Friedenspreisträger Jürgen Grässlin zeigt der Waffenindustrie die Zähne

11.12.2016 at 18:50
Jürgen Grässlin vor der Veranstaltung im Interview mit dem SWR

Jürgen Grässlin vor der Veranstaltung im Interview mit dem SWR

 

Der diesjährige Friedenspreis der Anstifter wurde am 10.12.16 im Theaterhaus an den Friedensaktivisten Jürgen Grässlin verliehen. Der Friedenspreis ist mit 5.000 € dotiert.

Die Anstifter zeichnen damit einen Mann aus, der seit Anfang der 1980er Jahren gegen die Waffenindustrie und ihre tödlichen Exportgeschäfte kämpft. Mit Worten und Aktionen, nicht mit Waffen. Für ihn sind das geschriebene und das gesprochene Wort die wirksamsten Waffen gegen die Todesindustrie.

Jürgen Grässlin hat Heckler & Koch schon lange „im Visier“

Schon 1989 gründete er am Hauptsitz des Rüstungskonzerns Heckler & Koch in Oberndorf das Rüstungs-Informationsbüro Oberndorf (RIO). Seitdem legt er sich mit dieser Waffenschmiede an, die durch ihren Kleinwaffenexport Millionen von Kriegstoten und Verwundeten auf der Welt verantwortet.

In seinem Buch „Versteck dich, wenn sie schießen“ von 2003 gibt er anhand konkreter Fallbeispiele den Opfern eine Stimme. Für seine Recherchen reiste er in die Bürgerkriegsgebiete Somalia und Türkei und sprach mit Opfern deutscher Gewehrexporte. Was er dort erlebte, prägt ihn bis heute und lässt ihn mutig seinen Weg gehen, trotz massiven Drucks aus Wirtschaft und Justiz.

Ermittlungen gegen der Kläger

Stuttgart ist für Jürgen Grässlin nicht nur der Ort, an dem er mit dem Friedenspreis ausgezeichnet wird, es ist auch der Ort, an dem er und seine Mitstreiter Strafanzeigen gegen Heckler & Koch und den Rüstungskonzern Carl Walther gestellt haben. Hier sitzt die zuständige Staatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Baden-Württemberg. Angestoßen durch die Vorermittlungen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat nunmehr die Münchener Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen ihn und seine Mitautor Daniel Harrich und die Dokumentarfilmerin Danuta Harrich-Zandberg wegen ihrer Veröffentlichungen von Insiderdokumenten zu widerrechtlichem Waffenhandel in ihrem Buch „Netzwerk des Todes. Die kriminellen Verflechtungen von Waffenindustrie und Behörden“ aufgenommen. Das ist kafkaesk.

Starke Netzwerke sind notwendig zur Überwindung des Todeskartells

Jürgen Grässlin weiß, die Arbeit gegen die waffenproduzierende Industrie und die exportorientierte deutsche Politik kann nur mit einem breiten Bündnis zum Erfolg geführt werden. Seine „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel“ ist ein wichtiges Bündnis, in dem er ganz unterschiedliche Akteure der Zivilgesellschaft zusammengeführt hat. Von der Initiative „Aachener Friedenspreis“ über diverse Friedensnetzwerke, kirchlicher Aktionsgruppen bis hin zu gewerkschaftlich Gruppierungen, hat er sein Netzwerk gegen die Händler des Todes gewebt. In seiner Dankesrede zeigt er auf das neben dem Rednerpult aufgestellte Plakat der Anstifter und sagt: „Ich bin der festen Überzeugung, dass das stimmt, was da steht: Eine andere Welt ist möglich. Und nicht, weil die Gegenseite sagt, es ist nicht möglich, sondern weil wir fest daran glauben, dass wir diese Welt ändern werden und wir werden sie ändern“. Und der Netzwerker Grässlin wäre nicht Grässlin, würde er nicht auf seine neue Aktion an diesem Abend hinweisen: Er will Grenzen für Menschen öffnen und Grenzen für Waffen schließen.

Am Ende seiner kurzen Dankesrede holt er seine Frau auf die Bühne, küsst sie und bedankt sich bei ihr für ihre Unterstützung auch in sehr schweren Zeiten. Diese Geste der Dankbarkeit gegenüber seiner Frau Eva wird zu einem bewegenden Augenblick der Feier, die in diesem Jahr ganz in der Hand von Frauen liegt.

Die Vorsitzende der Anstifter Dr. Annette Ohme-Reinicke

Die Vorsitzende der Anstifter Dr. Annette Ohme-Reinicke

Die Anstifter: fest in Frauenhand

Die promovierte Politikwissenschaftlerin, Mitbegründerin der taz, Journalistin und Autorin Dr. Ute Scheub hält die Laudatio auf den Preisträger. Sie, die Koordinatorin des weltweiten Projektes „Peace Women Across the Globe“ ist, trägt Jürgen Grässlin die Ehrenmitgliedschaft in der Organisation an für sein Engagement für den Frieden. Durch den Abend führt die Schauspielerin Barbara Stoll, die dieses höchstprofessionell macht, ist sie doch häufig mit der Aufgabe einer Moderation betraut und kann aufgrund ihrer Ausbildung als Schauspielerin schnell auf die unterschiedlichen Situationen an einem solchen Abend reagieren. Und die Anstifter werden durch ihre frisch gewählte, neue Vorsitzende Dr. Annette Ohme-Reinicke repräsentiert.

Foaie Verde spielt für Jürgen Grässlin

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Die Anstifter haben gelernt, wie wichtig bei solch „textlastigen“ Veranstaltungen zur Ehrung eines Mitgliedes der Zivilgesellschaft ein kultureller Rahmen ist und haben die Gruppe Foaie Verde eingeladen, die auf hohem musikalischen Niveau die Gäste mit ihrer Gypsy-Musik verzaubern.

Peter Grohmann, der aus dem Vorstand der Anstifter ausgeschiedene Mitbegründer der Anstifter, hat das Schlusswort und er hält es mit der gleichen Verve, wie all die Jahre zuvor, humorvoll, warmherzig und aufrüttelnd. Seine Rede ist hier nachzulesen.

 

Eine Auswahl der Bücher von Jürgen Grässlin

Versteck dich, wenn sie schießen
Droemer Knaur
Das Buch ist vergriffen. Der Autor bietet es hier zum Herunterladen an.

schwarzbuch_waffenhandelSchwarzbuch Waffenhandel: Wie Deutschland am Krieg verdient
Taschenbuch, 624 Seiten
Heyne, Preis: 14,99 €

Jürgen Grässlin, Daniel M. Harrich, Danuta Harrich-Zandberg
Netzwerk des Todes: Die kriminellen Verflechtungen von Waffenindustrie und Behörden
Broschiert, 384 Seiten
Heyne, Preis: 16,99 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Jürgen Grässlin erhält Friedenspreis

17.05.2016 at 22:30
Jürgen Grässlin

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Jürgen Grässlin erhält diese Jahr den mit 5000 Euro dotierten Stuttgarter Friedenspreis der AnStifter. Damit erhält der Rüstungsgegner und Aufklärer Rückenwind für sein Engagement gegen menschenverachtende Rüstungsexportpolitik. Seit über 30 Jahren klärt Jürgen Grässlin die Öffentlichkeit über die Waffenexporte der Bundesrepublik Deutschland auf. Er ist Verfasser des Buches Schwarzbuch Waffenhandel, ein Standartwerk zum Thema.

Jürgen Grässlin, geboren 1957 in Lörrach, ist von Beruf Lehrer und Friedensaktivist. Im Rahmen seiner politischen Tätigkeit veröffentlichte er neben dem Schwarzbuch zahlreiche Sachbücher zu Rüstungsindustrie und Bundeswehr. Jürgen Grässlin ist Sprecher der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) und anderer rüstungskritischer Organisationen. 2012 erhielt die von ihm mit initiierte Aktion „Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“ den Friedenspreis für ihr Engagement gegen Rüstungsexporte. Jürgen Grässlin ist ihr Sprecher.

Jürgen Grässlin ist Aufklärer auf vielfältige Weise

Jürgen Grässlins Engagement gegen die illegalen Waffenlieferungen des Unternehmens Heckler & Koch brachte ihm eine beachtliche mediale Aufmerksamkeit. Erst vor kurzem hat er eine Fernsehdokumentation zum Thema illegale G36-Waffendeal mit Mexiko seitens Heckler & Koch (H&K) unterstützt. Darin werden die kriminellen Verflechtungen und die Zusammenarbeit von H&K mit dem Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) und dem Bundesausfuhramt umfassend aufgezeigt. Der Staatsanwaltschaft Stuttgart wurden zahlreiche Dokumente zur Verfügung gestellt. Doch diese ermittelte nicht gegen die Firma und die Mitverantwortlichen des BMWi und der BAFA sondern leitete wenige Monate nach Erscheinen des Buches „Netzwerk des Todes“ (auf dem der Fernsehbericht beruht) Vorermittlungen gegen die drei Buchautor/innen ein. Die Staatsanwaltschaft München begann daraufhin mit Ermittlungen gegen die Autoren. Der Vorwurf lautet auf Verdacht der Veröffentlichung verbotener Mitteilungen über Gerichtsverhandlungen gemäß § 353d Strafgesetzbuch.

Den Kriminalautor Oliver Bottini hat er bei den Recherchen zu seinem Buch Ein paar Tage Licht, in dem es um Waffenexporte nach Algerien geht, beraten. Ebenso hat er den Regisseur und den Drehbuchautor des Fernseh-Thrillers Meister des Todes fachtechnisch beraten. Damit ist das Thema Waffenexporte aus Baden-Württemberg auch in der Kriminalliteratur und im Film angekommen.

Jürgen Grässlin konnte sich im zweiten Wahlgang gegen den Zeitzeugen Theodor Bergmann , die Seenotrettungsorganisation Seawatch (Geflüchtete in Seenot), Ärzte ohne Grenzen und die kurdische Menschenrechtsaktivistin Leyla Zana durchsetzen. Die Verleihung des Friedenspreises 2016 findet im Rahmen der Friedensgala der AnStifter am 10. Dezember 2016, 17.00 Uhr, im Theaterhaus Stuttgart statt.

schwarzbuch_waffenhandel

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Schwarzbuch Waffenhandel: Wie Deutschland am Krieg verdient
Taschenbuch, 624 Seiten
Heyne, Preis: 14,99 €

 

Jürgen Grässlin, Daniel M. Harrich, Danuta Harrich-Zandberg
Netzwerk des Todes: Die kriminellen Verflechtungen von Waffenindustrie und Behörden
Broschiert, 384 Seiten
Heyne, Preis: 16,99 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Benefizveranstaltung für Sant’Anna

06.01.2016 at 17:46
Enio Mancini aus Sant'Anna

Enio Mancini aus Sant’Anna
Foto: © Fritz Mielert

Enio Mancini ist einer der wenigen Überlebenden des SS-Massakers in Sant’Anna di Stazzema am 19. August 1944. Die AnStifter haben am Gedenktag der Opfer des Faschismus eine Benefizveranstaltung in der Gaisburger Kirche, Stuttgart, Faberstraße 17 organisiert. Zeit: Mittwoch, 27. Januar 2016, 19:00 Uhr

Ich werde aus Enio Mancinis Erinnerungen, der als Kind das Massaker von Sant‘Anna di Stazzema überlebt hat, lesen. 2013 hat Enio Mancini zusammen mit Enrico Pieri den Friedenspreis der Stuttgarter AnStifter erhalten.

Carolin Kaiser und Jonathan Ferber spielen auf der bemerkenswerten Orgel der Gaisburger Kirche Werke von J. S. Bach, J. G. Albrechtsberger, S. Wesley und F. Schubert.

Der Erlös der Benefizveranstaltung ist für die Friedensorgel in Sant’Anna bestimmt. Die durch Spenden finanzierte Orgel soll zwei zusätzliche Register erhalten. Nach dem eklatanten Versagen der Stuttgarter Justiz – kein Prozess gegen die Täter – sind Zeichen der Solidarität für die Menschen von Sant’Anna von größter Bedeutung.

Die AnStifter laden herzlich ein. Der Eintritt ist frei, Spenden sind erbeten.

Hintergrund zur Problematik Kriegsverbrechen in Sant’Anna di Stazzema

Aus der Erklärung der AnStifter-Initiative Sant’Anna vom 29.9.2015:
Die Stuttgarter AnStifter-Initiative Sant’Anna hatte sich Ende 2012 in der Reaktion auf die Einstellung der Ermittlungen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft zusammengefunden und damals erklärt: „Wir schämen uns und sind empört über den Umgang der Stuttgarter Justiz mit den deutschen Kriegsverbrechen in Sant’Anna di Stazzema. Im Jahr 1944 ermordete die SS 560 Menschen in dem italienischen Dorf Sant’ Anna di Stazzema, vor allem Frauen und Kinder. Die Täter sind von einem italienischen Gericht verurteilt, aber frei. Die Überlebenden fordern Gerechtigkeit… vergeblich. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft – zuständig Bernhard Häußler – hatte das Verfahren im Oktober 2012 eingestellt. Damit bleiben die Täter auf freiem Fuß. Wir Bürgerinnen und Bürger Stuttgarts – und darüber hinaus – sind empört über den Umgang der Stuttgarter Justiz mit den Kriegsverbrechern.“

Der geräuschlose Krieg: Blitzschnell!

09.12.2015 at 13:15

Unter diesem Titel hielt Peter Grohmann bei der Friedens-Gala der AnStifter am 6. Dezember 2015 im Theaterhaus Stuttgart eine Rede, die ich hier im Wortlaut wiedergebe:

„Dieser Abend ist eine Demonstration für das Menschenrecht auf Leben, auf Frieden! So geräuschlos ist Deutschland noch nie in einen Krieg geglitten. Und dennoch dürfen wir uns nicht daran gewöhnen! Ich will mich nicht daran gewöhnen, dass Deutschland Teil einer Kriegsmaschinerie ist. Ich will mich nicht daran gewöhnen, dass der mühsame Frieden zerstört und zerfressen wird.

Peter Grohmanns Appell zum Anstiften

Peter Grohmann

– dass es normal ist, in den Krieg zu ziehen,
– dass es normal ist, mit Waffen zu handeln,
– dass es normal ist, ohne langes Gerede JA zum Krieg zu sagen
– frohgemut in die Katastrophe: Denn sie wissen nicht, was sie tun!

Ich kann es nicht glauben, dass dieses Schweigen ist im Land, dieses Zuschauen und diese Verharmlosung des Krieges!

Wir dürfen uns nie daran gewöhnen, dass das Recht des Stärkeren gilt – wo auch immer! Wir dürfen uns nie daran gewöhnen, dass das Recht auf Asyl noch weiter ausgehöhlt wird, dass die Charta der Menschenrechte nichts ist als das Versprechen für übermorgen.

Wir dürfen uns nie daran gewöhnen, dass täglich 30.000 Kinder verhungern, 30.000 und mehr, dass Ernten im Meer versenkt werden, um den Getreidepreis stabil zu halten. Ich will mich nicht daran gewöhnen, dass Hunderttausende im eigenen Land nicht satt werden, dass Hunderttausenden im eignen Land der Zugang zu Gesundheit, Bildung und einem würdevollen Leben verwehrt wird.

Wir dürfen uns nie daran gewöhnen, dass der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ zu einer leeren Floskel verkommt.

Ja: Wir sind gegen Gewalt und Vergessen, gegen Terror und Krieg, wo auch immer. Oft haben wir keine schnellen Antworten auf hundert Zweifel, auf tausend Fragen.
Aber Krieg ist immer die falsche Antwort.

Wir dürfen uns nicht an die Barbarei einer globalisierten Welt gewöhnen: An die Ausplünderung armer Länder, die Waffenlieferungen, an die Unterstützung von Despoten und Diktatoren, Tyrannen und Sklavenhaltern. Wir dürfen uns nicht an das Aushebeln elementarer Grundrechte gewöhnen, nicht in Ungarn, nicht in der Türkei, nicht in Polen. Wir dürfen uns nie an den Triumph des Front National gewöhnen. In Solidarität und Geschwisterlichkeit sagen wir:
Non! Nein! Njet! No! Nie! Hayır! Neniu! nincs! Babu! Sin! Óchi! Nein zu Populismus, nationaler Engstirnigkeit, Rassismus und Gewalt.

Ich möchte nicht, dass die Deutungshoheit über die Moral die bekommen, die keine haben. Es gibt die Unschuld des Nicht-Wissens nicht mehr. Wir wissen, dass der Wohlstand auf Unrecht aufgebaut ist. Wir wissen, dass wir die Erde zerstören. Und wir können auch längst nicht mehr ignorieren, dass andere arm sind, weil wir reich sind. Wir werden uns nicht herausreden können mit den immer gleichen Worten: „Davon haben wir nichts gewusst“. Nein, denn wir werden es gewusst haben.

Aber ich will mich daran gewöhnen, mit Menschen gelebt und gekämpft zu haben, die aufstehen, wenn es notwendig ist! Heute, jetzt!
Mit Menschen, die Nein sagen!

Ich will mich daran gewöhnen, an Eurer Seite zu sein: Mit Menschen, die Herz und Verstand besitzen, die mit Fantasie und Solidarität für Gerechtigkeit und Frieden eintreten:

Mit Menschen wie Euch.“

Giusi Nicolini erhält Stuttgarter Friedenspreis 2015

07.12.2015 at 14:46
Friedenspreis für Giusi Nicolini

Costantino Baratta und seine Frau Rosa Maria Maggiore erhalten stellvertretend für Giusi Nicolini von Ebbe Kögel den Friedenspreis der Anstifter

 

Die Bürgermeisterin von Lampedusa, Giusi Nicolini, wurde am 6. Dezember 2015 mit dem Friedenspreis der Anstifter geehrt. Aus Termingründen konnte die Preisträgerin nicht bei der Verleihung im Theaterthaus in Stuttgart dabei sein. Stellvertretend für sie übergaben die Anstifter den Preis an Costantino Baratta und seine Frau Rosa Maria Maggiore.

Gesetz der Gastfreundschaft verpflichtet die Menschen auf Lampedusa zur selbstlosen Hilfe

Costantino Baratta rettete am 3. Oktober 2013 elf Flüchtlingen das Leben, die mit ihrem überladenen Fischkutter vor Lampedusa untergegangen waren. Es waren Menschen aus Eritrea, die von Libyen aus die Flucht nach Europa angetreten hatten. Selbstlos half das Ehepaar. Liebevoll werden sie noch heute von den Flüchtlingen Mama Rosa und Papa Constantino genannt. Fischer aus Lampedusa helfen Menschen in Seenot und bringen sie an Land. Sie wissen um die Gefahren der Seefahrt.

Prof. Dr. Heidrun Friese führte in ihrer Laudatio aus: „Das Gesetz der Gastfreundschaft und das Gesetz des Meeres sind auf Lampedusa nach wie vor ganz wichtig. Um zu helfen oder um Hilfe zu bitten muss man nicht die gleiche Sprache sprechen.“ Und weiter über die tatkräftige Unterstützung der Lampedusani: “Wenn wir hier auf Lampedusa Hilfe leisten fragen wir nicht: woher kommst du, wie heißt du, welchen Glauben hast du, was willst du, sondern wir fragen, was ist dir passiert?“

Giusi Nicolini sendet ein Grußwort

Und so wurde der Preis nicht nur Giusi Nicolini verliehen, sondern allen Lampedusani, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Costantino Baratta verlas das Grußwort der Bürgermeisterin. Darin schreibt sie:

“ In den letzten 3 Tagen sind weitere eintausend Flüchtlinge und Migranten zu uns gebracht worden, die aus der Meerenge von Sizilien gerettet wurden.
Jeder Einzelne von ihnen hat eine Geschichte zu erzählen und jeder hat einen Grund, der ihn zur Flucht zwingt. Jeder Einzelne von ihnen, wie die Hunderttausende, die in den letzten Jahren auf Lampedusa angekommen sind, hat das Recht, gehört und nicht zurückgewiesen zu werden, wie ein Problem, das uns nichts angeht. Weil so ist es nicht. “ (Die ganze Rede siehe hier)

 

Neue musikalische Wege

Neue musikalische Wege

 

Friedenspreis für Giusi Nicolini

Artistische Hochleistung

Strom & Wasser feat. THE REFUGEES elektrisieren

Musikalisch wurde der Abend untermalt von der Gruppe „Strom & Wasser“. Die Band um den Bassisten, Sänger und Texter Heinz Ratz ist bekannt für spektakuläre Aktionen. Er organisierte einen „Moralischen Triatlon“, bei dem ein Teil in enger Zusammenarbeit mit Pro Asyl und den deutschen Flüchtlingsräten stattfand: „Die Tour der 1000 Brücken“. Insgesamt 7000 Kilometer fuhr er mit dem Fahrrad für ein menschliches Miteinander quer durch die Bundesrepublik. Er forderte Flüchtlinge zum Mitmachen auf der Bühne auf, spielte mit der Band in Flüchtlingslagern, lernte unzählige Menschen kennen, die in ihren Herkunftsländern berühmte Musiker waren, sich aber hier hinter den Mauern der Flüchtlingslager oft nicht einmal ein Instrument leisten konnten. Er erweiterte seine Band bei Auftritten mit Flüchtlingen: Strom & Wasser feat. THE REFUGEES. An diesem Abend hatte er zwei beeindruckende Artisten dabei: Eine Jongleuse aus Köln und einen Artisten, der trotz seiner Behinderungen Außergewöhnliches auf der Bühne vorführte. Es wurde ein Lebensmut sichtbar, der, getragen von Anerkennung und Würde, aus Flüchtlingen Menschen macht. Sam aus Gambia (heute Reutlingen) spielte Djembe und sang. Ein Rapper aus Ghana mischte das Publikum auf.

Friedenspreis für Giusi Nicolini

Strom&Wasser feat. THE REFUGEES

Neue Bilder braucht das Land

Die musikalischen „Bilder“ sind wichtig, um einen anderen Eindruck von den Menschen zu vermitteln als der, der von der Presse stereotyp transportiert wird. Auch das „Zentrum für Politische Schönheit“ versucht neue, teils provokante Bilder in den öffentlichen Raum zu transportieren, wie der Geheimrat des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS), André Leipold, es in der Podiumsdiskussion mit Dr. Heidrun Friese (Professorin für Interkulturelle Kommunikation an der TU Chemnitz) und der Politikwissenschaftlerin Ellen Esen erläuterte.

In seiner Abschlusserklärung ging Peter Grohmann von den Anstiftern auf die drohende Kriegsgefahr ein, die das Herkunftsland so vieler Flüchtlinge bedroht. Es sei erschreckend, wie leise, ohne großen Protest, eine internationale Koalition unter Beteiligung deutscher Verbände, Syrien derzeit angreift und das Leben der Bevölkerung durch zusätzlichen Bombenterror bedroht.

Peter Grohmanns Appel zum Anstiften

Peter Grohmanns Appell zum Anstiften

Aufstehen! Anstiften! Zu Frieden und Mitmenschlichkeit! Das ist das Gebot der Stunde!

 

Nachtrag:
Die Anstifter haben auf ihrer Seite eine Auswahl meiner Bilder des Abends veröffentlicht.
Hier gehts zu den Bildern

Die Freiheitsstatur nach Lampedusa bringen!

21.10.2015 at 14:25
freiheitsstatur

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„Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,
Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt‘ ich mein Licht am gold’nen Tore!“

So endet das Sonett The New Colossus von Emma Lazarus, das die Freiheitsstatur in New York ziert. Es wäre eine Überlegung wert, die Freiheitsstatur an den Toren Europas zu errichten.

Am 6. Dezember verleihen Die AnStifter den Friedenspreis 2015 an Giuseppina Maria „Giusi“ Nicolini, Bürgermeisterin der italienischen Gemeinde Lampedusa und Linosa, die für ihr Engagement für eine humanere Flüchtlingspolitik der Europäischen Union ausgezeichnet wird.

Die Preisverleihung findet im Stuttgarter Theaterhaus statt. Karten für die Veranstaltung gibt es beim Theaterhaus oder direkt bei den Anstiftern.

Friedenspreis 2014 geht an: Edward Snowden!

26.11.2014 at 15:53
friedenspreis_01

Eward Snowden, per Videokonferenz zugeschaltet

 

Der Friedenspreis der Anstifter wurde am 23. November dem Whistleblower Edward Snowden verliehen. Der Raum im Theaterhaus war bis auf den letzten Platz besetzt, als Walter Sittler die Gala mit der Rezitation eines Ingeborg Bachmann Gedichts eröffnet und mit Zitaten großer Querdenker zum Nachdenken anregt.

ines pohl
Natürlich konnte Edward Snowden den Preis nicht persönlich entgegennehmen, er lebt im Asyl in Russland. Wäre er gekommen, wären die Geheimdienste der USA zur Stelle gewesen, ihn zu verhaften. Fritz Mielert, Geschäftsführer der Anstifter, und seine Mit-Anstifter stellten den Kontakt über den Rechtsanwalt Snowdens her und ermöglichten, den Preisträger via Liveschaltung an der Feier teilnehmen zu lassen. So konnte der Ausgezeichnete (simultan übersetzt) die Laudatio der TAZ-Chefredakteurin Ines Pohl miterleben. Sie lobte den Mut dieses Mannes und ging auf den Verlust der privaten Unversehrtheit jedes einzelnen ein: durch Überwachung der NSA und deutscher Geheimdienste. Ihre Rede ist hier nachzulesen.

Die Dankesrede von Snowden wurde vom Laptop-Bildschirm abgefilmt und eingespielt. Er sah schmaler aus, als man ihn von Fotos kennt. Er saß vor einer schwarzen Wand. Wo, das weiß keiner so genau. friedenspreis_05Am Ende seiner Rede fluteten die Zuschauer den Saal mit Plakaten, die sie dem Preisträger in die Kamera hielten und auf denen sie ihn für seinen Mut dankten. Diese Plakate sammelte Peter Grohmann in einen wunderschönen Koffer ein, um sie nach Russland zu schicken.

Musikalisch bewiesen die Anstifter wieder ihr Gespür für hervorragende Musik mit engagierten Texten. Sie hatten die Band „Rainer von Vielen“ eingeladen, eine vierköpfige Band aus Kempten im Allgäu. Fetzige Akustikgitarre traf auf Akkordeon und Mundharmonika, Bass und Schlagzeug. Der Gesang der Gruppe war teils von Obertongesang durchdrungen.friedenspreis_06

In einer anschließenden Podiumsdiskussion suchten Ines Pohl, Constanze Kurz und Josef Foschepoth Antworten auf die Frage: „Demokratische Kontrolle von Geheimdiensten – machbar oder aussichtslos?“ Constanze Kurz ist Sprecherin des Chaos Computer Clubs und kritisiert die Geheimdienste, denn sie kennt die technischen Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen. Josef Foschepoth vom Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg hat ein beachtenswertes Buch zum Thema geschrieben: „Überwachtes Deutschland“. Fritz Mielert brauchte die Runde nicht zur Diskussion zu animierten, es war ein Thema, das allen auf den Nägeln brannte und bei dem sie sich kompetent einbringen konnten.

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Cams21 hatte sich freundlicherweise um den Live Stream der Friedensgala gekümmert. Die Aufzeichnung ist hier abrufbar. Die untertitelte Dankesrede von Edward Snowden gibt es unter diesem Link. Den Abdruck der Laudatio und der Dankesrede veröffentlichten Die Anstifter auf ihrer Seite.

Stuttgarter Friedenspreis 2013 verliehen

12.11.2013 at 16:47

friedensgala

Der Stuttgarter Friedenspreis der AnStifter wurde dieses Jahr an Enrico Pieri und Enio Mancini verliehen, zwei Überlebende des Massenmordes in Sant’Anna di Stazzema, stellvertretend für alle Überlebenden und für die Familien der Opfer.

Ein Dorf ist von den Anstiftern eingeladen, nach Stuttgart zu kommen. Etwa 50 Frauen, Männer, Kinder kamen, um an der Verleihung des diesjährigen Friedenspreises teilzunehmen. Er geht an Enrico Pieri und Enio Mancini, zwei Überlebende des Massenmordes in Sant’Anna di Stazzema, stellvertretend für alle Überlebenden und für die Familien der Opfer.

Sant’Anna di Stazzema ist ein Dorf in den italienischen Bergen gelegen. Dort verübte am 12. August 1944 die Waffen-SS ein Massaker an 560 Zivilisten, überwiegend Frauen und Kinder. Die Menschen hatten sich in diesem Dorf in Sicherheit gewiegt, ein tödlicher Irrtum. Die Waffen-SS trieb die Dorfbevölkerung zusammen und erschoss alle, die ihnen vor die Maschinenpistolen kamen. Selbst der kirchliche Raum bot den Menschen keinen Schutz.

Beschämend, wie die Stuttgarter Staatsanwaltschaft mit den Untersuchungen umging: Sie verfügte die Einstellung der Strafverfolgung gegen die noch lebenden SS-Männer. Auch Italien hat unerklärlicherweise 60 Jahre gewartet, um die Massaker juristisch aufzuarbeiten und Deutschland hat die Urteile nicht einmal anerkannt. Vielleicht könnte jetzt der Einsatz der AnStifter andere Wege öffnen, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun, um das zu erreichen, wofür sich Enio Mancini und Enrico Pieri seit Jahrzehnten einsetzen.

Zur Eröffnung der Gala standen alle Gäste auf der Bühne, neun Gäste legten Zeugnis ab über die Gräueltaten. Grußworte sprach der Stuttgarter Bürgermeister Werner Wölfe und der italienische Botschafter Elio Menzione. Musikalisch untermalte die Gruppo di Musca Populare den Abend sowie die Solistinnen Etta Scollo (Gitarre und Gesang) und Susanne Paul (Cello).

friedensgala_002Dreimal wurde das „Menschle“ überreicht, die Laudatio hielt Giuliana Sgrena, selbst Friedenspreisträgerin (2005):

An Enrico Pieri, stellvertretend für Enio Mancini an Maren Westermann, Signore Mancini konnte krankheitsbedingt nicht kommen. Das dritte Menschle ging an das Dorf Sant’Anna di Stazzema.

Enrico Pieri bedankt sich für den Preis, sein Sohn übersetzt ins Deutsche

Enrico Pieri bedankt sich für den Preis, sein Sohn übersetzt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zum Schluss kamen alle italienischen Gäste noch einmal auf die Bühne und wurden mit einem „Sternenregen“ und Rosen verabschiedet.friedensgala_004

Friedenspreis der Anstifter – Ein Jahr danach

02.10.2013 at 20:41

Vor einem Jahr erhielt die „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel“, den Friedenspreis der Anstifter. Ich hatte die Bewerbung unterstützt und die Wahl begrüßt. Seit meiner frühen Jugend bin ich davon überzeugt, dass zwischenstaatliche Konflikte nicht mit Gewalt gelöst werden können. Den Dienst an der Waffe habe ich konserquenter Weise verweigert.

Wenn ich mir die zwischenstaatlichen Konflikte heute anschaue, so hat sich gegenüber den sechziger Jahren eine Komponente verändert: Die militärischen Blöcke von damals existieren nicht mehr. Der Zusammenbruch der sozialistischen Gesellschaftsmodelle im „Ostblock“ hat das Lagerdenken pulverisiert. Aber das Morden geht weiter. Vor allem mit deutschen Waffen. Unsere Industrie verdient an dem Export von Waffen – selbst in Krisengebieten – gut. Das muss ein Ende haben. Ein eindrucksvolles Video hat die Gruppe „Silly“ zu dem Thema gemacht:

Jede Aktion, die die Herstellung und den Export von Waffen anprangert, ist unterstützenswert. Am DI 08.10.13, 19:00 – 21:30 Uhr präsentiert Jürgen Grässlin im Katholischen Bildungswerk (KBW) Stuttgart das Schwarzbuch zum Waffenhandel. Aus der Ankündigung im Programm des KBW:

schwarzbuch_waffenhandel„Politik, Industrie, Banken – wer profitiert vom Krieg? Unsere Politiker beschwören den Frieden und betreiben den Krieg: Deutschland ist der weltweit drittgrößte Waffenexporteur – und schreckt vor Lieferungen an verbrecherische Regime und Diktatoren nicht zurück. Jürgen Grässlin deckt auf, wer die Profiteure dieser Kriegswirtschaft sind, er nennt Industrieunternehmen beim Namen, er zeigt, wer in der Politik die Exporte genehmigt und wie die Banken das alles finanzieren. Hochbrisante Fakten, profund recherchiert – ein Augenöffner, wie tief unser Land in die globale Tötungsmaschinerie verstrickt ist.“

Jürgen Grässlin hat letztes Jahr als Sprecher der Kampagne “Aktion Aufschrei: Stoppt den Waffenhandel!” den Friedenspreis der Anstifter entgegen genommen.

Unterstützt wird die Veranstaltung von:
Internationale Katholische Friedensbewegung Pax Christi, DFG-VK, aktion hoffnung e.V. Rottenburg-Stuttgart, Diözesanrat Rottenburg-Stuttgart, Ohne Rüstung Leben, Die AnStifter