Wolf Biermann stellt seine Biografie im Hospitalhof vor

16.05.2017 at 14:16
Wolf Biermann

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In der Reihe „Köpfe der Zeit“ war Wolf Biermann am Sonntag, 14. Mai 2017 im Hospitalhof. Das Literaturhaus Stuttgart richtet diese Veranstaltung im großen Saal aus und dieser war bis auf den letzten Platz besetzt, um dem begnadeten Liedermacher zuzuhören.

Dem Moderator Wieland Backes fällt es an diesem sonnigen Sonntagvormittag sichtlich schwer, das Gespräch mit dem „Erzähler“ Wolf Biermann in durch Moderation eingehegten Bahnen zu halten. Wolf Biermann ist nicht zu bremsen, wenn es darum geht, Geschichten aus seinem schillernden Leben zu erzählen. Sein Ziehsohn Manuel übernimmt die Lesung aus der Biermanns Autobiografie, die der achtzigjährige gerade unter dem Titel Warte nicht auf bessere Zeiten! vorgelegt hat. Die Mutter von Manuel, Brigitte Soubeyran, siedelte mit Manuel als Baby 1958 aus Frankreich in die DDR über, aus politischer Überzeugung und weil es in der DDR aus ihrer Sicht das bessere Theater gab. Am Berliner Ensemble (BE) traf sie einen jungen Regieassistenten. Das war Wolf Biermann. Sie wurden ein Liebespaar, aber auch ein Theaterkunstpaar. 1961 gründeten sie zusammen das Berliner Arbeiter- und Studententheater, das heute noch als Studiotheater der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ bekannt ist. Zu der Zeit war Wolf noch nicht der Biermann. Sie hat ihn zum Liedermachen und Singen ermuntert und auch seinen Bart kreiert, weil sie wollte, dass er ein bisschen so aussieht wie der französische Chansonnier Georges Brassens. Den Bart trägt er heute noch, wenn dieser auch ergraut ist.

Wolf Biermann eine Symbolfigur aus dem zweigeteilten Deutschland

Wolf Biermann zählt zu den großen Symbolfiguren aus der Zeit des zweigeteilten Deutschland. Seine Lieder wurden im Westen zu Hymnen, im Osten waren sie untersagt, ihr Schöpfer wurde mit Auftrittsverboten belegt. Nach einer Konzerttour in den Westen verweigerte ihm das DDR-Regime 1976 die Wiedereinreise.

Aber an diesem Morgen beginnt er mit seiner Zeitreise durch sein bewegtes Leben als kleiner Knirps in Hamburg. Nur von seiner kommunistischen Mutter aufgezogen. Sein Vater saß im Lager, den er dort besuchte und den die Faschisten ermordeten. Sein Ziehsohn liest von dem Feuersturm über Hamburg, den Biermann als Junge erlebte. Er wuchs mit dem Auftrag auf, die Menschheit zu retten, seinen Vater zu rächen und nebenbei den Kommunismus aufzubauen. Und weil er seiner Mutter diesen kleinen Gefallen tun wollte, ging er eben mit sechzehn Jahren 1953 nach Osten und wurde ein DDR-Bürger. Und noch heute meint er darüber, das es das Beste war, was er in seinem ganzen Leben gemacht hat. „Ich musste die Lektion lernen, im Vaterland aller Werktätigen, im Arbeiter- und Bauernparadies wirklich zu leben, und nicht nur als Revolutionstourist mal eben vorbeischnuppern. Und wenn ich das nicht gemacht hätte, wäre ich ja gar nicht der Biermann geworden.“

Schon in der Schule ein Widerspruchsgeist

Wie es ihm dort erging, erfahren wir wieder durch einen kleinen Textauszug: Einige evangelische Jugendliche an seiner Schule in Gadebusch bei Schwerin sollen der „Neuen Gemeinde“ abschwören und er erlebt, wie ein junges Mädchen standhaft für ihren Glauben eintritt. Dieser Widerspruchsgeist, dieser aufrechte Gang, hat ihm sehr imponiert.

In Berlin studierte er zuerst Politische Ökonomie an der Humboldt-Universität (auf Anraten seiner Mutter, die meinte, die Regierung in der DDR bräuchte hier kluge Köpfe). Dieses Studium brach er jedoch ab, um als Regieassistent am Berliner Ensemble tätig zu sein. Danach studierte er bis 1963 an der Humboldt-Universität Philosophie und Mathematik.

Sein Weg als Lyriker und Sänger

Wolf Biermann begann Gedichte und Lieder zu schreiben. 1961 gründete er in Ost-Berlin das Berliner Arbeiter-Theater. Seine Inszenierung des Stückes Berliner Brautgang, wurde verboten, das Thema Mauerbau war zu brisant und noch vor der Premiere 1963 musste das Theater geschlossen werden. Seit dieser Zeit stand er immerzu unter Beobachtung der STASI. Wie die ihn überwachten, beschreibt er in eindrucksvollen Bildern.

1976 wird Biermann von der IG Metall zu einer Konzertreise in die Bundesrepublik Deutschland eingeladen, wofür ihm die Behörden der DDR eine Reisegenehmigung erteilten. Dieses Konzert diente dem Politbüro der SED als Vorwand für die Ausbürgerung „wegen grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten“. Eine breite Solidaritätskampagne setzte daraufhin für ihn ein. Viele, auch prominente Personen, in Ost und West protestierten gegen Biermanns Ausbürgerung. Zwölf namhafte DDR-Schriftsteller, unterzeichneten einen von Stephan Hermlin initiierten offenen Brief an die DDR-Führung, in dem sie an diese appellierten, die Ausbürgerung Biermanns zurückzunehmen. Es half nichts.

Wolf Biermann bricht spät mit dem Kommunismus

Sein Bruch mit dem Kommunismus kam jedoch erst viele später. Er wollte die Idee, für die sein Vater und so viele Genossen in den Tod gegangen sind, nicht verraten. Erst die Begegnung mit dem Schriftsteller, Sozialpsychologen und Philosophen Manès Sperber in Paris, brachte ihn zu dem Schritt mit dem Kommunismus zu brechen. Sperber hatte ihm „wie ein guter Zahnarzt mit Betäubungsspritze den kommunistischen Backenzahn gezogen, der schon vergammelt war“, wie Biermann beschreibt. „Er hat mich ermutigt, den Bruch zu wagen, ohne meinen toten Vater zu ermorden. Endlich begriff ich im Herzen, was ich im Kopf schon wusste.“

Was ist für Wolf Biermann an die Stelle der kommunistischen Idee getreten, fragt man sich und es scheint diese „hoffnungslose Hoffnung auf die Vernunft des Menschen“ zu sein, lautet seine Antwort. Sein Leben fasst er zum Schluss in dem Gedicht Bilanzballade im achtzigsten Jahr aus seinem neuen Band Im Bernstein der Balladen: Lieder und Gedichte zusammen. Damit schließt sich der Kreis zu seinem Gedicht „An die alten Genossen“, mit dem er die Funktionäre der SED in der Ost-Berliner Akademie der Künste am 11. Dezember 1962 aufgebracht hatte. (Einspielung siehe hier.)

Warte nicht auf bessere Zeiten!
Die Autobiografie

576 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Propyläen Verlag, Preis 28,00 €

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Volker Weiß bescheibt die autoritäre Revolte

12.05.2017 at 21:52
Volker Weiß

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Der Historiker und Publizist Volker Weiß stellte am 9. Mai 2012 sein neues Buch Die autoritäre Revolte in der Reihe Analysen zum Rechtspopulismus im Hospitalhof vor. Seine Gesprächspartnerin war die Präsidentin des Landtages von Baden-Württemberg, Muhterem Aras.

Der 1972 geborene Historiker und Publizist Volker Weiß hat in Hamburg Literaturwissenschaft, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie Psychologie studiert. Er promovierte 2009 über den völkisch-nationalistischen Publizisten und Staatstheoretiker Arthur Moeller van den Bruck (1876-1925).

Volker Weiß befasst sich vornehmlich mit der extremen Rechten in Vergangenheit und Gegenwart sowie dem Antisemitismus. Er schreibt für die Zeit, die TAZ, den Spiegel und die Jungle World. Seine Buch Die autoritäre Revolte – Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes ist gerade bei Klett-Cotta erschienen und war für den Sachbuchpreis der diesjährigen Leipziger Buchmesse nominiert.

Der Theoretiker Volker Weiß schreibt in verständlicher Sprache

In verständlicher Sprache ist dieses Buch geschrieben, aus dem er an diesem Abend Auszüge liest, darüber immer wieder mit Muhterem Aras ins Gespräch kommt, die sich von dem Buch sehr angetan zeigt. Sie meint, es sei ein wichtiger Beitrag für die aktuelle Debatte über die rechten Strömungen, mit denen sie als Landtagspräsidentin ebenfalls konfrontiert ist: Die AfD sitzt mit 21 Abgeordneten im Landtag von Baden-Württemberg.

Volker Weiß beschreibt in seinem Buch den Aufstieg der Neuen Rechten als einen Prozess, der sich in den vergangenen Jahren verstärkt hat und immer schärfere Konturen angenommen hat. Die Bewegung speist sich aus etlichen Strömungen, Initiativen und Netzwerken. Das reicht von streng-konservativen politischen Kreisen, geht über rechtsextremistische Gruppen bis hin zu studentischen Burschenschaften und Hooligans. Er beginnt seine Lesung mit Auszügen aus dem Kapitel Familienaufstellung. Darin stellt er die Hauptakteure anhand einer 2012 in Berlin veranstalteten Messe mit Namen zwischentag vor. Rund 30 Aussteller zeigten ihre Neuerscheinungen, präsentierten ihre Ideen und warben für ihre Projekte. Die Initiative zum Berliner zwischentag kam von Götz Kubitschek, dem verantwortlichen Redakteur der Zeitschrift Sezession und Inhaber des Verlags Antaios. Er ist darüber hinaus mit seinem Institut für Staatspolitik (IfS) einer der wesentlichen Stichwortgeber der Neuen Rechten. Als Vordenker der Neuen Rechten gilt auch Karlheinz Weißmann. Der Lehrer aus Niedersachsen ist neben Götz Kubitschek Mitbegründer des IfS. Zu diesem Netzwerk gehört ebenso Jürgen Elsässer, Publizist und Chefredakteur des rechtspopulistischen Magazins Compact.

Die Neurechte Bewegung ist auf der Straße und in den Parlamenten

In den fünf Jahren nach dem Berliner zwischentag ist viel passiert: Die Bewegung ist auf der Straße (PEGIDA, LEGIDA) und eine rechtspopulistische Partei hat sich etabliert. Wobei sich die rechten Vordenker über die Bewegung zur Rettung des Abendlandes ein wenig lustig machen. Ihnen geht es nicht um eine Front gegen den Islam. Der Islam ist für sie nicht der Feind, die Globale Moderne ist ihr Feind. Solange die Trägervölker in ihren Räumen bleiben, haben sie mit dem Islam kein Problem. Die rechten Vordenker postulieren: Am Liberalismus gehen die Völker zugrunde.

Volker Weiß erläutert den problematischen Begriff des Abendlandes. Historisch gesehen kann man das Heilige Römische Reich (deutscher Nationen) als gegen das orthodoxe Christentum mit Sitz in Byzanz gerichtet ansehen. Aber der Konflikt mit dem Bolschwismus hat eher eine Achse eben mit diesem orthodox geprägten Christentum in Russland errichtet. Der Zar in Russland war Garant gegen den Bolschewismus. Diese Achse wird heute noch von den Demonstranten in Dresden (die pikanterweise im ehemaligen Einflussgebiet des preußisch-sächsischen Herrschaftsbereiches liegen und somit jenseits des Limes der Heiligen Römischen Reiches) beschworen, wenn sie den „neuen Zaren“ Putin als ihren Freund bezeichnen und ihn um Hilfe bitten. Wer ist der Feind dieser Verteidiger des Abendlandes? Es sind die Einwanderer, die Fremden. Die rechten Vordenker treten dagegen für die Verteidigung des Raumes ein, und pflegen keine grundsätzliche Ablehnung des Islams als Religion.

Die Quellen des rechtsradikalen Denkens

Volker Weiß erklärt, aus welchen intellektuellen Quellen sich das neue, rechtsradikale Denken speist. Neben Heidegger, Carl Schmitt sind es vor allem die Repräsentanten der sogenannten Konservativen Revolution, auf die sich die Vordenker der Neuen Rechten wie Karlheinz Weißmann und Götz Kubitschek beziehen. Unter dem Schlagwort Konservative Revolution fasste der Schweizer Neofaschist Armin Mohler nach dem Zweiten Weltkrieg eine einflussreiche Gruppe republikfeindlicher Intellektueller der zwanziger und dreißiger Jahre zusammen. Der Gruppe gehörten Autoren wie Oswald Spengler, Othmar Spann und die Gebrüder Ernst und F. G. Jünger an, die auf die Herausforderungen der Moderne mit dezidiert antiliberalen, antidemokratischen und antiegalitären Konzepten geantwortet hatten.

Der Liberalismus ist der Hauptfeind

Die Feindbilder der Neuen Rechten sind neben den Gender-Mainstreaming-Beauftragten, Multikulturalisten, AnhängerInnen der Political Correctness und Linken aller Art. Es sind im Grunde genommen die Prinzipien der relativistischen Moderne in ihrer Gesamtheit, also die offene, pluralistische Gesellschaft. Ein Rechtsradikaler, der seine Agenda ernst nimmt, wird mit dem Pluralismus der westlichen Moderne nichts anfangen können. Der sichtbare Gegner, der Islam, ist für die Neue Rechte einfach zu handhaben und es ist einfach dagegen zu mobilisieren, z. B. durch die PEGIDA-Bewegung. Schwierig wird es mit dem Feind, der als Freund auftritt: den Vertretern des Amerikanismus, der sich aus der Moderne speist. Putin mit seinem rückwärts gewandten Weltbild ist ihnen da ein willkommener Rettungsanker.

Dabei ist es der Bewegung wichtig, sich von der alten Rechten und deren martialischen Auftretens abzugrenzen. Man will sich vom Nationalsozialismus fern halten. Die neue Strategie der radikalen Rechten ist die Identitäre Bewegung. Ob die Aktivisten der Identitären mit gelben Fahnen und islamfeindlichen Transparenten durch deutsche Innenstädte marschieren oder in Greenpeace-Manier provokante Banner über dem Brandenburger Tor entrollen: Die rechten Revoluzzer von heute versuchen, rechtsextremem Denken und Handeln einen schicken, rebellischen Anstrich zu geben.

Die liberale, bürgerliche Gesellschaft muss sich die Frage gefallen lassen, warum hat sie dagegen bis heute keine wirksamen Strategien entwickelt? Die Beantwortung dieser Frage hätte den Abend im Hospitalhof gesprengt.

Die autoritäre Revolte – Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes
304 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klett-Cotta, Preis 20,00 €

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Darf man nach Afghanistan abschieben?

08.04.2017 at 10:32
Abschiebepraxis in der Diskussion

Jama Maqsudi, Pfarrer Joachim Schlecht, Dr. Michael Jantzer, Daniel Lede Abal und Bernd Rixinger (v. l. n. r.)

 

Rund 230 Menschen füllten den großen Saal des Hospitalhofs am 7. April 2017, bei der von den AnStiftern und dem Freundeskreis Neckarpark – Projektgruppe Begleitung vorbereiteten Veranstaltung: „Darf man nach Afghanistan abschieben“? Einem informativen Vortrag über die derzeitige Situation in Afghanistan vom Vorstand des Deutsch-Afghanischen Flüchtlingshilfe Vereins (DAFV), Jama Maqsudi, folgte eine engagierte Podiumsdiskussion mit reger Beteiligung des Publikums.

Frauenpower bringt Geflüchtete, UnterstützerInnen und Parteien ins Gespräch

Nur durch Beharrlichkeit war es Vertreterinnen des Freundeskreises Neckarpark – Projektgruppe Begleitung gemeinsam mit der Geschäftsführerin der AnStifter, Elka Edelkott, gelungen, Vertreter dreier politischer Parteien an einen Tisch zu bekommen. Geplant war eine Diskussion über die deutsche Abschiebepraxis, unter der Afghanen in unserem Land leiden, nachdem das Innenministerium in Berlin Afghanistan zum sicheren Herkunftsland erklärt hat. Afghanische Geflüchtete wollten von ihrem Schicksal erzählen, von dem Druck und der Angst, denen sie sich ausgesetzt sehen, seit Innenminister Thomas de Maizière, gestützt auf Geheimdienstquellen, ihr Land als sicher eingestuft hat. Er hat die Bundesländer angewiesen, diese Menschen in ihre Heimatstaaten zurückzuführen, soweit sie dem Status der „Rückführungsfähigkeit“ unterliegen. Die Leiterin des Hopitalhofs, Monika Renninger, stellte für die Diskussion einen großen Saal zur Verfügung.

Die Situation in Afghanistan ist alles andere als sicher

Jama Maqsudi, Vorstand des Deutsch-Afghanischen Flüchtlingshilfe Vereins (DAFV), machte in seinem Eingangsreferat eindrücklich klar, wie verworren und gefährlich die Situation in seinem Heimatland ist. Die Gegenden, die als sicher und somit als Ansiedelziel für die Abgeschobenen definiert wurden, liegen in den kargen Bergregionen, aus denen die Bevölkerung sich schon seit Jahren auf den Weg in die Ebene macht, weil sich die Bedingungen, eine erträgliche Landwirtschaft zu betreiben, verschlechtert haben. Die großen Städte des Landes, das sich durch eine Vielzahl von Völkern auszeichnet, leiden unter dem Terror verschiedener islamistischer Terrorgruppen. Fanatisierte Kämpfer der Taliban und des „Islamischen Staates“ sind hier aktiv. Während das Auswärtige Amt dringend von Reisen nach Afghanistan abrät, hält das Innenministerium an seiner Devise fest.

Angst vor Abschiebung grassiert unter den Afghanen

Qasem Ebrahimi und Mohammad Heidary, dessen Bruder mit seinen Freunden den Abend auch musikalisch einläutete, berichteten von ihrem Leben in Deutschland und über ihre Flucht zu uns. Nun, nachdem sie unter mannigfaltigen Gefahren hier angekommen sind, lebt die Angst wieder auf. Diesmal die vor Abschiebung. Was diese Angst mit den Menschen macht, schilderte Pfarrer Joachim Schlecht vom Arbeitskreis Asyl Stuttgart aus seiner täglichen Beratungspraxis. Diese Angst können auch Rechtsanwältin Vera Kohlmeyer-Kaiser, die sich ehrenamtlich im Flüchtlingsrat Baden-Württemberg engagiert, und Dr. Caroline Gritschke von Amnesty International Stuttgart den Flüchtlingen nur bedingt nehmen. Die eigentlich im Steuerrecht beheimatete, engagierte Anwältin vertritt die zu uns Geflüchteten und versucht mit allen juristischen Mittel eine Abschiebung zu verhindern. In Einzelfällen gelingt ihr das. Sie hofft, dass die Abschiebepraxis geändert wird und sie mit ihrer „Kaugummitaktik“ (Hin- und Langziehen der Verfahren) den Menschen das Schicksal einer Abschiebung ersparen kann.

Alle anwesenden Politiker lehnen Abschiebungspraxis ab

Bernd Riexinger verurteilte die Abschiebepraxis der Bundesregierung. Auch der Bundestagskandidat der SPD, Dr. Michael Jantzer, sprach sich gegen die Abschiebepraxis aus. Er sah in dem immensen Druck, dem sich die etablierten Parteien durch die nach rechts verschobene Diskussion ausgesetzt sähen, einen Grund für diese unmenschliche Praxis. Und er prophezeite, dass die rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen mit ihrer klaren Haltung gegen die Abschiebepraxis (sie hat sie ausgesetzt) die anstehende Landtagswahl klar für sich entscheiden wird. Er warb eindringlich dafür, gegen die rechtspopulistisch geprägte Debatte um Flucht klare Kante zu zeigen und plädierte dafür, menschlich zu handeln.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann steht in der Kritik

Erwartungsgemäß wurden vom Publikum die Antworten des Vertreters von Bündnis 90 / Die Grünen, Daniel Lede Abal, mit Spannung erwartet, hat sich doch Ministerpräsident Winfried Kretschmann nicht für einen Stopp der Abschiebepraxis ausgesprochen. Die baden-württembergische Landesregierung will weiter abschieben. Persönlich sei er, Daniel Lede Abal, gegen diese Praxis und könne nicht für die Regierung sprechen, höchsten für die Fraktion, denn er sei Landtagsabgeordneter, nicht Regierungsmitglied. Sehr sachlich konterte er den Angriff auf den Ministerpräsidenten: Warum dieser als Christ nicht von seiner Richtlinienkompetenz Gebrauch mache und die Abschiebepraxis aussetze? Kretschmann habe als Ministerpräsident im Gegensatz zur Kanzlerin keine Richtlinienkompetenz. Das verantwortliche Ressort ist das Innenministerium. Auch erläuterte er anschaulich die Verantwortlichkeiten zwischen Bund und Ländern bei der Umsetzung der Entscheidung der Bundesregierung. Die Nervosität im Wahljahr war bei den Vertretern der Parteien zu spüren, die sich den drängenden Fragen aus dem Publikum stellen mussten. Da waren es wieder die Frauen vom Freundeskreis Neckarpark- Projektgruppe Begleitung, die das Mikrofon in der Hand hatten und die Fragen im Publikum aufmerksam an das Podium weitergaben und gemeinsam mit Elka Edelkott strukturierten.

Als die Diskussion begann, versuchten die Vertreter der SPD, der Grünen und der Linken auf die ausgebreiteten Informationen einzugehen und Licht in die Frage zu bringen, wie die Landespolitik auf die Vorgaben aus Berlin reagiert. Miteinander wird von afghanischen Geflüchteten und deutschen Engagierten für ein Ende der Abschiebungen plädiert, nach Auswegen für Abschiebegefährdete gesucht. Dass am Ende die einen entspannt nach Hause gehen können und die anderen sich weiter vor Abschiebungen fürchten müssen, kann an diesem Abend noch niemand ändern. Diese Arbeit muss weitergehen.

Menschlichkeit in den Mittelpunkt stellen

Als erfreuliches Ergebnis an diesem Abend kann festgehalten werden, dass der Parteienstreit angesichts der menschlichen Tragödien, die sich in Einzelschicksalen darstellen lassen, an diesem Abend außen vor blieb und es einen breiten demokratischen Konsens für die Menschlichkeit gab.

Stuttgart liest ein Buch mit Shida Bazyar

11.03.2017 at 9:07
Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar

Im Schriftstellerhaus haben die Vorbereitungen zu Stuttgart liest ein Buch begonnen. Foto: © S. Martin

 

Im Oktober ist es wieder soweit. Stuttgart liest ein Buch. Zum dritten Mal veranstaltet das Schriftstellerhaus dieses literarische Festival, bei dem ein Buch im Mittelpunkt steht. Dieses Jahr ist es Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar. Die junge Autorin mit iranischen Familienwurzeln las in der Reihe Literatur im Salon im Sommer letzten Jahres aus ihrem Debütroman und eroberte im Sturm die Herzen der Vorsitzenden des Schriftstellerhaus-Vereins und dessen Geschäftsführerin. Es war leicht, mit diesem Erlebnis die an dem Projekt beteiligten Kooperationspartner für das Buch und das Thema des Buches zu begeistern, das uns seit vielen Monaten beschäftigt: Flucht, Vertreibung, Integration in eine fremde Kultur.

Shida Bazyar verwendet vier Erzählstimmen

Dies alles erzählt Shida Bazyar mit leichter Hand, humorvoll und voller Empathie für ihre vier Protagonisten, die in jeweils einem Abschnitt des Buches ihre Lebenswirklichkeit erzählen. Da ist der Vater, der mit seiner Frau 1979 aus dem Iran fliehen musste, da er als kommunistischer Aktivist den bei den Mullahs in Ungnade fiel. Er erzählt von seinen politischen Aktionen und wie er seine Frau kennen lernte mit der er dann aus dem Iran nach Deutschland flieht. In einer Kleinstadt finden er, seine Frau und seine kleinen Kinder Zuflucht. Zehn Jahre später erzählt seine Frau von den Bemühungen der Familie, sich in Deutschland zu integrieren. Über 4 Jahrzehnte erstreckt sich der erzählerische Bogen, den Shida Bazyar aufspannt, bis hin zur grünen Revolution von 2009. Ausführliche Rezensionen hier und hier.

Das Projekt Stuttgart liest ein Buch nimmt Form an

Die Vorbereitungsgruppe, bestehend aus den VertreterInnen der Projektpartner, hat ihre Arbeit aufgenommen, um ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm für die Zeit zwischen dem 17. Oktober und dem 27. Oktober 2017 zusammen zu stellen. Im Einzelnen sind dies:

  • das Schriftstellerhaus
  • das Literaturhaus Stuttgart,
  • die Stadtbibliothek Stuttgart
  • die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart
  • die Schiller Buchhandlung
  • das Evangelische Bildungswerk Hospitalhof Stuttgart
  • der Börsenverein des Deutschen Buchhandels
  • die Volkshochschule Stuttgart

Die Projektleitung hat die Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, Astrid Braun, inne. Das Schriftstellerhaus hat für das Projekt bereits einen Internetauftritt gestaltet, siehe hier. Alle Neuigkeiten werden auch über Facebook und Twitter verbreitet.

Ungewöhnlich: Eugen Drewermann liest

07.07.2016 at 22:06
Eugen Drewermann stellt im Hospitalhof sein aktuelles Buch vor

Eugen Drewermann spricht im Hospitalhof über Rebellen, Frevler und Heroen in antiken Mythen

 

Professor Dr. Eugen Drewermann kam auf Einladung des Hospitalhofs am 5. Juli 2016 nach Stuttgart und stellte im Vortrag sein im letzten Jahr erschienenes Buch Grenzgänger: Rebellen, Frevler und Heroen in antiken Mythen vor. Kaum ein Jahr, in dem Eugen Drewermann nicht ein neues Buch veröffentlicht. Er hat als Theologe ein umfangreiches theologisches Werk vorgelegt. Sein Beruf als Psychotherapeut ist ebenso in sein Werk eingeflossen, das er vor allem der menschlichen Sehnsucht nach Liebe und wahrer Menschlichkeit gewidmet hat. Er hat unzähligen Menschen geholfen, ihren Glauben an Gott neu zu verstehen und sich von ihrer Angst zu befreien. Er ist ein ausgewiesener Kapitalismuskritiker. In diesem Jahr legte er ein zweibändiges Werk über Kapital und Christentum vor. Es gibt kaum ein Gebiet für ihn, das – wenn ihn das Thema einmal gepackt hat – er nicht bearbeitet hat. Über achtzig Titel sind bis heute von ihm erschienen.

Eugen Drewermann sprengt den Zeitrahmen

Pfarrerin Monika Renninger, Leiterin des Evangelischen Bildungszentrums, kündigte den ZuhörerInnen im gut gefüllten großen Saal des Hospitalhofes an, dass Eugen Drewermann ca. eine Stunde referieren wolle und dann nach einer Pause eine Aussprache stattfinden solle. Den skizzierten Rahmen sprengte Eugen Drewermann mit seinem Vortrag, den er, wie üblich, völlig frei hielt. Ohne Manuskript redete er mehr als eineinhalb Stunden. Er führte in die komplexe Götterwelt ein, rezitierte Hölderlin und schlug immer wieder einen Bogen zu aktuellen politischen Zuständen. Wenn er den Krieg und die Raffgier des kapitalistischen Systems anprangert, wurde aus ihm ein anklagender Intellektueller. Ein sehr seltener Moment in seinen Vorträgen: im Hospitalhof griff er zum Schluss zu seinem Buch und las daraus ein kurze Passage vor.

Die Rebellen der griechischen Antike

Er erläuterte in seinem Vortrag das Schicksal der Rebellen: Sisyphos, Tantalos, Damokles und andere rebellische Heldinnen und Helden der griechischen Sagen. Sie bestrafen die Götter grausam in der Unterwelt. Diese Sagen des klassischen Altertums mit ihren rachsüchtigen Göttern prägen die Vorstellungen vieler Menschen bis heute, erläuterte Drewermann. „Wir sind die Guten, und das sind die Bösen.“ Wenn es dabei bleibt, ist die Spaltung perfekt. „Diese verstehen nur die Sprache der Gewalt“. Also bleibt auch uns selbst, wie dem griechischen Zeus, einzig der Griff zur Waffe, als äußerste Maßnahme der Vernunft, die, natürlich, wir selber repräsentieren. Es heißt, stark zu sein und dem Recht, der Moral und der Menschlichkeit notfalls mit allen zu Gebote stehenden militärischen Mitteln zur Durchsetzung zu verhelfen. Die USA haben im Nahen Osten in ihren Kriegen 2 Millionen Tote hinterlassen (die Islamisten etwa 10.000).

Eugen Drewermann vermittelt das versöhnliche Christentum

Dagegen vermittelt das Christentum ein heilsames Gegenbild. Denn der Gott Jesu ist wie ein barmherziger Vater, er verlockt zur Freiheit. Eugen Drewermann zeigte mit tiefenpsychologischen Mitteln, wie sich durch Vertrauen in diesen barmherzigen Gott die Angst in der menschlichen Seele überwinden lässt. In der Bergpredigt wird eine Abkehr von der Trennung von Gut und Böse das Wort geredet. Es wird unmöglich, zu Gericht zu sitzen, so endet dieses wichtige 5. Kapitel des Matthäusevangeliums.

Wenn man diesem – im klassischen Sinne – Intellektuellen zuhört, werden Zusammenhänge klar, wird deutlich, dass sich in der Geschichte der Menschheit die Verhaltensweisen seit tausenden von Jahren nicht wesentliche geändert haben. Die Religionen haben sie nur in unterschiedlichen Bildern beschrieben, die Philosophen haben sie unterschiedlich interpretiert. Eugen Drewermann schafft es immer, wieder Brücken zu bauen: zwischen der Mystik, den Religionen, den Naturwissenschaften, der politischen Analyse und der Psychologie. Es bleibt zu hoffen, dass Eugen Drewermann noch häufig im Hospitalhof zu hören sein wird.

Grenzgänger
Rebellen, Frevler und Heroen in antiken Mythen
Hardcover mit Schutzumschlag, 488 Seiten
mit zahlreichen s/w- und farbigen Abbildungen
Patmos Verlag, Preis 44,00€

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Iftarfest: Fastenbrechen unter Freunden

13.07.2015 at 12:34
Fastenbrechen - IFTAR

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Jeden Abend versammeln sich im Ramadan die Familien und feiern gemeinsam nach Sonnenuntergang das Fastenbrechen, IFTA. Das Haus Abraham, der Verein „Gesellschaft für Dialog Baden-Württemberg“ und der das evangelische Bildungswerk Hospitalhof Stuttgart luden gemeinsam zum Iftarfest am 9. Juli ein. Moslems, Christen und Juden versammelten sich im Innenhof des evangelischen Bildungszentrums, um gemeinsam die Speise nach einem heißen Fastentag einzunehmen. Heiner Küenzlen vom Haus Abraham unterstrich mit seinen Begrüßungsworten die Gemeinsamkeiten der Religionsgemeinschaften, die auf den Stammvater Abraham zurückgehen. Es entstand ein gemütlicher Raum für Austausch, Anregungen und Begegnung, umrahmt von musikalischen Klängen aus dem Orient, dargeboten von einem Oud-Orchester junger Frauen.

Der angehende Theologe Samet Er von Gesellschaft für Dialog Baden-Württemberg überbrückte die Zeit bis zum Sonnenuntergang mit einen Vortrag zum Thema „Das Zusammenleben der Muslime, Juden und Christen in der Geschichte“.

dattelnEssen nach Sonnenuntergang

Wann geht die Sonne unter? Wann kann mit dem Essen begonnen werden? Zwei Schülerinnen, die an unserem Tisch mit ihrer Familie saßen, wussten nach einem kurzen Blick auf den „Ramadan App“ ihres Handys Bescheid. Er zählte präzise für den Ort Stuttgart die Zeit bis zum Sonnenuntergang herunter. Da sich der Zeitpunkt des Sonnenuntergangs während des Monats langsam aber stetig verschiebt, ist dieses technische Hilfsmittel praktisch. In den muslimisch geprägten Ländern ruft natürlich der Muezzin zum Fastenbrechen.

Das Fasten wird mit dem Geschenk aus dem Orient, der Dattel, begonnen, die an die Wüste erinnert und die erste Süße des Tages verspricht. Danach strömten alle zum Buffet, wobei den Fastenden der Vortritt gelassen wurde. Das Ende des Ramadan wird mit dem Zuckerfest in diesem Jahr am 17. Juli gefeiert.

Prof. Dr. Altvater im Hospitalhof

21.06.2015 at 16:31
Prof. Dr. Elmar Altvater

Prof. Dr. Elmar Altvater spricht im Hospitalhof

Der Autor und emeritierter Professor Dr. Elamar Altvater referierte am 18. Juni im Hospitalhof zum Thema: „Die Welt im Chaos kriegerischer Konflikte“. Prof. Altvater, der am Otto Suhr-Institut der Freien Universität lehrte, ist heute im wissenschaftlichen Beirat von Attac und in der Partei „Die Linke“ aktiv.

Seine zentrale These: Kriege erhalten unser Wirtschaftssystem. Ein viertel Jahrhundert nach Ende des kalten Krieges sieht er heute einen neuen Rüstungswettlauf, der gestoppt werden muss. Die aktuellen kriegerischen Konflikte fordern hundertausende Tote, vor allem aktuell in den Bürgerkriegsregionen des Nahen Ostens. Der Historiker Joachim Radkau vertritt die These, dass Katastrophen normal sind bei komplexen, gekoppelten Systemen, mit denen wir es in der kapitalistischen Welt zu tun haben. Das zeigt sich in immer wiederkehrenden Krisen, wie z. B. nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers. Wobei durch jede Krise die Umverteilung des Reichtums von vielen auf wenige weiter vorangetrieben wird. Das geht einher mit Deregulierung, Liberalisierung und dem Abbau von staatlichen Leistungen.

Dem Aufbau von Vermögen steht die weltweite Verschuldung großer Bevölkerungsteile und Volkswirtschaften gegenüber. Die Ausbeutung der Erde durch den Menschen hat seit der Industriealisierung ein ungeheures Ausmaß erreicht. Der Mensch wird zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde. Der Wettlauf um Bodenschätze führt zu Kriegen, um diese unter die Kontrolle der einflussreichsten Volkswirtschaften zu bringen. Die in Krieg versinkende Region des Nahen Ostens ist reich an Bodenschätzen. Aber auch die Kriege in Afrika werden oft vor diesem Hintergrund geführt.

Der individuelle Ausstieg aus diesem Zusammenhang, z. B. durch kritischen Konsum muss eine politische Ebene erhalten. Nicht nur individuell müssen die Menschen ihren Lebensstil ändern sondern sie müssen sich in politischen Organisationen für eine Änderung der Verhältnisse einsetzen, so die zentrale Aussage von Elmar Altvater an diesem Abend. Dankenswerter Weise nimmt sich der Hospitalhof dieses Fragenkomplexes an, indem er Veranstaltungen mit hochkarätigen Fachleuten in sein Programm aufgenommen hat. Unter dem Titel „Es geht auch anders!“ wird die Themenreihe fortgesetzt, der nächste Vortrag befasst sich mit dem geplanten Verschleiß der Konsumgüter.

Inge Lohmark und der Glaube

22.05.2015 at 13:38
Inge Lohmark und der Glaube

Die drei Stadtpfarrer diskutieren in der Hospitalkirche über Inge Lohmark: Christoph Hildebrandt-Ayasse, Eberhard Schwarz, Matthias Vosseler (v.l.n.r.)

 

Gibt es für Inge Lohmark einen Glauben? Das fragte sich das Pfarrertrio der evangelischen Stadtkirchen am 21.05. in der Hospitalkirche. Der Hospitalhof hatte den Pfarrer der Leonardskirche, Christoph Hildebrandt-Ayasse, den der Stiftskirche, Matthias Vosseler, und seinen eigenen, Eberhard Schwarz, gebeten, einen theologischen Streifzug durch das Buch „Der Hals der Giraffe“ zu unternehmen. Man spürte gleich, diese Pfarrer hatten sich intensiv mit dem Buch beschäftigt und stehen als Seelsorger der städtischen Kerngemeinden mit beiden Füßen im Leben. Theologische Spitzfindigkeiten brachten die drei nicht zur Sprache, wohl aber die Bezüge zu ihrem Glaubensgebäude, das so scheinbar gar nicht im Buch vorzukommen schein. Drei wesentliche Aspekte nahm Pfarrer Schwarz in den Blick: Das Verhältnis von Schöpfung und Evolution, die deutsch-deutsche Geschichte und den Themenbereich Wunder, Trost und Hoffnung.

Mit der lyrischen Sprache der polnischen Nobelpreisautorin Wislawa Szymborska setzte er einen Kontrapunkt zu der, wie er meinte, teils schwer zu ertragende Sprache des Buches. Der Titel des Gedichtes passte: „Trost“.

Die modernen Wissenschaften und die Bibel

Martin Vosseler verriet, Biologie hätte nie zu seinen Lieblingsfächern in der Schule gezählt. Trotzdem hat die Naturgeschichte einen festen Platz auf seinem Schreibtisch in Gestalt eines Ammoniten. Seine Eltern fanden ihn beim Hausbau in Trossingen. In Trossingen findet man nicht nur die Versteinerung der Kopffüßer sondern der Ort ist berühmt für seine großartigen Funde von Dinosauriern. Da war er schnell bei der Frage, wo kommen wir her, wie ist die Welt entstanden. Fragen, die auch Inge Lohmark umtreiben.

Als Religionslehrer am Gymnasium hat er seine Schüler zu den Unterschieden und den Übereinstimmungen von Schöpfungsgeschichte und modernen Wissenschaften gefragt. Der biblische Schöpfungsbericht ist ein mythologisches Bild, das, wie die Schülerinnen und Schüler ausführten, nicht immer im Widerspruch zu den Wissenschaften steht, denen Inge Lohmark verhaftet ist.

Inge Lohmark zwischen DDR und Bundesrepublik

Pfarrer Christoph Hildebrandt-Ayasse ging auf das Verhältnis von Kirche und Staat in der DDR und die Auswirkungen einer Staatsideologie auf den Glauben ein. Als Gegenpol zur Bibel wurde den Jugendlichen bei der Jugendweihe seit 1955 das Buch „Weltall Erde Mensch“ überreicht. Es postuliert die Überlegenheit der sozialistisch geprägten Wissenschaften und Erkenntnisse gegenüber den christlichen Überzeugungen und bürgerlichen Weltanschauungen. Inge Lohmark ihrerseits hatte sich auch gegen die einseitig sozialistisch verortetet Wissenschaft gestellt, indem sie z. B. Stammbäume von Adelsgeschlechtern ihre Schüler hatte zeichnen lassen. Und überhaupt: In Greifswald ist aller Darwinismus futsch, wenn man Caspar David Friedrichs Sonnenuntergang sieht und ihn mit der Ostsee im Rücken in der Natur erlebt. Geschickt hätte Judith Schalansky einige Motive dieses, aus ihrem Geburtsort Greifswald stammenden, großartigen Malers in ihrem Roman untergebracht, sie hätte sich bestimmt in ihrem kunsthistorischen Studium mit ihm beschäftigt.

Der Pfarrerssohn Jakob bliebe im Roman blass, für Inge Lohmark geht es in ihrem Glaubenssystem weniger um Entwicklung sondern vor allem darum, mit dabei zu sein und nicht unter zu gehen. Religion ist bei ihr nur als Lücke vorhanden. Und doch geht ihr das Staunen nicht aus. Und die Auflösung käme am Schluss des Romans: die naturwissenschaftlich geprägte Antipädagogin sieht die Strauße tanzen, der Schlusssatz lautet: „Inge Lohmark stand am Zaun und schaute.“ Damit, so die drei Pfarrer, wäre für die Protagonistin der Beginn einer Entwicklung gelegt, die sie so gänzlich in diesem „Entwicklungsroman“ vermisst hätten.

Der Hospitalhof – Eine Oase für die Seele

13.02.2015 at 9:49
Hospitalhof

Der Hospitalhof: Für Seele und Geist

 

Der Hospitalhof Stuttgart, einst Dominikanerkloster aus dem Jahre 1473, das während des 2. Weltkrieges zerstört wurde, ist seit den 60er Jahren zusammen mit der Hospitalkirche ein zentraler Verwaltungs- und Versammlungsort der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Stuttgarts.

Als ich Anfang der neunziger Jahre von Hamburg nach Stuttgart kam, war der Hospitalhof für mich der erste Anlaufpunkt. Eine Insel der Orientierung in der mir unbekannten Stadt. Hier belegte ich einen Bioenergetik-Kurs. Dann kamen Wochenendkurse hinzu, immer geleitet von guten Referenten: NLP, Familienaufstellung und Kurse zum kreativen Schreiben. Ich lernte, über meine Tagebuchaufzeichnungen hinaus zu gehen und begann das literarische Schreiben. Es bildete sich eine Gruppe Gleichgesinnter. Wir schrieben gemeinsam, trafen uns reihum im privaten Rahmen. Ohne die intensiven Erfahrungen aus dem Schreibseminar hätte die Gruppe sicher nicht so lange bestanden.

Ich erlebte den Theologen Eugen Drewermann viele Male im Hospitalhof, ebenso den spirituellen Lehrer Pater Amseln Grün. Vorträge zu Gesundheit und Philosophie bereicherten mich. Besonderen Eindruck machte auf mich ein Seminar mit dem Begründer der gewaltfreien Kommunikation, Marshall Rosenberg. Zusammen mit einem guten Freund lernte ich diesen humorvollen, bescheidenen Menschen kennen, der uns seine Theorie mit Handpuppen von Wolf und Giraffe nahe brachte. Als ich unlängst mit meiner Frau einen Wochenendkurs in gewaltfreier Kommunikation im Hospitalhof besuchte, stellte ich fest, die Referentin besuchte zusammen mit mir 2004 diesen Kurs von Marshall Rosenberg.

Hospitalhof Blick aus der Gegenwart in die VergangenheitDas alte Gebäude, das ich kennen gelernt hatte, stammte aus dem Jahre 1961 war den organisatorischen Anforderungen nicht mehr gewachsen. Vor allem aber entsprach die bauphysikalische Substanz des Hauses nicht mehr den heutigen Standards. Die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Stuttgart entschied sich gegen eine Sanierung und baute das Gebäude komplett neu. Im April 2014 konnte es nach nur zwei Jahren Bauzeit eingeweiht werden. Meine ersten Begegnungen mit dem neuen Hospitalhof übertrafen alle meine Erwartungen. Hier wurden architektonische Ansprüche umgesetzt, die ich bei den meisten Neubauten in Stuttgart schmerzlich vermisse. Die alte Kirche steht immer noch und so hat man vom Neuen einen Blick in die Vergangenheit. Der erste Referent eines Vortrag, den ich im neuen Hospitalhof besuchte, war mein Zazen-Lehrer Michael von Brück. Diese Begegnung freute mich besonders, die herzliche Zugewandtheit zwischen uns schien sich auf das gesamte Gebäude zu übertragen. Viele neue Impulse finden sich im geänderten Hospitalhof-Programm, Bewährtes wurde übernommen.

Blutige Rache

18.10.2014 at 15:00

vonarndt

Anlässlich der Armenischen Kulturtage in Stuttgart las Martin von Arndt am 17. Oktober im Hospitalhof aus seiner Doku-Fiction Tage der Nemesis.

Der orthodoxe Pfarrer Diradur Sardaryan sprach die einleitenden Worte und stelle den Autor vor. Dass Martin von Arndt neben Germanistik und Psychologie auch Religionswissenschaften studierte und diese mit einem Doktor abschloss, hob Diradur Sardaryan anerkennend hervor.

Martin von Arndt entführte die Zuhörer Zeit der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg vor dem Hintergrund der Zerrissenheit Europas. Im Mittelpunkt des Romans steht Kommissar Eckart, der einer Terrororganisation auf der Spur ist, die die Verantwortlichen des Massakers an den Armeniern zur Rechenschaft ziehen will: Im vornehmen Berliner Stadtteil Charlottenburg wird die Leiche des ehemaligen Großwesirs des Osmanischen Reichs, Talât Pascha, gefunden. Kommissar Andreas Eckart erkennt in dem Toten einen der Hauptverantwortlichen des Völkermords an den Armeniern aus dem Jahr 1915. Die Terrororganisation verfolgt und tötet die Täter des Genozids an den Armeniern und nimmt so blutige Rache an ihren Taten, die nie geahndet wurden. Heute sähe das ganz anders aus, erklärte von Arndt, der Internationale Gerichtshof in Den Haag verfolge Täter, die sich des Völkermordes schuldig gemacht haben.

Auch der Regisseur Fatih Akins thematisiert den Völkermord an hunderttausenden Armeniern in seinem Film „The Cut“, der dieser Tage in die Kinos kommt. Fatih Akins sieht sich Morddrohungen ausgesetzt, weil er offen über ein Tabu spricht. Von Arndt hofft, dass ihm solche Drohungen erspart bleiben.

Tage der Nemsis
ars vivendi verlag
Gebundene Ausgabe, 309 Seiten, Preis: 18,90 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens