswerter Weise von den Nachdenkseiten hier dokumentiert.

Musikalisch umrahmt wurde der Veranstaltung durch das Jazz Ensemble Spoken Word Impro Orchestra um die Sängerin Lisa Tuyala. Begleitet von einem Trio aus Schlagzeug, Kontrabass und Saxophon bzw. Bassklarinette erfüllte sie mit ihren Melodien und ihrer Sprachrhythmik den Saal.

Doch erst der spontane Auftritt der Combo „Lokomotive Stuttgart“, bekannt von unzähligen Demos gegen das Stuttgart 21 Projekt, brachte die Emotionalität zum Publikum, das in großen Teilen jahrelang im Kampf gegen dieses Projekt engagiert war. Das Engagement der Bürgerinnen und Bürger in Stuttgart gegen dieses Projekt gehört zum Gründungsmythos dieser Zeitung. Gegenöffentlichkeit herzustellen in einer erstarrten Presselandschaft, mit dieser Vision startete das Team der Kontext vor fünf Jahren. Eindrucksvoll hat das Redaktionsteam der Zeitung diese Vision umgesetzt.

Lokomotive Stuttgart

Lokomotive Stuttgart

Josef-Otto Freudenreich, Anna Hunger, Susanne Stiefel (Hg.)
Kontext!
Fünf Jahre couragierter Journalismus
366 Seiten und 45 s/w Abbildungen, Hardcover
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Nachdenkzeilen – Er versteht nur Bahnhof

04.03.2016 at 11:22
Egon Hopfenzitz auf den Nachdenkzeilen

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Einer, auf den das im wahrsten Sinne des Wortes zutrifft, ist der ehemalige Bahnhofsvorsteher Egon Hopfenzitz. Wie die Stuttgart-21-Gegner der Online-Zeitung „Kontext“ in ihrer 257. Ausgabe lesen konnten, spricht sich Egon Hopfenzitz diesmal für die Wahl der AfD aus. Jahrelang hatte er seine von hohem Sachverstand gespeiste Kritik am Bauprojekt der Deutschen Bahn auf den Montagsdemos vorgetragen: Egon Hopfenzitz saß beim Faktencheck unter Leitung von Heiner Geißler auf der Seite der Gegner (zusammen mit Palmer und Kretschmann), legte dar, wie viele Züge „sein“ Bahnhof in Spitzenzeiten abfertigen kann. 2012 empfahl der bekennende CDU-Wähler Hopfenzitz die Wahl der Grünen. Von denen ist er allerdings heute enttäuscht: obwohl an die Macht gekommen, haben sie die Zerstörung seines Bahnhofs nicht verhindert.

Nun treibt ihn die Angst vor den Flüchtlingen um. Und wieder fühlt er sich in der Oppositionsrolle, diesmal zur Kanzlerin, der er vorwirft, den Zustrom der Flüchtlinge nicht zu stoppen und er meint, das würde gefährlich. Die AfD ist in seinen Augen die einzige Kraft, die konsequent dagegen hält. Dass er damit Politiker einer rechtspopulistischen Partei unterstützt, die sich zunehmend rassistisch äußert, ja selbst den Schusswaffengebrauch an der Grenze gegen Flüchtlinge propagieren, ficht ihn nicht an. Wichtig sei, der Kanzlerin einen „Schuss vor den Bug“ zu geben.

M. fragt sich, was hat diese kraftvolle Bürgerbewegung eigentlich verstanden, der Egon Hopfenzitz angehört? Sind die eminent politischen und kritischen Redebeiträge eines Volker Lösch und vielen anderen bei Egon Hopfenzitz nicht angekommen, die immer betont haben, es gehe nicht nur um einen Bahnhof?

Nachtrag: Mittlerweile tobt in der Kontext-Leserbriefrubrik ein erbitterter Streit, ob Egon Hopfenzitz sich so geäußert habe, wie es im Artikel beschrieben steht. Dazu nimmt die Redaktion wie folgt Stellung:

„Kontext hat keinen Grund, von der Darstellung des Gesprächs mit Egon Hopfenzitz abzuweichen. Autor Oliver Stenzel hat es so geführt, wie es korrekten journalistischen Regeln entspricht. Gegenüber Kontext lässt der S-21-Gegner und frühere Bahnhofsvorsteher inzwischen erklären, dass er sich „missverständlich“ ausgedrückt habe. Er wolle „alles andere“ wählen als die AfD.“

Der Autor schwört Stein und Bein, dass diese Einschätzung zur AfD so im Gespräch gefallen sei. Wenn der alte Bahnhofsvorsteher sich nach dieser Auseinandersetzung von der AfD abgewendet hat oder er doch falsch verstanden worden ist, ist es doch nur gut.

Links blinken – rechts abbiegen

25.10.2015 at 12:23
Verkehrszeichen des Hansjörg Schrade

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Der Gemüsegroßhändler Hansjörg Schrade war bis September 2012 Mitglied in der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Er ist am Großmarkt Stuttgart mit seinen Produkten vertreten, Bioläden kaufen in seinem ecofit Biofruchtimport GmbH ein: Plattsalat aber auch der Weltladen im Welthaus Stuttgart, unter einem Dach mit dem Willkommenszentrum, ist Kunde bei ihm. Wie passt das mit seinen rechtspopulistischen Artikel gegen Flüchtlinge zusammen?

Hansjörg Schrade: ehemaliger Grüner, heute bei der AfD

Nachdem er bei den Grünen ausgetreten war, schloss er sich der AfD an. Zu dieser Zeit zog er die Leser seines Blogs auf seine neue, populistische Meinungsplattform unter dem Namen: „Die Wähler sind frei – Freiheit, Recht, Direkte Demokratie, wirtschaftliche Vernunft“.

Dort positionierte er sich anfänglich gegen die Eurorettung, ganz im Sinne der AfD. Seit dem Erscheinen der Streitschrift Deutschland von Sinnen von Akif Pirinçci, hat er für sich die Themen Migration und Flüchtlinge entdeckt. Er verlinkt auf Seiten, die sich rechtspopulistisch gebärden, hat keine Scheu selbst Links auf die „Junge Freiheit“ zu setzten. Als Unterstützer der Positionen von Akif Pirinçci veröffentliche Hansjörg Schrade einen Redeauszug der umstrittenen KZ-Rede auf der Pegida-Demonstration in Dresden, die Pirinçci mittlerweile ein Strafverfahren eingebracht hat.

Hansjörg Schrade ist Mitglied der Freikirche und dem Pastor Jakob Tscharntke von der Freikirche Riedlingen zugewandt. Er verlinkt dessen Predigten auf seinem Weblog. Pastor Tscharntke wettert in seinen Predigten in theologisch-fundamentalistischem Ton über die Invasion des Islams in unser christliches Abendland. Ein aufschlussreiches Portrait dieses „Maschinengewehr Gottes“ veröffentlichte Kontext Mitte des Monats unter dem Titel: Ein Pastor als Hetzer.

Mit wem Geschäfte machen?

Die AnStifter werden dieses Jahr ihren Friedenspreis der Bürgermeisterin von Lampedusa, Giusi Nicolini verleihen. Sie fragen sich, ob das Welthaus, eine Einrichtung, die sich der Verständigung mit Fremden und des Dialogs mit Flüchtlingen verschrieben hat, Geschäftsbeziehungen zu einem Unternehmen aufrecht erhalten soll, dessen Geschäftsführer so eklatant gegen ihren eigenen Standpunkt polemisiert.

Kein Ausweg nirgends und das Paradies weit entfernt

02.05.2015 at 22:15
Wolfgang Bauer Lesung

Wolfgang Bauer: Lesung im Weltcafé Stuttgart auf Einladung von Kontext (Susanne Stiefel) und den Anstiftern

 

Für die Lesung von Zeit-Reporter Wolfgang Bauer hätten Kontext:Wochenzeitung und Die Anstifter keinen besseren Ort als das Weltcafé Stuttgart wählen können. Es liegt Tür an Tür mit dem Willkommenszentrum am Charlottenplatz, in dem Migranten eine erste Anlaufstelle finden. Hier wird ihren geholfen, sich bei uns zurecht zu finden.

Wolfgang Bauer im Gespräch mit Michael Seehoff

Wolfgang Bauer im Gespräch mit Michael Seehoff

Das Weltcafé ist bis auf den letzten Platz besetz, als Wolfgang Bauer beginnt, aus seinem Buch „Über das Meer“ zu lesen. Sofort zieht er die Zuhörer hinein in seinen Fluchtversuch, den er als Undercover-Reporter zusammen mit seinem Fotografen Stanislav Krupař erlebte:

„’Lauft!‘, brüllt es hinter mir, die helle Stimme eins jungen Mannes, ein halbes Kind noch, ‚lauft!‘, und ich beginne zu laufen, ohne viel zu begreifen, ohne in der Dämmerung viel zu sehen, ich renne den schmalen Pfad hinunter, in einer langen Reihe mit den anderen. ‚Ihr Hurensöhne!‘, schreit einer der Jungen, die uns eben aus den Minibussen gejagt haben und jetzt neben uns herrennen, uns vorwärts prügeln wie Viehtreiber auf ihre Herde. Er schlägt mit einem Stock auf uns ein, auf unsere Rücken, die Beine. Er packt mich am Arm, reißt mich fluchend voran. Wir sind neunundfünfzig Männer, Frauen und Kinder, ganze Familien, die Rucksäcke geschultert, die Koffer in den Händen, und rennen an einer langen Fabrikmauer entlang, irgendwo am Rande eines Industriegebiets im ägyptischen Alexandria.“

So authentisch und ergreifend der Text ist, Wolfgang Bauer verlässt ihn immer wieder, um frei über seine Erlebnisse zu reden und die Umstände seiner Mission zu erläutern. Seit Jahren berichtet er aus den Krisenstaaten des Nahen Ostens: Syrien, Irak, Lybien. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, über das Schicksal der Menschen zu berichten, deren Heimat zum Krisengebiet geworden ist. Über ihren täglichen Überlebenskampf, in Syrien immer häufiger unter der Bedrohung von Fassbomben, mit denen die syrischen Armee die Bevölkerung terrorisiert. Ein Kampf, der, wenn es für die Familien zu bedrohlich wird, auch im Ausweg Flucht münden kann. Es waren syrische Freunde von ihm, die in Ägypten gestrandet sind, sich hier eine neue Existenz aufgebaut hatten und sich dann, unter den veränderten politischen Verhältnissen, zum zweiten Mal zur Flucht entschlossen. Ihnen hatte er sich anvertraut, um zusammen mit seinem Kollegen – ausgestattet mit einer neuen Identität – mit ihnen den Weg über das Mittelmeer nach Europa anzutreten.

Über ein Meer, das von Frontex bewacht wird. Auf Schiffen, die oft extra für das Geschäft mit den Flüchtlingen in Werften gebaut werden. Häufig können sich die Boote kaum über Wasser halten, sind heillos überlastet. Lebensmittel und Wasser können knapp werden. Die Flüchtlinge begeben sich in die Hände von skrupellosen Geschäftemachern, die in der menschlichen Not ein lukratives Geschäft sehen. Wolfgang Bauer erzählt, dass die Schmuggelindustrie heute die Größenordnung der Tourismusindustrie erreicht hat und ganz ähnlich organisiert ist. Es gibt Verkaufstellen und Ticketagenten, die für Beträge um 3.000 $ die Fahrt nach Europa verkaufen. Über das Mittelmeer, in dem allein im vergangenen Jahr 3.000 Flüchtlinge ertrunken sind.

Wolfgang Bauer und Stanislav Krupař haben für ihre Reportage ihr Leben riskiert. Sie mussten tagelang in Verstecken warten, immer vertröstet von den Schmugglern, morgen ginge es los. Die ganze Gruppe wurde in ihrem Minibus von Banditen entführt und gegen Zahlung von 3.500 $ Lösegeld wieder ihren ursprünglichen „Geschäftspartnern“ übergeben. Geglückt ist ihnen die Überfahrt nach Europa nicht. Von der ägyptischen Küstenwache aufgebracht, wurden sie ins Gefängnis geworfen und nach einigen Tagen in die Türkei abgeschoben.

Den Wert eines deutschen Passes habe er dabei erfahren, erzählt Wolfgang Bauer. Alle Türen seien ihm aufgegangen, im Flugzeug sei er wie ein zahlungskräftiger Tourist behandelt worden. Sein syrischer Freund Amar hatte das Glück nicht: In die Türkei abgeschoben, erwirbt er sich in Istanbul einen französischen Pass für 8.000 $ und begibt sich erneut in die Hände von Schleusern. Über Griechenland will er es versuchen. Auch das schlägt fehl. Schließlich fliegt er von Istanbul nach Tansania, weiter mit dem Bus nach Sambia von wo aus er nach Frankfurt startet. Er hat es geschafft! Heute lebt Amar in Kelterbach bei Frankfurt. Seiner Familie ist die Flucht vor vier Wochen auch geglückt, das steht noch nicht im Buch.

Wolfgang Bauer will aufrütteln mit seinem Bericht. Er will, dass wir begreifen, was Menschen alles auf sich nehmen, um in Sicherheit zu gelangen. Und er weiß, dass eine glückliche Ankunft in Europa nicht das Ende der Flucht und der Schrecken bedeutet. Er selber bezichtigt sich des Straftatbestandes der Schlepperei, hat drei syrische Freunde im Auto von Mailand über die italienische Grenze nach Österreich gebracht, wo sie verhaftet wurden. Die drei Syrer mussten erfahren, dass auch die Europäer am Menschenschmuggel verdienen. Nach einer ausufernden Odyssee erreichten sie schließlich Schweden.

Wolfgang Bauer stellt sich der Diskussion

Wolfgang Bauer stellt sich der Diskussion

Das Paradies war es nicht und die Enttäuschung vieler Flüchtlinge sei gigantisch, sagt Wolfgang Bauer in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum. Viele hätten kaum Vorstellungen vom Leben in den Flüchtlingsheimen und den monatelangen Aufnahmeprozeduren. Viele haben aufgrund ihrer Erfahrungen große Angst vor der Obrigkeit und fühlen sich alleingelassen. Es dauert lange, bis sie wieder mit erhobenem Haupt herumlaufen können. Das ist eine der vielen traurigen Tatsachen, von denen Wolfgang Bauer spricht. Er spricht sich für die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen aus, ähnlich wie es die Bundesrepublik mit den Kriegsflüchtlingen aus Bosnien Mitte der Neunziger gemacht hat. Dabei verkennt er nicht die Gefahren des Rechtspopulismus, der ungeachtet geringer Flüchtlingszahlen Ängste schürt.

Ungeachtet der politischen Dimension und der Forderung nach politischem Handeln sei ehrenamtliches Engagement notwendig, fordert eine Zuhörerin, die sich selber in der Betreuung von Flüchtlingen engagiert hat. Die kleinsten Kleinigkeiten würden das Leben der hier gestrandeten Flüchtlinge menschlicher machen. Dazu bräuchte es keine spezielle Ausbildung, nur Empathie, wie sie uns Wolfgang Bauer an diesem Abend im Weltcafé vor Augen geführt hat.

Sein Buch:
Über das Meer – Mit Syrern auf der Flucht nach Europa
ist als Taschenbuch in der edition suhrkamp erschienen.
133 Seiten, 14 Euro,
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauen

Wolfgang Bauer hat einen Teil seiner Reportagen auf seiner Homepage veröffentlicht.