Yael Deckelbaum bringt politischen Botschaften auf die Bühne

20.07.2018 at 19:46

 

Yael Deckelbaum

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Die Position Israels auf der Weltbühne ist derzeit nicht die einfachste. Daher war es besonders beeindruckend, dass die preisgekrönte israelisch / kanadische Singer-Songwritering Yael Deckelbaum am 19.7.2018 zu Gast beim Sommerfest der Kulturen in Stuttgart auftrat.

Unterstützt von fünf musikalischen Powerfrauen bringt Yael Deckelbaum ihre politische Botschaft in griffigen Songs voller Empathie unters Volk. Yael Deckelbaum ist nicht nur Musikerin sondern auch Aktivistin. Ihre Berufung als Aktivistin fand sie in den Jahren 2015 – 2016. Sie initiierte die soziale, musikalische Reise „The Road Home“ zusammen mit der Protestführerin Daphni Leef. Die beiden Frauen fuhren mit einer Crew von 20 Personen für 45 Tage durchs ganze Land, um die Stimmen der guten Leute von Israel zu dokumentieren. Sie steht mit der Organisation „Frauen wagen den Frieden“ an der Spitze einer Friedensbewegung, die sich über die ethnischen Grenzen hinweg für den Frieden unter alle Menschen in der Region Palästina einsetzt.

Angesichts der Botschaften der Versöhnung und des Ausgleichs aller in Palästina lebenden Menschen und ihrem Ziel, Konflikte zu entschärfen, aufeinander zuzugehen, mutet eine Gruppe Frauen auf dem Marktplatz fast schon anachonistisch an. Auf ihren roten T-Shirts fordern sie den Boykott Israels. Diese Forderung widerspricht den Ansichten der sechs Musikerinnen auf der Bühne und ist sicher auch nicht im Sinne des Veranstalters, der Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammen bringen und nicht ausgrenzen will.

Kinder und Frauen sind die Hauptleidtragenden von Krieg, davon singt Yael Deckelbaum

Immer wieder rücken die Musikerinnen die Mütter und die Kinder ins Zentrum ihrer Lieder. Sie sind es, die die Hauptlast der Kriege zu tragen haben, die unter Hass, Gewalt und Ausgrenzung besonders leiden nicht nur in Palästina und Israel sondern weltweit.

Den Song „Prayer of The Mothers“ schrieb Yael Deckelbaum für den „March of Hope“: Tausende von jüdischen und arabischen Frauen marschierten aus dem Norden Israels nach Jerusalem mit der Forderung nach Frieden. Das Lied hat die Botschaft des „Marsches der Hoffnung“ in die ganze Welt getragen und hat viele universelle Frauenbewegungen inspiriert. Diese Hoffnung ist dieses Jahr auch in Stuttgart angekommen.

Wenn man die Ebenen nicht trennt

08.11.2016 at 7:00
Eine jahrzente andauernde Freundschaft verbindet den Anstifter Walter Häcker (li) mit Reuven Moskovitz

Eine jahrzente andauernde Freundschaft verbindet den Anstifter Walter Häcker (li) mit Reuven Moskovitz

 

Reuven Moskovitz kam auf Einladung der Anstifter am 7. November 2016 ins Theater am Olgaeck, um über Israel zu sprechen. Reuven Moskovitz ist ein israelischer Friedensaktivist, der seit Jahren Deutschland bereist und für ein friedliches Miteinander von Palästinensern und Israelis eintritt. Er fordert ein „freundliches Machtwort“ von deutscher Seite zugunsten der Palästinenser in dem seit vielen Jahren blutig ausgetragenen Konflikt. Deutschland müsse, so Moskovitz, gegen die verbrecherische Politik Israels Stellung beziehen, weil Deutschland seinerseits mit dem Holocaust Schuld auf sich geladen habe. Er bezeichnet Israel als Schurkenstaat, in dem die Eliten dem Kapital und der Gewalt verpflichtet seien und in dem Lüge, Betrug und Verleumdung die Richtlinien der Politik bestimmen. Trotz dieser klaren Worte von ihm leide er an den Zuständen und da fängt das Dilemma an.

Moralische Verurteilung von staatlichem Handeln

Reuven Moskovitz verurteilt seinen Staat von einem moralischen Standpunkt aus und fordert Mitmenschlichkeit und Empathie für die Palästinenser ein. Die Beschreibung seines Staates trifft auf viele Staaten der Erde zu, selbst auf historisch „alte“ Demokratien wie die USA und daran wird deutlich, wie wenig hilfreich Moralisieren in der Beurteilung von demokratischen Staaten ist. Moskovitz ist gut in der Vermittlung seines Leidens an seinem Land. Aber er liefert keine politische Analyse, warum sein Staat so handelt wie er handelt. Es ist unstrittig, dass Israel in seiner Siedlungspolitik gegenüber den Palästinensern Dinge tut, die im Widerspruch zur UN-Charta stehen. Reuven Moskovitz vertritt moralische Kategorien, wo politische Analyse und Handeln erforderlich wären. Mit seinen moralischen Empörungen kommt er weder bei Politikern in Deutschland an, wie er bedauernd über seinen letzten Besuch bei Abgeordneten des Deutschen Bundestages berichtet, noch dringt er in seiner Heimat in der Friedensbewegung durch.

Interessant in dem Zusammenhang sind die deutlich differenzierteren Aussagen des Schriftstellers und Friedensaktivisten Amos Oz. Hier sind seine Gedanken zu den Militäroperationen gegen die Hamas nachzulesen.

Israel als militärische Weltmacht

Seine Einschätzung, Israel sei eine militärische Weltmacht, macht er an der Tatsache fest, dass Israel über modernste U-Boote (aus deutscher Produktion) und über einen gut ausgebauten Militärapparat verfügt. Überall sieht er „Machtgier, Habgier und Nationalismus in Israel“. Richtig ist, dass Israel in der Nahostregion eine herausragende politisch-militärische Kraft darstellt. Israel allerdings in den Rang einer Weltmacht zu heben, entbehrt jeder Grundlage. Auch seine Analyse des historisch-religiösen Fundaments seines Staates verharrt in Klischees und bleibt hinter der aktuellen Exegese theologischer Texte zurück.

Wenig Erkenntnisgewinn

So bleibt als Erkenntnis dieses Abends, dass es Israelis gibt, die an den Zuständen ihres Landes leiden und dieses Leid mit anderen Menschen teilen wollen. Einsichten, was zu einem von ihm angesprochenen neuen Weltethos führen kann, welche zivilgesellschaftlichen Aktionen zur Überwindung des gegenwärtigen Zustandes möglich sein könnten und wie man moralisierende Wertungen über Bord werfen könnte, erläuterte er leider nicht. Damit verharrt er auf einem Erkenntnisniveau, das er auch in seinem letzten Buch vermittelte. Eine Rezension kann man hier nachlesen.

Reuven Moskovitz – der Versöhnung verschrieben

26.01.2016 at 13:47
Reuven Moskovitz

Coverfoto © Julia Littmann

Reuven Moskovitz, ein israelischer Friedensaktivist, bereist seit Mitte der siebziger Jahre regelmäßig Deutschland. Er appelliert nachdrücklich an die Verantwortung Deutschlands, auf die israelische Politik einzuwirken, damit sie ihre verbrecherische Politik gegenüber den Palästinensern aufgibt zugunsten einer Politik der Verständigung, der Versöhnung und des gegenseitigen Respekts. In seinem neuen Buch beschreibt er, wie es zu dieser Politik Israels kam. Dabei verknüpft er sein eigenes Lebensschicksal mit der Entwicklung des israelischen Staates: der aus Rumänien vertriebener Jude war voller Hoffung, in Palästina frei von Verfolgung leben zu können.
Reuven Moskovitzs neues Buch wurde von seinen deutschen Freunden herausgegeben. Reuven Moskovitz hat sich ganz der Versöhnung zwischen Palästinensern und Juden verschrieben. Trotz Rückschlägen in seiner Arbeit ist er sich treu geblieben: Mit seinem eigenen Friedensdorf Neve Shalom / Wahat al-Salam ist er an der Intoleranz gescheitert, die er so heftig bekämpft. Er ist ein „Botschafter der Versöhnung“ ein Prediger für das friedliche Zusammenleben zwischen den jüdischen Einwanderern (den heutigen Bürgern des Staates Israel) und den von diesen vertriebenen Palästinensern.

Der Gründungsmythos des Staates Israel

Reuven Moskovitz hat erkannt, dass der Gründungsmythos des modernen Staates Israel eng verbunden ist mit der Schuld der Deutschen, die die Juden während des Nationalsozialismus ausrotten wollten und Millionen von ihnen umgebracht haben. Deswegen ist ein wesentlicher Schwerpunkt seiner Friedensarbeit auf Deutschland ausgerichtet. Ein Land, das sich aufgrund seiner Vergangenheit unverbrüchlich an die Seite der israelischen Regierung stellt. Reuven Moskowitz wünschte sich, dass von deutscher Seite ein „freundliches Machtwort“ käme. Doch Deutschland ist aufgrund seiner schuldhaften Verstrickung nicht mehr in der Lage, Kritik an der Politik Israels zu üben, so eine zentrale These des Autors. Mit seinem eigenen Staat geht Reuven Moskovitz hart ins Gericht, charakterisiert ihn  als undemokratisch und rassistisch.

Das Buch Ein Leben für Gerechtigkeit, Liebe und Versöhnung versammelt grundsätzliche Überlegungen und Einschätzungen des Versöhnungsaktivisten zur Entstehung des Konfliktes, wobei persönliche Empfindungen stets mit einfließen. Diese persönliche Sichtweise im ersten Teil des Buches geht zu Lasten einer nüchternen Analyse. Etwa die Hälfte des ersten Teils nehmen die von Reuven Moskovitz in den Jahren 1974 – 2014 geschriebenen Jahresbriefe ein, adressiert an seine Freunde in Deutschland.

Im zweiten Teil des Buches sind sowohl seine offenen Briefe an offizielle deutsche Stellen abgedruckt als auch das Medienecho darauf. Es ist die unkommentierte Übernahme dieser deutschen Pressestimmen.

Im dritten Teil kommen Weggefährten vom Reuven Moskovitz zu Wort. Es sind ausnahmslos Deutsche, keine Stimme aus Israel ist dabei, wiewohl es die sicher gibt. So spricht sich z. B. der hierzulande geschätzte Autor Amos Oz für eine Zwei-Staaten-Lösung aus und engagiert sich seit Jahrzehnten in der zur Friedensbewegung zählenden Organisation Schalom Achschaw (Peace Now). Seinen letzten Roman Judas zitiert Reuven Moskovitz im vorliegenden Buch. Der Roman Judas thematisiert die Auseinandersetzungen in den frühen Jahren der Staatengründung und die Frage, wie mit den Palästinensischen Bewohnern umgegangen werden soll. Es hätte dem Buch gut getan, dass die Arbeit und die Standpunkte von Reuven Moskovitz auch von engagierten Friedensaktivisten in Israel kommentiert worden wären. Mit einigen Schlussbetrachtungen von Reuven Moskovitz endet das Buch.

Reuven Moskovitz als Aufklärer in Deutschland

Die Frische, die diesen Friedensaktivisten bei Veranstaltungen in Deutschland auszeichnet – glaubt man den Berichten seiner Weggefährten im vorliegenden Buch – vermittelt das Buch leider nicht. Der Mensch Reuven Moskovitz wird beschrieben ohne erfahrbar zu werden. Das liegt vor allem an der Sammlung unterschiedlicher Stimmen und Aspekte, denen eine Struktur fehlt. Martin Breidert und Ekkehart Drost haben es ohne Verlag heraus gebracht. Dabei hätten ein professionelles Lektorat und ein erfahrener Buchgestalter dem Buch gut getan. So wurden auf knapp 260 Seiten viele Dokumente zusammen getragen, die nicht gewichtet wurden und kein homogenes Ganzes ergeben.

Reuven Moskovitz wird im April / Mai diesen Jahres wieder nach Deutschland kommen, für die Leser dieses Buches eine Gelegenheit, ihn persönlich zu erleben. Die AnStifter werden versuchen, eine Veranstaltung mit Reuven Moskovitz in Stuttgart zu organisieren. Das Buch bietet Gelegenheit, sich auf diesen Menschen einzustimmen.

Ein Leben für Gerechtigkeit, Liebe und Versöhnung
Herausgegeben von Martin Breidert und Ekkehart Drost
256 Seiten, 19 Farbfotos, Paperback mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-00-049873-2

Das Buch ist zum Preis von 15 € plus Versandkosten zu beziehen über:
Gesine-Anna Janssen
Klunderburg 1
26736 Krummhörn
gesine-anna.janssen@t-online.de

 

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes wurde nicht der Wunsch Reuven Moskovitzs erwähnt, dass Deutschland ein Machtwort an die Regierung in Tel Aviv richten sollte. Dieses Anliegen sowie der Hinweis, dass der Autor in Israel nicht die einzige Stimme ist, die so denkt, habe ich im Text ergänzt.

Ein Interview mit Reuven Moskovitz führte der Journalist Dr. Sebastian Engelbrecht am 09.02.2016 für die ARD in Tel Aviv, in dem dieser seine Thesen aus dem Buch erläutert und seinen Wunsch nach einem Machtwort von Seiten Deutschland äußert.

Mein Herz tanzt – Ein außergewöhnlicher Film

04.06.2015 at 8:02

Mein Herz tanztEin pralles Kaleidoskop an Geschichten, Erlebnissen und Gefühlen bündelt Regisseur Eran Riklis in dem exzellent erzählten und montierten, gleichzeitig leichten und politischen, erschreckenden und spaßigen Film „Mein Herz tanzt“.

Ethnische Minderheiten in Israel

Rund ein Fünftel der Einwohner Israels sind ethnische Araber: Sie dürfen wählen, werden aber nicht zum Wehrdienst eingezogen. Obwohl sie de jure alle Rechte und Freiheiten besitzen, klagen sie oft über Diskriminierung im Alltag und fühlen sich als Staatsbürger zweiter Klasse − in ihren Augen verdächtigt die jüdische Mehrheit sie der Illoyalität. Diese Konstellation nimmt der Film „Mein Herz tanzt“ zum Anlass, anhand des Schicksals des kleinen Eyads das Thema in den Blick zu nehmen. Der Regisseur Eran Riklis hat das in einer Tragik-Komödie umgesetzt. Das Drehbuch schrieb Sayed Kashua, der schon mit seiner Romanvorlage „Araber tanzen“ viel Autobiografisches hat einfließen lassen.

Der Plot

Der kleine Eyad wächst in einer arabischen Kleinstadt in Israel auf. Sein Vater musste sein Studium an der Universität in Jerusalem abbrechen. Er wurde als politisch engagierter Palästinenser der Verbindung mit Terroranschlägen verdächtigt. Nun ruht die Hoffnung der ganzen Familie auf dem hochbegabten Jungen. Als einziger arabischer Schüler bekommt er die Chance auf ein Jerusalemer Elite-Internat zu wechseln. Durch ein Sozialprojekt an der Schule kommt Eyad mit dem schwerkranken, jüdischen Yonatan in Kontakt, der an einer unheilbaren Muskellähmung leidet. Die anfängliche Fremdheit der beiden verwandelt sich in eine vertrauensvolle Freundschaft, die auch humorvoll mit gesellschaftlichen Rollenbildern umgehen kann: „Mach keine Krümel im Auto, sonst muss es später ein Araber wegmachen“, sagt Yonatan im Spaß zu Eyad.

Eyad muss den Kultursprung schaffen, von einer traditionsbewussten palästinensischen Familie zu einem völlig neuen Lebenskontext: Andere Musik wird gehört, mit anderen Essgewohnheiten muss er zurechtkommen. Rassistische Anfeindungen auf der Straße und Schikanen vom allgegenwärtigen Militär sind Alltag. Die Geschichte ist in den 1980er und 1990er Jahren angesiedelt, als viele der Gräben zwischen den Kulturen aufgerissen und vertieft wurden, die bis heute den Frieden in der Region in weite Ferne rücken lassen.

Ein Tanz zwischen den Kulturen

Die ganze Brisanz dieses Tanzes zwischen den Kulturen gewinnt an Tiefe durch die berührend erzählte erste Liebe zwischen Eyad und seiner jüdischen Mitschülerin Naomi. Vorsichtig nähern sich die beiden der Welt, der Sprache und dem Körper des anderen an. Sie müssen ihre Liebe bis zur Zerreißprobe heimlich leben, da beide Familien und die Gesellschaft dafür keinen Platz haben.

Als die Beziehung auffliegt verbieten Naomis Eltern ihr, weiter zur Schule zu gehen. Aus Liebe zu ihr verlässt daraufhin Eyad die Schule, sie darf zurückkommen. Er hält sich mit Aushilfsjobs über Wasser, als Araber scheint er zum Spüljungen verdammt. Bis er mit dem Pass des jüdischen Freundes den ersehnten Kellnerjob ergattert.

Derweil siecht sein erkrankter Freund Yonathan dahin. Eyad kümmert sich rührend um ihn und kommt währenddessen Yonathans Mutter näher. Als das Ende ihres Sohnes absehbar wird, sorgt sie sich ihrerseits um Eyads Wohlergehen. Als ihr Yonatan stirbt, treffen die beiden eine radikale Entscheidung und die Verhältnisse geraten vollens ins Tanzen.

Mit dem Film „Mein Herz tanzt“ ist Eran Riklis hochaktuelles Kino gelungen, mit emotionalem wie politischem Tiefgang. In Stuttgart läuft dieser außergewöhnliche Film im Delphi Arthaus Kino.

Mein Herz tanzt. Regie Eran Riklis. Mit Tawfeek Barhom (Eyad), Ali Suliman (Eyads Vater), Danielle Kitzis (Naomi), Michael Moshonov (Yontan), Yael Abecassis (Yonatans Mutter Edna)