„Das Schloss“ im Staatstheater Stuttgart

25.11.2016 at 13:54
Bühnenbild "Das Schloss" von David Hohmann (Foto: © David Hohmann)

Bühnenbild „Das Schloss“ von David Hohmann (Foto: © David Hohmann)

 

K., der nie die Regeln der fremden Welt verstehen und nie das begehrte Schloss erreichen wird, wurde zu Hauptfigur von Kafas Werk „Das Schloss“. Die Geschichte von K. beendet Kafka nicht mehr, vielmehr bricht sie mitten im Satz ab und bleibt ein Fragment mit offenem Ausgang. Was geschieht, wenn auf Basis eines Literaturklassikers kreative Köpfe sich des Stoffes annehmen? Es begann 2013 im Literaturhaus Stuttgart mit einer Comic-Ausstellung. (Siehe Bericht dazu hier im Elsternest). Eine siebenköpfige Band formierte sich um den Musiker und Comiczeichner Jaromír 99 und gab sich den Namen „Kafka Band“.

In einer sprachen- und grenzüberschreitenden musikalischen Inszenierung brachten Mitglieder des Bremer Theaterensembles zusammen mit der Prager Kafka Band und Jaroslav Rudiš, dem tschechischen Schriftsteller, Kafkas Welt auf die Bühne. Nach vielen gefeierten Aufführungen kam das Stück auf Einladung des Literaturhauses am 19. November 2016 zurück nach Stuttgart. Die Aufführung war Teil des Festes zum 15. Geburtstag des Literaturhauses Stuttgart.

Ein perfektes Bühnenbild

Eine riesige Kurparkkonzertmuschel wölbte sich über die Bühne. Die Songtexte liefert der Roman, Kafkas deutsche Sprache mischt sich mit tschechischen Refrains. Die Musik: düster und rau, zugleich zart und zerbrechlich. Sie legt die existenziellen Gefühle in Franz Kafkas Romanfragment offen.

Landvermesser K. wird als Fremder von der hermetischen Schlossgemeinschaft engagiert, die behauptet, seine Arbeit würden nicht benötigt. K. wird abgelehnt, bleibt ein Überzähliger. Das ist die Grundsituation. „Der Winter ist bei uns lang und auch im Sommer fällt manchmal Schnee“, heißt es zur düsteren Atmosphäre der Ausweglosigkeit. Die wird mit Kafkas Worten und mit rhythmisch fein ziseliertem, an- und abschwellendem Melancholie-Poprock intoniert, dabei angenehm melodieselig zum Schweben gebracht.

Das Schloss: Der Autor Jaroslav Rudiš 2013 im Schriftstellerhaus

Der Autor Jaroslav Rudiš 2013 im Schriftstellerhaus

Jaroslav Rudiš führte dazu in einem Interview aus:
„Eigentlich weiß man nicht, warum K. ins Dorf geflüchtet ist. Nur, dass er nicht ankommt und fremd bleibt. Es gibt eine Stelle, die es ganz gut beschreibt. Sinngemäß heißt es da: Du bist nicht aus dem Schloss, du bist nicht aus dem Dorf, du bist nur eins – ein Fremder. Vielleicht ist das deshalb auch so, weil er deutsch spricht und es zwischen ihm und den tschechisch-sprachigen Dorfbewohnern zu Missverständnissen kommt.“

Labyrinthische Architektur der Erzählung

Die Regie verweigert naheliegende Interpretationen, beispielsweise die labyrinthische Architektur der Erzählung als Signatur einer pessimistisch reflektierten Bürokratie-Moderne. Das Bühnenbild von David Hohmann setzt die Ausweglosigkeit mit seiner „Muschel“ perfekt in Szene, die sich über das Geschehen wölbt. Mit ständigen Rollenwechseln des Ensembles wird die Handlung in modellhafte Szenen zerlegt, das Thema Fremdsein variiert in Fragen nach Identität, Erfahrungen der Vereinnahmung und der Ausgrenzung, des Ankommens und Ausgeliefertseins. Das Hamsterrad der Aussichtslosigkeit wird mit Laufbändern dargestellt, auf denen das Schauspielerquartett immer wieder läuft, ohne je voranzukommen: „Wir laufen durch die Nacht und nichts kann uns aufhalten.“

Eine die Sinne ansprechende Aufführung formt alles zu einer existenziellen Grundsituation

Per Videoprojektion verschwimmen die Buchstaben der Kafka-Sätze und purzeln durcheinander. K. versucht vergeblich, das Chaos zu ordnen, Orientierung herzustellen in diesem mysteriösen Dasein. Die projizierten Bilder stammen von Jaromír 99, der seinem holzschnittartigen Comiczeichenstil auch hier treu bleibt, den wir aus der Graphic Novel „Alois Nebel“ kennen.

Regie: Alexander Riemenschneider
Bühnenbearbeitung: Jaroslav Rudiš, Alexander Riemenschneider
Es spielen: Guido Gallmann, Robin Sondermann, Franziska Schubert, Alexander Swoboda
Kafka Band: A.m. Almela, Jiří Hradil, Zdeněk Jurčík, Dušan Neuwerth, Tomáš Neuwerth, Jaroslav Rudiš, Jaromír 99
Künstlerische Gestaltung: Jaromír 99
Dramaturgie: Viktorie Knotková

70 Jahre! Ende des Zweiten Weltkriegs – Befreiung vom Faschismus

07.05.2015 at 23:32
Jaroslav Rudis will Miloš Zeman verschenken

Jaroslav Rudiš, einer der Initiatoren der Aktion „Präsident zu verschenken“, will an Putin den tschechischen Präsidenten Miloš Zeman übergeben

Ein Geschenk der besonderen Art will eine Gruppe tschechischer Künstler dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zum Jahrestag der Befreiung vom Faschismus am 8. Mai machen: sie wollen ihren Staatspräsident Miloš Zeman an Putin verschenken. In einem Brief an Moskaus obersten Herrscher schreiben der Schriftsteller Jaroslav Rudiš und der Lyriker und Fotokünstler Igor Malijevský: „Wir haben nichts Wertvolleres als unseren Präsidenten. Trotzdem glauben wir, dass Sie dieses außergewöhnliche Geschenk aus der Hand des tschechischen Volkes behalten sollten.“ Die tschechische Künstler reagieren auf die Entgleisungen ihres Präsidenten mit ihrer schärfsten Waffe: Dem Humor. Ginge Putin darauf ein, hätten sie sich so anarchistisch-elegant ein Problem vom Hals geschafft.

Miloš Zeman: außenpolitischer Quertreiber

Miloš Zeman bewegt sich auf dem diplomatischen Parkett wie ein Elefant in der böhmischen Glasfabrik. Die vulgären Stammtischparolen und Alkoholexzesse ihres Präsidenten sind den meisten Tschechen schlichtweg peinlich. Sie haben genug von seinen außenpolitischen Querschüssen wie z. B. seine umstrittenen Auffassungen in der Ukraine-Krise.

Staatspräsident Zeman stand in Tschechien zuletzt massiv in der Kritik, weil er an der russischen Militärparade zum Kriegsende teilnehmen wollte. Erst unter dem Druck der Öffentlichkeit sagte er seine Teilnahme ab, zur Gedenkfeier reist er dennoch an. In Moskau wird er wenig europäische Staatsoberhäupter treffen.

Mit ihrem böhmischen Geschenk stellen sich Jaroslav Rudiš Rudiš und Igor Malijevský in eine ehrenvolle Tradition. Auch die antisowjetischen Dissidenten des Prager Frühlings waren nicht nur mutige Bürgerrechtler, sondern ebenso berühmt für ihre anarchisch-benebelten Partyfilme. Unvergessen ist auch die Politclownerie des genialen Schwadroneurs Jaroslav Hašek, dessen Romanfigur Schwejk mit ungezügeltem Humor den Widrigkeiten des Kriegsalltages trotzt.

Nicolas Mahler erhält den Preis der Literaturhäuser 2015

06.05.2015 at 19:30
Nicolas Mahler und Jaroslav Rudiš

Nicolas Mahler erhält den Preis der Literaturhäuser: Jaroslav Rudiš (Laudator) und der Preisträger

 

Wie präsentiert sich ein Comic-Zeichner seinem Publikum bei einer „Lesung“? Diese Frage stellten sich wohl die Gäste am 5. Mai im Literaturhaus Stuttgart anlässlich der Vergabe des Preises der Literaturhäuser In diesem Jahr geht er an den österreichischen Zeichner Nicolas Mahler. Die elf Literaturhäuser aus Österreich, der Schweiz und Deutschland ehren damit einen Autor, der sich in innovativer Form mit Literatur auseinander setzt und in sehr eigenständigen und kunstvollen Formen der Vermittlung das Publikum für die Literatur zu gewinnen weiß.

Fragen an den Künstler

Fragen an den Künstler

Nicolas Mahler zeigt seine Comics als Bildpräsentation mittels PC und Leinwand. Humorvoll arbeitet er einen Fragenkatalog ab. Die Antworten gibt er mit Einblicken in sein umfangreiches Werk.

Laudatio für Nicolas Mahler von Jaroslav Rudiš

Doch bevor er sein Werk präsentierte, hielt Jaroslav Rudiš, Schriftsteller, Dramatiker und Drehbuchautor, die Laudatio auf den Preisträger. Die beiden hatten sich vor zwei Jahren auf dem Erlanger Comic-Salon kennen gelernt, als Jaroslav Rudiš mit seiner Graphic Novel „Alois Nebel“ durch die Lande zog.

Rudiš ist ein Geschichtenerzähler, der ebenso wie Mahler viele seiner Geschichten den Menschen in der Sauna, der Straße und bevorzugt in Kneipen und Wirtshäusern ablauscht. Womit schon gleich die Frage: „Woher nehmen Sie Ihre Ideen, Herr Mahler?“, beantwortet wäre. Und weil uns Jaroslav Rudiš immer wieder mit seinen Geschichten zu fesseln vermag, in denen der Böhmische Witz durchschimmert, hielt er seine Laudatio in Form einer Kurzgeschichte. Die hatte er eigens für diesen Abend geschrieben. Er zeichne „brutal schön“, charkterisierte Jaroslav Rudiš Nicolas Mahler. Bevor er Nicolaus Mahler das Podium überlies, überreichte er ihm einen Gruß aus der Heimat. Wie könnte es anders sein – eine Dose tschechisches Pilsener Urquell.

Ein umfangreiches Œvre

In seinem 25jährigen Schaffen hat Nicolas Mahler mehr als 50 Publikationen herausgebracht. Seine Zeichnungen erscheinen u.a. in der ZEIT, der Neuen Zürcher Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und in der Satirezeitschrift Titanic.

Da verwundert schon ein wenig die erste Frage aus seinem Fragenkatalog: „Zeichnen Sie absichtlich so schlecht?“ Er erzählte von seinen Anfängen, die einen ganz anderen Charakter hatten als seine heutigen Bildgeschichten, viel opulenter ausgemalt. Er sagt von sich: „Ich konnte nicht zeichnen, bis ich wegließ, was ich nicht zeichnen konnte.“ Mit 20 Jahren hatte er mit dem Zeichnen begonnen, mit 23 Jahren schaffte er es endlich auf die Kunsthochschule. Schnell wurde ihm klar, Comic und Kunstbetrieb, das funktioniert nicht so richtig. Weswegen er seinen ersten Comics auch als „Kleinstunternehmer“ in von ihm aufgehängten Automaten verkaufte. Seine ersten Skizzenbücher wollte er nicht nutzen, da sie ihm leer schöner erschienen als mit seinen Skizzen und Storyboards gefüllt. Auf der Leinwand gab er dennoch Einblick in seine Skizzenbücher. Sie offenbaren eine anarchistische Arbeitsweise, in denen die Recherchearbeiten und Vorarbeiten zu Bildgeschichten festgehalten sind. Anhand einiger Zeichnungen erzählte er von seinen Bemühungen bei seiner Sachbearbeiterin vom Finanzamt, Frau Goldhuber, seinen Status als Künstler durchzusetzen, um mindestens bei der Mehrwertsteuer von seiner Profession einen finanziellen Vorteil zu erlangen.

Von Hamstern und Kleinverlagen

Nicolas Mahler erkläert seine Adaption von Musils Roman

Nicolas Mahler erklärt seine Adaption von Musils Roman

Auf die Frage, warum seine Bücher in so vielen Ländern erschienen – er verlegt in ganz Europa, in den USA und Kanada – erklärte er, Kleinverlage, und in solchen erschienen seine Werke zum allergrößten Teil, seien wie Hamster: Sie sterben schnell, daher sollte man sich immer einige halten. Mittlerweile hat er es aber in die ganz großen Verlage geschafft: Seine Literaturadaptionen „Alte Meister“ nach Thomas Bernhard, „Alice in Sussex“ nach Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ und „Der Mann ohne Eigenschaften“ nach Robert Musil sind allesamt bei Suhrkamp erschienen. Einen Gedichtband mit visueller Poesie ohne Worte veröffentlichte er im Insel-Verlag.

Damit wäre auch die letzte Frage („Kann man davon leben?“) seiner Sammlung „Fragen der Leser“ beantwortet und die Frage, warum ein Zeichner den Preis der Literaturhäuser bekommt auch.

Nicolas Mahlers Bilderwitzen aus Zeitschriften

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Ahoj dobrý večer Stuttgart!

10.04.2014 at 16:29
Jaroslav Rudiš, Dr. Zuzana Jürgens

Jaroslav Rudiš, Dr. Zuzana Jürgens

Er ist wieder da, mit seinem neuen Roman Vom Ende des Punks in Helsinki: Jaroslav Rudiš. Am 8. April las er auf Einladung des Schriftstellerhauses und der Stadtbibliothek im Café LesBar. In ihrer Begrüßungsansprache unterstrich Meike Jung von der Stadtbibliothek, dass, laut Wikipedia, Jaroslav Rudiš 2007 gemeinsam mit Vertretern aus Politik und Gesellschaft in die Reihe der dreißig wichtigsten Persönlichkeiten Tschechiens gewählt wurde. Bescheiden wie er ist, entgegnete Jaroslav, die Tschechien sei ein kleines Land. Da schimmerte sein Humor zum ersten Mal auf, an dem er an diesem Abend seine Zuhörerschaft in den Bann schlug.

Ahoj dobrý večer – Hallo, guten Abend, so begrüßte er sein Publikum und man spürte, er fühlte sich wohl hier auf der Bühne, in dieser Stadt, in der er Ende letzten Jahres für drei Monate als Stipendiat im Schriftstellerhaus weilte. Meike Jung hatte aus ihrem Plattenschrank eine Platte der Toten Hosen mitgebracht, die Jaroslav hocherfreut auf der Bühne drappierte, spielt doch diese Platte eine wichtige Rolle in seinem jüngsten Roman. Punk ist nicht nur in seinem Roman ein wichtiges Thema. Jaroslav spielt mit seinem Freund Jaromir99 in einer Band mit Punk-Wurzeln. Mit der Vertonung der Kafka-Erzählung „Das Schloss“ trat er schon im Literaturhaus auf, ich berichtete drüber.

Romane, Musikprojekte, Filmdrehbücher, Theaterstücke. Es scheint als wechsle dieser Künstler seine  Schwerpunkte wie das Schlabber-T-Shirt mit seinem Anzug. Dabei sind die Romanprojekte eindeutig sein Schwerpunkt. Fünf Romane hat er seit 2002 vorgelegt und sich nicht nur in die Herzen der Tschechen geschrieben sondern eine Leserschaft in ganz Europa begeistert. Warum ausgerechnet sein Helsinki-Roman in Finnland ein Flop war, kann weder er sich erklären noch die schöne finnische Lektorin, die ihm gesagt hatte, nach der Lektüre nur einer Seite: „Das machen wir auf Finnisch“. Sie sei leider nicht mehr im Verlagswesen, fügte er traurig an.

Ganz und gar kein Flop seien die vielen Auszeichnungen, die Jaroslav erhalten hat, wie die Moderatorin Dr. Zuzana Jürgens ausführte. Als letzte Auszeichnung erhält Jaroslav am kommenden Sonntag den Usedomer Literaturpreis, der neben dem Preisgeld von 5.000 € mit einem einmonatigen Arbeitsaufenthalt auf der Insel Usedom dotiert ist, bei freier Kost und Logis.

Zur Lesung aus seinem Roman stand er auf, klemmte sich wie ein Sänger hinter das Mikrofon und las Passagen in klarer, direkter Sprache aus seinem Roman. Der ausladende Roman ist nicht nur inhaltlich auf unterschiedlichen Ebenen angelegt, auch optisch sind diese Ebenen voneinander unterscheidbar durch Schriftbild und Papierfarbe getrennt. Auf grauem Papier breitet die Punkerin Nancy ihre Jugend aus, als sie, von der sozialistischen Gesellschaft verachtet, um ihren Stolz als Punkerin kämpft.

Jaroslav Rudiš mit seinem neuen RomanDer unschmelzbare Kern des Romans ist ein grotesk anmutendes Konzert, das am 15. September 1987 in Pilsen für den Erhalt des damals so fragilen Weltfriedens veranstaltet wurde. Disco in Moskau ist der Tote-Hosen-Song auf dem Konzert, der zur Hymne wird. Neben den Toten Hosen als Götter der tschechischen Punks traten tschechische Showstars mit umgehängten Keyboards auf, wurden gnadenlos ausgebuht. Hier treffen auch Ohle, heute Betreiber der Kneipe Helsinki, und Nancy aufeinander. Boy meets Girl im Punkgewand, zwei Jahre vor dem für so unvorstellbar gehaltenen großen Sprung über die Zeitmauer: Zwischen Ole aus Leipzig und Nancy aus dem tschechischen Altvatergebirge entwickelt sich eine Amour fou, die, so schnell sie zu lodern begonnen hat, an der eisenharten Realität scheitert. Ein Vierteljahrhundert später beobachten wir, wie der Kneipenwirt die Gespenster seiner Vergangenheit klein hält, wie er seinen tristen Alltag bewältigt und wie er den untergründigen Bedrohungen seines selbst gewählten Einsamkeits-Daseins zu entrinnen versucht.

Durch diese von Schuld und Liebe geprägte Geschichte führte uns Jaroslav Rudiš  mit seiner Lesung. Auch wir gingen mit ihm, wie sein Protagonist Ole, im Anschluss in die Kneipe, um die Schwärze der Nacht mit ein paar Bieren zu vertreiben.

Vom Ende des Punks in Helsinki
Aus dem Tschechischen von Eva Profousová
Deutsche Erstausgabe. Erschienen im Luchterhand Literaturverlag
Paperback, Klappenbroschur, 352 Seiten. Preis: 14,99 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens.

Als Stipendiat im Schriftstellerhaus

02.12.2013 at 22:34
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Jaroslav Rudiš an seinem Stipendiatenschreibtisch

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Eine schmale Küchenzeile gibt es auch

Das Stuttgarter Schriftstellerhaus feierte dieses Jahr sein 30jähriges Bestehen. Grund genug, ein wenig tiefer in das Haus einzutreten, das nicht nur den hiesigen Schriftstellern eine Heimat ist, sondern auch seine Räume Stipendiaten zur Verfügung stellt. In der Regel kommen diese für drei Monate, können im Haus wohnen und an ihren Texten arbeiten.
Wie ist das möglich, in einem Haus, das als das schmalste Haus in Stuttgart bezeichnet wird? Ganz einfach: in dem man gastfreundlich ist.
In der dritten Etage des Hauses gelangt man über eine schmale Wendeltreppe in eine kleine Wohnung bestehend aus geräumigem Wohn- und Arbeitszimmer. Dieser Raum erstreckt sich über die gesamte „Breite“ des Hauses mit Blick auf den Charlottenplatz. Ihm gegenüber liegt das Schlafzimmer, getrennt durch einen winzigen Flur, in dem eine bescheidene Küchenzeile mit Kühlschrank, Mikrowelle und der obligatorischen Kaffeemaschine untergebracht ist. Von diesem Flur geht ebenfalls das Bad ab. Ich habe mich mit dem tschechischen Autor Jaroslav Rudiš im Schriftstellerhaus getroffen, um mit ihm über sein Stipendium und seinen Aufenthalt im Schriftstellerhaus zu sprechen. Als eingefleischter Biertrinker lädt er mich auf ein Bier ein: (weiterlesen)

Wie bist du auf das Schriftstellerhaus und die Möglichkeit aufmerksam geworden, hier ein Stipendium zu beantragen?
Ich war vor ca. eineinhalb Jahren zu Besuch in Stuttgart. Jaromir 99, der Zeichner der Graphic Novel „Alois Nebel“ und ich als Texter waren eingeladen, die Ausstellung im Literaturhaus zu eröffnen. Von Erwin Krottenthaler, verantwortlich für Finanzen und Projekte im Literaturhaus, erzählte mir von der Möglichkeit, über das Schriftstellerhaus ein Stipendium zu beantragen.

Mit welchem Text und wann hast du dich beworben?
Beworben habe ich mich mit ein paar kürzeren Texten, kann gar nicht mehr sagen, welche das im Einzelnen waren. Das war vor eineinhalb Jahren.

Und an wen hast du das geschrieben?
Direkt an das Schriftstellerhaus, an Astrid Braun. Ich wusste noch nicht so richtig, an was ich arbeiten werde.

Wann bist du in Stuttgart angekommen?
Vor drei Monaten, Anfang September

Wie bist du hier aufgenommen worden und von wem? Was hat dich anfänglich besonders interessiert?
Ich bin mit dem Zug aus Prag über Wien angereist. Ich liebe das Zugfahren, genau wie mein Held Alois Nebel. Dem Busfahren kann ich nichts abgewinnen. Es ist bedauerlich, dass die Zugverbindungen von hier nach Prag so schlecht sind.
(Anmerkung: Gerade hat die Bahn eine Verbindung von Stuttgart nach Prag eingerichtet. Bis Nürnberg fährt der Zug, dann geht es mit dem Bus weiter. Keine gute Entscheidung für unseren Bahnliebhaber.)
Empfangen hat mich Astrid Braun (die Geschäftsführerin des Hauses). Sie hat ja auch ihr Büro hier im Haus.
Anfangs war ich viel im Kino, meine große Leidenschaft neben dem Schreiben und der Musik.

Hattest du Pläne, Projekte, an denen du schreiben wolltest?
Ich wusste nicht so richtig, an was ich arbeiten werde. Dann hat sich ergeben, dass ich mit Jaromir99 an einer neuen Graphic Novel über einen tschechischen Polarforscher arbeiten wollte. Ich habe während der drei Monate das Szenario entwickelt. Jaromir99 hat immer wieder Skizzen beigesteuert, während ich die Dialoge schrieb. In der Geschichte geht es um eine historisch verbürgte Gestalt, den Polarforscher Jan Welzl, mit Spitznamen „Eskimo“ oder auch „Arctic Bismarck“ genannt.
Es gab noch ein paar andere Projekte/Texte, an denen ich gearbeitet habe:
An einem Exposé zu einer Kriegsgeschichte. Zusammen mit dem Drehbuchautor Martin Behnke aus Berlin. Er kam hierher und wir haben eine Woche zusammen den Stoff bearbeitet. Ich kannte ihn, wir haben zusammen das Drehbuch für „Semtex Blues“ geschrieben.
Ich schrieb eine literarische Reportage als Nachwort zur Neuausgabe von „Der brave Soldat Schwejk“, die Anfang Februar bei Reclam erscheinen wird. Die Pressefrau des Verlages hat mit mir ein Interview geführt, das passte gut, wo ich gerade hier war.

Was hat dir besonders gut gefallen an deinem Aufenthalt hier im Schriftstellerhaus?
Das Haus an sich. Diese zentrale Lage ist etwas Besonderes. Man kann alles zu Fuß erreichen ich musste mich zwingen, mit der Bahn zu fahren. Eine gute Bäckerei gibt es gleich um die Ecke genauso wie Rogers Kiste, diese tolle Musikkneipe.
(Anmerkung: schon viele Stipendiaten haben von den Gerüchen geschrieben, die sie in diesem Haus erlebt haben im speziellen denen aus der Bäckerei).
Es ist ein bisschen laut hier, das gehört einfach dazu, Stuttgart ist eine Autostadt, das merkt man ganz deutlich am Charlottenplatz. An dieser Kreuzung wird das jedem klar.

Du hast aus deinen Werken in der Kulturgemeinschaft gelesen, organisiert vom Schriftstellerhaus. Gab es darüber hinaus noch Lesungen in der Gegend, die sich aus deinem Aufenthalt als Stipendiat ergeben haben?
Ich war im Literaturhaus. Dort trat ich mit der Kafka-Band bei der Ausstellungseröffnung „Kafka im KomiK“ auf und übersetzte für Jaromier99, der nur Tschechisch spricht. Das war auch ein Stück Zusammenarbeit, die sich aus dem Aufenthalt hier ergeben hat. Ich hatte Lesungen außerhalb von Stuttgart, in Darmstadt, bin von Stuttgart zur Frankfurter Buchmesse gefahren. Das war super, alles schnell zu erreichen.

Woraus hast du da gelesen? Aus deinem Buch „Die Stille in Prag“, aus dem du hier gelesen hattest?
Ja daraus und aus anderen Werken, Alois Nebel war dabei. Ich bin schon wieder bei einem neuen Buch, es wird bei Luchterhand heraus kommen: „Vom Ende des Punks in Helsinki“. Das ist auch Teil des Aufenthaltes, ich lese die deutsche Übersetzung seit Tagen. Ende der Woche kommt meine Lektorin aus München und wir wollen zusammen die Übersetzung des Manuskripts durcharbeiten.
jaroslav_05Es geht um ehemalige Punkts aus der Tschechoslowakei und der DDR in den späten achtziger Jahren und was aus denen geworden ist. Es wird etwa 300 Seiten haben und ist das dickste Buch, das ich bis heute geschrieben habe. Es soll am 7. März erscheinen.
Für Schüler habe ich im Haus einen Workshop zu Kurzgeschichten durchgeführt, das war ganz spannend, mit etwa zehn Gymnasten zu arbeiten. Es gab ein paar richtig gute Texte darunter.
Den Workshop zu Comics mussten wir leider verschieben, ich war krank. Aber im Januar werde ich das mit Jaromir99 hier durchführen.

Welche aushäusigen Aktivitäten haben dich hier in Stuttgart beschäftigt?
An erster Stelle ist das Kino zu nennen. Am Anfang war ich mehrmals in der Woche im Atelier im Bollwerk, ein tolles Kino. Genauso wie das Delphi.
Im Bollwerk wird Mitte Dezember die Verfilmung unserer Graphic Novel „Alois Nebel. Leben nach Fahrplan“ zu sehen sein. Begeistert bin ich vom Mineralbad Leuze, dort war ich jede Woche zweimal in der Sauna. Herrlich!

Du hast lange in Berlin gewohnt, kennst Leipzig gut, in Prag bist du zu Hause. Alles große Städte. Wie ist dir Stuttgart begegnet? Was hat dich an dieser Stadt berührt, was eher befremdet?
Prag ist nicht so hügelig wie Stuttgart bzw. sie sind kleiner. Die Stuttgarter Innenstadt ist spätabends wie tot. Man merkt, hier wird gearbeitet, nach 23 Uhr ist es schwer, eine Kneipe zu finden. Ich sagte schon, Stuttgart ist eine Autostadt, die „Autobahnen“ durch die Stadt erzeugen einen ständigen Autofluss, das ist schon sehr verschieden von Prag. Die U-Bahnfahrten durch die Stadt sind toll. In Prag gibt es noch die alten Straßenbahnen, von denen ich in meinem Roman „Die Stille in Prag“ geschrieben habe. Fährst du hier mit der U-Bahn, bist du schnell in ländlichen Gegenden, z.B. in Gablenberg. Schnell bist du im Wald, die Stadt ist sehr naturnah.
Und dann die Kultur: Ich war z. B. beim Animationsfilm-Festival in der Jury. Stuttgart ist mit seinem Trickfilm-Festival ganz vorn mit dabei, unter den Top 3. Die Nähe zur Filmakademie in Ludwigsburg ist befruchtend.

jaroslav_06Hat dich das Bohnenviertel mit seinen Weinstuben als Prager Biertrinker für den Baden- Württemberger Wein einnehmen können?
Ich bin verdammt, Biertrinker zu sein und zu bleiben. Dinkelacker ist ein gutes Bier. Ich sitze gerne mit Menschen beim Bier zusammen und plaudere.

Du schreibst nicht nur Prosa. Wie ich weiß, spielst du auch in diversen Bands. Was genau machst du in diesen Musikprojekten? Welche Instrumente spielst du? Schreibst du auch Texte?
Ein paar Songtexte habe ich geschrieben. Instrumente spiele ich außer Keyboard nicht. Spiele es aber nicht besonders gut.

Wie sieht deine Zusammenarbeit mit Jaromir99 aus, Stichwort Band, Stichwort Alois Nebel? Wie habt ihr euch kennen gelernt?
jaroslav_04Kennen gelernt haben wir uns über ein Interview für eine Musikzeitschrift, das ich mit ihm führte in einer Kneipe die hieß „Zum ausgeschossenen Auge“. In Prag haben wir eng zusammen gewohnt, so hat sich eins zum anderen ergeben. Ich wollte eine Geschichte von meinem Großvater aus dem Altvatergebirge erzählen. Der war bei der Eisenbahn. Daraus ist Alois Nebel entstanden. Zum Zeichnen ist Jaromir erst spät gekommen aber er ist ein Naturtalent. Jaromir99 ist vor allem ein toller Musiker. Wir haben angefangen, gemeinsam Musik zu machen

Woher kommt eure Vorliebe für das Schwarzweiße in den Comics aber auch in diversen Videos?
Farbe hat nicht funktioniert. Das Schwarzweiße ist viel expressiver.

Wie ist der Film entstanden?
Der Regisseur hatte die Idee, den Comic mit Schauspielern nachzuspielen und im zweiten Schritt zu „übermalen“. Daraus ist diese ungewöhnliche Optik entstanden. Es war sehr viel Handarbeit.

Du hast die Preview von eurem Film „Alois Nebel“ in Stuttgart moderiert. Haben deine Stuttgarter Fans die Chance, dich im Dezember, wenn der Film anläuft, noch einmal in Stuttgart anzutreffen?
Im Dezember nicht, aber im Januar werde ich den Workshop zu Graphic Novel in Stuttgart halten. Und mit der Kafkaband kann sich auch was ergeben, wir haben gerade acht Songs aus dem Kafka-Werk „Das Schloss“ aufgenommen. Im April werde ich voraussichtlich aus meinem neuen Werk in der Stadtbibliothek lesen.

Dann freuen wir uns auf dich, Jaroslav! Herzlichen Dank für das Gespräch.