Ron Segal ist Stipendiat im Schriftstellerhaus

04.02.2017 at 14:22
Astrid Braun im Gespräch mit Ron Segal

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Ron Segal, geb. 1980 in Israel, ist der erste Stipendiat in diesem Jahr im Schriftstellerhaus. Er zog Anfang Januar ins Haus an der Kanalstraße 4 ein. Am 24. Januar 2017 stellte ihn die Geschäftsführerin des Hauses, Astrid Braun, offiziell vor.

Ron Segal hat an der Sam Spiegel Film and Television School Jerusalem studiert. Sein Abschlussfilm wurde auf vielen internationalen Festivals gezeigt, das von ihm verfasste Drehbuch vom Goethe Institut ausgezeichnet. Seit 2009 lebt er mit Unterbrechungen in Berlin, zuletzt als Stipendiat der Akademie der Künste zu Berlin, um einen Animationsfilm zu »Jeder Tag wie heute« fertig zu stellen, dessen Entstehung Ron an diesem Abend skizziert. Ruth Achlama hat den Roman aus seiner Heimatsprache Hebräisch ins Deutsche übersetzt. Ron Segal umreißt vor seiner Lesung dessen Plot.

Das Buch kreist um die Frage, was bleibt am Ende eines Lebens? Sind es Erinnerungen, Mosaiksteinchen, die sich immer schwerer zu einem Gesamtbild fügen lassen. Was passiert mit den Erinnerungen, wenn Alzheimer das Gedächtnis förmlich auszuhöhlen droht?

Er hat dabei auf die Geschichte seiner Großeltern zurück gegriffen. Sie lebten in den dreißiger Jahren in Berlin. Seine Großmutter wurde dort geboren. Beide konnten rechtzeitig fliehen. Die Oma kam mit 16 Jahren nach Israel. An Berlin hatten sie eigentlich gute Erinnerungen, erzählt Ron Segal, wollten jedoch nie zurück. Als ihr Mann 70 wurde, haben die beiden Deutschland noch einmal besucht. Das Tagebuch, das Großmutter damals geführt hat, hatte sie ihm vorgelesen.

Die Hauptfigur des Romans ist ein neunzigjähriger Überlebender der Schoa

Im Mittelpunkt seines Romans steht der neunzigjährige Überlebende der Schoa und erfolgreiche israelische Schriftsteller Adam Schumacher. Sein Werk ist geprägt durch das Schreiben gegen das Vergessen. Doch nach Deutschland wollte er nie wieder fahren und suchte bei seinen Reisen stets Flugrouten, die nicht über das Land flogen, dessen Machthaber ihm einst das Leben nehmen wollten, seine Angehörigen und Millionen andere ermordet haben. Als der Holocaustüberlebende jedoch für ein deutsches Literaturmagazin noch einmal in das Land der Täter zurückkehren muss, um seine Geschichte erneut aufzuschreiben, ergeben sich mehr und mehr Lücken und Irrwege.

Ron Segal – Autor und Filmemacher

Ron Segal liest an diesem Abend den Anfang des Romans: Adams Frau Bella wird zu Hause von einem dicken Buch erschlagen, einem Erfolgsroman Adams, der zur Zeit des Unglücks in Yad Vashem aus eben diesem Buch im Rahmen einer Konferenz »Die Schoa im Spiegel der modernen Literatur« liest. In der Jackentasche Adams finden die Ermittler die C-Saite einer Harfe. Bella war eine erfolgreiche Harfensolistin. Die elfjährige Bella spielte im KZ Harfe und traf dort den vierzehnjährigen (Ich-) Erzähler Adam. Aus dieser Begegnung entstand ein gemeinsamer Lebensweg. Damals haben sich die beiden Liebenden versprochen „Jeder Tag wie heute“.

Auf Grundlage des Romans hat Ron Segal ein Drehbuch verfasst und mit einem befreundeten Zeichner aus Tel Aviv erste Entwürfe für einen Animationsfilm entwickelt. Er zeigt dem anwesenden Publikum diese Entwürfe, wie sie von einer realen Figur ausgehend den alten Adams entwickelt haben, und die Figur der Bella im Vernichtungslager.

Für seine Filmproduktion muss Ron Segal Geld auftreiben

Er rechnet mit einem Budget von 5 Millionen Euro, um den abendfüllenden Animationsfilm produzieren zu können. Derzeit ist er auf der Suche nach Geldgebern. Er ist sich der Herkulesaufgabe bewusst, weiß, dass der Prozess zum fertigen Film deutlich länger dauern wird als der ein Buch zu schreiben.

Jeder Tag wie heute
Roman
Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
140 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Wallstein, Preis: 17,90 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Karl-Heinz Ott liest im Salon

22.05.2016 at 18:00
Karl-Heinz Ott

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„Komm heim, so schnell es geht, Papa ist tot, hatte Linda frühmorgens, kaum dass es Tag war, ins Telefon gehechelt und am Ende des knappen Gesprächs gestöhnt: Gottlob.“
So beginnt das Buch von Karl-Heinz Ott, aus dem er am 20. Mai las. Es war die Auftaktveranstaltung der Reihe „Literatur im Salon“ des Schriftstellerhauses Stuttgart.

Herrlicher Sonnenschein durchflutete den Garten der Gastgeber in Degerloch. Die Blumenpracht im Garten: üppig. Die Reihe „Literatur im Salon“, als Teil des in ganz Baden-Württemberg veranstalteten Literatursommers, konnte nicht besser beginnen. Aber selbst wenn das Wetter grau und regnerisch gewesen wäre, die Herzlichkeit und Freundlichkeit der Gastgeber hätte dies wett gemacht.

Astrid Braun, Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, stellte Karl-Heinz Ott vor:
Geboren 1957 in Ehingen bei Ulm studierte Karl-Heinz Ott Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft und arbeitete anschließend als Dramaturg in Freiburg, Basel und Zürich. 1998 erschien sein erster Roman Ins Offene, für den er 1999 den Thaddäus-Troll-Preis erhielt. Seither folgten weitere Romane und Essays, vor allem für den SWR. Karl-Heinz Ott lebt in Freiburg im Breisgau.

„Der hört nichts mehr.“
„Wer weiß?“
Der routinierte Dramaturg Karl-Heinz Ott las eine ganze Stunde aus seinem neuen Werk und schlug die Zuhörerinnen und Zuhörer mit seiner Lesung in Bann. Er schlüpfte in die Rollen der vier längst erwachsenen Kinder des pensionierten Chefarztes der Ulmer Unfallklinik Jan Nido: Linda, Joschi, Uli und Jakob. Der Vater liegt tot in seinem Haus. Die Kinder und zwei ihrer Partner finden sich im Haus ihrer Kindheit ein, um das weitere Vorgehen abzustimmen.

Über dem Haus lag lange der Schatten eines Zerwürfnisses. Vor geraumer Zeit schon hatte der seit zwölf Jahren verwitwete Vater seine Tochter Hausverbot erteilt. Auch seine Söhne ließ er nicht mehr ins Haus. Jan Nido, als Ehemann und Vater eher leidenschaftslos, war an Parkinson erkrankt und hatte erhebliche Schrullen entwickelt: Als Jakob seinen alten Vater einmal überraschend besuchen wollte, hörte er den Alten schon von der Terrasse her laut stöhnen: Im Schlafzimmer erblickte er den nackten Hintern einer Frau, die den alten Vater heftig ritt. Die Wände des Hauses waren mit drallen Porno-Plakaten drapiert, die Linda nach ihrer Ankunft sofort abriss und in den Müll warf.

Die Geschwister warten im Wohnzimmer des Vaters auf den Rechtsanwalt Max Schmeler, in Angst, der Vater hätte seinen Besitz seiner Geliebten vererbt, wie er es auch mit einem Haus im Tessin schon angedeutet hatte. Der Rechtsanwalt war mit Linda eine Weile verlobt, ehe er von einem Mallorca-Urlaub mit einer Laufstegschönheit zurück kam und für Linda zur meistgehassten Person im Hause Nido wurde. Ausgerechnet dem hat sich Vater Nido anvertraut, um sein Erbe zu regeln. Wird es Bares geben, was ist mit dem Haus? Das sind die zentralen Fragen der Kinder des Verstorbenen. Die Rahmenhandlung des Romans streute Ott während seiner Lesung ein, so dass ein plastisches Bild des Werkes entstehen konnte.

Karl-Heinz Ott zeichnet ein Porträt der zwischen 1946 und 1959 Geborenen

Karl-Heinz Ott vermittelt den gesamten Roman

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Ott beschreibt in seinem Roman anhand der Familiengeschichte der Nidos ein Porträt jener etwa von 1946 bis 1959 Geborenen, die sich von den Eltern und der schwäbischen Provinz entfernten und freier leben wollten. Folgt man Otts sprachmächtiger Erzählung der Biografien der Nido-Kinder, fällt die Bilanz dieses Aufbruchs insgesamt kaum optimistisch aus. Jakob hat eine Karriere als freier Fernsehkulturjournalist hinter sich, der es mit Adorno, Baudelaire und Pascal hält, aber mittlerweile, inzwischen selbst um 60 Jahre alt, keine Redakteure mehr findet, die sich für seine Angebote interessieren. Von seiner Sparkassenberaterin wird er über seine prekären finanziellen Situation aufgeklärt, während er in Frankreich an einem neuen Fernsehbeitrag arbeitet, den er aufgrund des Tods seines Vaters sausen lassen musste. Die Vergangenheit von Joschi als linksradikaler Student in Heidelberg, zu Beginn der Siebzigerjahre, erläuterte der Autor in seiner Zwischenmoderation, endet abrupt, als er – inzwischen Geschäftsführer des Studentenwerks – eine halbe Million Mark veruntreut und sich der Haftstrafe durch Flucht nach Ungarn entzieht. Dort schlägt er sich zehn Jahre lang als Penner durch, bis sein Fall verjährt ist. Uli hat nach den Hippie-Jahren eine Stelle als Werklehrer an der Waldorfschule bekommen. Mit dem Geld kommt er für sich, seine Frau Franziska und ihre drei Kinder über die Runden. Besonders Joschi und Jakob könnten ihre prekäre Existenz durch das Erbe aufbessern. Schwester Linda studierte Kunstgeschichte und leitet eine Kunsteinrichtung in Memmingen, ihr Mann ist an der Volkshochschule des Ortes angestellt. Die Schilderung der langen Stunden bis in die Nacht, als Max Schmeler eintrifft, bildet den Erzählrahmen des Romans, in dessen Verlauf die Zuhörer über Dialoge und Rückblenden so spannend wie genau über die Entwicklung dieser Schicksalsgemeinschaft informiert werden. Karl-Heinz Ott gelingt es mit wenigen Attributen, die Figuren zutreffend zu skizzieren, wie zum Beispiel die Geschwister über die Beerdigungsrituale streiten: Friedwald oder Seebestattung, katholischer Friedhof oder Anonymität. Alles ist möglich in diesem mit Situationskomik durchsetzten Roman. Ein Roman, der in seiner Direktheit und Dramaturgie nach einer Verfilmung ruft. Karl-Heinz Ott verriet im Gespräch nach der Lesung bei üppigem Fingerfood und gutem Wein, dass er darüber in Verhandlungen sei.

Heimat trifft Heimat

Karl-Heinz Otts Text passte hervorragend in Reihe „Literatur im Salon“ des Schriftstellerhauses Stuttgart, die dieses Jahr den Titel „Heimat trifft Heimat“ trägt. Von Mai bis zum 10. Oktober wird sie in wechselnden Privatwohnungen in Stuttgart durchgeführt. Die Gastgeber wohnen in ganz unterschiedlichen Orten: im Stuttgarter Zentrum, im Osten, auf der Gänsheide, in Botnang, Uhlbach, Hedelfingen oder in Degerloch. Sie verfügen über ausreichend Platz für 25 Gäste, ob im Wohnzimmer, auf der Terrasse oder im anliegenden Garten. Die Autorinnen und Autoren Jagoda Marinić, Shida Bazyar, Uta-Maria Heim, Regina Scheer, Walle Sayer, Pierre Jarawan und Bov Bjerg werden aus ihren Werken lesen, die das Thema Heimat in den Blick nehmen. Die AutorInnen kommen aus Kroatien, Iran, dem Libanon und aus Baden-Württemberg.

karl-heinz-ott-02Die Auferstehung
352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Carl Hanser, Preis: 22,90 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Walle Sayer steckt viel in die Streichholzschachtel

07.04.2016 at 1:26
Walle Sayer in der Stadtbibliothek

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Die LesBar der Stadtbibliothek ist keine Streichholzschachtel, trotzdem erstaunlich, wie viele Zuhörer in diesem Kleinod hoch oben in der Stadtbibliothek bei der Lesung von Walle Sayer am 5. April darin Platz fanden. Viel literarische Prominenz aus Stuttgart war vertreten, um dem Autor des Klöpfer & Meyer Verlages zuzuhören. Man kennt sich in der Szene und der Verlag Klöpfer & Meyer ist für einige der im Publikum sitzenden Autoren ebenfalls ein sicherer Hafen, wie er es für Walle Sayer seit nunmehr acht Büchern ist.

Ingrid Gerlach begrüßt Walle Sayer

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Seinen neuen Band untertitelte Walle Sayer mit „Feinarbeiten“. Ein treffender Titel, denn Walle Sayer ist bekannt für seinen genauen Blick auf die kleinen Dinge des Lebens, die er immer wieder zum Ausgangspunkt seiner fein gearbeiteten Texte macht. Der Autor ist seit vielen Jahren dem Schriftstellerhaus verbunden und so verwundert es nicht, dass dessen Geschäftsführerin Astrid Braun diesen Abend moderierte. Die gegenseitige Wertschätzung und Empathie durchzog den Abend von Anfang an, das fing schon mit der herzlichen Begrüßung durch Ingrid Gerlach als Vertreterin der Stadtbibliothek an.

Walle Sayer brennt für das Schreiben

Walle Sayer ist einer, der schon früh für sich entschied, die Schriftstellerei zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen. Er absolvierte zwar eine Banklehre, aber die Ausbildung konnte seine Liebe zur Literatur nicht verdrängen. Für Astrid Braun ist Walle Sayer ein lebendes Beispiel, wie Literatur ein Leben im wortwörtlichen Sinne verändern kann, wenn man sich ihr ganz und gar hingibt. Aber vom Schreiben allein kann er nicht leben. Und da er Verantwortung für eine Familie hat, musste er sich zwei berufliche „Flügel“ zulegen: er arbeitet als Nachtportier in einem Hotel und als Kellner in einer Kulturgaststätte in Horb. Die Gedichte des Lyrikers und Essayisten Walter Helmut Fritz seien für ihn die Initialzündung gewesen, selber mit dem Schreiben anzufangen, verrät er zu Anfang des Gesprächs. Und er beginnt seine Lesung mit dem Text „Leseausweis“. Darin beschreibt er einen Jungen, der sich lesend neue Welten erschließt.

Walle Sayer Mikrofon

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Walle Sayer hat seinen Band in neun Kapitel aufgeteilt, die lediglich mit römischen Ziffern tragen. Doch er legt Wert auf Überschriften zu seinen Texten. Der erste Text eines Bandes hat für ihn immer etwas Programmatisches, erläutert Walle Sayer. Der erste Text in diesem Band trägt die Überschrift „Photographisch“ und er hat ein Zitat von Fernando Pessoa dem Text voran gestellt: „Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern das, was wir sind.“ Und schon in diesem Text tauchen die wunderbaren poetischen Bilder des Autors auf, wenn er von „müden Straßenlampen“ schreibt, von den „Neun Zwergen in einem Vorgarten, die keinerlei Putschplan haben“ und von der „Fellfarbe der Scheunenwand“.

Stetiges Arbeiten am Text verleiht ihm Tiefe

Walle Sayer ist ein Wortesammler. Was er notiert, kann zu einem Text werden, ein Klang als Ausgangspunkt einer nächsten Betrachtung dienen. Die tägliche Zeitungslektüre ist für ihn eine unermessliche Fundgrube. Ein ganzes Kapitel hat er seiner Zeitungsausschnittsammlung gewidmet. Er arbeite lange an seinen Texten, überarbeitet sie ein ums andere Mal. Selbst wenn Texte in Zeitschriften veröffentlicht sind, nimmt er manchmal noch Änderungen vor. Sind sie allerdings als Buch erschienen, dann ist der Prozess auch für ihn endgültig abgeschlossen.

Walle Sayer Detail

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Immer wieder sind es die Kleinigkeiten, die sonst nicht erwähnten Dinge, die Walle Sayer in seinen Texten in ungewöhnliche Worte kleidet, die er an diesem Abend dem Publikum nahe bringt. Diese Liebe zum Detail seine Verbundenheit mit dem Strom des Lebens werden in der Lesung deutlich. In der ihm eigenen Bescheidenheit nimmt er sich die Zeit, die Zuhörer quer durch sein ganzes Buch zu führen und einen Einblick in sein poetisches Schaffen zu geben. Wer ihm an diesem Abend zugehört hat, hat eine Ahnung davon bekommen können, dass es ist nicht immer der ausufernde Roman ist, der dem Leser eine Welt eröffnet, es sind auch die kurzen Texte dieses in der schwäbischen Landschaft fest verankerten Schriftstellers Walle Sayer.

Was in die Steichholzschachtel passte - Walle Sayer

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Was in die Streichholzschachtel paßte
Feinarbeiten
124 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Eine Rezension gibt es hier.

Ulrike Schäfer – Nachts, nah bei uns

23.10.2015 at 6:00
ulrike schäfer

Zwei, die sich mögen

 

Ulrike Schäfer stellte in der Stadtbibliothek Stuttgart am 20. November ihren ersten Band mit Erzählungen vor: Nachts, weit von hier. Gerade ist er im Klöpfer & Meyer Verlag erschienen. Obwohl in Würzburg ansässig, war es für sie ein Heimspiel. Sie fühlt sich in Stuttgart heimisch, ein viertel Jahr hat sie Anfang des Jahres im Schriftstellerhaus als Stipendiatin gewohnt.

Mit der Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses Astrid Braun, verbindet sie eine Freudschaft, seit sie während ihres Stipendiums mit ihr über die Geschichten diskutiert hat, die nun den Band füllen. Diese freundschaftliche Beziehung trat in dem Gespräch zutage, das die beiden miteinander an diesem Abend führten. Drei Geschichten aus ihrem Band mit Kurzgeschichten las sie, begann mit der titelgebenden Geschichte „Nachts, weit von hier“.

Die Ich-Perspektive prägen die Geschichten von Ulrike Schäfer

ulrike schäfer Nachts, weit von hier

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Bei Ulrike Schäfer versteht man nicht gleich, ob die Ich-Perspektive aus der Sicht einer Frau oder eines Mannes geschrieben ist. Der Leser muss die Beschreibungen genau lesen, um diese Frage entscheiden zu können. Ulrike Schäfer hat, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei widmete, das Business-Leben einer „Free Lancerin“ gelebt. Die studierte Germanistin und Informatikerin arbeitete lange Zeit als Softwareberaterin, hat große Firmen beraten und lebte während ihrer Aufenthalte in den Städten ihrer Auftraggeber in Hotels, wie ihre Protagonistin in dieser bedrückenden Geschichte: Ein von Schlaflosigkeit geplagte Frau, die einen Übergriff auf eine Frau von ihrem Hotelzimmer aus beobachtet, von dem sie später nicht mehr weiß, ob er sich wirklich zugetragen hat oder nicht. Den Mut einzugreifen hatte sie nicht. Erst viel später meldet sie den Vorfall der Polizei und auf die Frage, wann und wo der Überfall stattgefunden hat, antwortet die Frau der Ich-Erzählung: „Nachts, weit von hier.“

Es ist der besondere Ton ihrer Geschichten, der aufhorchen lässt und große Spannung unter den Zuhörern erzeugt. Immer wieder rhythmisiert sie ihre Geschichten durch Dopplungen und man wünscht sich, die Geschichten mögen nicht aufhören, so einfühlsam schildert sie ihre Figuren. Daher auch die Frage aus der Zuhörerschaft, ob sie an einem Romanprojekt arbeite. Sie liebe die Strenge der Dramaturgie und wie sie auf engstem Raum eine Welt erschaffen könne, antwortete sie, ob sie das in einem umfangreicheren Romanprojekt umsetzten kann, ließ sie offen. Längere Texte verfasst Ulrike Schäfer fürs Theater. Gerade ist ein Stück entstanden, den Auftrag für ein weiteres Theaterstück hat sie soeben erhalten.

Die zweite an diesem Abend gelesen Geschichte, „Nele“ erzählt von der geglaubten, unendlich währenden Freundschaft zweier Mädchen. Bis die Pubertät einsetzt und das Interesse an Jungen die Perspektive – wieder eine Ich-Erzählerin – verschiebt. Und der tödliche Unfall der Freundin lässt sie ihr Leben lang nicht los.

Ein ins ungewisse geöffnetes Herz

Mit einer „hellen Geschichte“ beschloss Ulrike Schäfer ihre Lesung: „Gelika entdeckt die Liebe“. In dreißig alten Briefen an eine verflossene Liebe entdeckt sie die Liebe auf dem Dachboden, die sie vor dreißig Jahren erlebt hat und die sie aus ihrem Leben geschoben hat, um im Alltag funktionieren zu können. Die Lektüre dieser alten Briefe wirft sie aus der Bahn, so sehr, dass sie sich auf den Weg macht zu dem, in einem anderen Kontinent lebenden, Menschen. Und am Ende der Geschichte spürt Gelika, „… dass es anders ist, fühlt, wie es schlägt: ein ins ungewisse geöffnetes Herz.“

Ulrike Schäfer "Nachts, weit von hier"

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Nachts, weit von hier
Erzählungen
184 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Das Hörspiel zu „Der Hals der Giraffe“

23.05.2015 at 16:38
Günter Guben im Gespräch mit Astrid Braun zum Hörspiel

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Zum Abschluss des Lesefestes „Stuttgart liest ein Buch“ wurde im Max-Bense-Saal der Stadtbibliothek die Hörspielfassung des Romans von Judith Schalansky eingespielt. In der Hauptrolle der Inge Lohmark brilliert die Schauspielerin Corinna Harfouch. Die 74minütige Fassung des Romans bildet ihn in seinen wesentlichen Aussagen gut ab. Unter der Regie von Beate Andres, die auch die Bearbeitung vorgenommen hat, sind neben Corinna Harfouch Jürg Löw als Direktor Kattner zu hören. Leider hatte die eingeladene Regisseurin Beate Andres kurzfristig ihre Teilnahme an der anschließenden Diskussion über die Hörspielbearbeitung aus persönlichen Gründen absagen müssen. Die Projektleiterin des Lesefestes „Stuttgart liest ein Buch“, Astrid Braun, sprang für sie ein.

Ein Hörspiel ist immer die Interpretation der Romanvorlage

Günter Guben im Gespräch mit Astrid Braun zum Hörspiel

Günter Guben im Gespräch mit Astrid Braun

Günter Guben, langjähriger Vorsitzender des Schriftstellerhauses und ehemaliger Regisseur beim SWR, analysierte die Adaption des Romans für das Hörspiel. Er berichtete über die veränderten Produktionsbedingungen, die heute bei der Erstellung eines Hörspiels herrschen. Die veranschlagte Zeit für eine Produktion sei gegenüber seiner aktiven Zeit deutlich nach unten korrigiert worden. Das hat zur Folge, dass die Sprecher nicht immer alle zusammen bei der Produktion anwesend seien. Kompromisse bei der Aufzeichnung seien dadurch unabdingbar. Nicht alle dramaturgischen Ausprägungen fanden seine Zustimmung, z.B. hat ihn die Einspielung der Musik an verschiedenen Stellen gestört. Die Regisseurin hätte ihm sicher eine profunde Begründung für diesen Einsatz der Musik geben können. Insgesamt, so meinte der ehemalige Regisseur Günter Guben, habe die Hörspielfassung ihm besser gefallen als der Roman selbst. Das ist ein großes Lob an die Arbeit des SWR als Produzent dieses Hörspiels.

Gewinner der Buchpakete bei der Hörspiel Präsentation

Die glücklichen Gewinner der Buchpakete mit Astrid Braun und Günter Guben

Die Besucher und Besucherinnen der Veranstaltung hatte die Gelegenheit, an der Verlosung dreier Buchpakete im Wert von je 150 € teilzunehmen, die der Suhrkamp Verlag für die Veranstaltungsreihe gespendet hatte. Günter Guben spielte die gute Fee und zog aus den abgegebenen Zettelen die glücklichen Gewinnerinnen und den glücklichen Gewinner. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass ohne Sponsoren ein solches Programm nicht hätte durchgeführt werden können. Deshalb ist allen zu danken, die dieses Lesefest ermöglicht haben, das mit der Aufführung des Hörspiels am 22. Mai zuende ging, an der Stelle, an der es auch begonnen hatte.