Ein Übergang

19.08.2014 at 13:31

endesommer

 

anfangherbstWenn ich morgens zur Arbeit radle, rieche und sehe ich den Herbst. Das Licht fällt nicht mehr ganz so stark durch die Bäume, früher Nebel liegt über dem Weg. Auf dem Fenstersims steht eine vertrocknete Blume. Es wird Zeit für mich, nach Süden zu ziehen, ich will weiter bis ans Meer.

Zusammen mit den Feldlerchen werde mich auf den Weg nach Südeuropa machen. Wenn ich wieder komme, hacke ich Holz für den Winter.

 

Isabelle Huppert: Eine Frau zieht sich um

29.08.2016 at 21:34
Isabelle Huppert

.

Der französische Film Alles was kommt startete Mitte August in den deutschen Kinos. Er erzählt vom Leben der Pariser Philosophielehrerin Nathalie, gespielt von Isabelle Huppert. Nach dem plötzlichen Ende ihrer Ehe erfährt sie ein Gefühl der Freiheit und muss ihr Leben neu sortieren. Der Film erhielt bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin den Silbernen Bären für die beste Regie.

Es sprechen einige Argumente für den Besuch dieses Films, viele dagegen.

Pro:

• Wir sehen Isabelle Huppert, die auch mit 63 Jahren noch bezaubernd aussieht (was der Kommentator – in ähnlichem Alter – nicht von sich sagen kann).
• Freunde der guten Kleidung sehen Isabelle Huppert in jeder Szene(!) in einem anderen Kleid/Outfit
• Auch nach 70 Filmen spielt sie alle Mitspieler an die Wand mit ihren spröden Gesten und ihrer Präsenz.

Kontra:

• Es ist ein Film, der von Philosophie handelt aber sie nicht wirklich ins Leben bringt.
• Die politische Realität in Frankreich (unter Präsident Nicolas Sarkozy) wird nicht wirklich einbezogen, bleibt Staffage.
• Wie ein großer Teil der Filme des französischen Films wird geredet, geredet, geredet.
• Eine Grundregel des Schreibens wird damit verletzt: Show, don’t tell
• Der Film hat nicht wirkliche einen Helden (selbst Isabelle nicht)
• Die zu verhandelnden Themen (Trennung nach langer Ehe, Pflege der alten Mutter, Rolle als Oma) werden nur angerissen, nichts wird vertieft.
• Es werden Klischees herangezogen.
• Es wird keine eine spannende Geschichte erzählt: der Film plätschert 100 Minuten dahin ohne jeglichen Höhepunkt.
• Die Bildsprache ist Fernseh-Einheits-Ware.

Es geht auch anders

Wie erfrischend anders dagegen der neue Film von Maren Ade: Toni Erdmann. So, wie er die Globalisierung erklärt und ad absurdum führt, hat M. es schon lange nicht mehr gesehen. Da sollte sich mal Albrecht Müller von den Nachdenkseiten ein Beispiel nehmen. Fazit: Zum Konsum dieses Filmes wird dringend geraten.

Genius – Streichen! Streichen! Streichen!

17.08.2016 at 7:30
Lektor Max Perkins (Colin Firth) ringt mit dem unbekannten Schriftsteller Thomas Wolfe (Jude Law) um jedes Wort. © Wild Bunch Germany

Lektor Max Perkins (Colin Firth) ringt mit dem unbekannten Schriftsteller Thomas Wolfe (Jude Law) um jedes Wort.
© Wild Bunch Germany

 

Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft, so heißt der Film, der uns in den Maschinenraum eines großen Verlages blicken lässt. Er bringt das Ringen um Worte auf die Leinwand, stellt es als Kampf zweier Männer dar, die unterschiedlicher nicht sein können: Der Lektor Max Perkins und der in der ersten Begegnung noch völlig unbekannte amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe. Dieser Lektor war gewissermaßen der Geburtshelfer einiger der wichtigsten Werke der amerikanischen Literatur. Alles das spielt Ende der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts in einem New Yorker Verlag.

Die zentrale Botschaft des Films wird von ihm selber nicht eingelöst

Die zentrale Botschaft des Films, ein ausuferndes Romanmanuskript durch Streichungen zu einem Meisterwerk zu machen, haben der britische Regisseur Michael Grandage und sein Drehbuchautor John Logan leider in dem Film nicht selber beherzigt. Sonst wäre nicht ein Film entstanden, der sich über weite Strecken in die Länge zieht und man sich ein ums andere Mal fragt, warum muss er das denn nun auch noch zeigen? Hättes es nicht bei einer zarten Andeutung bleiben können? Die kurzen Szenen mit Ernest Hemmingway, der auch mit dem Lektor Max Perkins gearbeitet hatte, ebenso wie die Szenen mit dem gebrochenen Francis Scott Fitzgerald hätten der Philosophie des Max Perkins zum Opfer fallen müssen: Streichen, streichen, streichen.

Genius ist redundant und geschwätzig

So sieht man ein ums andere Mal, wie Max Perkins mit seinem Bleistift Stellen aus dem Manuskript herausstreicht. Er macht es langsam und überlegt. Der Schriftsteller Thomas Wolfe streicht, nachdem er das Prinzip einmal von seinem väterlichen Freund zu schätzen gelernt hat, hemmungslos in seinem fünftausendseitigen Manuskript. Er nimmt gleich einen Rotstift zur Hand. Das ist ein Beispiel, wie der Film nicht nur Dinge erzählt, andeutet sondern auch noch dramatisch zeigt und somit redundant und geschwätzig wird: Das Manuskript zu seinem zweiten Buch, nachdem sein erster Roman durch die Eingriffe des Lektors zu einem Verkaufsschlager wurde, bringt er nicht als Stapel maschinengeschriebener Blätter an. Nein in einigen groben Holzkisten lässt er seine handgeschriebenen Manuskriptstapel in das Büro von Max Perkins schleppen, um ihm mit theatralischen Gesten sein neues Werk zu präsentieren. Das wird dann sogleich von fleißigen Sekretärinnen wie am Fließband abgetippt, um vom Lektor bearbeitet werden zu können.

In ähnlicher Art und Weise werden in dem Film von Michael Grandage und John Logan die Frauen durchweg dargestellt: Liebevoll versorgt Perkins‘ Ehefrau Mann und vier Töchter und klagt nur hin und wieder, dass der Lektor zu wenig Zeit für die Familie habe. Nicole Kidman als Thomas Wolfes Geliebte Aline Bernstein spielt eine Frau mit Haaren auf den Zähnen, neurotisch, eitel, eifersüchtig. Schwarze Nutten an der Bar eines Jazzkellers wackeln mit ihren dicken Hintern und werfen laszive Blicke in Richtung des schmalzlockigen Jungautors.

Welche Geschichte soll erzählt werden?

Der Film krankt daran, dass er sich nicht entscheiden kann, welche Geschichte er uns erzählen will. (Die erste, treffende Frage, die der erfahrene Lektor seinem neuen Zögling stellt.) Der Film will Charakterstudie und Milieustudie zugleich sein. Überdeutlich wird jede Emotion ins Bild gesetzt, der sich herausbildende Konflikt zwischen dem souveränen Perkins und dem labilen Wolfe ohne filmische Idee in Szene gesetzt. Es herrschen die steril ausgeleuchteten sepiabraunen Farben des amerikanischen Kostümkinos vor: Straßen, Autos, Kleider und Möbel werden nicht als zeitgenössische Selbstverständlichkeit inszeniert, sondern sind mit dem dicken Pinsel gemalt und wirken wie aus einem Museum in die Kulisse gestellt. Der Lektor immer penibel angezogen, stets mit Hut (selbst noch im Schlafanzug), der Autor lässig mit schief sitzender Krawatten mit stets dreckigen Fingernägeln. Dabei bleibt der historische Kontext verschwommen: Das Politische oder das Soziale spielen bei diesem im Börsencrashjahr beginnenden Film so gut wie keine Rolle. Eine Schlange Arbeitsloser an der dampfenden (!) Suppenküche wird von der Kamera nur im Hintergrund gezeigt vor denen das allgegenwärtige Schriftstellergenie Thomas Wolfe einherschreitet. Der gesamte Film wurde pikanter Weise in Großbritannien gedreht. (Amerikanisch/britische Produktion.)

Der britische Theaterregisseur Michael Grandage war bei seinem Filmdebüt nicht gut beraten, das das Buch Max Perkins: Editor of Genius von A. Scott Berg durch den amerikanischen Drehbuchautor John Logan bearbeiten zu lassen. John Logan ist auf Historienschinken und opulente Filme abonniert, in denen man es so richtig krachen lassen kann: „Gladiator“,“ Sinbad – Der Herr der sieben Meere“, „Last Samurai“ „Aviator“, „Hugo Cabret“ und zwei James Bond Filme. Dieser Autor hat sich die Maxime des Lektors Max Perkins nicht zu Herzen genommen: Streichen, streichen, streichen.

Die beiden im Film behandelten Romane von Thomas Wolfe heißen:

  • Schau heimwärts, Engel. Eine Geschichte vom begrabenen Leben (Look Homeward, Angel. A Story of the Buried Life 1929). Als Taschenbuch bei Rowohlt hat es 720 Seiten
  • Von Zeit und Fluss. Legende vom Hunger des Menschen in seiner Jugend (Of time and the river) in Neuübersetzung von 2014 im Manesse Verlag, ca. 1.100 Seiten Manesse Verlag, ca. 1.100 Seiten.

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens.

Link zum Trailer

Nachdenkzeilen – Warum ich Afrika liebe

14.08.2016 at 15:27
nachdenkzeilen

.

Als M. morgens ein Interview mit dem Direktor des Max Planck Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena, Johannes Krause, im Deutschlandradio Kultur hörte, ging ihm ein Licht auf. Seine Faszination für Afrika seit der frühen Jugend, die ihn zu längeren Aufenthalten in Kamerun und Zaire führten, sind offensichtlich in seinen Genen angelegt. Denn, so Johannes Krause im Interview am 12.08.2016: „Zum Großteil stammen unsere Gene tatsächlich aus Afrika“. Und weiter führt er aus: „

„Tatsächlich müssen wir sogar sagen, dass die Menschen außerhalb Afrikas genetisch gesehen Afrikaner sind, weil wir sind näher verwandt mit bestimmten Afrikanern als diese Afrikaner mit anderen Afrikanern …“ „Bis vor 10.000 Jahren sahen wir sogar phänotypisch noch aus wie heutige Afrikaner und sind sozusagen nur ein kleiner Ast im Stammbaum der Menschen. Die dicken Äste befinden sich allerdings alle in Afrika. Also insofern müssten wir eigentlich sagen, dass wir alle Afrikaner sind, das wäre eigentlich die richtige Antwort, denke ich, auf diese Frage.“

Und weiter führt Johannes Krause zu Wanderbewegungen aus: „Zusätzlich konnten wir auch zeigen, dass es vor ungefähr 8 – bis 9000 Jahren zu einer großen Einwanderung aus dem Nahen Osten nach Europa kam. Damals kam der Ackerbau und die Viehzucht auf, und das kam einher mit einer ganzen Reihe von Menschen. Das heißt, in den ersten paar hundert oder tausend Jahren wurde fast die gesamte Bevölkerung Europas ersetzt von diesen Neuankömmlingen aus dem Nahen Osten, die den Ackerbau und die Viehzucht dort mitgebracht haben. Solche Kapitel hat es immer wieder in der Menschheitsgeschichte gegeben.“

Wenn M. über diese Thesen nachdenkt, wird ihm noch einmal die ganze Absurdität des völkischen Ansatzes der rechtspopulistischen AfD und Pegida bewusst. Die sprechen von einer „Umvolkung“. Vor dem Hintergrund dieser Forschungen müsste man konsequenter Weise von einer „Rückvolkung“ sprechen. Diese Einwanderungsbewegungen haben doch erst unsere Kultur hervorgebracht. Eine Bereicherung also. M. hat auch seine Zeit in Afrika als Bereicherung erlebt. Wunderbare Menschen hatte er damals dort kennen gelernt.

 

Ein Rad lässt die Seele (Schlauch) baumeln

14.08.2016 at 15:00
Einfach mal die Seele baumeln lassen

Einfach mal die Seele baumeln lassen

M. staunte nicht schlecht, als er am Nachmittag in seinen Garten trat und sein Fahrrad auf dem Rasen ausgestreckt vorfand. Seine Seele hatte es an eine Liane der Glyzinie gehängt. Warum soll sich sein Fahrrad nicht ausruhen, fragte sich M. das ihn jeden Tag zuverlässig zur Arbeit und wieder zurück bringt.

Uta Köbernick erklärt uns TTIP

31.07.2016 at 18:23

So intelligent und humorvoll hat mir bisher noch keiner TTIP erklärt, wie Uta Köbernick in ihrem preisgekrönten Soloprogramm „Grund für Liebe“. Damit gewann die Wahlschweizerin dieses Jahr den „Salzburger Stier“. Die politische Lyrikerin und Musikkabarettistin versteht es uns zum Nachdenken, Träumen und Schmunzeln zu bringen.

Wer nach diesem Video Lust verspürt, sich gegen TTIP zu engagieren, kann damit am 17. September auf einer der zahlreichen Großdemonstrationen in deutschen Großstädten beginnen. In Stuttgart findet sie ab 12 Uhr vor dem Hauptbahnhof statt. Die AnStifter arbeiten in der Vorbereitung der Demo maßgeblich mit.
 
uta-köbernick-ttip

Nachdenkzeilen – Nizza: Amok oder Terror?

19.07.2016 at 23:51

Die schnelle Einordnung der letzten Amokläufe spielt dem IS in die Hände und schürt Ängste in der Bevölkerung. Für eine „Informationsquarantäne“ spricht sich H. M. Heinrich in seinem Gastkommentar aus:

Ein Mann tötet und verletzt viele Duzend Menschen. Ein solch monströses Morden, mit dem ein armer kranker Irrer möglichst viele Menschen mit sich in den Tod reißen will, nannte man bis vor kurzem Amoklauf.

Nach Schulmassakern und ähnlichen entsetzlichen Bluttaten herrschen Entsetzen, Trauer, Mitleid, suchen die Menschen nach einer Erklärung für das Unbegreifliche und stellen die Frage: Warum? Diese Frage war in Nizza sogleich beantwortet: Da der Amokfahrer Tunesier war, ist die Tat ein islamistischer Anschlag.

Die Medien ordnen die Massenmörder ein

Ein norwegischer Massenmörder kann sich nicht auf eine Organisation berufen, die es ihm ermöglicht, seine Wahnsinnstat zu einer Heldentat von weltweiter Bedeutung zurecht zu phantasieren.

Der IS hat dazu aufgerufen, möglichst viele Ungläubige zu töten. Er führt einen asymmetrischen Krieg. Und die weitaus meisten seiner Opfer sind Syrer und Iraker.

Aber sind alle Massaker, die von Menschen aus islamischen Ländern, von Muslimen, begangen werden, wirklich islamistische Anschläge? Ist es nicht denkbar, dass der Mörder von Nizza unter anderen politischen Umständen genauso gehandelt hätte, nur ohne die ideologische Rechtfertigung vor sich selbst? Und der Attentäter von Orlando litt womöglich nicht an der westlichen unislamischen Kultur, sondern an seinen eigenen homosexuellen Neigungen, die er mit seinem Selbstbild nicht vereinbaren konnte.

Jeder, der einen ungeklärten Flugzeugabsturz oder ein Massaker an feiernden Zivilisten vorschnell als Terroranschlag bezeichnet, arbeitet dem IS in die Hände: Die ständige Angst vor Anschlägen führt zu Misstrauen und Hass zwischen uns und „denen“, zwischen Christen/Säkularen und Menschen aus islamischen Ländern, Muslimen.

Der IS nützt die Attentate für seine Propaganda

Klassisches Bild des Märtyrers - Amok in Nizza

Mittelalterliche Darstellung des christlichen Märtyrers Sebastian

Der IS hat sich mittlerweile zu dem Anschlag bekannt. Es kostet ihn nichts. Ich will nicht, dass wir weiter das perfide Spiel des IS mitspielen. Es interessiert mich nicht, ob ein Mörder Tunesier ist, ob er Moslem ist, was seine Motive sind, ebenso wenig wie ihn seine Opfer interessiert haben. Ich will seinen Namen nicht hören und sein Bild nicht sehen. Ein Attentäter, der den eigenen Tod in Kauf nimmt und stirbt, darf nicht zum Helden oder Märtyrer werden. Er soll nicht durch seine Untat Bedeutung bekommen. Gott sei seiner armen Seele gnädig.

Wenn jedoch ein Mörder lebend gefangen und vor Gericht gestellt wird, ist es wichtig, seinen persönlicher Hintergrund und sein Motiv zu kennen, um ihn gerecht verurteilen zu können.

Je ausführlicher über solch eine Tat berichtet wird, umso grösser ist die Gefahr durch Nachahmer. Aktuelle Berichterstattung, die naturgemäß die Hintergründe noch nicht kennt, erzeugt gerade Terror und Angst. Eine verantwortungsbewusste Zurückhaltung der Medien, eine Art „Informationsquarantäne“ von mehreren Tagen, könnte im „Kampf gegen den Terror“ ebenso hilfreich sein wie eine Zurücknahme martialischer Kriegsrhetorik.

Die ganze Welt auf einer kleinen Bühne bei Loretta

19.07.2016 at 23:30
Auf der Bühne des Alimentari Loretta: Petra Hilser und Nataša Rikanović!

Auf der Bühne des Alimentari Loretta: Petra Hilser und Nataša Rikanović!

 

Eine winzig kleine Bühne reicht den beiden Musikerinnen für ihr Programm. Das Alimentari von Loretta Petti in der Römerstraße 8 in Stuttgart bietet Nataša Rikanović Petra Hilser diesen kleinen Raum, um ihr Programm geografisch weiträumig aufzuspannen.

Nataša Rikanović schlüpft in viele Rollen im Alimentari Loretta

Nataša Rikanović schlüpft in viele Rollen

Petra Hilser am Akkordeon begleitet Nataša Rikanović auf ihrer musikalischen Reise nach Rumänien, Argentinien, Sizilien und zu den Völkern Osteuropas, die noch den Kehlgesang beherrschen. Unterwegs biegt Nataša Rikanović ganz spontan in die Taiga ab und besucht nebenbei die skandinavischen Länder. Dabei schlüpft sie in landesspezifische Rollen. Besonders die mafiosen Gestalten aus Sizilien, die sie auf die Bühne zaubert, beglücken das Publikum.

Es ist offensichtlich, die beiden lieben es, auf der Bühne zu stehen. Wobei Petra Hilser mit ihrem Akkordeon eher als „Sidekick“ für Nataša Rikanović erscheint. Mit „Petruschka“ wird sie von Nataša Rikanović oft von oben herab angeredet. Doch wenn Petra Hilser schalkhaft lacht, ist dem Zuschauer nicht so ganz klar, wer von den beiden Musikerinnen die Fäden in der Hand hält. Ein in einer Decke eingewickeltes Gewehr hält Nataša Rikanović drohend als sizilianischer Mafiosi in den Händen, um gleich darauf ein wunderbares süditalienisches Volkslied zum Besten zu geben. Dann wieder schlüpft sie in die Rolle einer Argentinierin, die von ihrer Liebschaft mit einem leidenschaftlichen Tangotänzer berichtet. Sie gibt sich als Neffe von Astor Piazzolla aus und am Ende schwinden dem Publikum die Sinne von all den Rollenwechseln, die die beiden Musikerinnen auf der Minibühne von Loretta vollführen.

Petra Hilser im Alimentari Loretta

Petra Hilser

Nach einer Pause, in der der Nachtisch von Loretta und ihren Frauen serviert wird (diesmal Salbei-Eis, eine Delicatesse!), kehren die beiden Musikerinnen auf die Bühne zurück und grüßen das gerade frisch eingetroffene Bier eines Gastes mit den Worten: „Da kommt noch ein Bier“. Eine bulgarische Hochzeit wird gefeiert und nahtlos geht es von den Bulgaren über Ungarn in die Pusta. Mit gestrickten roten und grünen Mützen auf den Köpfen entführen sie die Zuhörerinnen und Zuhörer zu Onkel Janosch in die finnische Taiga. Eine Hütte wird zum Familienschloss, in dem überschwänglich mit Obertongesang gefeiert wird.

Am Ende des Abends „zwingt“ ein tosender Applaus Petra Hilser und Nataša Rikanović zur Zugabe. Lange noch diskutieren die Gäste bei einem Espresso die Darbietung der beiden Künstlerinnen.

Querfront – eine verquere Welt

17.07.2016 at 17:37
Ivo Bozic spricht in der Stiftung Geißstraße Stuttgart über das Phänomen Querfront

Ivo Bozic spricht in der Stiftung Geißstraße Stuttgart über das Phänomen Querfront

 

Die Stiftung Geißstraße in Zusammenarbeit mit dem Förderverein Emanzipation und Frieden e.V. und der Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg hatten am 14. Juli 2016 Ivo Bozic eingeladen, um über das Querfront-Phänomen zu referieren. Antiwestlich, national und sozial: Ist das eigentlich rechts oder links – oder beides? In Deutschland ist seit den Erfolgen der neuen völkischen Bewegungen wie den Montagsmahnwachen, Pegida und der AfD oft von einer neuen Querfront die Rede. Ist es sinnvoll an den klassischen Zuschreibungen „links“ und „rechts“ festzuhalten, obwohl es mit dem völkischen Nationalismus und dem antiwestlichen und antizionistischen Antiimperialismus große Schnittmengen zwischen beiden gibt? Was eint so unterschiedliche Akteure wie Wladimir Putin, den „Islamischen Staat“, den Iran, Le Pen, Verschwörungstheoretiker, Teile der Linkspartei und Pegida? Das versuchte Ivo Bozic an diesem Abend zu klären. Vorab als Fazit: Er hat einen wichtigen Schritt zur Aufklärung beigetragen.

Die Montagsdemonstrationen für den Frieden

Wo sind die ideologischen Schnittmengen zwischen rechts und links? Als der Ukraine-Konflikt sich zuspitzte, gingen viele Menschen Montag für Montag auf die Straße: Seit 2014 gibt es die Mahnwachen für den Frieden. Die Demonstranten setzen sich aus allen politischen Strömungen zusammen. Alle verbindet der „Hass auf das Schweinesystem“. Sie eint die Ablehnung von Dekadenz und der Bourgeoisie. Neonazis und Autonome marschieren Hand in Hand. Jürgen Elsässer, Herausgeber des rechtspopulistischen Magazins Compact, ist einer der treibenden Akteure neben Ken Jebsen und Lars Mährholz. Elsässer war Mitglied des Kommunistischen Bundes (KB). Elsässer gilt als einer der ursprünglichen Protagonisten der Antideutschen. Er arbeitete für die Monatszeitschrift konkret. Bis 2002 war er auch Redakteur bei der Zeitung Junge Welt. Aus dieser Zeit kennen sich Ivo Bozic und Jürgen Elsässer.

In der Weimarer Republik wurde der Grundstein gelegt

Das Konzept der Querfront hat seine Wurzeln unter anderem in der sogenannten Konservativen Revolution der Weimarer Zeit. Es sollte keine Linken und Rechten mehr geben, sondern nur noch deutsche Volksgenossen. Die Brüder Gregor und Otto Strasser gehörten dazu. Schon 1923 forderte der Vordenker Arthur Moeller van den Bruck den Nationalismus und Sozialismus völkisch miteinander zu verknüpfen. Und weiter: Deutschland solle sich nach Osten, zur Sowjetunion hin orientieren, gegen den liberalen Westen, vor allem die USA. Daran knüpfen die neuen Montagsdemonstrationen an, allerdings hat es in der jüngeren Geschichte eine unübersehbare Zahl von Querfronten gegeben, von Überschneidungen linker und rechter Positionen, ohne dass sich deren Vertreter selbst immer als Querfront definiert hätten.

Verschwörungstheorien gehören immer dazu

Wo immer die Querfront auftaucht sind die Verschwörungstheoretiker nicht weit. (9/11 ist vom CIA selber inszeniert worden). Die Bilderberg-Konferenz gilt als eine Gruppe, die den globalen Eliten untersteht. Angeblich streben die Bilderberger eine neue Weltordnung an, mit der Spitze von Militär, Weltbank und der Hilfe von gesteuerten Medien.

Die Querfront als weltpolitisches Phänomen

Zu denkwürdigen Allianzen zwischen Linken und Rechten kam es auch im Zuge des Irak-Kriegs 2003. Linke wie rechte Antiimperialisten bezogen sich positiv auf den Ba’athismus und Saddam Hussein und unterstützten den irakischen Terrorismus als „legitimen Widerstand“ gegen die US-Truppen, sammelten sogar Geld für die terroristischen Gruppen. Der IS von heute hat in seiner obersten Führungsschicht etliche Offiziere aus Saddams Armee. Der von Slobodan Milošević protegierte rechtsextreme Anführer der Serbischen Radikalen Partei (SRS), Vojislav Šešelj, feierte seinen alten Freund Saddam Hussein als „Waffenbruder“ und als „Symbol des Widerstands gegen die neofaschistischen US-Barbaren“.

Wenn es um Sympathiebekundungen mit Diktatoren geht, seien es Saddam, Gaddafi, Ahmadinejad oder jetzt Assad, stehen linke Antiimperialisten und Neonazis meist Seite an Seite. Im Hass auf die USA und Israel zeigt man sich vereint. Gemeinsamer Bezugspunkt sind immer wieder der Antizionismus und die Solidarität mit den Palästinensern. 2010 nehmen an der Free-Gaza-Flottille Linke, Faschisten und Islamisten gemeinsam teil. Hier sitzt die rot-braun-grüne Querfront auch ganz praktisch zusammen in einem Boot.

Ein aktuelles und besonders beeindruckendes Beispiel einer Querfront ist in Griechenland zu beobachten. Die ultrarechte Partei „Morgenröte“ koaliert mit der linkssozialistischen Syriza-Partei. Rechtspopulisten wie der Front National von Marie Le Pen kooperieren mit Russlands Putin. Putin gilt sowohl Linken wie auch Rechten als Gegenmodell zur USA. Ideologisch wird die Querfront in Deutschland vor allem von dem Internetkanal „Russia Today“ unterstützt. Sie zeigen im Gegensatz zur „Lügenpresse“ was verschwiegen oder weggeschnitten wird. Sie bezeichnen sich als der „Fehlende Part“ in der deutschsprachigen Medienlandschaft. Kaum verwunderlich, dass sie mit ihrem Programm vor allem die Wähler der Linkspartei, die Nichtwähler und die AfD erreichen. Pikant: Die Nachdenkseiten verlinken sowohl auf den Kanal von Ken Jebsen als auch auf Russia Today.

Eine schillernde Persönlichkeit der Querfront

Wie eine Querfront sowohl ideologisch als auch personell funktioniert, zeichnet Ivo Bozic an diesem Abend am Beispiel des Schweizer Bankiers François Genoud nach. Dieser reist als jugendlicher Hitler-Fan 1936 in den Nahen Osten, wo er in den arabischen Aufstand gerät. Er sieht Parallelen zum Kampf seiner deutschen NS-Idole, denn es gehe jeweils um die Bekämpfung des „internationalen Judentums“. Er wird zum Partner des Muftis von Jerusalem, der wiederum mit NS-Deutschland zusammenarbeitet. Für Genoud sind der arabische Nationalismus und die antikoloniale Bewegung Teil desselben Kampfes. Er unterstützt die algerische Befreiungsfront und trifft dabei jede Menge Linke. Später unterstützt er die RAF, den Terroristen Carlos und viele andere Linke wie Rechte. Für den amerikanischen Geheimdienst hat er auch gearbeitet.

Ivo Bozic macht deutlich, wie dehnbar die Begriffe „links“ und „rechts“ sind. Diese Erfahrung machen umgekehrt auch antideutsche Linke zuweilen, wenn sie sich in außenpolitischen Fragen, etwa in Sachen Israel, Syrien oder Iran, häufiger an der Seite rechter Think Tanks wiederfinden als an der Seite der vermeintlichen Linken.

Am Ende des Abends steht die Frage: Worum geht es? Es geht um die Gleichheit und Freiheit aller Menschen. Autoritäre, nationalste, sexistische, rassistische, antisemitische, menschenfeindliche Lösungsangebote sind zurück zu weisen.

Den Vortrag nachhören hier.
Weiterführende Links: Die links-jihadistische Querfront und: Historischer Abriss der Querfront

Ein Strauß voller Texte

17.07.2016 at 15:18
Schreibwerkstatt von Simone Regina Adams - Lesung

.

 

Das Schriftstellerhaus Stuttgart hat in Zusammenarbeit seiner ehemaligen Stipendiatin und Autorin Simone Regina Adams eine fortlaufende Schreibwerkstatt aus der Taufe gehoben. Während des Kurses sind unterschiedliche Werke entstanden. Einmal im Jahr stellen die Mitglieder der Schreibwerkstatt ihre Texte der Öffentlichkeit vor. Am 12. Juli war es wieder so weit, das kleine Haus in der Kanalstraße 4 war bis auf den letzten Platz besetzt. Was ist im letzten Jahr entstanden?

Brigitte Liebe beginnt den Abend mit einem Auszug aus ihrem Romanprojekt. Er ist in den fünfziger Jahren angesiedet und berichtet von einer sich anbahnenden Ehe, aus einer, wie man heute sagen würde, Long Distance Relationship.

Romanauszüge und Kurzgeschichten aus der Schreibwerkstatt

Ursula Gangl lässt in ihrer Kurzgeschichte „Begegnung“ im Gegensatz dazu den kurzen Moment einer Begegnung zwischen einer Frau und einem Vogel aufscheinen. Eine Frau im Bahnhofscafé beobachtet einen Spatz, der sich frech an ihren Kuchenteller setzt. Ob die Autorin nur sporadisch Bahn fährt? Sonst hätte sie nicht die Pointe der Geschichte schreiben können, dass die Icherzählerin zum ICE hetzt aber die Tür, nachdem sie verschlossen ist, noch öffnen kann. Ich war schon öfters in einer solchen Situation und hätte mir die Zauberkraft dieser Geschichte gewünscht.

David Paulitschek beweist mit seiner Kurzgeschichte, dass Humor immer gut ist bei einer Textlesung. Sein spritziger Text funktioniert wunderbar im mündlichen Vortrag. Auch zeigt sich an seinem Text, die Zuhörer werden eher mitgenommen bei einer abgeschlossenen Geschichte denn bei einem Romanausschnitt, wie ihn auch Ingrid Reinhard präsentiert.

Tobias Niethammer liest allerdings auch einen Romanausschnitt. Er ist auf die Zielgruppe der jugendlichen Leser ausgerichtet. Und was Tobias Niethammer an diesem Abend präsentiert ist überlegt und gut formuliert und zieht den Zuhörer sofort in die Geschichte hinein. Das mag auch daran liegen, dass der gelesene Ausschnitt mit wenig Personen auskommt und aus der Ich-Perspektive des jugendlichen Protagonisten gelesen ist. Der Zuhörer gerät dadurch nicht in Verwirrung, wie es passiert, wenn viele Personen in dem zu lesenden Romanausschnitt auftauchen, deren Rollen sich erst im Gesamttext erschließen.

Brigitte Maria Jacob liest über einen Küchenschrank, der dem Abend auch seinen Titel gegeben hat: Ich bin 45 Jahre alt und fürchte mich vor meinem Küchenschrank. Darin beschwört sie die Geister des Schankes. Der letzte Text des Abends von Katharina Harter kommt in Form einer Reisegeschichte daher. Auch hier verzaubert der feine Humor das Publikum, ähnlich wie der Text von David Paulitschek.

Es ist zu hoffen, dass die Mitglieder der Schreibgruppe von Simone Regina Adams weiter an ihren Texten arbeiten und wir im nächsten Jahr in einer Lesung Zeugen des weiter fortschreitenden Arbeitsprozesses werden können. Da wird wieder viel zu entdecken sein, denn, so Frau Adams, es wird in der Schreibwerkstatt hart um jedes Wort gekämpft.

Bukahara eröffnet das Festival der Kulturen

14.07.2016 at 15:22
Bärte plus Locken: Daniel Avi Schneider, Max von Einem, Soufian Zoghlami und Ahmed Eid sind Bukahara (v. l. n. r.)

Bärte plus Locken: Daniel Avi Schneider, Max von Einem, Soufian Zoghlami und Ahmed Eid sind Bukahara (v. l. n. r.)

 

Am 12. Juli 2016 eröffnete die Band Bukahara mit ihrer Mischung aus Balkansound, Folk und arabischen Einflüssen das diesjährige Sommerfestival der Kulturen auf dem Markplatz in Stuttgart. (12. Juli bis 17. Juli). Auf dem Festival präsentieren sich die Migrantenvereine mit ihren Ständen und sorgen mit ihrem Essensangebot für kulinarische Vielfalt. Sie bieten schöne Dinge wie Kunsthandwerk und Schmuck, Kleidung, Taschen, Tee und Gewürze aus verschiedenen Ländern an. Das musikalische Rahmenprogramm bietet eine breite Musik-Mischung aus aller Welt, ganz im Sinne von: Musik verbindet.

Die vier Freunde von Bukahara spielen Musik aus allen Teilen der Welt

Soufian Zoghlami von Bukaharam

Soufian Zoghlami

Die Band Bukahra hat sich über das Studium der Musik in der Fachgruppe Jazz der Kölner Musikhochschule kennen gelernt. Sie wissen um den Einsatz von Stilen und Harmonien. Und sie gehen geschickt damit um.

Viele Instrumente, viele Stile – das macht die Gruppe aus. Alle bringen ihre Einflüsse ein, die sehr verschieden sind. Soufian Zoghlami, der Halbtunesier ist, kommt eher aus der Singer-Songwriter-Ecke.

Der in Syrien geborene und in Palästina aufgewachsene Ahmed Eid lernte zunächst arabische Percussion. Als er 18 war kam er mit einem Stipendium von Ramallah nach Lübeck, um Kontrabass zu studieren. Drei Jahre Klassik waren dem mittlerweile jazzbegeisterten Musiker genug – er ging zum Studieren nach Köln.

Daniel Avi Schneider ist jüdisch-schweizerischer Herkunft und hat als Kind Geige gelernt. Einen Schlagzeuger hat die Gruppe nicht aber einen Posaunisten, Max von Einem.

Ahmed Eid von Bukaharam

Ahmed Eid

Er spielt Tuba beziehungsweise Susaphon, was eine wunderbare Ergänzung für den energetischen Bukahara-Klang ist. Das mit dem Schlagzeug kriegen die vier Multiinstrumentalisten auch so hin. Auf der Bühne tritt Gitarrist und Sänger Zoghlami eine Bassdrum, von Einem schlägt eine Snare und Eid wechselt manchmal an die Darbuka.

Die Spielfreude der Multiinstrumentalisten übertrug sich nach wenigen Minuten auf die ZuhörerInnen auf dem Markplatz in Stuttgart und sie sorgten für einen gelungenen Auftakt für das 16. Festival der Kulturen.

Das auf Deutsch gesungene Vogellied versetzte den Rezensenten in Glücksgefühle.