Auch in diesen Tagen spricht Gott zu dir

26.03.2017 at 21:05
Sibylle Knaus

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Mit Der Gott der letzten Tage legte im Februar Sibylle Knauss einen neuen Roman vor. Es ist das zweite Buch, das der Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer von ihr publiziert. Der größte Teil ihres umfangreichen Romanwerks veröffentlichte der Hoffmann und Campe Verlag. Am 24. Februar 2017 stellte sie ihn in der Stadtbibliothek Ludwigsburg erstmals vor, siehe Bericht im Elsternest hier.

Der Roman von Sibylle Knauss hätte auch eine Novelle sein können

Sibylle Knauss ist ein Kind des Ruhrgebiets. Sie wurde 1944 in Unna geboren. Die Tatsache, dass sie neben Germanistik auch Theologie studierte und in ihrem Roman ein wichtiges theologisches Thema aufgreift, lässt aufhorchen. Ohne die früheren Werke der zuletzt als Professorin für Drehbuch-Dramaturgie an der Filmakademie in Ludwigsburg arbeitenden Autorin zu kennen, las ich dieses als Roman klassifizierte Buch. Warum der Verlag dieses Werk nicht unter dem Gattungsbegriff Novelle veröffentlichte, bleibt unklar, es hätte dem Buch besser zu Gesicht gestanden, berichtet es doch von einem ungewöhnlichen Ereignis und beleuchtet es schlaglichthaft: dem Sterben eines todkranken Pfarrers. Dieser bleibt namenlos im Gegensatz zu dem Gesprächspartner seiner letzten Tage: GOTT. Und da fängt das Dilemma des Plots an: Sibylle Knauss führt Gott als Antagonisten des an Maschinen angeschlossenen evangelischen Pfarrers ein. Wie vorteilhaft, dass beide mittels Gedankenübertragung miteinander kommunizieren können. Mit Menschen kann der Theologe aufgrund eines Luftröhrenschnitts, durch den er künstlich beatmet wird, nicht mehr reden. Sein Sohn liest einige Worte von seinen Lippen ab, ungleich umständlicher als das „Gespräch“ zwischen Gott und seinem Diener.

Sprache: gut – Theologie: mangelhaft

Die studierte Theologin Sibylle Knauss lässt Gott als einen personalen Gott auftreten und führt ihn ein, wie es gerne die pietistischen Gläubigen in Baden-Württemberg tun. Das mag ihr Leserinnen und Leser aus diesem Lager zuführen, einem theologisch interessierten Leser tut sie damit keinen Gefallen. Dieser Dialog zwischen Gott und dem Menschen macht das Buch in weiten Teilen zu einem Ärgernis, verfestigt es damit doch in der Theologie langst überwundene Gottesvorstellungen. Darüber hinaus kommt es häufig zu Widersprüchen, wenn der Allwissende sich als doch nicht so allwissend präsentiert. Als Leser hat man den Eindruck, einer Beichte beizuwohnen bei der das mündliche Eingeständnis einer schuldhaften Verfehlung des Pönitent während eines Gesprächs unter vier Augen mit einem Beichtvater erfolgt. Nur ist bei Sibylle Knauss der Beichtvater mit Gott gleichgesetzt. Es hätte mit einem anderen Gottesbild eine spannende Erzählung werden können, denn der Pfarrer ist keiner, der frei von Sünde ist, ganz im Gegenteil: Wut, Gewalt, Zigaretten sind seine ständigen Begleiter. Seine Frau verließ ihn mit drei Kindern, floh aus dieser gewalttätigen Ehe. Nur den schwererziehbaren Sohn ließ sie da. Hier ruft die Autorin das Bild des verloren Sohnes aus dem Lukasevangelium (15,11–32) auf. Des Pfarrers Hang zum Alkohol verschärfte so manchen Ehekonflikt. Und er kann die Finger nicht vom weiblichen Geschlecht lassen, das sich aufgrund seiner Stellung als geistliches Gemeindeoberhaupt mit gutem Draht zu Gott zu ihm hingezogen fühlt. Seine derzeitige Geliebte besucht ihn am Krankenbett, das seine Totenstätte werden wird. Aber bis er stirbt, hat er noch manchen Disput mit Gott zu führen.

Sybille Knauss lässt einen Pfarrer einen langen Dialog mit Gott führen

Bei Giovannino Guareschi hatten diese Dialoge zwischen dem Priester und Gott noch gut funktioniert. Wunderbar in den Filmen mit Fernandel umgesetzt. Nach „Kampfeinsätzen“ gegen seinen kommunistischen Bürgermeister, mit dem er durch die gemeinsame Vergangenheit in Partisaneneinheiten verbunden ist, redet Don Camillo zerknirscht mit Jesus am Kreuz. Dieser tadelt ihn ein ums andere Mal ob seines antikommunistischen Eifers. Das war mit leichter Hand und einem Augenzwinkern erzählt und hatte in den fünfziger Jahren seine Berechtigung. 60 Jahre später funktioniert das nicht mehr, zumal der Roman von Sibylle Knaus keinerlei Humor aufweist. Hier zeigt sich Gott als der über dem Menschen stehende Lenker seiner ihm anvertrauten Geschöpfe: „Glaubst du, ich hätte nur deine Schritte gelenkt? Und nicht auch seine? Und nicht Margarethes, als sie dich verließ und mit den drei Kindern zum Auto ging, das vor dem Pfarrhaus wartete, und dem Möbelwagen nachfuhr, der schon unterwegs war? Glaubst du das?“ (S. 59)

Dass es ein eitler Gott ist, lässt Sibylle Knauss auch noch durchscheinen: „Doch ich bediene mich gerne der menschlichen Sprache und lasse mich darin verehren und anbeten.“ (S. 62)

Vor großen Bildern schreckt die Autorin nicht zurück, so, wenn sie den heute erwachsenen Sohn, der ein schwer erziehbares Kind war, aus der Sicht des Pfarrers als einen beschreibt, der „ihn auf seinem Rücken nach Hause tragen (wird), wie Aeneas seinen Vater aus dem brennenden Troja getragen hat.“ (S. 65) Es scheint, als hätte die Autorin in den Schreibpausen den heldenverehrenden Hollywoodfilm „Ilias“ von Wolfgang Petersen mit dem Schönling Brad Pitt als Achill gesehen. An einer Stelle beschleicht den Leser der Gedanke, Sibylle Knauss würde ihrer eigenen Biografie zitieren: „Kaum zu fassen, dass man sie damals auf Schüler losgelassen hat. Sie ist die lausigste Theologin, die er kennt. Wenn sie je etwas vom Fach verstanden hat, dann hat sie es jedenfalls seither gut vergessen“ (S. 76).

Eine Seite weiter lässt sie eine Ahnung aufkommen, was für eine wuchtige Erzählung es hätte werden können, wenn sie schreibt: „Religion ist erotisch. Sie weckt unsere Sinne und Leidenschaften. Sie lockt uns an die Grenzen und darüber hinaus. Verführt uns mit Verheißungen. Versetzt die Seelen in Schwingungen.“ Hätte sie ihren Roman mit diesen Empfindungen grundiert und ihn nicht als persönlichen Dialog konzipiert, es hätte ein spannendes Werk werden können.

Der Gott der letzten Tage
Roman
184 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis 20 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Ulrike Schäfer – Mit Blattgold malen

31.08.2015 at 17:14
Ulrike Schäfer

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Ulrike Schäfer veröffentlicht im Klöpfer & Meyer Verlag ihren ersten Erzählband. Von Januar bis Ende März 2015 war sie Stipendiatin im Schriftstellerhaus und hat bei einer Lesung im „Häusle“ bereits einige Geschichten vorgestellt, die Eingang in diesen Band gefunden haben. Sie hat das Stipendium im Schriftstellerhaus genutzt, den Band fertig zu stellen und einige Geschichten umzuschreiben. Sie berichtete im Stipendiaten-Blog des Schriftstellerhauses, wie schwer die Geburt der umfangreichsten Geschichte „Stück Land“ gewesen ist, wie sie diese Geschichte noch einmal komplett entkernt hat. Dieses mehrfache Um- und Überarbeiten hat sich gelohnt, die Geschichte hat es in den Band geschafft. Ulrike Schäfer ist für ihre Erzählungen mehrfach ausgezeichnet worden, und so ist es umso erfreulicher, dass mit Nachts, weit von hier ihre Erzählungen in einem Band vorliegen.

Die 1965 in München geborene, heute in Würzburg lebende Autorin, erzählt mit leichter Hand. Zwei drittel der achtzehn Geschichten sind aus der Ich-Perspektive geschrieben. Die Ich-Form erzeugt das Versprechen einer Nähe, die durch das Andeuten, das Tasten der Sprache nicht eingelöst wird. Wo die Sprache ausführlicher, ausufernder Romane den Leser sicher durch die Zeilen führt, entlässt die Sprache von Ulrike Schäfer den Leser immer wieder in die Weiten der Fantasie. Ähnlich der Lyrik, die mit Bildern und Auslassungen arbeitet, beschreib die Icherzählerin ihre Erlebniswelt.

Man hat beim Lesen der Geschichten den Eindruck, Ulrike Schäfer hat ihre Sprache in der Residenz Würzburg gefunden, diesem prächtigen Barockbau der Fürstbischöfe aus dem 18. Jahrhundert. Aber im Gegensatz zu den Bildhauern und Künstlern der damaligen Zeit hat sie nur das zarte Blattgold zur Veredlung ihrer Geschichten verwendet. Die Sprache ist schwebend, leicht wie Spinnennetze in der Sonne. Und wie ein Spinnennetz zerreißt sie auch schnell und plötzlich blickt man in eine ganz andere Wirklichkeit, erschließt sich eine zweite Ebene, von der man zu Beginn der Geschichte nichts ahnte. Sie erzählt von Alltäglichkeiten, z. B. wie „ihre“ Mutter „ihren“ Vater zu lieben begann, veredelt diese Alltäglichkeit liebevoll mit ihrem Sprachgold. Eine große Empathie zu den Figuren scheint durch die Geschichten. Als Leser partizipiert man an der Empathie und so entsteht häufig ein warmes Gefühl in der Herzgegend – ganz anders, viel tiergreifender als in der Trivialliteratur. Und deswegen sind die Geschichten nie trivial. Immer gut gebaut und auf sprachlich hohem Niveau erzählt.

Ulrike Schäfer gewährt uns Einblicke ins Leben

Die achtzehn Geschichten des Bandes von Ulrike Schäfer geben achtzehn Einblicke in das Leben ihrer Figuren. Ihre Geschichten haben keinen großen Umfang, fünf, zwölf Seiten, nie über neunzehn Seiten hinausgehend. Und doch hat man als Leser das Gefühl, mit den Menschen aus den Geschichten verbunden zu sein, Freunde gewonnen zu haben, bzw. aufgefordert zu sein, sich auf die Suche nach diesen Menschen zu machen, um ihnen nahe zu bleiben.

Für die titelgebende Geschichte, „Nachts, weit von hier“, hat die Autorin 2014 den Jurypreis des Irseer Pegasus erhalten. Die Geschichte erzählt von einer Gewalttat gegen ein Frau und die Icherzählerin, die diese Tat von ihrem Hotelzimmer aus beobachtet, ist nicht in der Lage einzugreifen, ist nicht in der Lage die Polizei zu rufen, denn sie ist sich nicht sicher in der Beurteilung des Gesehenen. Auch die Sprache vermittelt diese Undeutlichkeit:
„Ob es diese Frau je gegeben hat, kann ich nicht sagen.“

So beginnt die Geschichte aber dann kann sie die Frau in ihrer Wehrlosigkeit doch beschreiben:
„Die Augen der Frau waren Schatten in ihrem Gesicht und ihre langen Haare flossen um sie herum auf den Gehsteig.“

Und sie tastet sich durch die Wirklichkeit ihrer Protagonistin:
„Immer ist es, wie wenn ich ein Labyrinth betrete ohne die Möglichkeit, Brotkrumen als Wegweiser zu streuen oder einen Faden zu spannen. Ich bin daher wortkarg während dieser Momente des Geführtwerdens und habe mir einen mechanischen Small Talk angewöhnt.“
Geführt wird der Leser der Geschichten in den seltensten Fällen aber immer wieder verführt von ihren federleichten Worten.

Ulrike Schäfer erzählt von Glücksmomenten im Leben ihrer Protagonisten aber auch von Gefahren, Abstürzen und Tod. Beide Erfahren werden bei ihr nicht ausbuchstabiert,
weder G L Ü C K noch V E R L U S T. Sie ist eine Meisterin der tastenden Beschreibung. Der Leser wünscht sich mehr von der Sprachlabsal dieser Autorin.

Ulrike Schäfer "Nachts, weit von hier"

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Nachts, weit von hier
Erzählungen
184 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Susanne Stephan mit neuem Lyrikband

27.08.2015 at 23:17
Susanne Stephan

Foto: © Dagmar Jerichow, PART, Stuttgart

Mit Haydns Papagei legt die Stuttgarter Autorin Susanne Stephan ihren dritten Gedichtband nach Tankstellengedichte (2003) und Gegenzauber (2008) im Klöpfer & Meyer Verlag vor. Wie auch in den vorangegangenen Bänden, hat Susanne Stephan die Gedichte thematisch geordnet. Sie kreist in ihren acht Kapiteln in ruhigen, genaue Sprachbewegungen um Musik, um Italien, Ägypten, um die Zeit des ersten Weltkriegs, beschreibt in ihrem Trauermarschkapitel verschiedene Friedhöfe von Genua bis Sarajewo, huldigt Kleist in einem Langgedicht, beschreibt die Natur im Kapitel Pastorale und schließt ihren Band mit dem Kapitel Allemande ab, in dem sie ihre Jugend, wieder in einem Langgedicht, beschreibt.

Die lyrische Verführung der Susanne Stephan

Susanne Stephan hat viele literarische Auszeichnungen für ihre Lyrik erhalten. Leider ist die lyrische Form hierzulande immer noch nicht bei einem breiten Publikum angekommen. Abgesehen von einigen Ausnahmen, wie Jan Wagner, der dieses Jahr mit seinem Lyrikband den Leipziger Buchpreis gewonnen hat. Für einen kurzen Augenblick geriet die Lyrik damit in den Blick. Dabei kann die Lyrik, wie Susanne Stephan es so meisterlich zeigt, dem Leser ein ganzes Universum aufschließen, indem sie Leerstellen lässt, rhythmische Wege aufzeigt, die den Leser in unbekannte Welten vordringen lässt und die Fantasie des Lesers anregt. Man lässt sich von Susanne Stephan gerne an die Hand nehmen, weil sie durch ihre genauen Beobachtungen und lyrischen Bilder den Leser eher verführt als anführt. In ihrem Gedicht Warmzeit aus dem Kapitel Allemande blättert sie eine Jugend der sechziger und siebziger Jahre auf, ausgehend von der Beschreibung der Wetterlage, die nur stabil erscheint aber doch durch die gesellschaftlichen Verhältnisse unberechenbar geworden ist. Die Gewissheiten der Kindheit verschwinden, werden überlagert von Zuwanderung und Kritik an den Verhältnissen, Spannungen, die in einer Gegend entstehen, wenn man die falsche christliche Lehre vertritt.

Das titelgebende Gedicht im ersten Zyklus, Haydns Papagei, geht auf eine wahre Begebenheit zurück, die sie in den Anmerkungen am Ende des Bandes erläutert: Haydn hinterließ einen sprechenden Papagei, der auch den Anfang des Kaiserliedes beherrscht haben soll. Nach Haydns Tod wurde der Papagei versteigert. Wie Susanne Stephan den Vogel in lyrische Sprache kleidet zeugt von ihrem eigenen, lyrischen Ton:

und wie er über die Maler gelacht,
die ihn alle schöner machten als er war,
so dass seine Abbilder sich fremd
blieben wie seine Frau und er,
und gütiges Bei-sich-Sein möglich
nur in der Musik, der einen
oder andren schönen Melodie,

die der Vogel erlernen würde,
unfehlbar aus der tierischen Schöpfung
dies himmlisch Echo: Gott erhalte Gott erhalte.

In der Sprache leben

Susanne Stephan lebt in der Sprache, das zeigt sich in ihrer Biografie: Studium der Germanistik, Geschichte und Romanistik. Nach Praktika bei verschiedenen Verlagen und Assistentin im Lektorat beim Belser Verlag wurde sie freie Autorin, Übersetzerin und Lektorin. Und dieses, ihr Leben, reflektiert sie auf einer höheren, lyrischen Stufe in dem Langgedicht Kleist und Nelken. Sie knüpft an frühe schulische Erfahrungen an, spannt den Bogen über ihre Liebe zu den Klassikern bis hin zur modernen Schriftsprache, die durch SMS und Internet geprägt ist. Dabei scheut sie sich nicht, die Jugendideale kritisch zu hinterfragen, um immer wieder auf die Klassiker zu kommen, die sie ihr Leben lang begleitet haben, von der Schule bis ins Studium. Über die Wohlstandsgeneration schreibt sie angesichts der Frage nach Krieg und Frieden in Kleist und Nelken:

ein Drehzahl-Beben noch in ihrem Schritt,
die alle Freiheit haben: Bundeswehr,
verweigern, mittun oder raus aus allem,
so weit es geht, die Wolle selbst geschoren,
verstrickt, nur um der Leier zu entfliehn,
dass man ja doch, am Ende, lebe von
dem großen Falschen: Wohlstands-Pflanze sei.
Verweigern nur nach peinlichem Verhör:
Was wäre, wenn die Freundin angegriffen
im dunklen Park und wenn darauf ein Messer
dem anderen entgleitet, dergestalt
dass Sie nun im Besitz der Möglichkeit –
wenn das Idyll, der eigne Hof, bedroht
von Panzern, deren Luken sich nicht öffnen
für fairen Dialog, denn lies, mein Sohn,
nur keine Dramen, lies die Aufmarsch-Pläne!

Damit trifft sie wunderbar den Zeitgeist der siebziger Jahre: Auf der einen Seite die Aussteiger, die sich (oft) nach den Mühen des Klassenkampfes aufs Land zurückgezogen haben, auf der anderen Seite die, die immer dem deutschen Militarismus misstrauten und den Wehrdienst verweigerten. Das Lied „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“ von Franz Joseph Degenhardt aus dem Jahr 1972 klingt in diesen Zeilen an. In diesem Gedicht zeigt sich die große Kunst von Susanne Stephan, sich gesellschaftskritisch zu äußern, ohne in Plattitüden zu verfallen. Sie bleibt ihrem lyrischen Ton verbunden, schreibt einfühlsam und sehnsuchtsvoll.

Es ist ein Verdienst des Tübinger Klöpfer & Meyer Verlages, dass er neben Belletristik, Sachbücher und Essayistik auch der Lyrik einen großen Raum einräumt. Er verlegt „Büchern fürs Denken & Lesen ohne Geländer“, ein großer Teil seiner Autoren kommt aus Baden-Württemberg. Für seine Verdienste erhielt er 1996 den Landespreis für literarisch ambitionierte Verlage. Auch in Zeiten der Großverlage hat er sich erfolgreich gegen deren Zugriff behauptet. Es ist ihm zu wünschen, dass er auch weiterhin unabhängig bleibt und den sprachlicher Reichtum der Region für eine breite Leserschaft eröffnet.

Susanne Stephan "Haydns Papagei"

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Haydns Papagei
Gedichte
128 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

 

Das „Bohnenviertel“ erblickt das Licht der Welt

19.03.2015 at 12:04
bohnenviertelbuch

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Ein Ort mit geheimnisvollem Namen wurde ausgesucht: „Der Zauberlehrling“. Hier präsentierte die Autorin Monika Lange-Tetzlaff und ihr Verlag Theiss am 18. März das Buch „Bohnenviertel – Streifzüge im Herzen von Stuttgart“.

Der Zauberlehrling liegt wie das Antiquariat von Monika Lange-Tetzlaff in dem beschriebenen Bohnenviertel und die Autorin und der Besitzer vom Restaurant und Hotel „Der Zauberlehrling“ kennen sich gut über die gemeinsame Arbeit im Handels- und Gewerbeverein Bohnenviertel. So wunderte es nicht, dass auch die einführenden Worte ein Vertreter des HGV sprach, Rudolf Reutter von der Weinstube Schellenturm. Dort veranstaltet Monika Lange-Tetzlaff zusammen mit ihrem Mann regelmäßig in den Sommermonaten Lesungen. Mit den Bewohnerinnen und Bewohnern und den Gewerbetreibenden des Viertels hat Monika Lange-Tetzlaff viele Gespräche geführt, die in das Buch eingeflossen sind. Natürlich greift sie auch auf historische Begebenheiten und Schilderungen zurück. Darin haben sie und ihr Mann große Erfahrung, immer wieder laden sie zu Spaziergängen durch das Viertel ein, um die Geschichte und die Geschichten aus Stuttgarts schönstem Quartier den Besuchern nahe zu bringen. Ein Viertel, das wie aus der Zeit gefallen zu sein scheint aber nicht altmodisch ist. Sie gehen dabei weit in die Vergangenheit zurück, als das Viertel noch vor den Toren der Stadt Stuttgart lag und Leonardsvorstadt hieß.

Woher das Bohnenviertel seinen Namen bekam

Früher bewohnten das Viertel Tagelöhner, die sich bei den Wengertern der umliegenden Weinberge verdingten. Die Bezahlung war miserabel, sie zogen in ihren kleinen Hinterhöfen Bohnen. Eine bekanntlich platzsparende Gemüsesorte mit hohem Sättigungswert. Die überall wachsenden Bohnen gaben dem Viertel seinen Namen.

Im Bohnenviertel wohnt Privatdetektiv Dengler, der Protagonist der Kriminalromane von Wolfgang Schorlau. Bereits sieben Kriminalromanen hat er ihm gewidmet. Dengler wohnt in den Romanen über dem Restaurant Basta, das gleich neben dem Antiquariat Buch & Plakat der Tetzlaffs liegt. Monika Lange-Tetzlaff konnte Wolfgang Schorlau überzeugen, einige Episoden für das Buch beizusteuern.

Robert Tetzlaff und seine Frau Monika lasen aus dem Buch einige Kapitel und luden ein, die im Buch enthaltenen Anregungen für eigene Entdeckungstouren zu nutzen. Ein Gedicht und eine Grafik steuerte der mit den Tetzlaffs verbundene Schriftsteller und Grafiker Günter Guben zur Buchpräsentation bei. Dieses Bohnenviertel-Gedicht trug er dem Publikum vor.

Leider schließen die Tezlaffs ihr Antiquariat Buch & Plakat Mitte April. Bis dahin kann das Buch noch bei ihnen erworben werden oder in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens:

Bohnenviertel
Streifzüge im Herzen von Stuttgart
208 Seiten mit 40 s/w-Abbildungen, gebunden
Theiss-Verlag, Preis 19,95 €

Der Allesforscher

15.03.2014 at 11:35
allesforscher_steinfest

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Da ist er wieder, der Steinfest-Sound. Diesmal höre ich ihn im Literaturhaus anlässlich der Buchpremiere seines neuen Romans Der Allesforscher. Am Tag der Lesung kam es in den Buchhandel. Steinfest, dieser lyrisch-philosophische Wortdrechsler, beginnt seine Lesereise in Stuttgart. Hier ist er seit Jahren verwurzelt. Oft hat er uns auf Demonstrationen gegen das Wahnsinnsprojekt „Stuttgart 21“ mit seinen Texten die Seele gewärmt, hat sich nicht in Polemiken ergangen, hat seinen Sprachsound über die Lautsprecher geschickt. In seinem neuen Werk philosophiert er ebenfalls über den tiefen Riss, der durch seine (Wahl-) Heimatstadt geht, wenn er die Station von Sixten Braun als Bademeister im Mineralbad Berg beschreibt (als Vorabdruck in der Wochenzeitung Kontext zu lesen).

In einer von Situationskomik durchtränkten Szene lässt Steinfest Sixten Braun im „Berg“ einen Erpel wiederbeleben, der einen Schwächeanfall erleidet. Ins Rollen kommt die Geschichte in Taiwan, als der Ich-Erzähler, von einem explodierenden Pottwal schwer verletzt, sich im Krankenhaus wieder findet. Kaum aus dem Krankenhaus entlassen, stürzt er mit dem nächstbesten Flugzeug ab und überlebt abermals. Nicht ohne zwischendurch die große Liebe erlebt zu haben.

Begleitet wird Heinrich Steinfest auf seiner Lesereise von Denis Scheck. Auch für ihn ein Heimspiel, vor 50 Jahren in Stuttgart geboren und hier aufgewachsen. Der Deutschlandfunk-Redakteur der Sendung „Büchermarkt“ und „Druckfrisch“-Macher kann Heinrich Steinfest nicht erdrücken. Beide diskutieren sprachgewandt die Motive und Entstehungsgeschichte des Romans. Denis Scheck mit seinem Faible für Science Fiction, phantastische Literatur und Krimis befragt humorvoll Heinrich Steinfest, der seine Texte auf den Grenzen dieser Gattungen ansiedelt. Ganz nebenbei entwickeln die beiden an diesem Abend eine Poetologie des Steinfest’schen Krimis:

Auf die Frage, warum er diesmal keinen Krimi geschrieben hat, antwortet Steinfest kurz und knapp, „weil diese Geschichte keinen Krimi erfordert“.

Für Steinfest, der von der Malerei kommend zur Schriftstellerei gefunden hat, ist Eskapismus durch Literatur eine absolute Notwendigkeit. Er hat die Literatur entdeckt, nachdem er feststellte, als Maler immer die gleichen Bilder zu malen und um einen direkteren Weg zur Realität zu finden. Sein Buch enthält Zeichnungen von ihm. D. Scheck vermisst diesmal die legendären Fußnoten, die die Texte von Steinfest unter anderem auszeichnen. Heinrich Steinfest verspricht ihm, in die zweite Auflage eine hinein zu schmuggeln. Ich bin davon überzeugt, schon bald wird es diese geben.

Nachdem Steinfest mit dem Schreiben angefangen hat, hörte er auf zu lesen. Das ginge für ihn nicht: Schreiben und gleichzeitig lesen. Er wollte seine Sprache nicht durch die Sprache anderer Autoren überlagert wissen. Ideen holt er sich eher aus Filmen als aus anderen Büchern, wobei ihn die französischen Filme der 30er – 60er Jahre mit ihrer ganz eigenen Bildästhetik besonders beeinflusst haben.

Er schreibt über Dinge, die die Leser schon kennen, aber will sie so beschreiben, dass der Leser einen „Wow-Effekt“ erfährt. Das gelingt ihm im neuen Buch fulminant. Dem Allesforscher ist alles wichtig, selbst die kleinsten Dinge. Mit dem „Allesforscher“ ist ein Kind gemeint. Den Titel übernahm der Autor von seinem Sohn, der als kleines Kind das Wort „Allesforscher“ als Alternative zum Ausdruck „Universalgelehrter“ verwendete. Kinder sind die große Liebe des Erzählers Heinrich Steinfest, vor allem eigensinnige wie einsichtige Jungen und Mädchen. Sie taugen zu untadeligen, zutiefst makellosen Gegenbildern der oft von schweren Makeln und Macken behafteten Erwachsenen seiner Romane. In seinem letzten Buch nannte er eines dieser Kinder „Das himmlische Kind“. In der GEDOK-Gallerie las er daraus, ich berichtete darüber.

Das Kind im Mittelpunkt des neuen Romans, ist der erstaunliche Simon. Der Ich-Erzähler Sixten Braun lernt ihn im Vorschulalter kennen. Er ist ihm verbunden, hätte er doch aus der kurzen, heftigen Liaison mit der deutschen Ärztin Lana Senft entstammen können, die ihn nach seinem Schädel-Hirn-Trauma im taiwanesischen Krankenhaus behandelte. Der Junge ist nicht sein Kind, jedenfalls nicht biologisch. Dennoch nimmt Sixten die Vaterrolle, genötigt von einem Mitarbeiterin der taiwanesischen Vertretung in München, mit geradezu leidenschaftlicher Begeisterung an.

Mit Simon setzt der Autor seine außerirdischen Unwahrscheinlichkeiten fort: Das Kind spricht eine Sprache, die niemand versteht. Es erweist sich allenthalben als kleiner Überflieger. Beim Klettern an künstlichen Felsen, beim Zeichnen, beim Go-Spiel. Die Vermutung wird laut, Simon sei ein Alien. Das wäre bei Steinfest keine ungewöhnliche Wendung, wie auch im letzten Teil dieses Buches, als Sixten Braun in den Tiroler Alpen Hebammenfunktion übernehmen muss.

Schönheit im Spiegelkabinett der literarischen Einfälle tritt in Heinrich Steinfests Roman hervor. Wer philosophische Diskurse und unvorhersehbare Wendungen liebt, kommt bei der Lektüre auf seine Kosten. Denis Scheck hat die Lesung sichtlich amüsiert. Er wird diesen Zustand erhalten können, auf den nächsten Stationen ihrer Lesereise.

Der Allesforscher
400 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit Zeichnung des Autors
Piper Verlag, Preis: 19,99 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Von der Küste gestürzt – Auf der Suche nach dem Verstehen

11.03.2014 at 9:50

andreas_neeserAndreas Neeser hat im letzten Jahr als Stipendiat des Schriftstellerhauses an seinem nun erschienen Roman: „Zwischen zwei Wassern“ geschrieben. Am 6. März las er auf Einladung des Schriftstellerhauses in der LesBar der Stadtbibliothek Stuttgart daraus Auszüge.

Der heute 50-jährige Autor studierte Germanistik, Anglistik und Literaturkritik an der Universität Zürich. Dreizehn Jahren unterrichtete er an einem Gymnasium, bevor er den Dienst quittierte und sich ganz der Schriftstellerei widmete.

Immer wieder hat ihn die Bretagne zu Gedichten inspiriert, erzählte er seiner Gesprächspartnerin Astrid Braun. Lange sei ihm keine Idee für eine längere Geschichte während seiner Aufenthalte gekommen. Und dann ist es doch passiert. Das Ergebnis liegt nun mit dem 184 Seiten umfassenden Roman vor.

Wasser und die Küste sind Sehnsuchtsorte, wie Astrid Braun in ihrer Einführung erläuterte. Wir fahren als Urlauber dorthin. Immer wieder, so wie auch der namenlose Ich-Erzähler. Über Jahre hält er Kontakt mit dem dort lebenden Deutschen Max, einer Künstlerseele, der mit den Fischern lebt und Steinbrocken behaut. Dann passiert ein Unglück: Der Erzähler und seine Freundin Véro stürzen ins Meer. Sie ertrinkt, er wird gerettet. Ein Jahr nach dem tragischen Unfall kommt der Zurückgebliebene wieder nach Feunteun Aod, ein kleines Fischerdorf in der Bretagne, will endlich einen Neuanfang machen und das Geschehen hinter sich lassen. Er, Lehrer wie ehedem sein Autor, ist ein Kläger ohne einen Angeklagten, denn das Meer nimmt, ohne dafür verurteilt werden zu können. Bild um Bild zerreißt der Ich-Erzähler auf der „Kanzel“, einem Felsvorsprung, die Bilder der Erinnerung, stopft sie in die Köpfe von Seetieren und wirft sie über die Klippe. Véro strahlt auf den Bildern wie eine, der das Glück alle Glieder lang zieht. Und er hat sie nie gefragt weshalb. Und nun ist er mit seiner Trauer allein, die er erst nach einem Jahr hier am Ort des Geschehens zulassen kann. „Portionenweise gebe ich etwas von ihr her, alles, weil es anders nicht geht. Weil es irgendwie gehen muss. Krabbenfutter. Was für ein Wort.“, heißt es im Roman. Um das Meer zu verstehen braucht es nur zwei Aussagen, erklärt ihm der Fischer John le Bars:
Das Meer nimmt. Das Meer macht keine Fehler.

So einfach ist das für die Leute hier, die gelernt haben, mit den Gefahren des Meeres zu leben und von ihm. Véro hatte diese Lektion nicht gelernt, bevor sie von der Welle erfasst wurde, die sich fünf Kilometer vor der Küste auftürmte und dann mit voller Wucht aufprallte. Wie kann Trauer gelingen, wenn es keine Leiche, kein Grab gibt, auf das man Blumen legen kann? Wie kann ein Neuanfang aussehen? Das verrät Andreas Neeser an diesem Abend nicht aber er gibt Antworten auf diese Frage und auf die von Schicksal, Zufall und Schuld in seinem neuen Buch, geschrieben in einer dichten, lyrischen Sprache.

Zwischen zwei Wassern
184 Seiten, gebunden. Erschienen im Haymon Verlag, Preis: 17,90 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens.

Heinrich Steinfest bei Eva Zippel

15.02.2014 at 21:52
Steinfest in der GEDOK

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Die GEDOK Stuttgart stellt die Tierzeichnungen von Eva Zippel in ihrer Galerie aus. Jahrelang hatte Eva Zippel die Tiere für die Firma Schleich entworfen. Bis zu ihrem Tod im letzten Jahr bewohnte sie im Haus der GEDOK ein Wohnatelier.

Heinrich Steinfest ist über seinen Sohn mit den Schleich-Tieren in Berührung gekommen. Sie sammeln die Tiere mit großer Leidenschaft. Häufig sind seine Bücher mit Tierfiguren verziert. Auf dem Schutzumschlag für „Das himmlische Kind“ schaut ein Zebra vom Betrachter weg in die Ferne. Aus diesem Buch las der Autor am 12. Februar inmitten der wunderbaren Tierzeichnungen von Eva Zippel.

Zu Anfang baute er eine kleine Zebrafamilie vor sich auf und erzählte, wie bei einem Spaziergang sein Sohn stürzte und ihm das Zebra aus der Hand gefallen ist. Dabei brach dem Zebra ein Bein ab, das sie, trotz intensiven Suchens, nicht wieder finden konnten. So blieb das Tier dreibeinig. Das ist umso erstaunlicher, da die Schleichfiguren für ihre Robustheit berühmt sind.

Nachdem er die Zuhörer mit dem Tischschmuck bekannt gemacht hat, begann Heinrich Steinfest die Geschichte in groben Zügen zu skizzieren. Zwei Kinder, mutterseelenallein wie Hänsel und Gretel. Die zwölfjährige Miriam fühlt sich für ihren kleinen Bruder verantwortlich. Die beiden haben den absichtlich herbeigeführten Unfall ihrer Mutter wie durch ein Wunder überlebt. Gemeinsam kämpfen sie in einer Hütte im Wald ums Überleben.

Sie ernähren sich von Pilzen und Tannennadeln, scheuen sich auch nicht, eine tote Amsel zu kochen. Miriam erhält darüber hinaus mit einer weiter und weiter erzählten Geschichte den Lebensmut ihres schwer kranken Bruder Elias aufrecht. Heinrich Steinfest erklärt, wie eine Geschichte funktioniert, was es braucht, um sie spannend und anschaulich werden zu lassen. All das muss in seinem Buch das Mädchen als Geschichtenerzählerin für ihren Bruder leisten. Wieder einmal geht Heinrich Steinfests Fabulierlust mit ihm durch.

Ich weiß, dass der Autor mühelos zwischen dem Krimi- und dem Sience-Fiction-Genre zu wechseln vermag. Daher wundere ich mich nicht über die Beschreibung einer Welt mit zwei Monden am Himmel, in der Erwachsene und Kinder auf unerklärliche Weise getrennt werden. Miriam erzählt ihrem Bruder von der wundersamen Rettung einer Truppe buchhalterisch begabter Außerirdischer, von „Spinks“, Higgs-Teilchen und einem bemitleidenswerten Drachen, der angekettet in einem Vulkan lebt. Sie weiß sehr wohl, welche Faszination Drachen auf ihren sechsjährigen Bruder ausüben.

Wir werden an diesem Abend nicht nur mit in Auszügen mit einer spannenden Geschichte unterhalten sondern erfahren ganz nebenbei was es braucht, eine spannende Geschichte zu erzählen.

Der neue Roman von Heinrich Steinfest „Der Allesforscher“ erscheint am 10. März 2014. Am selben Tag wird es mit einer Lesung und im Gespräch mit Denis Scheck im Literaturhaus Stuttgart vorgestellt. In der GEDOK las Heinrich Steinfest einen kurzen Text daraus vor und erweckte meine Neugierde.

Entwürfe von Eva Zippel für die Firma Schleich

Entwürfe von Eva Zippel für die Firma Schleich

Dengler ermittelt wieder – Steinkopf hilft ihm dabei

26.01.2014 at 11:39

schorlau

Am 23. Januar las der Stuttgarter Kriminalschriftsteller Wolfgang Schorlau aus seinem neuen Dengler-Krimi in der Buchhandlung Steinkopf. Ein Heimspiel: Wolfgang Schorlau verortet den Lebensmittelpunkt seines Privatermittlers Dengler nur einen Steinwurf von der Buchhandlung entfernt im Bohnenviertel, im Haus der Weinstube „Basta“.

Nicht nur den Namen seiner Stammkneipe übernahm Schorlau in seinen Krimi, wie er anfänglich ausführlich darlegte, auch der Wirt hat eine kleine Nebenrolle. Er serviert seinem „Hausbewohner“ immer wieder einen doppelten Espresso und seinen Lieblingswein, den Grauburgunder. Ebendiesen bot der Gastgeber Reiner Steegmüller im Anschluss an die Lesung seinen etwa 90 Gästen an.

Über alle sieben Folgen hinweg bleibt der Wirt Markus stumm. Mittlerweile hat der reale Markus aber den Wunsch geäußert, zumindest einen Satz im Kriminalroman zu erhalten. Schorlau räumte ein, dieser Wunsch würde ihm großes Kopfzerbrechen bereiten:
Einen Satz – der muss aber dann auch sitzen!

Über sein Personal, den Privatdetektiv Dengler und seine ihm mittlerweile nahestehende Nachbarin Olga, plaudert der Autor, als seien es gute Bekannte und nicht erfundene Romanfiguren.

Wie immer greift der Autor brisante gesellschaftliche Themen auf. In dieser Folge sind es die Fleischindustrie, Massentierhaltung und die katastrophalen Arbeitsbedingungen der osteuropäischen Arbeiter. Geschickt verknüpft er den Fall mit der persönlichen Betroffenheit Denglers. Sein Sohn ist in die Hände der „Fleischmafia“ gefallen. Er hat sich einer Aktivistengruppe angeschlossen, die die Massentierhaltung verurteilen. Nicht wie üblich in den Privat-Eye-Krimis ist es eine hübsche Unbekannte, die den Auftrag an den Privatermittler vergibt sondern seine geschiedene Ehefrau heuert ihn an. Sie hat Angst um ihren Sohn, den sie in Barcelona vermutet, der sich aber telefonisch nicht meldet.

Mithilfe seiner Lebensgefährtin Olga gelingt es Dengler, sich nach zwölf Tagen einen Weg zu seinem Sohn und seinen Freunden durch das Dickicht der kriminellen Machenschaften der Fleischindustrie zu schlagen. Olga hat sich im Laufe der Serie von einer professionellen Taschendiebin zur Computerspezialistin mit Schwerpunkt Computerhacken „umgeschult“. Sie gibt Dengler, durch das Knacken der Festplatte des Sohnes, die entscheidenden Hinweise.

Schorlau legte den Krimi multiperspektivisch an. Wie diese Handlungsstränge am Ende zusammen finden, verriet er an diesem Abend natürlich nicht. Ich kaufte mir den Krimi, damit ich die ausgelegten Puzzelteile zusammen fügen kann.

Ein großes Lob möchte ich Herrn Steegmüller und seinen Kolleginnen aussprechen, die in ihrer Buchhandlung den perfekten Rahmen für eine Lesung gaben und damit das literarische Leben in Stuttgart beflügeln. Diese Nähe zum Buch und seinem Autor können die Online-Portale nicht herstellen. Ich werde auf jeden Fall weiterhin meine Bücher in kleinen Buchhandlungen kaufen, um diese kulturelle Vielfalt zu unterstützen.

Am zwölften Tag: Denglers siebter Fall
352 Seiten, Verlag: KiWi-Taschenbuch, Preis: 9,99 €
zu erwerben in der Buchhandlung Steinkopf oder in jeder anderen Buchhandlung Ihres Vertrauens.

Die ganze Wahrheit – rein subjektiv

14.12.2013 at 18:19

Peter Grohmann Alles Lüge außer ich

Der Anstifter und Kabarettist Peter Grohmann hat seine Autobiografie vorgelegt: „Alles Lüge außer ich“. Im Theaterhaus hat er sie an seinem Geburtstag vorgestellt, ich hatte mir gleich ein Exemplar gesichert.

Vorweg: es passt kein Blatt zwischen Peter Grohmann und seinen Text. Das Buch hat einen Sound, den man von Peter im realen Leben kennt. Mich hat dieser sofort in die Lektüre hinein gezogen.

Peter Grohmann blättert in acht großen Kapiteln sein Leben auf. Um diese großen Kapitel besser lesbar zu machen, unterteilt er sie in „Denkzettel“. Im ersten Kapitel geht er weit in seine Familiengeschichte zurück, die wichtig ist, sein engagiertes Leben zu verstehen. Großvater und Vater waren in der Arbeiterbewegung engagiert und Peter folgt der faustischen Weisung: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“. Die Wurzeln der Familie liegen in Meißen, Dresden und Breslau, wo er 1937 geboren wurde ebenso wie sein Vater, 30 Jahre vorher. Breslau und Dresden prägten und prägen den Grohmannschen Sprachsound.

Manchmal fragte ich mich bei der Lektüre, wie hat Peter seinen Humor über all die schlimmen Erlebnisse seiner Kindheit gerettet. Oder ist ihm gar daraus ein Galgenhumor erwachsen? Die Bombennächte in Dresden. Vertreibung – mehrfach: Von Breslau im Krieg nach Dresden vertrieben, bei Kriegsende aus Dresden wieder zurück nach Breslau, entgegen den Flüchtlingstrecks. Seine Mutter allein mit ihm und seinem Bruder, von Russen missbraucht. Nicht mit Eisenbahnen gespielt sondern mit Munition und altem Kriegsgelump. Er findet für die verletzte Kinderseele ein wunderbares Bild: Sein Teddi, den er als Kind überall mit hin nimmt, verliert mehr und mehr seine Gliedmaßen. Diese Kindheitsbeschreibungen berührten mich am stärksten.

Als sozialdemokratische Familie glaubten die Grohmanns, in der DDR die richtige Heimat gefunden zu haben. Aber der Sozialismus, der da gebaut wurde, hatte wenig mit Freiheit zu tun, die für die Familie unabdingbar mit dem Begriff verbunden war. Der Vater hatte die stalinistischen Auswüchse seiner Träume in russischer Gefangenschaft erlebt und türmte 1951 nach Westdeutschland, die Mutter mit den beiden Söhnen kurze Zeit später hinterher. Wieder auf der Flucht, aus dem dunklen Thüringer Wald in eine schwäbische Kleinstadt, in die Enge der christlichen Provinz. Nicht gerade die Freiheit, die sich die Grohmanns vorgestellt hatten.

Schule? Die hat Peter Grohmann in seinem Leben nur wenige Jahre besucht. Um so mehr las er später alles, was ihm in die Finger kam, linke Literatur bei den sozialistischen Falken, denen er sich im Westen angeschlossen hatte. Drucker ist er geworden. Er, der so wenig von den Bildungsanstalten verbogen wurde. Aufrecht arbeitete er in der Gewerkschaft. Immer wieder springt er von den biografischen Aufzeichnungen in die politische Aktion. Wie z. B. von der zeit in Zwiefalten (hier waren die Grohmanns nach der Flucht gestrandet)  zur Aktion der 70 km langen Farbspur. Eine Spur der Erinnerung an die Kranken und Behinderten, die in Grafeneck, 30 km von seinen damaligen Heimatort entfernt, im Faschismus ermordet wurden, gezogen bis nach Stuttgart. Das war im Jahr 2009.

Bei den Falken holte er sich das politische Rüstzeug. Er diskutierte über den Aufstand der Arbeiter 1953, interessierte sich für den Kampf der Schwarzen und knüpfte Kontakte in die DDR, seine alte Heimat. Das war im anderen deutschen Staat nicht ganz ungefährlich, selbst wenn man Linker war (und in der SPD). An diesen Stellen kristallisierte sich seine Unabhängigkeit heraus, sein Weg, abseits jeglichen Dogmatismus. Das wird an vielen kleinen Kristallisationspunkten in der Biografie deutlich. Es ist nur konsequent, wie er dabei seinen antimilitaristischen Standpunkt findet. Er ist einer der ersten Kriegsdienstverweigerer in Baden-Württemberg. Respektvoll beschreibt er seinen Mentor und Lehrer Fritz Lamm, einer, an den er sich halten konnte, abseits der parteipolitischen Ausrichtung.

Ganz nebenbei heiratete er auch noch und wurde zweifacher Vater. Mitte der sechziger Jahre, das beschreibt er sehr einfühlsam, hieß das, mit den herkömmlichen Erziehungsidealen zu brechen. Den ersten Kinderladen in Stuttgart hat er mit gegründet. Und den Club Voltaire. Prägend für sein politisch-kulturelles Engagement bis heute. Hier trifft er auf Willi Hoos, Bindeglied zur Arbeiterschaft bei Mercedes Benz, bekommt Kontakt mit der APO und Künstlern aus Stuttgart. Sie organisieren einen Apfelverkauf, um die Bauern im Umland zu unterstützen. So lange gibt es also schon den Gedanken, den wir heute als Fair Trade groß in Szene setzen.

All das beschreibt er in einem lebendigen Stil, die Jahre fließen im Buch nur so dahin. Er springt in den Kapiteln vom historischen Erzählen zu aktuellen Ereignissen, zieht Linien, durch die klar wird, wie alles zusammen gehört und wie sich das eine und das andere aus dem Historischen entwickelt hat. Dabei findet er immer wieder eine Sprache, die zwischen dem Dialekt seiner Mutter und lyrischen Formen changiert. Wunderbar, wie er seine neue Lebenspartnerin charakterisiert, die er über den Aufbau des Theaterhauses in Stuttgart kennen lernte: „Marlis…, die Architektin meines Lebens.“ Wer solche Sätze schreibt, hat das Herz auf dem richtigen (linken) Fleck.

Peter Grohmann breitet uns sein Leben aus, gewährt uns Einblicke in seine Entwicklung auch in sein Scheitern. Sein Versuch nach der Wende in Dresden Fuß zu fassen, einen anderen Weg als den von der herrschenden Klasse dort zu gehen, scheiterte. Ohne Groll gewährt er Einblick in dieses Kapitel seiner Biografie. Die Idee der „Anstifter“ hat er aus Dresden mitgebracht. Ich habe ihn kennen gelernt als Anstifter im Kampf gegen den wahnsinnigen Plan, den Stuttgarter Hauptbahnhof unter die Erde zu legen. Leider ist für mich gerade dieses letzte Kapitel das schwächste in dem Buch. An den Aktionen beteiligte ich mich seit Anfang 2010, kenne sie aus eigenen Erfahrungen. Vielleicht verwebe ich meine Erfahrungen zu sehr mit der Lektüre dieses wunderbaren Buches. Von wegen: „Alles Lüge – außer ich“. Wieder ein Kampf (politisch) verloren. Aber Peter Grohmann macht Mut mit seiner Biografie, hinzustehen, nicht aufzugeben, humorvoll die Dinge anzupacken, immer wieder, Tag für Tag.
Lasst uns gemeinsam ANSTIFTEN!

Peter Grohmann:
Alles Lüge außer ich – Eine politische Biografie
Silberburg-Verlag
320 Seiten, 121 Abbildungen, Format 14,5 x 21,5 cm, gebunden, 24,90 €
ISBN 978-3-8425-1267-2

Lesung von Uta-Maria Heim in der Stadtbibliothek Stuttgart

20.11.2013 at 20:00

Uta-Maria Heim im Gespräch mit Astrid BraunUta-Maria Heim ist nach Stuttgart gekommen. Auf Einladung der Stadtbibliothek und des Schriftstellerhauses las sie am 19. November aus ihrem neuen Roman: „Wem sonst als dir.“ Wieder einer dieser Regionalkrimis, könnte man nichts ahnend denken. Frau Heim hat viel Lokalkolorit in diese Geschichte eingewoben, die sie in Baden-Württemberg ansiedelte, genauer in Grafeneck. Ein Ort geschichtlichen Grauens, auf dessen Folie die Handlung abläuft.

In Grafeneck begann im Jahr 1940 die so genannte Aktion „T4“. In einem Jahr wurden hier unter nationalsozialistischer Herrschaft mehr als zehntausend Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen ermordet. Die Mutter des Protagonisten Christian Schöller hatte hier als Küchenmädchen gearbeitet und nun sitzt ihr Sohn in dieser Anstalt ein, weggesperrt in die Psychiatrie, vom Richter K in einem Indizienprozess überführt, ebendiese seine Mutter erstochen zu haben.

Der Roman sprengt die Grenzen, die langläufig mit dem Genre Lokalkrimi verbunden sind. Zu vielschichtig hat Uta-Maria Heim den Plot angelegt, zu sprachmächtig kommt der Text daher. Das wurde in den von ihr gelesenen Ausschnitten deutlich. Sie spannt den Bogen von den Euthanasiemorden bis hin zur Geschichte der RAF. Die Schwester des Verurteilten Schöller sympathisierte als Schülerin mit der RAF. Astrid Braun, Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, zog Uta-Maria Heim in ein freundschaftlich, kollegiales Gespräch, ist doch die Autorin der Stadtbibliothek durch Lesungen und Projekte verbunden und gern gesehener Gast in Stuttgart.

Sprachliche Raffinessen des Romans wurden im Gespräch ebenso beleuchtet wie der geschichtliche Bogen vom Nationalsozialismus über die RAF bis hin zum Untergang der DDR. Die Unfähigkeit des Individuums mit Schuld zu leben kristallisiert sich in den Protagonisten dieses vielschichtigen Romans.

Das Thema Vergangenheitsbewältigung fällt in Stuttgart auf besonders fruchtbaren Boden: Seit Jahren setzen sich „Die AnStifter“ in dieser Stadt für die Errichtung eines Erinnerungs- und Lernorts in der ehemaligen Gestapozentrale „Hotel Silber“ ein. Die AnStifter organisierten auch im Oktober 2009 eine Spur der Erinnerung, eine farbige Linie, die von Grafeneck bis vor das Innenministerium in Stuttgart reichte und verlegten Stolpersteine für die Euthanasieopfer der Nationalsozialisten in Stuttgart. Es ist bewundernswert, auf welch hohen Niveau Uta-Maria Heim dieses Thema in die Kriminalliteratur eingebracht hat.