Die Linie – geschlossen: Grenzen überwunden! Räume zu eng

11.06.2017 at 12:27
theater.prekariat

.

 

Das theater.prekariat hat innerhalb von sechs Monaten ein Theaterstück erarbeitet und es am 9. Juni 2017 auf die Bühne des Stuttgarter Schauspiel Nord gebracht. Das Stück Linien.Grenzen.Räume wurde von der Regisseurin Adelheid Schulz, der bildenden Künstlerin Victoria Turnbull und der Dramaturgin Anna Haas zusammen mit jungen deutschen Darstellern und hierher Geflüchteten erarbeitet. Die Leitung der Produktion lag bei Felix Heimbach.

Auch ohne Bühnenbild werden die Lebensräume erfahrbar

Es braucht kein Bühnenbild, um die Situation der zu uns Geflüchteten erlebbar zu machen. Die 15 Darstellerinnen und Darstellern rennen mit Koffern über die kleine Studiobühne des Schauspielhauses Nord und augenblicklich ist man in die Fluchtsituation hineingezogen, die ein Teil der Darsteller so oder so ähnlich erlebt haben: Immer in Bewegung, nur das Nötigste aus der Heimat gerettet. Wer auf der Flucht ist, hat keine Privatsphäre, in die sie oder er sich zurückziehen kann. Die Betten der Sammelunterkünfte sind oft genug nur durch Stoffbahnen getrennt. Alles spielt sich vor den Augen der Anderen ab. Die Enge in den provisorischen Unterkünften wird dargestellt, indem die Akteure sich auf ihre Koffer legen. Nicht in Betten oder auf Matratzen. Die Wirklichkeit ist hart. Die Geflüchteten in der Truppe von Adelheid Schulz haben allesamt diese Erfahrung gemacht. Ein ganzer Tagesablauf wird erlebbar, im Zweistundenrhythmus wir eine Wanduhr gestellt. Aufstehen, Zähne putzen, die fremde Sprache lernen. Genervt von dem Sprachenlärm um ihn herum schreit der in ein Deutschbuch Vertiefte seine Heimbewohner an, ob sie nicht endlich mal Ruhe geben könnten, er müsse lernen. An solchen kleinen Szenen macht die Gruppe theater.prekariat klar, was es bedeuten kann, wenn Innenminister de Maizière die zu uns gekommenen Menschen auffordert, unsere Sprache zu lernen.

Sich Zeit lassen. Den Ort aufschreiben

theater.prekariat

.

 

Adelheid Schulz hat mit ihrem Ensemble das Projekt auf Grundlage eines Textes des französischen Schriftstellers Georges Perec entwickelt. „Von Zeit zu Zeit eine Straße beobachten, vielleicht mit etwas systematischer Aufmerksamkeit. Sich dieser Beschäftigung hingeben. Sich Zeit lassen. Den Ort aufschreiben. Das Datum aufschreiben.“ So beginnt sein Text. In mehreren „Try Outs“ hat sie ihre Idee überprüft, ist mit Zuschauern ins Gespräch gekommen. (Im Elsternest ist eine der Begegnungen beschrieben.)

Am Rande der Bühne eine Schreibmaschine. Darauf wird immer wieder geschrieben. Das Protokoll des Tages, projektiert an die Wand. Hat die Videokamera noch gerade die sich füllenden Seiten der Schreibmaschine den Zuschauern an die Wand geworfen, ist es in der nächsten Szene eine Weltkarte, auf der zu sehen ist, aus welchen Ecken der Welt die Menschen zu uns flüchten und wie weit die Entfernungen sind, die sie zurückgelegt haben. Im dritten „Try Out“ waren die Gäste gebeten worden, anzugeben, wo sie geboren wurden. Dann schritt man eine definierte Distanz ab und die Schrittzahl vom Geburtsort nach Stuttgart wurde errechnet und in eine Tabelle eingetragen. Hier wird deutlich, ein Flüchtling aus Syrien hat um ein Vielfaches höhere Schrittzahl benötigt, um zu uns zu kommen. Er kommt müde und erschöpft hier an. Er sucht Schutz.

Wie war es in der Heimat?

Die Geflüchteten blicken in ihr zurück gelassenes Leben, beschreiben den intimen Raum ihrer Kindheit: Wie sah mein Zimmer aus, wo stand mein Bett? Die Schriftstellerin Sudabeh Mohafez hat mit dem Ensemble die Texte in Schreibwerkstätten erarbeitet. Darin ist sie geübt. Schon mehrfach hat sie im Rahmen des Forums der Kulturen fürs Theater Schreibwerkstätten geleitet.

Als die letzten Sätze der Performance gesprochen sind und die fünfzehn Darstellerinnen und Darsteller sich an die Hand nehmen und vor dem Publikum verbeugen, fällt die Anspannung von ihnen ab, die sie auf der Bühne erlebt haben, die für einige von ihnen mit ihrem realen Leben übereinstimmt. Den Geflüchteten aus der Theatergruppe ist zu wünschen, dass sie in unserer Gesellschaft ihren Raum finden, dass sie zukünftig keine Linien der Ausgrenzung mehr überwinden müssen.

Darf man nach Afghanistan abschieben?

08.04.2017 at 10:32
Abschiebepraxis in der Diskussion

Jama Maqsudi, Pfarrer Joachim Schlecht, Dr. Michael Jantzer, Daniel Lede Abal und Bernd Rixinger (v. l. n. r.)

 

Rund 230 Menschen füllten den großen Saal des Hospitalhofs am 7. April 2017, bei der von den AnStiftern und dem Freundeskreis Neckarpark – Projektgruppe Begleitung vorbereiteten Veranstaltung: „Darf man nach Afghanistan abschieben“? Einem informativen Vortrag über die derzeitige Situation in Afghanistan vom Vorstand des Deutsch-Afghanischen Flüchtlingshilfe Vereins (DAFV), Jama Maqsudi, folgte eine engagierte Podiumsdiskussion mit reger Beteiligung des Publikums.

Frauenpower bringt Geflüchtete, UnterstützerInnen und Parteien ins Gespräch

Nur durch Beharrlichkeit war es Vertreterinnen des Freundeskreises Neckarpark – Projektgruppe Begleitung gemeinsam mit der Geschäftsführerin der AnStifter, Elka Edelkott, gelungen, Vertreter dreier politischer Parteien an einen Tisch zu bekommen. Geplant war eine Diskussion über die deutsche Abschiebepraxis, unter der Afghanen in unserem Land leiden, nachdem das Innenministerium in Berlin Afghanistan zum sicheren Herkunftsland erklärt hat. Afghanische Geflüchtete wollten von ihrem Schicksal erzählen, von dem Druck und der Angst, denen sie sich ausgesetzt sehen, seit Innenminister Thomas de Maizière, gestützt auf Geheimdienstquellen, ihr Land als sicher eingestuft hat. Er hat die Bundesländer angewiesen, diese Menschen in ihre Heimatstaaten zurückzuführen, soweit sie dem Status der „Rückführungsfähigkeit“ unterliegen. Die Leiterin des Hopitalhofs, Monika Renninger, stellte für die Diskussion einen großen Saal zur Verfügung.

Die Situation in Afghanistan ist alles andere als sicher

Jama Maqsudi, Vorstand des Deutsch-Afghanischen Flüchtlingshilfe Vereins (DAFV), machte in seinem Eingangsreferat eindrücklich klar, wie verworren und gefährlich die Situation in seinem Heimatland ist. Die Gegenden, die als sicher und somit als Ansiedelziel für die Abgeschobenen definiert wurden, liegen in den kargen Bergregionen, aus denen die Bevölkerung sich schon seit Jahren auf den Weg in die Ebene macht, weil sich die Bedingungen, eine erträgliche Landwirtschaft zu betreiben, verschlechtert haben. Die großen Städte des Landes, das sich durch eine Vielzahl von Völkern auszeichnet, leiden unter dem Terror verschiedener islamistischer Terrorgruppen. Fanatisierte Kämpfer der Taliban und des „Islamischen Staates“ sind hier aktiv. Während das Auswärtige Amt dringend von Reisen nach Afghanistan abrät, hält das Innenministerium an seiner Devise fest.

Angst vor Abschiebung grassiert unter den Afghanen

Qasem Ebrahimi und Mohammad Heidary, dessen Bruder mit seinen Freunden den Abend auch musikalisch einläutete, berichteten von ihrem Leben in Deutschland und über ihre Flucht zu uns. Nun, nachdem sie unter mannigfaltigen Gefahren hier angekommen sind, lebt die Angst wieder auf. Diesmal die vor Abschiebung. Was diese Angst mit den Menschen macht, schilderte Pfarrer Joachim Schlecht vom Arbeitskreis Asyl Stuttgart aus seiner täglichen Beratungspraxis. Diese Angst können auch Rechtsanwältin Vera Kohlmeyer-Kaiser, die sich ehrenamtlich im Flüchtlingsrat Baden-Württemberg engagiert, und Dr. Caroline Gritschke von Amnesty International Stuttgart den Flüchtlingen nur bedingt nehmen. Die eigentlich im Steuerrecht beheimatete, engagierte Anwältin vertritt die zu uns Geflüchteten und versucht mit allen juristischen Mittel eine Abschiebung zu verhindern. In Einzelfällen gelingt ihr das. Sie hofft, dass die Abschiebepraxis geändert wird und sie mit ihrer „Kaugummitaktik“ (Hin- und Langziehen der Verfahren) den Menschen das Schicksal einer Abschiebung ersparen kann.

Alle anwesenden Politiker lehnen Abschiebungspraxis ab

Bernd Riexinger verurteilte die Abschiebepraxis der Bundesregierung. Auch der Bundestagskandidat der SPD, Dr. Michael Jantzer, sprach sich gegen die Abschiebepraxis aus. Er sah in dem immensen Druck, dem sich die etablierten Parteien durch die nach rechts verschobene Diskussion ausgesetzt sähen, einen Grund für diese unmenschliche Praxis. Und er prophezeite, dass die rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen mit ihrer klaren Haltung gegen die Abschiebepraxis (sie hat sie ausgesetzt) die anstehende Landtagswahl klar für sich entscheiden wird. Er warb eindringlich dafür, gegen die rechtspopulistisch geprägte Debatte um Flucht klare Kante zu zeigen und plädierte dafür, menschlich zu handeln.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann steht in der Kritik

Erwartungsgemäß wurden vom Publikum die Antworten des Vertreters von Bündnis 90 / Die Grünen, Daniel Lede Abal, mit Spannung erwartet, hat sich doch Ministerpräsident Winfried Kretschmann nicht für einen Stopp der Abschiebepraxis ausgesprochen. Die baden-württembergische Landesregierung will weiter abschieben. Persönlich sei er, Daniel Lede Abal, gegen diese Praxis und könne nicht für die Regierung sprechen, höchsten für die Fraktion, denn er sei Landtagsabgeordneter, nicht Regierungsmitglied. Sehr sachlich konterte er den Angriff auf den Ministerpräsidenten: Warum dieser als Christ nicht von seiner Richtlinienkompetenz Gebrauch mache und die Abschiebepraxis aussetze? Kretschmann habe als Ministerpräsident im Gegensatz zur Kanzlerin keine Richtlinienkompetenz. Das verantwortliche Ressort ist das Innenministerium. Auch erläuterte er anschaulich die Verantwortlichkeiten zwischen Bund und Ländern bei der Umsetzung der Entscheidung der Bundesregierung. Die Nervosität im Wahljahr war bei den Vertretern der Parteien zu spüren, die sich den drängenden Fragen aus dem Publikum stellen mussten. Da waren es wieder die Frauen vom Freundeskreis Neckarpark- Projektgruppe Begleitung, die das Mikrofon in der Hand hatten und die Fragen im Publikum aufmerksam an das Podium weitergaben und gemeinsam mit Elka Edelkott strukturierten.

Als die Diskussion begann, versuchten die Vertreter der SPD, der Grünen und der Linken auf die ausgebreiteten Informationen einzugehen und Licht in die Frage zu bringen, wie die Landespolitik auf die Vorgaben aus Berlin reagiert. Miteinander wird von afghanischen Geflüchteten und deutschen Engagierten für ein Ende der Abschiebungen plädiert, nach Auswegen für Abschiebegefährdete gesucht. Dass am Ende die einen entspannt nach Hause gehen können und die anderen sich weiter vor Abschiebungen fürchten müssen, kann an diesem Abend noch niemand ändern. Diese Arbeit muss weitergehen.

Menschlichkeit in den Mittelpunkt stellen

Als erfreuliches Ergebnis an diesem Abend kann festgehalten werden, dass der Parteienstreit angesichts der menschlichen Tragödien, die sich in Einzelschicksalen darstellen lassen, an diesem Abend außen vor blieb und es einen breiten demokratischen Konsens für die Menschlichkeit gab.

Linien.Grenzen.Räume

02.03.2017 at 22:00
Nordlabor

.

 

Unter diesem ungewöhnlichen Titel präsentierte das „theater.prekariat“ seinen Arbeitsprozess. Ihr Selbstverständnis drücken sie so aus: „theater.prekariat entwickelt theatrale Diskursproduktionen an der Schnittstelle zwischen Theater und bildender Kunst. Im Mittelpunkt der Arbeiten steht die Erforschung des Koordinatensystems Stadt-Raum-Mensch.“ Und ihren ungewöhnlichen Namen erklären sie gleich mit: „Der Ansatz von theater.prekariat ist partizipativ. Das Prekäre unserer Praxis liegt im Risiko dessen, was passiert, wenn Künstler und Akteure unterschiedlicher Herkunft, Sprache und Aufenthaltsstatus zusammenarbeiten.“ Diesem Risiko setzten sie sich auch am 25. Februar im Theater Nord aus.

Die Spielstätte Nord ist für das theater.prekariat der ideale Ort

Die Spielstätte Nord des Schauspiel Stuttgart ist eine gute Adresse für experimentelles Theaterspiel. Da wundert es nicht, wenn die Gruppe um Regisseurin Adelheid Schulz ihre Tische im Vorraum der Spielstätte aufbauen und die Zuschauer gebeten werden, an einer großen Tafel Platz zu nehmen. Akteure und Zuschauer sitzen gemischt nebeneinander. Es entsteht der Eindruck, Teil des Ensembles zu sein. Dieses besteht aus jungen Deutschen und nach Deutschland Geflüchteten. Die Autorin Sudabeh Mohafez hatte mit den Ensemblemitgliedern die Texte erarbeitet, die sie an diesem Nachmittag vortragen. Sie beschreiben in ihren Texten den derzeitigen Wohnort, der mit dem der Kindheit für die hierher geflüchteten Ensemblemitgliedern ja nicht derselbe ist. Biografiebrüche werden deutlich. Aus einem Radio erklingt im Text ein Lied, das an das Haus erinnert, in dem sie aufgewachsen sind. In den Texten vermischen sich diese beiden Erfahrungen und es entsteht durch die unterschiedlichen Sprachen, in denen die Texte vorgetragen werden, ein fast schwebender Zustand: Persisch, Arabisch, Französisch, Deutsch. Der Blick gleitet vom Bett aus dem Fenster, man erinnert sich, wie das Bett gestanden hat welche Form das Bett hatte und woraus es gebaut war. Welchen Blick man aus dem Zimmer hatte. Da wird schnell klar, es ist egal, ob du im Remseck geschlafen hast in Teheran, Damaskus oder Kabul. Die kindlichen Erinnerungen in den Texten gleichen sich. Kinder sind überall Kinder. Und wenn die äußere Hülle entfernt wird, kommen intime Beobachtungen zustande.

Ging es im ersten Teil des Theaterprojektes noch um den öffentlichen Raum (siehe Beschreibung in der Ausgabe 295 von KONTEXT), so sind die Schauspielerinnen und Schauspieler nun im privaten Raum angekommen. In der Intimität der Familie.

Zwischen den kurzen Lesungen der selbst produzierten Texten wird von N. Darwish die 11saitige Oud mit dem Rischa (dem Oud-Plektrum) gespielt. Nein, seines ist nicht aus dem Kiel einer Adlerfeder hergestellt, es ist ein längliches Kunststoffstück.

Aktivitäten der Zuschauer sind gefragt

Für die Zuhörer geht es an diesem Nachmittag nicht nur um passives Konsumieren der dargebotenen Texte. Sudabeh Mohafez hat mit den Ensemblemitgliedern auch mit der Textform „Elfchen“ erfolgreich gearbeitet. Eine sehr strenge, verknappte Form des lyrischen Ausdrucks mit einer vorgegebenen Form. Diese Form wird auch mit den Zuhörern ausprobiert. Elf Wörter, die in festgelegter Folge auf fünf Zeilen verteilt werden, kommen schnell zusammen.

Weiter geht es mit der verknappten Form: Texte in Chat-Dialogform werden vorgetragen. Immer haben die Texte mit der Wirklichkeit dieser engagierten jungen Leute zu tun. Man darf gespannt sein auf das ausformulierte Projekt, das in diesem Sommer zur Aufführung kommen soll.

Bis dahin ist es für Regisseurin Adelheid Schulz, dem Produktionsleiter Felix Heimbach und den Schauspielerinnen und Schauspielern noch ein gutes Stück Arbeit. Der an diesem Samstag präsentierte Arbeitsprozess wird bei einer – von einer Schauspielerin selbst gekochten – orientalischen Linsensuppe in lockerer Runde mit den Zuschauerinnen und Zuschauern diskutiert.