Ron Segal ist Stipendiat im Schriftstellerhaus

04.02.2017 at 14:22
Astrid Braun im Gespräch mit Ron Segal

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Ron Segal, geb. 1980 in Israel, ist der erste Stipendiat in diesem Jahr im Schriftstellerhaus. Er zog Anfang Januar ins Haus an der Kanalstraße 4 ein. Am 24. Januar 2017 stellte ihn die Geschäftsführerin des Hauses, Astrid Braun, offiziell vor.

Ron Segal hat an der Sam Spiegel Film and Television School Jerusalem studiert. Sein Abschlussfilm wurde auf vielen internationalen Festivals gezeigt, das von ihm verfasste Drehbuch vom Goethe Institut ausgezeichnet. Seit 2009 lebt er mit Unterbrechungen in Berlin, zuletzt als Stipendiat der Akademie der Künste zu Berlin, um einen Animationsfilm zu »Jeder Tag wie heute« fertig zu stellen, dessen Entstehung Ron an diesem Abend skizziert. Ruth Achlama hat den Roman aus seiner Heimatsprache Hebräisch ins Deutsche übersetzt. Ron Segal umreißt vor seiner Lesung dessen Plot.

Das Buch kreist um die Frage, was bleibt am Ende eines Lebens? Sind es Erinnerungen, Mosaiksteinchen, die sich immer schwerer zu einem Gesamtbild fügen lassen. Was passiert mit den Erinnerungen, wenn Alzheimer das Gedächtnis förmlich auszuhöhlen droht?

Er hat dabei auf die Geschichte seiner Großeltern zurück gegriffen. Sie lebten in den dreißiger Jahren in Berlin. Seine Großmutter wurde dort geboren. Beide konnten rechtzeitig fliehen. Die Oma kam mit 16 Jahren nach Israel. An Berlin hatten sie eigentlich gute Erinnerungen, erzählt Ron Segal, wollten jedoch nie zurück. Als ihr Mann 70 wurde, haben die beiden Deutschland noch einmal besucht. Das Tagebuch, das Großmutter damals geführt hat, hatte sie ihm vorgelesen.

Die Hauptfigur des Romans ist ein neunzigjähriger Überlebender der Schoa

Im Mittelpunkt seines Romans steht der neunzigjährige Überlebende der Schoa und erfolgreiche israelische Schriftsteller Adam Schumacher. Sein Werk ist geprägt durch das Schreiben gegen das Vergessen. Doch nach Deutschland wollte er nie wieder fahren und suchte bei seinen Reisen stets Flugrouten, die nicht über das Land flogen, dessen Machthaber ihm einst das Leben nehmen wollten, seine Angehörigen und Millionen andere ermordet haben. Als der Holocaustüberlebende jedoch für ein deutsches Literaturmagazin noch einmal in das Land der Täter zurückkehren muss, um seine Geschichte erneut aufzuschreiben, ergeben sich mehr und mehr Lücken und Irrwege.

Ron Segal – Autor und Filmemacher

Ron Segal liest an diesem Abend den Anfang des Romans: Adams Frau Bella wird zu Hause von einem dicken Buch erschlagen, einem Erfolgsroman Adams, der zur Zeit des Unglücks in Yad Vashem aus eben diesem Buch im Rahmen einer Konferenz »Die Schoa im Spiegel der modernen Literatur« liest. In der Jackentasche Adams finden die Ermittler die C-Saite einer Harfe. Bella war eine erfolgreiche Harfensolistin. Die elfjährige Bella spielte im KZ Harfe und traf dort den vierzehnjährigen (Ich-) Erzähler Adam. Aus dieser Begegnung entstand ein gemeinsamer Lebensweg. Damals haben sich die beiden Liebenden versprochen „Jeder Tag wie heute“.

Auf Grundlage des Romans hat Ron Segal ein Drehbuch verfasst und mit einem befreundeten Zeichner aus Tel Aviv erste Entwürfe für einen Animationsfilm entwickelt. Er zeigt dem anwesenden Publikum diese Entwürfe, wie sie von einer realen Figur ausgehend den alten Adams entwickelt haben, und die Figur der Bella im Vernichtungslager.

Für seine Filmproduktion muss Ron Segal Geld auftreiben

Er rechnet mit einem Budget von 5 Millionen Euro, um den abendfüllenden Animationsfilm produzieren zu können. Derzeit ist er auf der Suche nach Geldgebern. Er ist sich der Herkulesaufgabe bewusst, weiß, dass der Prozess zum fertigen Film deutlich länger dauern wird als der ein Buch zu schreiben.

Jeder Tag wie heute
Roman
Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
140 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Wallstein, Preis: 17,90 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Karl-Heinz Ott liest im Salon

22.05.2016 at 18:00
Karl-Heinz Ott

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„Komm heim, so schnell es geht, Papa ist tot, hatte Linda frühmorgens, kaum dass es Tag war, ins Telefon gehechelt und am Ende des knappen Gesprächs gestöhnt: Gottlob.“
So beginnt das Buch von Karl-Heinz Ott, aus dem er am 20. Mai las. Es war die Auftaktveranstaltung der Reihe „Literatur im Salon“ des Schriftstellerhauses Stuttgart.

Herrlicher Sonnenschein durchflutete den Garten der Gastgeber in Degerloch. Die Blumenpracht im Garten: üppig. Die Reihe „Literatur im Salon“, als Teil des in ganz Baden-Württemberg veranstalteten Literatursommers, konnte nicht besser beginnen. Aber selbst wenn das Wetter grau und regnerisch gewesen wäre, die Herzlichkeit und Freundlichkeit der Gastgeber hätte dies wett gemacht.

Astrid Braun, Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, stellte Karl-Heinz Ott vor:
Geboren 1957 in Ehingen bei Ulm studierte Karl-Heinz Ott Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft und arbeitete anschließend als Dramaturg in Freiburg, Basel und Zürich. 1998 erschien sein erster Roman Ins Offene, für den er 1999 den Thaddäus-Troll-Preis erhielt. Seither folgten weitere Romane und Essays, vor allem für den SWR. Karl-Heinz Ott lebt in Freiburg im Breisgau.

„Der hört nichts mehr.“
„Wer weiß?“
Der routinierte Dramaturg Karl-Heinz Ott las eine ganze Stunde aus seinem neuen Werk und schlug die Zuhörerinnen und Zuhörer mit seiner Lesung in Bann. Er schlüpfte in die Rollen der vier längst erwachsenen Kinder des pensionierten Chefarztes der Ulmer Unfallklinik Jan Nido: Linda, Joschi, Uli und Jakob. Der Vater liegt tot in seinem Haus. Die Kinder und zwei ihrer Partner finden sich im Haus ihrer Kindheit ein, um das weitere Vorgehen abzustimmen.

Über dem Haus lag lange der Schatten eines Zerwürfnisses. Vor geraumer Zeit schon hatte der seit zwölf Jahren verwitwete Vater seine Tochter Hausverbot erteilt. Auch seine Söhne ließ er nicht mehr ins Haus. Jan Nido, als Ehemann und Vater eher leidenschaftslos, war an Parkinson erkrankt und hatte erhebliche Schrullen entwickelt: Als Jakob seinen alten Vater einmal überraschend besuchen wollte, hörte er den Alten schon von der Terrasse her laut stöhnen: Im Schlafzimmer erblickte er den nackten Hintern einer Frau, die den alten Vater heftig ritt. Die Wände des Hauses waren mit drallen Porno-Plakaten drapiert, die Linda nach ihrer Ankunft sofort abriss und in den Müll warf.

Die Geschwister warten im Wohnzimmer des Vaters auf den Rechtsanwalt Max Schmeler, in Angst, der Vater hätte seinen Besitz seiner Geliebten vererbt, wie er es auch mit einem Haus im Tessin schon angedeutet hatte. Der Rechtsanwalt war mit Linda eine Weile verlobt, ehe er von einem Mallorca-Urlaub mit einer Laufstegschönheit zurück kam und für Linda zur meistgehassten Person im Hause Nido wurde. Ausgerechnet dem hat sich Vater Nido anvertraut, um sein Erbe zu regeln. Wird es Bares geben, was ist mit dem Haus? Das sind die zentralen Fragen der Kinder des Verstorbenen. Die Rahmenhandlung des Romans streute Ott während seiner Lesung ein, so dass ein plastisches Bild des Werkes entstehen konnte.

Karl-Heinz Ott zeichnet ein Porträt der zwischen 1946 und 1959 Geborenen

Karl-Heinz Ott vermittelt den gesamten Roman

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Ott beschreibt in seinem Roman anhand der Familiengeschichte der Nidos ein Porträt jener etwa von 1946 bis 1959 Geborenen, die sich von den Eltern und der schwäbischen Provinz entfernten und freier leben wollten. Folgt man Otts sprachmächtiger Erzählung der Biografien der Nido-Kinder, fällt die Bilanz dieses Aufbruchs insgesamt kaum optimistisch aus. Jakob hat eine Karriere als freier Fernsehkulturjournalist hinter sich, der es mit Adorno, Baudelaire und Pascal hält, aber mittlerweile, inzwischen selbst um 60 Jahre alt, keine Redakteure mehr findet, die sich für seine Angebote interessieren. Von seiner Sparkassenberaterin wird er über seine prekären finanziellen Situation aufgeklärt, während er in Frankreich an einem neuen Fernsehbeitrag arbeitet, den er aufgrund des Tods seines Vaters sausen lassen musste. Die Vergangenheit von Joschi als linksradikaler Student in Heidelberg, zu Beginn der Siebzigerjahre, erläuterte der Autor in seiner Zwischenmoderation, endet abrupt, als er – inzwischen Geschäftsführer des Studentenwerks – eine halbe Million Mark veruntreut und sich der Haftstrafe durch Flucht nach Ungarn entzieht. Dort schlägt er sich zehn Jahre lang als Penner durch, bis sein Fall verjährt ist. Uli hat nach den Hippie-Jahren eine Stelle als Werklehrer an der Waldorfschule bekommen. Mit dem Geld kommt er für sich, seine Frau Franziska und ihre drei Kinder über die Runden. Besonders Joschi und Jakob könnten ihre prekäre Existenz durch das Erbe aufbessern. Schwester Linda studierte Kunstgeschichte und leitet eine Kunsteinrichtung in Memmingen, ihr Mann ist an der Volkshochschule des Ortes angestellt. Die Schilderung der langen Stunden bis in die Nacht, als Max Schmeler eintrifft, bildet den Erzählrahmen des Romans, in dessen Verlauf die Zuhörer über Dialoge und Rückblenden so spannend wie genau über die Entwicklung dieser Schicksalsgemeinschaft informiert werden. Karl-Heinz Ott gelingt es mit wenigen Attributen, die Figuren zutreffend zu skizzieren, wie zum Beispiel die Geschwister über die Beerdigungsrituale streiten: Friedwald oder Seebestattung, katholischer Friedhof oder Anonymität. Alles ist möglich in diesem mit Situationskomik durchsetzten Roman. Ein Roman, der in seiner Direktheit und Dramaturgie nach einer Verfilmung ruft. Karl-Heinz Ott verriet im Gespräch nach der Lesung bei üppigem Fingerfood und gutem Wein, dass er darüber in Verhandlungen sei.

Heimat trifft Heimat

Karl-Heinz Otts Text passte hervorragend in Reihe „Literatur im Salon“ des Schriftstellerhauses Stuttgart, die dieses Jahr den Titel „Heimat trifft Heimat“ trägt. Von Mai bis zum 10. Oktober wird sie in wechselnden Privatwohnungen in Stuttgart durchgeführt. Die Gastgeber wohnen in ganz unterschiedlichen Orten: im Stuttgarter Zentrum, im Osten, auf der Gänsheide, in Botnang, Uhlbach, Hedelfingen oder in Degerloch. Sie verfügen über ausreichend Platz für 25 Gäste, ob im Wohnzimmer, auf der Terrasse oder im anliegenden Garten. Die Autorinnen und Autoren Jagoda Marinić, Shida Bazyar, Uta-Maria Heim, Regina Scheer, Walle Sayer, Pierre Jarawan und Bov Bjerg werden aus ihren Werken lesen, die das Thema Heimat in den Blick nehmen. Die AutorInnen kommen aus Kroatien, Iran, dem Libanon und aus Baden-Württemberg.

karl-heinz-ott-02Die Auferstehung
352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Carl Hanser, Preis: 22,90 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Walle Sayer steckt viel in die Streichholzschachtel

07.04.2016 at 1:26
Walle Sayer in der Stadtbibliothek

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Die LesBar der Stadtbibliothek ist keine Streichholzschachtel, trotzdem erstaunlich, wie viele Zuhörer in diesem Kleinod hoch oben in der Stadtbibliothek bei der Lesung von Walle Sayer am 5. April darin Platz fanden. Viel literarische Prominenz aus Stuttgart war vertreten, um dem Autor des Klöpfer & Meyer Verlages zuzuhören. Man kennt sich in der Szene und der Verlag Klöpfer & Meyer ist für einige der im Publikum sitzenden Autoren ebenfalls ein sicherer Hafen, wie er es für Walle Sayer seit nunmehr acht Büchern ist.

Ingrid Gerlach begrüßt Walle Sayer

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Seinen neuen Band untertitelte Walle Sayer mit „Feinarbeiten“. Ein treffender Titel, denn Walle Sayer ist bekannt für seinen genauen Blick auf die kleinen Dinge des Lebens, die er immer wieder zum Ausgangspunkt seiner fein gearbeiteten Texte macht. Der Autor ist seit vielen Jahren dem Schriftstellerhaus verbunden und so verwundert es nicht, dass dessen Geschäftsführerin Astrid Braun diesen Abend moderierte. Die gegenseitige Wertschätzung und Empathie durchzog den Abend von Anfang an, das fing schon mit der herzlichen Begrüßung durch Ingrid Gerlach als Vertreterin der Stadtbibliothek an.

Walle Sayer brennt für das Schreiben

Walle Sayer ist einer, der schon früh für sich entschied, die Schriftstellerei zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen. Er absolvierte zwar eine Banklehre, aber die Ausbildung konnte seine Liebe zur Literatur nicht verdrängen. Für Astrid Braun ist Walle Sayer ein lebendes Beispiel, wie Literatur ein Leben im wortwörtlichen Sinne verändern kann, wenn man sich ihr ganz und gar hingibt. Aber vom Schreiben allein kann er nicht leben. Und da er Verantwortung für eine Familie hat, musste er sich zwei berufliche „Flügel“ zulegen: er arbeitet als Nachtportier in einem Hotel und als Kellner in einer Kulturgaststätte in Horb. Die Gedichte des Lyrikers und Essayisten Walter Helmut Fritz seien für ihn die Initialzündung gewesen, selber mit dem Schreiben anzufangen, verrät er zu Anfang des Gesprächs. Und er beginnt seine Lesung mit dem Text „Leseausweis“. Darin beschreibt er einen Jungen, der sich lesend neue Welten erschließt.

Walle Sayer Mikrofon

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Walle Sayer hat seinen Band in neun Kapitel aufgeteilt, die lediglich mit römischen Ziffern tragen. Doch er legt Wert auf Überschriften zu seinen Texten. Der erste Text eines Bandes hat für ihn immer etwas Programmatisches, erläutert Walle Sayer. Der erste Text in diesem Band trägt die Überschrift „Photographisch“ und er hat ein Zitat von Fernando Pessoa dem Text voran gestellt: „Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern das, was wir sind.“ Und schon in diesem Text tauchen die wunderbaren poetischen Bilder des Autors auf, wenn er von „müden Straßenlampen“ schreibt, von den „Neun Zwergen in einem Vorgarten, die keinerlei Putschplan haben“ und von der „Fellfarbe der Scheunenwand“.

Stetiges Arbeiten am Text verleiht ihm Tiefe

Walle Sayer ist ein Wortesammler. Was er notiert, kann zu einem Text werden, ein Klang als Ausgangspunkt einer nächsten Betrachtung dienen. Die tägliche Zeitungslektüre ist für ihn eine unermessliche Fundgrube. Ein ganzes Kapitel hat er seiner Zeitungsausschnittsammlung gewidmet. Er arbeite lange an seinen Texten, überarbeitet sie ein ums andere Mal. Selbst wenn Texte in Zeitschriften veröffentlicht sind, nimmt er manchmal noch Änderungen vor. Sind sie allerdings als Buch erschienen, dann ist der Prozess auch für ihn endgültig abgeschlossen.

Walle Sayer Detail

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Immer wieder sind es die Kleinigkeiten, die sonst nicht erwähnten Dinge, die Walle Sayer in seinen Texten in ungewöhnliche Worte kleidet, die er an diesem Abend dem Publikum nahe bringt. Diese Liebe zum Detail seine Verbundenheit mit dem Strom des Lebens werden in der Lesung deutlich. In der ihm eigenen Bescheidenheit nimmt er sich die Zeit, die Zuhörer quer durch sein ganzes Buch zu führen und einen Einblick in sein poetisches Schaffen zu geben. Wer ihm an diesem Abend zugehört hat, hat eine Ahnung davon bekommen können, dass es ist nicht immer der ausufernde Roman ist, der dem Leser eine Welt eröffnet, es sind auch die kurzen Texte dieses in der schwäbischen Landschaft fest verankerten Schriftstellers Walle Sayer.

Was in die Steichholzschachtel passte - Walle Sayer

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Was in die Streichholzschachtel paßte
Feinarbeiten
124 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Eine Rezension gibt es hier.

Ulrike Schäfer – Nachts, nah bei uns

23.10.2015 at 6:00
ulrike schäfer

Zwei, die sich mögen

 

Ulrike Schäfer stellte in der Stadtbibliothek Stuttgart am 20. November ihren ersten Band mit Erzählungen vor: Nachts, weit von hier. Gerade ist er im Klöpfer & Meyer Verlag erschienen. Obwohl in Würzburg ansässig, war es für sie ein Heimspiel. Sie fühlt sich in Stuttgart heimisch, ein viertel Jahr hat sie Anfang des Jahres im Schriftstellerhaus als Stipendiatin gewohnt.

Mit der Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses Astrid Braun, verbindet sie eine Freudschaft, seit sie während ihres Stipendiums mit ihr über die Geschichten diskutiert hat, die nun den Band füllen. Diese freundschaftliche Beziehung trat in dem Gespräch zutage, das die beiden miteinander an diesem Abend führten. Drei Geschichten aus ihrem Band mit Kurzgeschichten las sie, begann mit der titelgebenden Geschichte „Nachts, weit von hier“.

Die Ich-Perspektive prägen die Geschichten von Ulrike Schäfer

ulrike schäfer Nachts, weit von hier

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Bei Ulrike Schäfer versteht man nicht gleich, ob die Ich-Perspektive aus der Sicht einer Frau oder eines Mannes geschrieben ist. Der Leser muss die Beschreibungen genau lesen, um diese Frage entscheiden zu können. Ulrike Schäfer hat, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei widmete, das Business-Leben einer „Free Lancerin“ gelebt. Die studierte Germanistin und Informatikerin arbeitete lange Zeit als Softwareberaterin, hat große Firmen beraten und lebte während ihrer Aufenthalte in den Städten ihrer Auftraggeber in Hotels, wie ihre Protagonistin in dieser bedrückenden Geschichte: Ein von Schlaflosigkeit geplagte Frau, die einen Übergriff auf eine Frau von ihrem Hotelzimmer aus beobachtet, von dem sie später nicht mehr weiß, ob er sich wirklich zugetragen hat oder nicht. Den Mut einzugreifen hatte sie nicht. Erst viel später meldet sie den Vorfall der Polizei und auf die Frage, wann und wo der Überfall stattgefunden hat, antwortet die Frau der Ich-Erzählung: „Nachts, weit von hier.“

Es ist der besondere Ton ihrer Geschichten, der aufhorchen lässt und große Spannung unter den Zuhörern erzeugt. Immer wieder rhythmisiert sie ihre Geschichten durch Dopplungen und man wünscht sich, die Geschichten mögen nicht aufhören, so einfühlsam schildert sie ihre Figuren. Daher auch die Frage aus der Zuhörerschaft, ob sie an einem Romanprojekt arbeite. Sie liebe die Strenge der Dramaturgie und wie sie auf engstem Raum eine Welt erschaffen könne, antwortete sie, ob sie das in einem umfangreicheren Romanprojekt umsetzten kann, ließ sie offen. Längere Texte verfasst Ulrike Schäfer fürs Theater. Gerade ist ein Stück entstanden, den Auftrag für ein weiteres Theaterstück hat sie soeben erhalten.

Die zweite an diesem Abend gelesen Geschichte, „Nele“ erzählt von der geglaubten, unendlich währenden Freundschaft zweier Mädchen. Bis die Pubertät einsetzt und das Interesse an Jungen die Perspektive – wieder eine Ich-Erzählerin – verschiebt. Und der tödliche Unfall der Freundin lässt sie ihr Leben lang nicht los.

Ein ins ungewisse geöffnetes Herz

Mit einer „hellen Geschichte“ beschloss Ulrike Schäfer ihre Lesung: „Gelika entdeckt die Liebe“. In dreißig alten Briefen an eine verflossene Liebe entdeckt sie die Liebe auf dem Dachboden, die sie vor dreißig Jahren erlebt hat und die sie aus ihrem Leben geschoben hat, um im Alltag funktionieren zu können. Die Lektüre dieser alten Briefe wirft sie aus der Bahn, so sehr, dass sie sich auf den Weg macht zu dem, in einem anderen Kontinent lebenden, Menschen. Und am Ende der Geschichte spürt Gelika, „… dass es anders ist, fühlt, wie es schlägt: ein ins ungewisse geöffnetes Herz.“

Ulrike Schäfer "Nachts, weit von hier"

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Nachts, weit von hier
Erzählungen
184 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Das Hörspiel zu „Der Hals der Giraffe“

23.05.2015 at 16:38
Günter Guben im Gespräch mit Astrid Braun zum Hörspiel

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Zum Abschluss des Lesefestes „Stuttgart liest ein Buch“ wurde im Max-Bense-Saal der Stadtbibliothek die Hörspielfassung des Romans von Judith Schalansky eingespielt. In der Hauptrolle der Inge Lohmark brilliert die Schauspielerin Corinna Harfouch. Die 74minütige Fassung des Romans bildet ihn in seinen wesentlichen Aussagen gut ab. Unter der Regie von Beate Andres, die auch die Bearbeitung vorgenommen hat, sind neben Corinna Harfouch Jürg Löw als Direktor Kattner zu hören. Leider hatte die eingeladene Regisseurin Beate Andres kurzfristig ihre Teilnahme an der anschließenden Diskussion über die Hörspielbearbeitung aus persönlichen Gründen absagen müssen. Die Projektleiterin des Lesefestes „Stuttgart liest ein Buch“, Astrid Braun, sprang für sie ein.

Ein Hörspiel ist immer die Interpretation der Romanvorlage

Günter Guben im Gespräch mit Astrid Braun zum Hörspiel

Günter Guben im Gespräch mit Astrid Braun

Günter Guben, langjähriger Vorsitzender des Schriftstellerhauses und ehemaliger Regisseur beim SWR, analysierte die Adaption des Romans für das Hörspiel. Er berichtete über die veränderten Produktionsbedingungen, die heute bei der Erstellung eines Hörspiels herrschen. Die veranschlagte Zeit für eine Produktion sei gegenüber seiner aktiven Zeit deutlich nach unten korrigiert worden. Das hat zur Folge, dass die Sprecher nicht immer alle zusammen bei der Produktion anwesend seien. Kompromisse bei der Aufzeichnung seien dadurch unabdingbar. Nicht alle dramaturgischen Ausprägungen fanden seine Zustimmung, z.B. hat ihn die Einspielung der Musik an verschiedenen Stellen gestört. Die Regisseurin hätte ihm sicher eine profunde Begründung für diesen Einsatz der Musik geben können. Insgesamt, so meinte der ehemalige Regisseur Günter Guben, habe die Hörspielfassung ihm besser gefallen als der Roman selbst. Das ist ein großes Lob an die Arbeit des SWR als Produzent dieses Hörspiels.

Gewinner der Buchpakete bei der Hörspiel Präsentation

Die glücklichen Gewinner der Buchpakete mit Astrid Braun und Günter Guben

Die Besucher und Besucherinnen der Veranstaltung hatte die Gelegenheit, an der Verlosung dreier Buchpakete im Wert von je 150 € teilzunehmen, die der Suhrkamp Verlag für die Veranstaltungsreihe gespendet hatte. Günter Guben spielte die gute Fee und zog aus den abgegebenen Zettelen die glücklichen Gewinnerinnen und den glücklichen Gewinner. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass ohne Sponsoren ein solches Programm nicht hätte durchgeführt werden können. Deshalb ist allen zu danken, die dieses Lesefest ermöglicht haben, das mit der Aufführung des Hörspiels am 22. Mai zuende ging, an der Stelle, an der es auch begonnen hatte.

Judith Schalansky liest ein Buch …, auch in der Stadtbibliothek

12.05.2015 at 15:01
Judith Schalansky, Daniela Strigl

Judith Schalansky im Gespräch mit Daniela Strigl

 

Wer am 11.05.2015 der Einladung des Schriftstellerhauses folgte und in der Stadtbibliothek die Eröffnungsveranstaltung zu Stuttgart liest ein Buch erlebte, bekam einen allumfassenden Einblick in das Schaffen von Judith Schalansky.

Astrid Braun, Schriftstellerhaus

Astrid Braun, Geschäftsführerin Schriftstellerhaus und Projektleiterin, eröffnet die Veranstaltung

14 Tage ein großes Lesefest

Die Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, Astrid Braun, erläuterte in ihrer Begrüßungsrede den Titel des Lesefestes. Es heißt eben nicht: Stuttgart liest ein Stuttgart-Buch. Daher muss es auch kein Stuttgarter Autor sein, der im Mittelpunkt des vierzehntägigen Lesefestes steht. Die Auswahl der Jury fiel auf die in Berlin lebende Autorin Judith Schalansky, die mit „Der Hals der Giraffe“ einen verstörenden Bildungsroman vorgelegt hat. Dieses Buch hat Facetten und spricht Themenkomplexe an, die zur intensiven Auseinandersetzung mit dem Text einladen. Dies wird in den nächsten Veranstaltungen vielfältig geboten.

Isabel Fezer

Isabel Fezer begrüßt die Autorin und die Anwesenden im Namen der Stadt Stuttgart

Das Vergnügen des gemeinsamen Lesens strich Isabel Fezer, Bürgermeisterin für Soziales, Jugend und Gesundheit der Stadt Stuttgart, heraus. Sie knüpfte dabei an eigene Erfahrungen aus ihrem Studium an, als sie den Zauberberg las. Isabel Fezer überbrachte Grüße des OB Fritz Kuhn. Die Stadt Stuttgart hat mit ihren Projektmitteln dieses Lesefest überhaupt möglich gemacht.
Im Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin und –kritikerin Daniela Strigl wurde das Werk von Judith Schalansky in den Mittelpunkt gerückt. Sie ist nicht nur eine erfolgreiche Autorin sondern auch eine preisgekrönte Buchgestalterin. Für Judith Schalansky ist das Buch immer ein Gesamtkunstwerk. Deshalb gibt die studierte Kommunikationsdesignerin die Gestaltung ihrer Bücher auch nicht in fremde Hände. Die Haptik und die gelungene Typografie des Buches in der gebundenen Fassung lässt den Leser den Roman gerne in die Hand nehmen. Eingebunden mit grobem, grauem Leinen, rutschen die Finger nicht ab. Ein Schutzumschlag wird überflüssig. Dadurch vermittelt es den Eindruck, sich selbst ausreichend schützen zu können. Die Gestaltung der Taschenbuchausgaben hat die Autorin ebenso sorgfältig übernommen. Ihr erstes Werk war eine Liebeserklärung an die Frakturschrift: „Fraktur mon Amour“. Dafür, wie auch für „Der Hals der Giraffe“, hat sie zahlreiche Designpreise erhalten. Die Zeichnungen im Buch führen immer wieder zum Unterrichtsfach der Protagonistin Inge Lohmark: Biologie. Sie unterrichtet am Charles-Darwin-Gymnasium in einer kleinen Stadt im vorpommerschen Hinterland. Es ist ein Landstrich, der vor dem Ausverkauf steht, ohne Zukunft, denn die Menschen ziehen weg aus der ostdeutschen Provinz und damit verliert die Schule ihre Schüler. Judith Schalansky kennt, wovon sie schreibt. Sie ist als Kind eines Lehrers und einer Lehrerin in Greifswald geboren und zur Schule gegangen. Obwohl sie nicht Lehrerin geworden ist, verfügt sie doch über einen „missionarischen Eifer“, wie sie im Gespräch mit Daniala Strigl zugibt. Der Autorin ist wichtig, ihre Ansichten dem Publikum zu vermitteln, durch den Text wie auch durch die Gestaltung. Dabei darf man ihr nicht unterstellen, die Ich-Erzählerin Inge Lohmark sei ihr alter Ego. Ganz im Gegenteil. Umso erstaunlicher, wie sie den Erzählton in dem Roman durchhält und dem Leser die Hauptperson näher bringt. Sympathie wird man für Inge Lohmark nicht aufbringen, aber Verständnis für ein Leben der Brüche und der Abbrüche.

Lesung aus "Der Hals der Giraffe"

Judith Schalansky liest aus „Der Hals der Giraffe“

Judith Schalansky ist nicht Inge Lohmark

Als Judith Schalansky dann aus dem Buch las, sprach sie mit fremder Stimme. Sie schlüpfte mit ihrem Sprachduktus ganz in die Person hinein, die der Roman so wunderbar schildert. Diese Sport- und Biologielehrerin ist verblendet und hartherzig, das wird schon auf den ersten Seiten des Romans deutlich. Aber sie hat eine Leidenschaft für die Natur und eine große Liebe zu ihrem Fach. Beides hat sie herüber gerettet aus der DDR, in der sie auch nicht angepasst war, Stammbäume von Adelsgeschlechtern hat sie zeichnen lassen, um daran die Vererbungslehre zu verdeutlichen. Biologie ist ihre Ersatzreligion. Das Scheitern der „eigenen Brutpflege“ hat sie innerlich verhärten lassen. Normalerweise wird in einem „Bildungsroman“ (so der Untertitel des Buches) der Protagonist zu einem „anderen Menschen“. Hier steht das Scheitern im Mittelpunkt, ein Scheitern, das den Leser verstört und ihn dadurch verändert. „Wichtig ist das, was uns berührt“, so die Autorin. Es drängt sich beim Lesen dieses Romans, der so viel über die Natur verrät, die Frage auf, was den Menschen veranlasst, sich als Krone der Schöpfung zu sehen. Judith Schalansky empfindet es als schwierig, immerzu Entscheidungen treffen zu müssen. Die instinktgesteuerten Tiere haben es da einfacher. Die Natur sei weder gut noch schlecht. So bleibt es auch ein Rätsel, ob die „Krone der Schöpfung“ schön ist. Immerhin haben wir durch die Evolution den aufrechten Gang bekommen. Somit haben wir eine Vorder- und Rückseite. Aber was ist mit unserer Rückseite, die wir mit unserem Augensinn nicht direkt betrachten können. Ist sie schön?
Das kluge und angeregte Gespräch zwischen der Literaturkritikerin und der Autorin ließ viele Fragen offen, die die Stuttgarter sich in den nächsten Tagen in vielen Veranstaltungen rund um den „Hals der Giraffe“ stellen können. Einen ersten Ansatz zur Auseinandersetzung mit dem Thema Natur und Fantasie machten die Gesangstudierenden im Studium für Stimmkunst und Neues Musiktheater der Musikhochschule Stuttgart: Sie boten Ausschnitte aus dem „Klangbuch der imaginären Wesen“ von Mario Verandi im kathedralenartigen Raum, dem Herzstück der Bibliothek, dar. Als das Büffet geöffnet wurde, hatten die Gästen der Eröffnungsveranstaltung zu „Stuttgart liest ein Buch“ Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Nur die Autorin hatte noch zu tun: Liebevoll signierte sie ihre Bücher, verzierte ihre Widmungen mit allerlei Stempeln und gab somit jedem Exemplar einen individuellen Anstrich.

Heute, am 12. Mai 2015, ist Judith Schalansky zu Gast im Literaturhaus Stuttgart.

Stuttgart liest ein Buch – Nun geht es los

11.05.2015 at 14:06

 

Logo Stuttgart liest ein Buch 2015

Logo der Veranstaltungsreihe: © Schriftstellerhaus

 

Mit der Auftaktveranstaltung im der Stadtbibliothek Stuttgart beginnt am 11. Mai 2015 die Veranstaltungsreihe „Stuttgart liest ein Buch“.  Die Projektleiterin und Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, Astrid Braun, hat mit ihrem Team ein beachtliches Programm rund um das Buch von Judith Schalansky: „Der Hals der Giraffe“, zusammen gestellt. Das Schriftstellerhaus hat sich zahlreiche Kooperationspartner ins Boot geholt, sie finden sich im Logo des Lesefests wieder. In über 20 Veranstaltungen steht der „Hals der Giraffe“ im Mittelpunkt und wird aus unterschiedlicher Sichtweise interpretiert.

Heute Abend wird Judith Schalansky  aus ihrem preisgekrönten Roman lesen und mit der Literaturwissenschaftlerin, Kritikerin, Essayistin aus Wien, Daniela Strigl, über ihren 2011 entstandenen Roman sprechen. Ihre anderen Bücher werden ebenso zu Sprache kommen wie auch ihre Arbeiten als Buchillustratorin und Buchgestalterin.

Das künstlerische Rahmenprogramm gestalten die Gesangstudierenden im Studio für Stimmkunst und Neues Musiktheater der Musikhochschule Stuttgart mit dem »Klangbuch der imaginären Wesen« von Mario Verandi.

Vorab zu „Stuttgart liest ein Buch“ hat die Stuttgarter Zeitung ein Interview mit Judith Schalansky veröffentlicht, in dem sie sich zuum Thema Darwinismus, den Schulsituation im Osten der Republik und über ihre Arbeit als Buchgestalterin äußert.

Ort der Veranstaltung: Stadtbibliothek Stuttgart, Max-Bense-Saal
Beginn: 20 Uhr, Eintritt frei

Alle Termine zu Stuttgart liest ein Buch sind auf der eigens vom Schriftstellerhaus dazu eingerichteten Homepage veröffentlicht.

Federleichte Worte

30.01.2015 at 11:39
Ulrike Schäfer

Ulrike Schäfer, die erste Stipendiatin im Schriftstellerhaus in diesem Jahr

 

Ihre Texte haben eine Dichte und Leichtigkeit, die ihresgleichen suchen. Mit drei Texten stellte sich die neue Stipendiatin Ulrike Schäfer am 27. Januar im Schriftstellerhaus in der Kanalstraße vor. Sie ist die erste, die in diesem Jahr das schmale Haus Nr. 4 bewohnen wird. Astrid Braun stellte Frau Schäfer vor:

Ulrike Schäfer hat nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Informatik als Dozentin an der Universität Würzburg gearbeitet hat. Danach machte sie sich als Softwareberaterin selbstständig und arbeitete für die Industrie in Baden-Württemberg. Vor fünf Jahren wollte sie ihren Traum vom Schreiben, den sie schon als Mädchen hatte, verwirklichen und gab ihren Brotberuf auf. Die Auszeichnungen, die sie mit ihren Texten erlangte, beflügelten ihr Schaffen. Sie veröffentlichte in Zeitschriften und erhielt gleich 2010 den ersten Preis beim Wettbewerb zum Würth-Literaturpreis mit dem Text „Das Haus“.

Ihre Lesung begann sie mit der Kurzgeschichte „Pralinenmann“, der 2013 den Literaturpreis der österreichischen Literaturzeitschrift erostepost gewann. Mit wenigen Sätzen beschreibt sie das Setting, die Personen erscheinen lebendig vor dem Auge des Lesers. Der Ich-Erzähler macht in einem Café die zufällige Bekanntschaft mit dem muffelnden Kordhosenträger Charly, einem rundschädeligen „Brocken Mensch“, in zeltartigem Sakko gekleidet. Aber mit einem Lächeln, rund, offen und blank, das, wenn es aufgeht, entwaffnend und zugleich verwundbar ist. Es bleibt nicht bei der ersten Begegnung, es folgen in kürzeren Abständen Treffen, der Ich-Erzähler verlässt regelmäßig seine Teilzeitstelle an der Uni für einen Café-Besuch. Charly möchte nur reden, Neuigkeiten austauschen und über Dinge reden, die einen besonderen sprachlichen Klang haben wie „Berlusconi“, „Schickedanz“ oder „Suhrkamp“. In seinen Kaffee schüttet er Unmengen Würfelzucker und immer wieder bringt er feine Pralinen mit. Ein Zuckerabhängiger, der schließlich umkippt und in der Notaufnahme landet. Nach einer Woche taucht er wieder auf, eine Tüte Pralinen hat er dabei.

Es ist die längste der drei, an diesem Abend von Ulrike Schäfer gelesenen, Geschichten. Die zweite, mit dem Titel „Das Haus“, erzählt von einer bedrohlichen Situation und zieht den Zuhörer immer weiter hinein in die Welt der alten Hella, die ihr Haus in den Bergen verkaufen will. Sie lebt allein, ihr Sohn weilt in Übersee, nur schwer per Telefon zu erreichen, um ihr Ratschläge zur Erzielung eines guten Preises zu erteilen. Gleich im ersten Abschnitt erfahren wir, dass die Frau nicht lebend aus der Geschichte herauskommt. Aber trotz des vorweggenommen Endes, schraubt die Autorin die Spannung höher und höher. Ulrike Schäfer spielt geschickt mit Einbildung, Wahn und Realität, zitiert Märchenbilder, so dass beim Zuhörer der Eindruck entsteht, sich in einem bösen Märchen zu befinden. In der Diskussion wurde deutlich, wie sehr der Verkauf eines lang bewohnten Hauses auf der psychologischen Ebene wirkt; bei dem Verkäufer, der Lebenserinnerungen mit dem Haus verknüpft hat aber auch bei dem Käufer, der seine Zukunftsträume an das Objekt binden will.

Im dritten Text, „Die Art, wie meine Mutter liebte“, lässt uns Ulrike Schäfer teilhaben, wie ihr Vater ihre Mutter kennen gelernt hat. Auch in dieser Ich-Erzählung lässt sie den Zuhörer glauben, sie spräche von ihren eigenen Eltern, dabei hat sie lediglich ihre Beobachtungen mit ihrer erzählerischen Parallelwelt verschmolzen. Als sie den Text in Schweinfurt las und einige Verwandte im Publikum saßen, wurden sie durch eben diese Erzählperspektive irritiert, die Details der Geschichte passten nicht zur ihren Erinnerungen an die Eltern der Autorin.

Alle drei Texte überzeugten das Publikum, ihre eigenwilligen Formulierungen und ihre klare Sprache wurden gelobt. Leider konnte ein Erzählband an diesem Abend noch nicht erworben werden, Ulrike Schäfer wird ihn erst im Spätsommer bei Klöpfer & Meyer herausbringen.

Die Autorin betreibt eine schön gestaltete Web-Seite, auf der die dritte Geschichte abrufbar ist.

 

Robert Seethaler im Buchcafé

01.12.2014 at 9:35
Robert Seethaler

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Das Schriftstellerhaus und der Börsenverein hatten Robert Seethaler am 25. November im Rahmen der Stuttgarter Buchwochen zu einer Lesung ins Buchcafé eingeladen. Astrid Braun, Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, kennt Robert gut, 2008 war er Stipendiat in eben diesem Haus. Es war eines von vielen Stipendien, die er erhielt. Aus den einleitenden Worten von Astrid Braun schwang deutlich Stolz mit, dass das Schriftstellerhaus mal wieder einen Autor am Beginn seines literarischen Weges entdeckt und gefördert hat, der in diesem Jahr seinen 5. Roman vorlegte. Es entstand sofort ein Gespräch in freundschaftlicher Atmosphäre, die den Abend trug.
Robert Seethaler, 1966 in Wien geboren, wurde 2007 für seinen Roman »Die Biene und der Kurt« mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses ausgezeichnet. Als Fernsehschauspieler habe ich Robert Seethaler vor kurzem als Pathologe Dr. Kreissler in der ZDF-Krimiserie „Ein starkes Team“ gesehen. Er hat Bühnenengagements und schreibt Drehbücher. Der Film, nach seinem Drehbuch, „Die zweite Frau“ wurde mehrfach ausgezeichnet und lief auf verschiedenen internationalen Filmfestivals.
An diesem Abend las er aus seinem neuen Roman „Ein ganzes Leben“. Im Mittelpunkt steht Andreas Egger, der in einem einsamen Bergtal in Österreich als Hilfsknecht lebt und den Einzug der Moderne in dieses Tal miterlebt. Robert Seethaler beginnt seine Lesung mit dem ersten Kapitel, in dem er schildert, wie Andreas Egger den zum Tode Geweihten alten Ziegenhirten „Hörnerhannes“ aus seiner Hütte zu retten versucht. Er schnallt ihn sich in einer Kraxe auf den Rücken, will den alten Hirten hinunter ins Dorf schleppen. Bei einer Rast entsteigt der Hörnerhannes dem Traggestell und läuft in den Schneesturm. Obwohl Andreas ihm hinterstapft, erreicht er ihn nicht. Der Alte verschwindet hochsymbolisch im Nebel wie ein Gespenst, ist weg und kommt nicht wieder.
Kapitel um Kapitel las Robert Seethaler in seiner ruhigen und besonnen Art, den Text mit knappen Gesten unterstreichend. Wir erfuhren im Laufe des Abends, wie Andreas Egger eine zarte Liebesgeschichte zu Marie erlebt, die als Bedienung in der Dorfwirtschaft arbeitet und sein aufrichtiges Wesen schätzt. Reden kann der Andreas nicht gut. Kräftig ist er aber er hat auch ein Handicap: er hinkt. Eine Verletzung aus der Kindheit. Die Kinder im Dorf rufen ihn Hinkebein. Marie, die Liebe seines Lebens verliert er. Erst viele Jahre später, als Egger seinen letzten Weg antritt, ist sie noch einmal bei ihm.
Die Moderne kommt durch das Bauunternehmen Bittermann & Söhne ins Tal. Seine Arbeiter errichten eine Seilbahn. Andreas Egger verdingt sich bei der Baufirma als Baumfäller und bejubelt die neue Zeit: die Elektrizität erobert das Tal und Ende der fünfziger Jahre kommt das Fernsehen, zuerst in der Gaststube „Ganser“. All das verändert die Lebenssituationen der Menschen.
Es ist eine einfache und tief bewegende Geschichte. So lautete auch lange der Arbeitstitel: Eine einfache Geschichte. Robert Seethaler berichtete, wie schwer es ihm fällt, zu schreiben. Die Figuren müsse er sich förmlich aus dem Herzen herausschnitzen. Einen Plan, einen Plot hat er zu Anfang seines Schreibprozesses nicht. Er liebt seine Figuren und vertraut darauf, dass sie ihm seine Geschichte anvertrauen. Dabei bleiben Details im Dunklen: Er könne nicht beschreiben, wie Andreas Egger aussieht, ob er dick oder dürr, groß oder klein sei. An Äußerlichkeiten ist Seethaler nicht sonderlich interessiert. Und doch erschienen die Figuren lebendig vor dem geistigen Auge des Zuhörers. Es geht ihm mehr um Charaktere, um zwischenmenschliche Beziehungen und wie die äußere Welt auf die Figuren einwirkt. Seine kleinen Sätze haben große Bedeutung, so wie dieser: „Liebe und schön fallen nicht immer zusammen“.

Robert Seethaler und Astrid Braun im GesprächEin ganzes Leben
gebunden, 160 Seiten, 17,90 €
Verlag: Hanser Berlin
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Von der Küste gestürzt – Auf der Suche nach dem Verstehen

11.03.2014 at 9:50

andreas_neeserAndreas Neeser hat im letzten Jahr als Stipendiat des Schriftstellerhauses an seinem nun erschienen Roman: „Zwischen zwei Wassern“ geschrieben. Am 6. März las er auf Einladung des Schriftstellerhauses in der LesBar der Stadtbibliothek Stuttgart daraus Auszüge.

Der heute 50-jährige Autor studierte Germanistik, Anglistik und Literaturkritik an der Universität Zürich. Dreizehn Jahren unterrichtete er an einem Gymnasium, bevor er den Dienst quittierte und sich ganz der Schriftstellerei widmete.

Immer wieder hat ihn die Bretagne zu Gedichten inspiriert, erzählte er seiner Gesprächspartnerin Astrid Braun. Lange sei ihm keine Idee für eine längere Geschichte während seiner Aufenthalte gekommen. Und dann ist es doch passiert. Das Ergebnis liegt nun mit dem 184 Seiten umfassenden Roman vor.

Wasser und die Küste sind Sehnsuchtsorte, wie Astrid Braun in ihrer Einführung erläuterte. Wir fahren als Urlauber dorthin. Immer wieder, so wie auch der namenlose Ich-Erzähler. Über Jahre hält er Kontakt mit dem dort lebenden Deutschen Max, einer Künstlerseele, der mit den Fischern lebt und Steinbrocken behaut. Dann passiert ein Unglück: Der Erzähler und seine Freundin Véro stürzen ins Meer. Sie ertrinkt, er wird gerettet. Ein Jahr nach dem tragischen Unfall kommt der Zurückgebliebene wieder nach Feunteun Aod, ein kleines Fischerdorf in der Bretagne, will endlich einen Neuanfang machen und das Geschehen hinter sich lassen. Er, Lehrer wie ehedem sein Autor, ist ein Kläger ohne einen Angeklagten, denn das Meer nimmt, ohne dafür verurteilt werden zu können. Bild um Bild zerreißt der Ich-Erzähler auf der „Kanzel“, einem Felsvorsprung, die Bilder der Erinnerung, stopft sie in die Köpfe von Seetieren und wirft sie über die Klippe. Véro strahlt auf den Bildern wie eine, der das Glück alle Glieder lang zieht. Und er hat sie nie gefragt weshalb. Und nun ist er mit seiner Trauer allein, die er erst nach einem Jahr hier am Ort des Geschehens zulassen kann. „Portionenweise gebe ich etwas von ihr her, alles, weil es anders nicht geht. Weil es irgendwie gehen muss. Krabbenfutter. Was für ein Wort.“, heißt es im Roman. Um das Meer zu verstehen braucht es nur zwei Aussagen, erklärt ihm der Fischer John le Bars:
Das Meer nimmt. Das Meer macht keine Fehler.

So einfach ist das für die Leute hier, die gelernt haben, mit den Gefahren des Meeres zu leben und von ihm. Véro hatte diese Lektion nicht gelernt, bevor sie von der Welle erfasst wurde, die sich fünf Kilometer vor der Küste auftürmte und dann mit voller Wucht aufprallte. Wie kann Trauer gelingen, wenn es keine Leiche, kein Grab gibt, auf das man Blumen legen kann? Wie kann ein Neuanfang aussehen? Das verrät Andreas Neeser an diesem Abend nicht aber er gibt Antworten auf diese Frage und auf die von Schicksal, Zufall und Schuld in seinem neuen Buch, geschrieben in einer dichten, lyrischen Sprache.

Zwischen zwei Wassern
184 Seiten, gebunden. Erschienen im Haymon Verlag, Preis: 17,90 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens.