Drogen per Drohnen – der neue Krimi von Zoë Beck

10.03.2018 at 12:07

Zoë BeckSchon achtmal kooperierte die Stadtbibliothek Bad Cannstatt mit dem Verein Stuttgarter Kriminächte, um Kriminalautoren einem breiten Publikum vorzustellen. Am 7. März 2018 las Zoë Beck hier aus ihrem neuen Roman. Sichtlich stolz präsentierte Alexandra Kirchner, die Leiterin der Bibliothek, mit ihrem reinen Frauenteam diese Ausnahmeschriftstellerin. Immer wieder eroberte Zoë Beck die Krimibestenliste mit ihren spannenden Romanen, die häufig in Großbritannien spielen. Für ihrer Kurzgeschichte Draußen erhielt sie 2010 den renommierten Friedrich-Glauser-Preis, 2014 gewann sie den Radio-Bremen-Krimipreis, der Autorinnen und Autoren für qualitativ herausragende Werke der Kriminalliteratur auszeichnet und zwei Jahre später den 3. Platz beim Deutschen Krimi Preis in der Kategorie „National“.

Nach dem Brexit kommt der Druxit

Zoë Becks neuer Kriminalroman spielt in London in nicht ferner Zukunft. Nach dem Brexit steht der Druxit auf der Agenda der regierenden Partei der „Rotweißblauen“. Sie hat einen Gesetzesentwurf vorbereitet, der einen Ausstieg aus den Drogen zum Ziel hat. Mit ihrer populistischen Kampagne unter dem Slogan „Großbritannien wird drogenfrei“ macht sie sich nicht nur die Abhängigen zu Feinden sondern vor allem die, die an den Drogen verdienen. Mächtige englische Verbrechersyndikate. Ellie Johnson hat ein besonderes Geschäftsmodel entwickelt, abseits von den Distributionswegen der Kartelle: Über einen von ihr entwickelten App bestellt man Drogen in höchster Qualität, die von Drohnen ausgeliefert werden. Anonym, sicher, perfekt organisiert. Die Londoner Unterwelt fühlt sich von ihrem Geschäftsmodell bedroht und will „Die Lieferantin“ aus dem Weg räumen. Ein Kopfgeld wird auf sie ausgesetzt. Ellie beschließt zu kämpfen doch ihre Gegner sind mächtig und lauern an jeder Straßenecke. In ihrem Kampf arbeitet sie mit der Rechtsanwältin Catherine Wiltshire zusammen, die sich für eine Legalisierung der Drogen einsetzt. Um an Geld für die Antikampagne zu kommen, schrecken sie auch vor Erpressung eines hochrangigen, drogenabhängigen Ministers nicht zurück.

Zu Beginn des Buches und der Lesung stellt Zoë Beck einen netten jungen Restaurantbesitzer vor, der sich einer Schutzgelderpressung ausgesetzt sieht. Als ihm das zu viel wird, bringt er den Schutzgelderpresser um und betoniert ihn in seinem Haus unter seinem Fußboden ein. Dumm nur, dass er sich fortan einbildet, der Typ klopfe von dort unten und dumm für ihn, dass er damit nie wird sein Haus verkaufen können.

Ein Marktplatz der Abscheulichkeiten

Sehr ausführlich spricht sie über ihre Recherche im Darknet, dort gibt es alles zu kaufen: Von Sex bis zu Drogen. Im Darknet gibt es einen Marktplatz für alle denkbaren Abscheulichkeiten. Auch ihre Protagonistin findet ihre Kunden über das Darknet. Bezahlt wird mit Bitcoins, geliefert wird der Stoff mit Drohnen, die die Übergabe auch noch filmen. Damit sichert sie ihr „Geschäftsmodel“ ab, denn sie hat was gegen ihre Kunden in der Hand. Sollte ein Drohne abstürzen oder eingefangen werden, zerstört sie augenblicklich alle gespeicherten Daten, eine Spur zur Lieferantin ist nicht mehr vorhanden.

Zoë Beck erzählt und schreibt in einem hintergründig-lakonischen Erzählstil, springt bei der Lesung durch das Buch ohne die Gesamtkonstruktion und das Ende der Geschichte zu verraten. Damit ragt sie wie ihre Kollegen Friedrich Ani und Oliver Bottini weit aus der großen Genre-Masse heraus.

Zoë Beck zeigt Kante

Inhaltlich setzt die Autorin mit ihrem halbfuturistischen Drogenthriller Akzente, der mit seinen Anspielungen auf populistische Strömungen als Diskussionsgrundlage durchaus relevant sein könnte für unsere heutige Gesellschaft. Mit Populisten hat die Autorin auch als Verlegerin zu tun: Sie ist eine der Mitinitiatorinnen der Kampagne gegen rechte Verlage, der sich mittlerweile 45 unabhängige Verlage unter dem Hashtag #verlagegegenrechts zusammengeschlossen haben. Damit positioniert sich die Autorin eindeutig für Weltoffenheit und Vielfalt und gegen Ausgrenzung und Hass. Die Kampagne hat es mittlerweile geschafft, dass die rechtspopulistische Zeitung „Junge Freiheit“ sich nicht auf der Leipziger Buchmesse präsentiert. Darauf ist Zoë Beck sichtlich stolz. Bericht siehe hier. Damit zeigt die Autorin, dass sie nicht nur literarisch heiße Eisen anpackt sondern auch bereit ist, sich die Finger im richtigen Leben zu verbrennen.

Die Lieferantin
324 Seiten, Klappenbroschur
Suhrkamp, Preis 14,95 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens, die in Bad Cannstatt die Buchhandlung „Wagner“ in der Marktstraße 34 sein könnte

Frauen (nicht nur) der Feder

20.01.2018 at 16:45

 

Vernissage

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Am frühen Abend des 18. Januars lud die Cannstatter Stadteilbibliothek zur Ausstellungseröffnung ein. Die Ausstellung umfasst Portraits und Hinterlassenschaften von 15 in Cannstatt ehemals beheimateten Schriftstellerinnen. Alexandra Kirchner, Leiterin der Stadtbibliothek, führt in diesen Abend ein und lobt die Kooperation mit dem Stadtmuseum Bad Cannstatt und dem Verein Pro Alt-Cannstatt. Noch während der Mittagsstunden hatten Frau Kirchner und der Vereinsvorsitzende Olaf Schulze Hand an die Vitrinen und großflächigen Fahnen gelegt, auf denen die Geschichten der ausgestellten Frauen gezeigt werden.

Die Ausstellung ist Teil einer Gesamtshow von 50 Frauenportraits, die in mühevoller Kleinarbeit zusammen getragen worden sind. Im Laufe der Zeit ist das Biografie-Projekt immer größer geworden, führt Herr Schulze in seiner Begrüßungsansprache aus. Das Projekt wurde durch ein Patenmodel finanziell unterstützt. Mittlerweile liegen ca. 60 Biografien vor von denen 50 gezeigt werden, ein erster Teil wurde und wird bereits im Stadtmuseum Bad Cannstatt ausgestellt. Die Ausstellung in der Stadtteilbibliothek bildet den zweiten Teil. Ein dritter Ausstellungszyklus wird sich Frauen in der Kunst widmen und wird ab 25. Januar 2018 in der Galerie Wiedmann zu sehen sein.

Die Historikerin Claudia Weinschenk führt in die Schicksale einiger der in der Stadteilbibliothek vertretenen Schriftstellerinnen sachkundig ein. Schon an diesen wenigen Beispielen wird klar, es ist etwas besonderes, wie diese Frauen ihr Leben gefunden haben.

Im nächsten Jahr wird der hunderste Jahrestages der Einführung des Frauenwahlrechtes begangen. Das hatten die AusstellungsmacherInnen im Blick, als sie diese Gesamtausstellung konzipierten. Denn die Frauen standen mit ihren sehr spannenden Lebensgeschichten wenig im Mittelpunkt der Forschung. Das hat sich erst mit der in den siebziger Jahren aufkommenden Frauenbewegung geändert. Hier in diesem Stadtteil gilt: „Bis zum 15. April 2018 ist Cannstatt weiblich“. So lange werden die Biografien der Frauen im Stadtmuseum Bad Cannstatt, in der Stadtteilbücherei und in der Galerie Wiedmann zu sehen sein. Am Internationalen Frauentag, 8. März, wird für die Austellungsmacherinnen noch einmal ein Höhepunkt sein, dann soll eine ausführliche Broschüre erscheinen, die die Ausstellung zusammen fasst.

Einen Ehrengast präsentiert Olaf Schulze am Ende der Vernissage: Die Schwiegertochter der Heimatdichterin Else Schlieter ist gekommen und trägt einige Verse ihrer Schwiegermutter vor. Die Geschichte wird somit an diesem Abend auch auf diesem Weg lebendig.

Grenzüberwindungen mit Wajiha Said

28.10.2017 at 14:00
Wajiah Said in lebhaftem Gespräch, rechts neben ihr die Stuttgarter Künstlerin Christa Lippelt

Wajiah Said in lebhaftem Gespräch, rechts neben ihr die Stuttgarter Künstlerin Christa Lippelt.
Foto © T. Seehoff

 

Die aus Syrien geflohene Autorin Wajiha Said las am 24. Oktober 2017 im Rahme des Lesefestivals „Stuttgart liest ein Buch“ in der Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt. In Syrien ist sie eine bekannte Autorin und Frauenrechtlerin und hat bereits im arabischen Sprachraum dreizehn Bücher veröffentlicht.

Über die Balkanroute kamen Wajiha Said, ihr Mann, ihre Tochter Lounar und ihr Sohn Souyar nach Weinstadt, wo sie nach anfänglicher Unterbringung in einer Massenunterkunft Heimat gefunden haben. Sie sind zwei Wochen lang durch sechs Länder gelaufen. Angekommen in Deutschland hat Frau Said begonnen, ihre Erfahrungen dieser Flucht aufzuschreiben. Mittlerweile ist es als Buch unter dem Titel: Die fünfte Durchreise auf Arabisch erschienen.

Musikalische Begleitung durch die Kinder der Autorin

Souyar und Lounar Said begleiten die Lesung musikalisch

Souyar und Lounar Said begleiten die Lesung musikalisch
Foto © T. Seehoff

An diesem Abend in Cannstatt ist die ganze Familie anwesend und gestaltet das Programm: Wajiha Said liest aus ihrem Buch, die Tochter Lounar singt Lieder aus ihrer kurdischen Heimat, begleitet von ihrem Bruder Souyar auf der Saz, der siebensaitigen, langhalsigen Laute, die überall in den Ländern des vorderen Orients gespielt wird.

Hier in der Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt erklingt die Musik der beiden jungen Leute, ähnlich wie vor fünfzig Jahren in diesem Stadtteil die Musik der Arbeitsmigranten aus Griechenland, Italien und der Türkei in den Kneipen erklang, denn Bad Cannstatt hat einen extrem hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergund. Das war auch ein Grund, warum die Stadtbibliothek Stuttgart das Ansinnen der Leiterin dieser Dependance, Frau Kirchner, von Anfang an unterstützt hat, als Kooperationspartner des Lesefestivals neben der Bibliothek am Mailänder Platz einen eigenen Programmpunkt zu gestalten. Dazu gehörte nicht nur die Einladung an eine Autorin und ihrer musikalischen Kinder, sondern auch eine Kooperation mit der evangelischen Pfarrerin Friederike Weltzien und der Flüchtlingsgruppe „Hand in Hand“ anzubahnen, die die Übersetzungen machten und die Zuhörer am Schluss mit in Weinblätter gerolletem Reis beköstigten. Süßspeisen aus Syrien und mit Minze gewürzter Kartoffelkuchen brachten Freunde der Autorin mit.

Im Visier des Staates wird Wajiha Said zur Flucht gezwungen

An diesem Abend wird im Gespräch klar, warum Wajiha Said aus ihrer Heimat fliehen musste. Sie floh aus ähnlichen Gründen wie der jungen Mann in Shida Bazyars Roman Nachts ist es leise in Teheran, der als Kommunist vor der Machtübernahme der Mullahs floh. Auch sie ist mit ihrer Kritik an dem politischen System in ihrem Land ins Visier des Assads-Regimes geraten: Sie schilderte in ihren Büchern die Situation politischer Gefangener und schrieb über die inhaftierten Frauen im Frauengefängnis in Al-Hassaki.

Wajiha Saids Buch Die fünfte Durchreise ist nicht nur Tatsachenbeschreibung der schwierigen Situation in den Grenzgebieten Syriens und der Flucht aus ihrer Heimat. Es ist vielmehr ein lyrisch stark verdichteter Stoff, der sehr intime Passagen enthält, die sie in einer ungewöhnlichen Form abgefasst hat. Die Gewalt, die ihr angetan wurde wird von ihr personalisiert in einer fiktiven männlichen Person, ja diese Erlebnisse werden zum Mann. Ihr lebhafter Diskussionsstil erfordert einen hohen Einsatz von der Übersetzerin, Frau Weltzin, die dabei von Syrern aus der Flüchtlings-Gruppe „Hand in Hand“ unterstützt wird.

Lesung und Gespräch: zweisprachig

Vier Passagen liest Wajiha Said in arabischer Sprache. Die Zuhörer haben so Gelegenheit, die arabische Sprachmelodie zu erleben. Die deutsche Übersetzung liest die Stuttgarter Künstlerin Christa Lippelt gleich im Anschluss eines jeden Teils. Die deutschen Besucher können so dem Gelesenen und der Diskussion mit der Autorin folgen.

Wajiah Said mit ihren Kindern Souyar und Lounar Foto © A. Kirchner

Wajiah Said mit ihren Kindern Souyar und Lounar
Foto © A. Kirchner

Nach Lesung, Gespräch und Diskussion mit dem Publikum und dem musikalischen Abschluss überreicht Frau Kirchner der Autorin einen großen Blumenstrauß und bedankt sich im Namen ihres gesamten Teams. Blumen, die bei uns bei solchen Anlässen gerne übergeben werden, sind in der vom Bürgerkrieg zerrütteten Region des nahen Ostens eine Seltenheit geworden. Es bleibt zu hoffen, dass der Krieg bald zu Ende geht und Blumen auch in der Heimat der Familie Said wieder blühen können. Dann kann Wajiha Said wieder in ihrer Heimat publizieren und muss sich nicht auf den steinigen Weg machen, der mit der Übersetzung und der Verlagssuche verbunden ist. Wenn ihr Buch übersetzt einen Verlag findet, was wir ihr wünschen, dann wird das für sie die sechste Überquerung.

Wajiha Said BuchcoverDie fünfte Überquerung
arabische Ausgabe

zu beziehen über die Autorin (Anfragen bitte an Michael Seehoff stellen, Kontaktdaten im Impressum)

Der Sound des Franz Dobler

27.03.2017 at 23:55
Franz Dobler im Gespräch mit Thomas Klingenmaier

Franz Dobler im Gespräch mit Thomas Klingenmaier

 

Am 25. März 2017 las Franz Dobler im Rahmen der 8. Stuttgarter Kriminächte in Bad Cannstatt. Im hellen Deckenlicht stehend begrüßt die Leiterin der Stadtteilbibliothek, Alexandra Kirchner, die zahlreichen Gäste dieses Abends und Frau Eva Hosemann vom Vorstand des Vereins Stuttgarter Kriminächte e. V. lobt die herzliche Atmosphäre in dieser kleinen Stadtteilbibliothek am Ufer des Neckars. Das Deckenlicht wird ausgeschaltet und von nur zwei Tischlampen beleuchtet beginnen der Moderator, Thomas Klingenmaier, und sein Gast in verhaltenem Ton miteinander ins Gespräch zu kommen. Das ist am Anfang für den Redakteur im Kulturressort der Stuttgarter Zeitung nicht ganz einfach, er hat es mit einem introvertierten Autor zu tun, der sich im Gespräch eher verhalten denn in ausufernden Sätzen äußert. Darin scheint eine große Übereinkunft zwischen Autor und Werk zu bestehen, auch die Sätze in dem Roman Ein Schlag ins Gesicht sind kurz, knapp und präzise, hängen schon mal mit offenem Ende wie kalter Rauch in einer Kneipe im Raum.

Auf dem Buchdeckel steht als Gattungsbezeichnung Kriminalroman

Auf dem Buchdeckel steht zwar Kriminalroman aber Franz Dobler weiß nicht so recht, ob es der passende Gattungsbegriff ist. Es ist auch ein psychologischer Roman und ein Milieuroman. Heute wird ja der größte Teil der Mainstreamliteratur der Gattung Krimi zugeordnet: Die anderen Literaturarten würden wie Fachliteratur auf speziellen Tischen in den Buchhandlungen präsentiert, beschreibt Thomas Klingenmaier die Ordnung in den Buchläden.

Als Franz Dobler seinen ersten Krimi zu schreiben begann, war ihm noch nicht klar, ob es eine Fortsetzung geben würde aber schon bevor er das Manuskript beendet hatte, stand für ihn fest, sein Ermittler Robert Fallner würde ihn weiter beschäftigen. Franz Doblers Freundschaft mit einem Regisseur, mit dem er häufig während des Schreibprozesses diskutierte, trug dazu bei, dass er seine Romane eng an die Schnitttechnik im Film anlehnte.

Am Ende des ersten Fallner Krimis, Ein Bulle im Zug, der seinen Helden auf eine schier endlos lange Zugfahrt quer durch die Republik schickt, stand dessen Entlassung aus dem Polizeidienst. Diese Vorgeschichte zu Ein Schlag ins Gesicht wurde 2015 mit dem ersten Platz beim Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Für die Fortsetzung bekam Franz Dobler 2016 den dritten Platz beim Deutschen Krimipreis.

Nach zwanzig Bullenjahren ist Faller Ex

Zwanzig Jahre war Fallner Polizist, dann hat er hingeschmissen. Er hatte im Dienst einen kriminellen Jugendlichen erschossen, der die Waffe auf ihn gerichtet hatte. Der Ex-Bulle Robert Fallner heuert bei der Securityfirma seines Bruders an und sucht nach dem Stalker eine Ex-Schauspielerin in seinem Ex-Revier. Sie hat den Auftrag an seinen Bruder gegeben, ihr den fiesen Stalker vom Hals zu halten. Die ehemalige Sex-Darstellerin Simone Thomas hat schon einiges hinter sich: zwei Ehemänner, dreiundvierzig Jahre Showgeschäft, dutzende Nacktfotos, diverse Filmproduktionen, Drogenexzesse, Yellow-Press-Skandale. Franz Dobler schickt seinen Held Robert Fallner gefährlich nahe heran an diese exzentrische Diva, deren Stalker unberechenbar ist, eben wie „Ein Schlag ins Gesicht“.

Robert Fallner ist ein Mann mit Problemen. Mit seinen Kumpel Punkarmin, 55 Jahre, führt er Männergespräche in „Bertls Eck“ und sie spülen den Ärger, den sie an den Hacken haben, mit Bier hinunter.

Die Sprache Franz Doblers an dem Sujet angepasst

Franz Dobler erzählt eher mosaikhaft, episodisch, vermischt Narratives mit inneren Monologen, mit Reflexionen und Anekdotischem in kurzen, knappen Sätzen, an denen er lange überlegt hat, wie er an diesem Abend preisgibt. Mit herrlichen Sprüchen und auf den Punkt genau sitzenden Dialogen beschreibt er seine Helden oder besser gesagt, seine Antihelden in der alten Münchner Kneipenszene rund um den Hauptbahnhof. Er ist stets auf der Suche nach dem richtigen Sound in seiner Sprache, hat einen hohen Sinn fürs Komische, fürs Bizarre und fürs Poetische. Und wenn er Brutales beschreibt, ist seine Sprache ungeschliffen. Da ist er ganz nah dran an den Großen des Kriminalromans wie Elmore Leonard, den er als Vorbild angibt. Der hätte einmal gesagt: „Kümmere dich nicht darum, was deine Mutter von deiner Sprache hält“. Franz Dobler ist nicht an Pathologieberichten interessiert, aus denen seine skandinavischen Kollegen bei der Suche nach Serienkillern so gerne und oft zitieren. Auch sind die Crime-Elemente eher spärlich gesät, und mancher Leser hat schon kritisiert, dass das nicht als Krimi bezeichnet werden sollte.

Damit ist er sehr nah an dem Großmeister des lakonischen Krimis, Friedrich Ani, der seinen Ermittler Tabor Süden auch als einen beschreibt, der sich in Kneipen „bebiert“ und eher schweigt als große Reden schwingt.

Ein Schlag ins Gesicht
Roman
365 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klett-Cotta, Tropen, Preis 19,95 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens, die in Bad Cannstatt die Buchhandlung „Wagner“ in der Marktstraße 34 sein könnte

Rainer Wochele mit einer neuen Erzählung

01.03.2015 at 9:37
rainer_wochele

Rainer Wochele stellt seinen neues Buch „Der Katzenkönig“ in der Stadtbibliothek Stuttgart vor

 

Rainer Wochele nennt sein neues Buch, „Der Katzenkönig“, eine Erzählung. Am 26. Februar stellte er diese in der Stadtbibliothek Stuttgart vor. Über 850 Titel mit dem Stichwort Katze befinden sich im Bestand der Bibliothek, wie die Direktorin, Frau Brunner, in ihrer Einleitung zur Lesung ausführte. Hubert Klöpfer, sein Verleger, meinte, Rainer Wochele an diesem Ort vorzustellen, sei überflüssig, tat es dann aber doch in einem Schnelldurchlauf, um anschließend das Wort an die Moderatorin des Abends, Lerke von Saalfeld, abzugeben.

Sie wollte wissen, wie Rainer Wochele zu seinem Thema gekommen ist. R. Wochele, der in Bad Cannstatt lebt, fand immer wieder auf seinen Spaziergängen durch Straßen und Kurpark Aushänge, die dem Finder vermisster Katzen hohe Belohnung versprachen. Die Tierliebe treibe tolle Blüten, bis zu 500 € würden als Finderlohn geboten, erzählte er. Dieses Thema hat ihn förmlich angesprungen. Noch dazu, als er ein Thema nie erzwingen könne, es ihm, wie hier, zufliegen muss. Dann befinde er sich in einem Zustand zwischen Blindheit und Bewusstsein und ein erster Satz, der Anfang einer Geschichte kann von ihm geschrieben werden.

Rainer Wochele führt durch Bad Cannstatt

Lerke von Saalfeld kann die Erzählung auch als einen Führer durch Bad Cannstatt lesen. Die Geschichte setzt ein mit dem Katzenkönig, der den Kater „Sauerbruch“ in die Taubenheimstraße zu Frau Doktor Schmückle-Bräuchle bringt. Entlang des Neckars fährt er mit seinem klapprigen Damenfahrrad. Obwohl der Kater nicht der von der Doktorin ist, bringt er ihn zu ihr. Er weiß sehr wohl, ein „frisiertes“ Tier, wenn es sich denn nur einschmeichelnd verhält, wird von der vermeintlichen Besitzerin angenommen. König hat den Kater mit Hilfe seiner Bekannten, einer Frisörin, dem Fahndungsfoto entsprechend herausgeputzt und koloriert. Ihm gelingt, die sehr beschäftigte Frau Dr. Schmückle-Bräuchle zu täuschen, die den Kater Sauerbruch als ihren verlorengeglaubten „Räuber“ annimmt.

Im Gespräch erläutert Rainer Wochele den Plot seiner Erzählung: Der Protagonist, der arbeitslose und sich in ziemlich prekärer Lebenslage befindliche Tierarzt Dr. Karlheinz König, hat sich auf die Rückführung entlaufener Katzen spezialisiert, nachdem er seinen Job aufgegeben hat mit dem er zusehends in Konflikt geraten war. Er wollte nicht weiter in der Forschung arbeiten, die mittels Tierversuchen neue Erkenntnisse zu Tage fördert. Obwohl das Buch ausschließlich in Bad Cannstatt spielt, ist sein Thema alles andere als gemütlich und provinziell. Die Erzählung stellt eine der großen, hochaktuellen ethischen Fragen, die nach der Verantwortbarkeit von Tierversuchen in der medizinischen Forschung. Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit Rainer Wochele über solch ein schwergewichtiges Thema zu schreiben vermag. Streckenweise erzählt er aus der Perspektive der Katzen, die den Untergang der Menschen herbeifabulieren. Dabei schreibt er sich in die Nähe von E.T.A. Hoffmann, der in seiner Erzählung „Die Lebensansichten des Kater Murr“ ebenfalls die Katze zu Wort kommen lässt. Die Tiere gewinnen auch bei Wochele eine Eigenmächtigkeit. Das unterstreicht der Autor, indem er den von Dr. König eingefangenen Katzen Namen berühmter Ärzte und Wissenschaftler gibt: Hyppokrates, Pasteur, Röntgen, Semmelweis und eben Sauerbruch. Dabei war es ihm wichtig, den Katzen ihre Tierhaftigkeit zu belassen. Er zeigt, was die moderne Wissenschaft in ihren Laboratorien mit den Tieren anstellt. So ist diese Erzählung auch ein Ausdruck des Protests dagegen. Für Rainer Wochele haben die Tiere eine Seele und er hält die Quälerei der Tiere für ein dunkles Kapitel der Wissenschaft. Wolfgang Schorlau, der Krimiautor aus Stuttgart, ist mit einem Zitat auf dem Buchrücken abgedruckt. Auch er hat sich in seinem letzten Roman der Frage des Umgangs mit Tieren – bei ihm in der Massentierhaltung – angenommen. Zwei Bücher zur Frage nach dem Verhältnis zu den Tieren, zwei ganz unterschiedliche Werke.

Der Katzenkönig
164 Seiten, geb. mit Schutzumschlag und farbigem Vorsatzblatt
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens