Heinrich Steinfest hat den Bayerischen Buchpreis erhalten

18.12.2016 at 18:17
Heinrich Steinfest

Zeichnung: Heinrich Steinfest

 

Der Schöpfer des kleinen Quimp hat den Bayerischen Buchpreis erhalten. Diese Nachricht übermittelte uns die Leiterin der Bibliothek in Cannstatt. Dort las Heinrich Steinfest vor kurzem.

Die Jury, bestehend aus dem TV-Literaturkritiker Denis Scheck, der Journalistin Franziska Augstein und der Friedenspreisträgerin Carolin Emcke zeichneten damit einen Autor aus, der in seiner Surrealität einer der realistischen Autoren der Gegenwart sei, der in seinen ganz und gar unberechenbaren Romanen der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts seinen geistreichen Spiegel vorhalte.

Die Elster und die Lerche können sich diesem Urteil voll und ganz anschließen, freuen sich von Herzen und gratulieren dem Kollegen Quimp und seinem Schöpfer für diese Auszeichnung.

Buchcover

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Das Leben und Sterben der Flugzeuge
608 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag,
mit Zeichnungen des Autors
Piper Verlag, Preis 25,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Heinrich Steinfests Spatz ist ein träumender

26.11.2016 at 18:55
Heinrich Steinfest in der Stadtbibliothek Bad Cannstatt

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Heinrich Steinfest ins Elsternest zu tragen ist ein ähnliches Unterfangen, wie Eulen nach Athen zu tragen. Das Team der Stadtbibliothek in Bad Cannstatt hat es am 24. November 2016 gemacht und es ihm auf charmante Art gelungen. In Bad Cannstatt war er zu Gast, las aus seinem neuesten Roman: Das Leben und Sterben der Flugzeuge, der bereits auf die Shortlist für den Bayerischen Buchpreis 2016 gekommen ist.

Heinrich Steinfest wurde 1961 in Albury /Australien geboren. Aufgewachsen in Wien kam er in den neunziger Jahren nach Stuttgart, wo er heute als Autor und bildender Künstler lebt. Er erfand den einarmigen Detektiv Cheng. Heinrich Steinfest wurde mehrfach mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. Sein Roman Der Allesforscher schaffte es sogar auf die renommierte Shortlist des Deutschen Buchpreises. Im Jahr 2010 erhielt er den Heimito von Doderer-Literaturpreis. Nicht abschließend geklärt werden konnte an diesem Abend in der Stadtteilbibliothek Stuttgart Bad Cannstatt die Frage, wie viele Romane und Erzählungen sein Œuvre umfasst, 23 oder 25.

Heinrich Steinfest hat sein äußeres Erscheinungsbild verändert. Nach wie vor tritt er elegant-gepflegt, ganz in schwarz gekleidet, mit Anzug und Polohemd auf, aber sein Gesicht umrahmt seit neuestem ein Vollbart. Unverändert ist seine Fabulierkunst und sein Hang zu philosophischen Betrachtungen in seiner Geschichte. Wer die Romane Heinrich Steinfests kennt, weiß: In seinen Welten ist alles ein Leichtes. Seine Gratwanderung zwischen Phantastischem und Realität gerät ihm auch diesmal wieder zu einem hochliterarischen Drahtseilakt. Schon nach wenigen Minuten gelingt Heinrich Steinfest das Meisterstück, uns in eine Welt zu entführen, in der man keine Sekunde daran zweifelt, dass alles auch wirklich passiert.

Der komplizierte Plot von Heinrich Steinfest lebendig erzählt

In groben Zügen skizziert er den Plot seines neuen Romans: Der Spatz Quimp lebt im Pariser Bahnhof Montparnasse und ernährt sich von den Krümeln der Reisenden. Tatsächlich gab es für Heinrich Steinfest eine solche Begebenheit in Paris, die den Anfang seines Romanprojektes evozierte. Immer wieder sind philosophischen Betrachtungen des Spatzes eingeflochten, der lieber Fast-Food-Reste isst, als selber zu jagen und zu töten. Er wird mit seiner eigenen Unfähigkeit, sich artgerecht zu ernähren, konfrontiert, er versinkt in trotziger Scham, als er es versucht und versagt. Ein folgenschwerer Zusammenstoß mit einem explodierenden Sperling, schickt ihn auf eine geheime Mission nach Wien. Dort soll er einen uralten Sperling aufsuchen, den legendären Pinesits. Heinrich Steinfest kappt die Grenzen jenseits der Vorstellungen des Zuhörers. Es ist eine bizarre Welt, in die er uns eintauchen lässt. Jedoch verlässt er diese Welt immer wieder an diesem Leseabend, um aus seiner realen Welt zu erzählen, wie er beim Schreiben auf die Vögel vor seinem Fenster aufmerksam geworden ist und wie er sie gefüttert hat. Mit Bionüssen, das sei doch klar, er würde sich doch auch gesund ernähren. Im Gegensatz zu den Spatzen vor seinem Fenster ist Quimp aber keineswegs ein normaler Vogel. Wenn er träumt, verwandelt er sich in einen Kommissar, Blind mit Namen, der in dem Roman den vermeintlichen Unfalltod einer jungen Frau aufklären muss. Blind seinerseits träumt, er sei ein Vogel, der Spatz Quimp. So erschafft Steinfest zwei Ich-Erzählstimmen, die er miteinander verschränkt.

Heinrich Steinfest manipuliert die „bekannte“ Realität

Steinfest geht unabhängig von seinem alles überstrahlenden Humor durchaus ernst an seinen Weltentwurf heran. Mit seinem sympathischen wienerisch gefärbten Sprachstiel verrät Heinrich Steinfest, dass die Realität nur bedingt greift, das Träume höheres Gewicht erhalten können als nackte Fakten. Er klärt uns Zuhörer auf, dass beide Hauptdarsteller, die eigentlich nur einer sind, je auf ihre Weise die Dinge ganz anders angehen und dennoch zu ihrem Ziel gelangen werden. Die Welten sind verschränkt, durchdringen einander. Dabei achtetet Steinfest darauf, dass seine phantasierte Welt eine in sich schlüssige bleibt. Er bezeichnet die doppelte Struktur seines Romans, in dem das Fantastische und das Gewöhnliche untrennbar miteinander verwoben sind, als Spiel zweier Leben. Und immer hat man als Zuhörer an diesem Abend das Gefühl, dass Steinfest seinem „Personal“ liebevoll zugewandt ist.

Wegen seiner ungebremsten Fabulierkunst und seinen bildkräftigen Formulierungen kann man Heinrich Steinfest durchaus mit dem großen amerikanischen Autor John Irving vergleichen. Der hielt sich durch Ringen fit, Steinfest hat in seiner Küche ein Laufband aufgestellt, auf dem er sich schon in der Frühe des herannahenden Tages ertüchtigt und den Vögeln zuschaut.

Ein gastlicher Ort für eine gelungene Lesung

Als perfekte Gastgeber erweist sich das Team der Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt als es dem Autor zum Abschluss ein Geschenk überreicht: Ein aufgeblättertes Buch, auf eine stabile Unterlage aufgeklebt. Darin kann er seine vielen neuen Ideen sammeln, die er auf Zettel aufgeschrieben hat. Heinrich Steinfest schaut überrascht bei der Überreichung des Geschenkes. So aufmerksam wurde er wohl noch nicht bei einer Lesung beschenkt. Aber auch für ihn gilt es an diesem Abend, eine neue Welt zu entdecken. Eine, die ihm wohlgesonnen ist, in der nicht geheime Mächte miteinander kämpfen: die der Stadtteilbibliothek in Bad Cannstatt.

Das Leben und Sterben der Flugzeuge
608 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit Zeichnungen des Autors
Piper Verlag, Preis 25,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens, die in Bad Cannstatt die Buchhandlung „Wagner“ in der Marktstraße 34 sein könnte

In regelmäßigen Abständen …

10.11.2014 at 23:58

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… legt Heinrich Steinfest einen neuen Roman vor. Mit dem 2014 erschienen „Allesforscher“ schaffte er es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises, nun ist er wieder da. Ein Projekt so ganz anders als seine bisherigen Bücher ist diese Nacherzählung des Nibelungenliedes geworden und doch, es ist durchzogen von dem unverwechselbaren Steinfest-Sound.

Denis Scheck führte sehr humorvoll in das Gespräch mit Steinfest, am 8. November im Literaturhaus, ein. Im Alter von fünf Jahren hörte Denis Scheck das Nibelungenlied zum ersten Mal im katholischen Kindergarten(!), gelesen von der Erzieherin. Warum, so frage ich mich, sollte dieser blutrünstige Text dem kleinen Denis mehr zugesetzt haben als die nicht minder grausamen Schilderungen im Alten Testament, die sicher dort auch gelesen wurden?
Das Nibelungenlied ist die bedeutendste deutsche Heldendichtung des Mittelalters, dessen Entstehung sich auf die Jahre 1180 bis 1210 (und damit auf die „Blütezeit“ der mittelhochdeutschen Literatur) eingrenzen lässt. Der Text liegt in 35 Handschriften vor. Heinrich Steinfest musste sich für eine Fassung entscheiden und hat die St. Gallener Fassung als Ausgangsmaterial gewählt. Auf die Frage, wie es zu der „Nacherzählung“ gekommen ist, meinte Heinrich Steinfest, es sei eine Auftragsarbeit gewesen. Dieser Auftrag wurde ihm vom Geschäftsführers des Reclam Verlags, Frank R. Max, während eines Abendessens erteilt: Steinfest: „Wenn ein Verleger einen Autor zum Essen einlädt, geht es in erster Linie nicht darum, dem Autor den Magen zu füllen.“ So hat er sich nach dem Allesforscher dem Alleswisser Hagen von Tronje zugewandt und innerhalb von 3 1/2 Wochen den Text kapitelweise geschrieben. Obwohl es eine Nacherzählung in moderner Form ist, ist dennoch ein Steinfest-Roman daraus entstanden, mit dem ihm eigenen Tonfall, dem essayhaften Stil, der ihn auszeichnet.
Sehr schön das Storyboard von Robert de Rijn, das im unteren Drittel jeder Seite das ganze Buch durchzieht und dem ganzen einen filmischen Anstrich verleiht. Der Kinofreund Heinrich Steinfest hat sich Siegfried als Tom Cruise vorgestellt. Für Steinfest gibt es im Nibelungenlied kein eindeutigen Guten und Bösen, die Grenzen sind schwimmend. Siegfried ist einer, der schon mal einen Krieg vom Zaun bricht, um seine Ziele durchzusetzen und ist damit der heutigen amerikanischen Politik verwandt. Es wird deutlich, Siegfried genießt nicht die Sympathie des Autors. Schon eher Hagen. Der Schatz der Nibelungen ist für Steinfest eine Form des Radikalkapitalismus: Der Schatz der Nibelungen ist ein unendlicher und wird von Kriemhild eingesetzt, um sich die Menschen gefügig zu machen und sich ihrer Gefolgschaft zu versichern.
Moderne Frauen häuften keine Schätze mehr an, wiewohl die schier unendliche Zahl von Schuhen bei einigen diesen Gedanken durchaus nahe legen. (Über einen Tresor für diesen Schatz berichtete ich hier.)
Heinrich Steinfest wurde durch die Vorgabe der Nacherzählung diszipliniert. Die Figuren waren vorgegeben und entsprangen nicht seinem Kopf. Er räumte ein, das sei teils schwierig gewesen, denn es bereitet ihm unendlichen Spaß, selber Figuren zu erfinden und sie, ihren eigenen Gesetzen unterworfen, handeln zu lassen. Das sei auch der Grund, warum er diese Auftragsarbeit nicht auf andere Werke der Weltliteratur ausdehnen wolle. Ich frage mich, wie die Bibel in einer Fassung von Steinfest aussähe. Die moderne Fassung eines Jörg Zink ist wesentlich humorloser als die Nacherzählung des Nibelungenliedes von Heinrich Steinfest. Wie genial Steinfest die Einsichten eines modernen Icherzählers in dem Text unterbringt möchte ich mit folgender Textstelle belegen:
Hagen hat gehandelt und den Nibelungenschatz versenkt, die anderen haben gezaudert. „Als die Könige zurückkommen, ist alles vorbei und ihnen bleibt nur die übliche Heuchelei. Sie wussten alle, was er vorhatte, vielmehr noch, sie hatten per Eid beschlossen, den Ort der Verwahrung geheim zu halten. Es braucht nicht zu wundern, dass die Fürsten zwar offiziell Hagens Verhalten kritisieren – wie man einen Polizeipräsidenten kritisiert, wenn mal ein Einsatz eine Spur zu brutal ablief – aber nichts unternehmen, um eine Strafverfolgung einzuleiten“.

Da uns dieser Autor Jahr um Jahr mit einem neuen Roman verzaubert, können wir uns schon auf das nächste Buch von ihm – dann wieder mit Figuren, die seinem eigenen Kopf entsprungen sind – freuen.

Der Nibelungen Untergang
Mit einem Storyboard von Robert de Rijn
120 Seiten, davon 60 illustriert.
gebunden, mit Schutzumschlag
Reclam Verlag, Preis 19,95 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Der Allesforscher

15.03.2014 at 11:35
allesforscher_steinfest

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Da ist er wieder, der Steinfest-Sound. Diesmal höre ich ihn im Literaturhaus anlässlich der Buchpremiere seines neuen Romans Der Allesforscher. Am Tag der Lesung kam es in den Buchhandel. Steinfest, dieser lyrisch-philosophische Wortdrechsler, beginnt seine Lesereise in Stuttgart. Hier ist er seit Jahren verwurzelt. Oft hat er uns auf Demonstrationen gegen das Wahnsinnsprojekt „Stuttgart 21“ mit seinen Texten die Seele gewärmt, hat sich nicht in Polemiken ergangen, hat seinen Sprachsound über die Lautsprecher geschickt. In seinem neuen Werk philosophiert er ebenfalls über den tiefen Riss, der durch seine (Wahl-) Heimatstadt geht, wenn er die Station von Sixten Braun als Bademeister im Mineralbad Berg beschreibt (als Vorabdruck in der Wochenzeitung Kontext zu lesen).

In einer von Situationskomik durchtränkten Szene lässt Steinfest Sixten Braun im „Berg“ einen Erpel wiederbeleben, der einen Schwächeanfall erleidet. Ins Rollen kommt die Geschichte in Taiwan, als der Ich-Erzähler, von einem explodierenden Pottwal schwer verletzt, sich im Krankenhaus wieder findet. Kaum aus dem Krankenhaus entlassen, stürzt er mit dem nächstbesten Flugzeug ab und überlebt abermals. Nicht ohne zwischendurch die große Liebe erlebt zu haben.

Begleitet wird Heinrich Steinfest auf seiner Lesereise von Denis Scheck. Auch für ihn ein Heimspiel, vor 50 Jahren in Stuttgart geboren und hier aufgewachsen. Der Deutschlandfunk-Redakteur der Sendung „Büchermarkt“ und „Druckfrisch“-Macher kann Heinrich Steinfest nicht erdrücken. Beide diskutieren sprachgewandt die Motive und Entstehungsgeschichte des Romans. Denis Scheck mit seinem Faible für Science Fiction, phantastische Literatur und Krimis befragt humorvoll Heinrich Steinfest, der seine Texte auf den Grenzen dieser Gattungen ansiedelt. Ganz nebenbei entwickeln die beiden an diesem Abend eine Poetologie des Steinfest’schen Krimis:

Auf die Frage, warum er diesmal keinen Krimi geschrieben hat, antwortet Steinfest kurz und knapp, „weil diese Geschichte keinen Krimi erfordert“.

Für Steinfest, der von der Malerei kommend zur Schriftstellerei gefunden hat, ist Eskapismus durch Literatur eine absolute Notwendigkeit. Er hat die Literatur entdeckt, nachdem er feststellte, als Maler immer die gleichen Bilder zu malen und um einen direkteren Weg zur Realität zu finden. Sein Buch enthält Zeichnungen von ihm. D. Scheck vermisst diesmal die legendären Fußnoten, die die Texte von Steinfest unter anderem auszeichnen. Heinrich Steinfest verspricht ihm, in die zweite Auflage eine hinein zu schmuggeln. Ich bin davon überzeugt, schon bald wird es diese geben.

Nachdem Steinfest mit dem Schreiben angefangen hat, hörte er auf zu lesen. Das ginge für ihn nicht: Schreiben und gleichzeitig lesen. Er wollte seine Sprache nicht durch die Sprache anderer Autoren überlagert wissen. Ideen holt er sich eher aus Filmen als aus anderen Büchern, wobei ihn die französischen Filme der 30er – 60er Jahre mit ihrer ganz eigenen Bildästhetik besonders beeinflusst haben.

Er schreibt über Dinge, die die Leser schon kennen, aber will sie so beschreiben, dass der Leser einen „Wow-Effekt“ erfährt. Das gelingt ihm im neuen Buch fulminant. Dem Allesforscher ist alles wichtig, selbst die kleinsten Dinge. Mit dem „Allesforscher“ ist ein Kind gemeint. Den Titel übernahm der Autor von seinem Sohn, der als kleines Kind das Wort „Allesforscher“ als Alternative zum Ausdruck „Universalgelehrter“ verwendete. Kinder sind die große Liebe des Erzählers Heinrich Steinfest, vor allem eigensinnige wie einsichtige Jungen und Mädchen. Sie taugen zu untadeligen, zutiefst makellosen Gegenbildern der oft von schweren Makeln und Macken behafteten Erwachsenen seiner Romane. In seinem letzten Buch nannte er eines dieser Kinder „Das himmlische Kind“. In der GEDOK-Gallerie las er daraus, ich berichtete darüber.

Das Kind im Mittelpunkt des neuen Romans, ist der erstaunliche Simon. Der Ich-Erzähler Sixten Braun lernt ihn im Vorschulalter kennen. Er ist ihm verbunden, hätte er doch aus der kurzen, heftigen Liaison mit der deutschen Ärztin Lana Senft entstammen können, die ihn nach seinem Schädel-Hirn-Trauma im taiwanesischen Krankenhaus behandelte. Der Junge ist nicht sein Kind, jedenfalls nicht biologisch. Dennoch nimmt Sixten die Vaterrolle, genötigt von einem Mitarbeiterin der taiwanesischen Vertretung in München, mit geradezu leidenschaftlicher Begeisterung an.

Mit Simon setzt der Autor seine außerirdischen Unwahrscheinlichkeiten fort: Das Kind spricht eine Sprache, die niemand versteht. Es erweist sich allenthalben als kleiner Überflieger. Beim Klettern an künstlichen Felsen, beim Zeichnen, beim Go-Spiel. Die Vermutung wird laut, Simon sei ein Alien. Das wäre bei Steinfest keine ungewöhnliche Wendung, wie auch im letzten Teil dieses Buches, als Sixten Braun in den Tiroler Alpen Hebammenfunktion übernehmen muss.

Schönheit im Spiegelkabinett der literarischen Einfälle tritt in Heinrich Steinfests Roman hervor. Wer philosophische Diskurse und unvorhersehbare Wendungen liebt, kommt bei der Lektüre auf seine Kosten. Denis Scheck hat die Lesung sichtlich amüsiert. Er wird diesen Zustand erhalten können, auf den nächsten Stationen ihrer Lesereise.

Der Allesforscher
400 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit Zeichnung des Autors
Piper Verlag, Preis: 19,99 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Heinrich Steinfest bei Eva Zippel

15.02.2014 at 21:52
Steinfest in der GEDOK

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Die GEDOK Stuttgart stellt die Tierzeichnungen von Eva Zippel in ihrer Galerie aus. Jahrelang hatte Eva Zippel die Tiere für die Firma Schleich entworfen. Bis zu ihrem Tod im letzten Jahr bewohnte sie im Haus der GEDOK ein Wohnatelier.

Heinrich Steinfest ist über seinen Sohn mit den Schleich-Tieren in Berührung gekommen. Sie sammeln die Tiere mit großer Leidenschaft. Häufig sind seine Bücher mit Tierfiguren verziert. Auf dem Schutzumschlag für „Das himmlische Kind“ schaut ein Zebra vom Betrachter weg in die Ferne. Aus diesem Buch las der Autor am 12. Februar inmitten der wunderbaren Tierzeichnungen von Eva Zippel.

Zu Anfang baute er eine kleine Zebrafamilie vor sich auf und erzählte, wie bei einem Spaziergang sein Sohn stürzte und ihm das Zebra aus der Hand gefallen ist. Dabei brach dem Zebra ein Bein ab, das sie, trotz intensiven Suchens, nicht wieder finden konnten. So blieb das Tier dreibeinig. Das ist umso erstaunlicher, da die Schleichfiguren für ihre Robustheit berühmt sind.

Nachdem er die Zuhörer mit dem Tischschmuck bekannt gemacht hat, begann Heinrich Steinfest die Geschichte in groben Zügen zu skizzieren. Zwei Kinder, mutterseelenallein wie Hänsel und Gretel. Die zwölfjährige Miriam fühlt sich für ihren kleinen Bruder verantwortlich. Die beiden haben den absichtlich herbeigeführten Unfall ihrer Mutter wie durch ein Wunder überlebt. Gemeinsam kämpfen sie in einer Hütte im Wald ums Überleben.

Sie ernähren sich von Pilzen und Tannennadeln, scheuen sich auch nicht, eine tote Amsel zu kochen. Miriam erhält darüber hinaus mit einer weiter und weiter erzählten Geschichte den Lebensmut ihres schwer kranken Bruder Elias aufrecht. Heinrich Steinfest erklärt, wie eine Geschichte funktioniert, was es braucht, um sie spannend und anschaulich werden zu lassen. All das muss in seinem Buch das Mädchen als Geschichtenerzählerin für ihren Bruder leisten. Wieder einmal geht Heinrich Steinfests Fabulierlust mit ihm durch.

Ich weiß, dass der Autor mühelos zwischen dem Krimi- und dem Sience-Fiction-Genre zu wechseln vermag. Daher wundere ich mich nicht über die Beschreibung einer Welt mit zwei Monden am Himmel, in der Erwachsene und Kinder auf unerklärliche Weise getrennt werden. Miriam erzählt ihrem Bruder von der wundersamen Rettung einer Truppe buchhalterisch begabter Außerirdischer, von „Spinks“, Higgs-Teilchen und einem bemitleidenswerten Drachen, der angekettet in einem Vulkan lebt. Sie weiß sehr wohl, welche Faszination Drachen auf ihren sechsjährigen Bruder ausüben.

Wir werden an diesem Abend nicht nur mit in Auszügen mit einer spannenden Geschichte unterhalten sondern erfahren ganz nebenbei was es braucht, eine spannende Geschichte zu erzählen.

Der neue Roman von Heinrich Steinfest „Der Allesforscher“ erscheint am 10. März 2014. Am selben Tag wird es mit einer Lesung und im Gespräch mit Denis Scheck im Literaturhaus Stuttgart vorgestellt. In der GEDOK las Heinrich Steinfest einen kurzen Text daraus vor und erweckte meine Neugierde.

Entwürfe von Eva Zippel für die Firma Schleich

Entwürfe von Eva Zippel für die Firma Schleich

20 Jahre Literaturblatt – Ein Grund zu feiern

03.02.2014 at 21:28

literaturblatt_01Irene Ferchl feierte am Freitag, den 31. Januar 2014, das 20jährigen Bestehen des Literaturblatts, das sie gegründet hat und heraus gibt. Im wahrsten Sinne des Wortes lud das Literaturblatt zu sich nach Hause ein: In den Galeriesaal der Stuttgarter Stadtbibliothek. Hier, umgeben von Büchern, spielte eine Jazz Combo auf und der auf literarischen Pfaden sicher wandelnde Redakteur des SWR, Wolfgang Niess, führte mit leichter Hand durchs Programm. Er kennt das Projekt von Anfang an. Schon bei der ersten Nummer des zweimonatlich erscheinenden Heftes, sprach Wolfgang Niess mit Irene Ferchl über die Literaturzeitschrift, die das literarische Leben – anfänglich in der Region Stuttgart – mittlerweile in ganz Baden Württemberg in den Blick nimmt und darüber berichtet.

Ein ähnliches Zeitungs-Projekt des Verlegers Johann Friedrich Cotta stellte eine vierköpfige  Theatergruppe vor: Zwei Jahre, von 1795–1797 gab Friedrich Schiller die Zeitschrift „Die Horen“ heraus, die monatlich in der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung in Tübingen erschien. Auch hier spielt Irende Ferchl eine gewichtige Rolle. Sie zeichnet für die Dramaturgie verantwortlich, Robert Atzlinger für die Inszenierung und Textfassung. Einen Ausschnitt daraus wurde an diesem Abend über die vielen Treppen des Galeriesaals hinauf und hinunter gespielt.

Das Literaturblatt erscheint seit vielen Jahren im S. Hirzel Verlag. Sein Verleger, Dr. Christian Rotta, zeigte in seiner Laudatio, welche Verbindungen es zwischen Medikamenten und Literatur gibt, zwischen Apothekern und Schriftstellern. Bekannte Schriftsteller wie Jean Paul waren von Hause aus Apotheker. Arzneimittel sind ähnlich wie Bücher strengen Kriterien der Vermarktung unterworfen. Es passt, dass der S. Hirzel Verlag zur Verlagsgruppe Deutscher Apotheker Verlag gehört.

literaturblatt_02Wolfgang Niess sprach mit Irene Ferchl über die Anfänge und Wegstationen ihres Blattes. Alle bisher erschienen Ausgaben hatte sie aus ihrem Keller mitgebracht und auf dem Lichtpodest des Galeriesaales ausgelegt. So wurde die Vielseitigkeit der Themen rund um die Literaturszene sichtbar gemacht.

Heinrich Steinfest redete über seine Ankunft in Stuttgart, erzählte, wie das Literaturblatt und die Stadtbibliothek ihm ein Anker in der Region wurden. literaturblatt_03Er hatte ein Kapitel aus seinem neuen, noch nicht erschienenen Roman „Der Allesforscher“ mitgebracht, das ins Stuttgart spielt. Seine Lesung bildete den krönenden Abschluss des gelungen Programms.

Am kalten Buffet, bei Wein, Bier und vielen Gesprächen klang der Abend aus. Dem Literaturblatt und Irene Ferchl wünsche ich für die Zukunft alles Gute, auf dass wir weiterhin viele anregende und informative Ausgaben in Händen halten können.