Das Gedicht ist auf der Straße – Das Gedicht als Protestform

18.09.2016 at 15:38
Achim Wagner Lyriknacht 2016

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Achim Wagner stellte im Rahmen der Lyriknacht Stuttgart auf Einladung des Schriftstellerhauses die Lyrik als Protest- und Ausdrucksform in der Türkei vor. Er lebt als Lyriker und engagierter Fotograf für viele Monate im Jahr in der Türkei (vorzugsweise in İstanbul, Eskişehier und Ankara). Seinen deutschen Lebensmittelpunkt hat er in Berlin gefunden.

Stadtzerstörung im Gezi Park, der Protest formiert sich

Als Mitte des Jahres 2013 die Proteste im Gezi-Park in landesweite Demonstrationen gegen die türkische Regierung umschlugen, fand sich ein großer, gesprühter Schriftzug auf der Eingangstür des französischen Generalkonsulats : „La poésie est dans la rue!“ („Die Poesie ist auf der Straße“). Das Generalkonsulat liegt auf der hoch frequentierten Einkaufsstraße İstiklal Caddesi (Straße der Unabhängigkeit) und führt auf den Taksim Platz. Dort schließt sich der Gezi-Park an, der einem städtebaulichen Großprojekt zum Opfer fallen sollte.

Die Parole „La poésie est dans la rue!“ stammt aus der Studentenrevolte von 1968 in Paris und wurde Ausgangspunkt für eine eigene, türkische Protestform: das im öffentlichen Raum angebrachte Gedicht. Die Verbreitung erfolgte mit Hilfe der neuen Internetmedien sehr schnell. Versehen mit immer demselben Hashtag fluteten die Protestierenden Twitter, verbreiteten lyrische Zeilen, verbunden mit einem Bild unter den Protestierenden. Die einfache Möglichkeit, unter einem einzigen Link Informationen zu verbreiten, war die Voraussetzung, dass binnen weniger Wochen eine ganze Bewegung entstehen konnte. Als Hashtag wurde die Übersetzung der französischen Zeile gewählt: șiir sokakta. Die, die den öffentlichen Raum mit Lyrik beschrifteten, nutzen ihn und aus einigen hundert Beteiligten, wurden schnell tausende, zehntausende von „Zeichenschreibern“.

Schließt das Heft, kommt auf die Straße

Der Konzeptkünstler Refet Arslan (sein Pseudonym ist Herr Donnerstag) stellte der Parole „Das Gedicht ist auf der Straße“ den kleinen aber mit „Sprengkraft“ ausgestatteten Halbsatz „Schließt das Heft,“ voran, der als Aufruf verstanden wurde, die Straßen mit Gedichten zu beschriften. Überall tauchten fortan Gedichtzeilen bekannter Lyriker auf. Lyrik wurde bei Protestversammlungen in die Reden eingeflochten. Die auch in Deutschland bekannten Zeilen von Nazim Hikmets:

Leben wie ein Baum, einzeln und frei
und brüderlich wie ein Wald
das ist unsere Sehnsucht

passte programmatisch zu dem Widerstand gegen die Abholzung der Bäume im Gezi-Park, der sich gegen die ungebremste Verwertung gemeinschaftlich genutzter Stadtnatur formierte. Die Bewegung gegen das Stuttgart-21-Projekt wandte sich in seinem Protest in ähnlicher Weise gegen die Interessen der Immobilien-Investoren, und kämpfte für den Erhalt des kommunalen Parks, der durch die Errichtung eines unterirdischen Bahnhofs von Abholzung bedroht war. Ebenfalls phantasievoll und kreativ, allerding ohne diese spezielle „lyrische Protestform“ zu nutzen.

Von der unpolitischen Lyrik zur politischen Aussage

Die von der türkischen Protestbewegung zitierten Lyriker gehörten häufig der lyrischen Avantgardebewegung an, die unter dem Namen „Zweite Neue“ in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts bekannt wurden. Sie richtete sich sowohl gegen die Verwendung einer schlichten Sprache in der Lyrik, wie es vorher üblich war als auch gegen die direkte politische Aussage und Stellungnahme im Gedicht. In lyrische Bewegung wollten die Aktivisten vor allem ihren Wunsch nach einer individuellen Lebensführung, ohne staatliche Einmischung und ohne patriarchalisch autoritäre Bevormundung ausdrücken. Es war die Sehnsucht nach einer anderen Welt. Und dieser Wunsch wurde von den surrealen Versen der Dichter der „Zweiten Neuen“ wunderbar in Worte gefasst. Wenn z. B. die Aktivisten schrieben: „Wir sind die Verse Turgut Uyars“, war der Zusammenhang sofort klar, weil der Dichter Turgut Uyar zur lyrischen Avantgarde-Bewegung „Zweite Neue“ gehörte.

Schießt Mensch,  schießt doch so leicht sterbe ich nicht!

Schießt Mensch,
schießt doch
so leicht sterbe ich nicht!

Der Protest fordert die ersten Toten

Als Anfang Juni die ersten Demonstranten bei den Auseinandersetzungen um den Gezi-Park starben, waren es verschiedene Verse des bekanntem Gedichts Hasan Hüseyin Korkmazgil, die sich als Ausdruck der Trauer in den sozialen Medien und im öffentlichen Raum wiederfanden. Sein Gedicht „Es ist schwer im Juni zu sterben“ drückte ursprünglich die Trauer des Dichters über den Tod von Orhan Kemal und Nâzım Hikmet aus.

Mittlerweile ist Lyrik als Straßenkunst in türkischen Städten unübersehbar geworden. Lyrische Metaphern wie der Vogel (der als Träger der Seele in der türkischen Lyrik Verwendung findet) und die Farbe Blau, die für den Wunsch nach Freiheit steht, werden von einer breiten Bevölkerungsschicht, vor allem aus dem universitären Umfeld in den Großstädten, verstanden. Die Verse Cemal Süreyas, z. B. „Das Leben ist kurz, / Die Vögel fliegen“, werden immer wieder an Wände, Stromverteilerkästen und Häuser geschrieben.

Nach dem Ende der Gezi-Proteste brachte eine Studentenorganisation Arslans Spruch „Schließ das Heft, das Gedicht ist auf der Straße!“ immer wieder in Parks und auf Straßen an. Damit riefen sie auf, den öffentlichen Raum weiterhin mit Gedichten zu besetzen.

Mitterlweile kann man sich beinahe die komplette jüngere türkische Lyrik auf der Straße, an Wänden und Mauern erschließen. Das Internet hilft weiterhin deren massenhaften Verbreitung. Zentren dieser Lyrik-Bewegung sind natürlich die drei größten Städte der Türkei: İstanbul, Ankara, İzmir. Hier befinden sich die großen Universitäten. Mancher Universitätscampus ist zur begehbaren Lyriksammlung geworden.

Wird die Bewegung zerschlagen?

Die Repression in der Türkei hat nach dem gescheiterten Militärputsch in den letzten Monaten drastisch zugenommen. Journalisten, Richter, Schriftsteller und Universitätsprofessoren sind von Säuberungswellen betroffen.

Lyrik im öffentlichen Raum kann natürlich keine unmittelbare Handhabe gegen die aktuellen negativen gesellschaftlichen Gegebenheiten bieten. Als Straßenkunst könnte sie aber dazu beitragen, Denkanstöße zu geben und kleine Verschiebungen zum Besseren zu bewirken. Ihr subversiver Charakter und ihre einfach Handhabung mittels wasserfestem Filzstift in möglichst kleingehaltener Schriftgröße, so als ob man in ein Heft schriebe, auf Wänden, Bänken, Telefonhäuschen Lyrik zu schreiben, wären Zeichen des Widerstandes. Ob die Regierung in Ankara die lyrische Bewegung aus den Straßen vertreiben kann, bleibt abzuwarten. Achim Wagner wird sicher auch darüber berichten.

Weitere Videos von seinem Vortrag hier (Teil 2) und hier (Teil 3).

Stuttgarter Lyriknacht mit abwechslungsreichem Programm

18.09.2016 at 14:39
Dr. Stefanie Stegmann begrüßt ihre Gäste auf der Lyriknacht

Dr. Stefanie Stegmann begrüßt ihre Gäste

 

Am 9. September 2016 fand in der Stadtbibliothek Stuttgart die 12. Lyriknacht statt. Drei „Schwergewichte“ der Literatur in der Stadt richten jedes Jahr die Veranstaltung aus: Die Stadtbibliothek, das Schriftstellerhaus und das Literaturhaus Stuttgart.

Die Direktorin der Stadtbibliothek, Christine Brunner, eröffnete die Veranstaltung und stellte für die erste Lesung Anna Breitenbachvor, die von ihr zur Stuttgarter Lyriknacht eingeladen wurde. Anna Breitenbach lebt und arbeitet in Esslingen und hat in diesem Jahr ihren neuen Band Haus und Hof, Sachen, Leute im Klöpfer & Meyer Verlag vorgelegt. Er trägt den programmatischen Untertitel Brauchbare Gedichte. Texte, die klar und leichtfüßig daher kommen.

Anna Breitenbach Lyriknacht 2016

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12 Kapitel mit brauchbaren Gedichten

Der Band umfasst zwölf Kapitel, jedes von ihnen enthält zehn Gedichte. In den Kapiteln geht es um die Niederungen und Zumutungen des Alltags. Da tauchen fremde Leute auf, auch Bekannte, jedenfalls Lebewesen: Vampire, Lampentiere, Sammler. Die Kapitel tragen lyrische Namen wie: Sachen und Sammlung, Alltag und Zumutung, Krankheit und Krise und so weiter.

Anna Breitenbach, die auch als Poetry Slammerin arbeitet, ist geübt, ihre Gedichte lebhaft-mitreißend vorzutragen. Ihre Gedichte sind leidenschaftlich lyrisch, dabei aber kunstvoll einfach. Wie zufällig ergeben sich Binnen- und Endreime einfachster Prägung. Sie lassen den Alltag in einem anderen Licht erscheinen, öffnen den Blick auf eine etwas verrückte Sicht. Oft erscheinen die Gedichte, als seien sie leicht daherkommende Bonmots. Scheinen sie auch wie lyrische Appetithäppchen so enthalten sie oft veritable Sprengkörper. So drückt sie die Empfindungen des Feuerwehrmanns im Kapitel Ego und Eigenheit z. B. so aus:

Feuerabend

hört der Brandstifter
sich müde
sagen.

Anna Breitenbach versteht es, Leerstellen zu umreißen, im entscheidenden Moment wird etwas von ihr nicht benannt. Ihre Gedichte sind oft klassisch gebaut, kommen kurz und lang daher, oft lakonisch, häufig lustvoll komisch. Das kürzeste besteht nur aus sechs Worten:

Auf den
Bahnsteigen

immer diese
Zugluft!

Eine gute Wahl der Stadtbibliothek den Abend mit den Gedichten von Anna Breitenbach zu eröffnen. Ein leichtfüßiger Auftakt voller Sprachwitz und Hintersinn.

şiir sokakta – Das Gedicht ist auf der Straße

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Astrid Braun vom Schriftstellerhaus stellte den Lyriker Achim Wagner vor, der den zweiten Teil des Abends bestritt. Er folgte gerne der Einladung des Schriftstellerhauses, eine Wiederbegegnung von ihm mit dem Haus. Im Jahr 2010 weilte er als Stipenditat des Schriftstellerhauses in Stuttgart. Er entführte die Zuhörer in die Poesie auf den Straßen türkischer Großstädte. Ausführlicher Artikel dazu siehe hier.

Nach einer Pause, in der von der Stadtbibliothek für das leibliche Wohl der Gäste gesorgt wurde und in der lebhafte Diskussionen des lyrikaffinen Publikums stattfanden, ging es im dritten Teil der Lyriknacht mit zwei jungen Lyrikerinnen weiter. Sie lasen auf Einladung des Literaturhauses. Die Leiterin des Literaturhauses, Dr. Stefanie Stegmann, stellte sie vor: Ulrike Almut Sandig und Kerstin Preiwuß.

Zwei junge Lyrikerinnen aus Ostdeutschland mit eigener Sprache

Die Lesungen der zwei in Ostdeutschland geborenen und aufgewachsenen Lyrikerinnen (Preiwuß in Lübz, Sandig in Nauwalde) wurden kommentiert und moderiert von Michael Braun. Er ist ein ausgewiesener Kenner der zeitgenössischen Lyrik und als Lyrikexperte ein gern gesehener Gast im Deutschlandradio, wenn es um neue Lyrikbände geht. Seit 1994 moderiert er das Erlanger Poetenfest und gab zahlreiche Anthologien zeitgenössischer Lyrik heraus.

Kerstin Preiwuß tauchte mit ihren Gedichten aus ihrem neuen Band Gespür für Licht tief in die Märchen und Mythen ein. Höhlenfisch, Aalmutter, Wasserweib und Windsbraut, alles Gestalten aus bekannten Märchen, geistern durch ihre Zeilen. Es sind Schöpfungsgeschichten, von der Sprache der Märchen inspiriert. Ein thematisch hermetisch geschlossener Band. Im Gespräch mit Michael Braun erläuterte sie ihre Poetik. Michael Braun und Kerstin Preiwuß begegneten sich bereits auf dem Erlanger Poetenfest, wo sie sich gegenseitig schätzen lernten. Das ist im Gespräch deutlich zu spüren. Eine Kostprobe zeigt dieses Video.

Das Gedicht als Performance

Ulrike Almut Sandig wurde von ihrem Verleger gedrängt, ihren neuen Lyrikband mit einem Titel zu versehen, der als längster Buchtitel der Saison angesehen werden kann:

ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemäde übereinandergelegt.


Diese Zeilen sind Teil eines Gedichts, das die Lyrikerin, mit Musik unterlegt, an diesem Abend performte. Sie arbeitet mit Musikern zusammen. Sie begreift sich eher als „sprechende Dichterin“, die ihre Gedichte gerne live dem Publikum darbietet. Ihr Einwand, ein solcher Titel würde sich nur schwer verkaufen lassen, wischte ihr Verleger Klaus Schöffling beiseite. Lyrik sei grundsätzlich ein Spartenprodukt und schwer verkaufbar, da wäre ein sperriger Titel gerade für das Lyrikpublikum Lockmittel.

Sie versteht es, ihre Gedichte zu kunstvollen Ohrwürmern zu machen. Wie Kerstin Preiwuß bedient sie sich am Grimm’schen Märchenfundus, wurzeln sie fest in einer Gegenwart. Mit dem Klangorgan ihrer ganz eigenen Sprache erfasst Ulrike Almut Sandig präzise die Untiefen zeitgeschichtlicher Unheimlichkeit und zeichnet den utopischen Gegenentwurf eines Heimatlandes, in dem der Mensch kein „Vieh ohn‘ Seele und Fell“ ist, sondern aufrecht sagen kann: „ich bin“.

Zusammenstellung der Gedichtbände, aus denen an diesem Abend gelesen wurde:

Anna Breitenbach
Haus und Hof, Sachen, Leute
Brauchbare Gedichte
180 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €

Kerstin Preiwuß
Gespür für Licht
Gedichte
128 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Berlin Verlag, Preis: 18,00 €

Ulrike Almut Sandig
ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt
Neue Gedichte
96 Seiten, Leinen, Großformat, Lesebändchen
Schöffling & Co, Preis: 22,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Wechsel der Jahreszeit?

09.09.2016 at 8:10
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Wenn M. morgens zur Arbeit radelt, riecht und sieht er den Herbst. Der meteorologische Sommer hat sich verabschiedet, doch das Wetter hält sich nicht daran. Heiße Tage bestimmen den Herbstbeginn. Und doch, wenn M. morgens zur Arbeit radelt, riecht und sieht er den Herbst.

Das Licht fällt schräger durch die Bäume, früher Nebel liegt über dem Weg. Einen großen Teil der Nüsse in seinem Garten hat M. geerntet, sein Garteneichhörnchen hat das Nachsehen. Letztes Jahr war es umgekehrt: Es hatte den größten Teil flink vom Baum geholt und für den Winter vergraben. Offensichtlich waren seine Vorräte üppig bemessen für den milden Winter. Aber das konnte das Garteneichhörnchen ja nicht wissen. An einigen Stellen im Garten deuten Haselnusskeimlinge auf nicht genutzte Eichhörnchendepots hin.

Es wird Zeit für M. seine Wanderschuhe zu schnüren und in den Urlaub zu fahren. Wenn er wieder kommt, wird er Holz für den Winter hacken.

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Alles Bio – aber hallo!

02.09.2016 at 21:13
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Jede Woche bekommt M. eine Biokiste aus Vaihingen geliefert. Die jungen Männer, die ihm die Kiste auf die Terrasse abstellen, sind freundlich. In den Sommermonaten enthält die Kiste große, knackige Salate, die, angereichert mit Käsewürfeln und einigen Scheiben Schinken, eine vollständige Abendmalzeit für M. darstellen.

M. hatte sich bei der Zubereitung des Salates ein wenig bebiert und glaubte, es läge an der berauschenden Wirkung des Gerstensaftes, als er beim wiederholten Zustechen mit seiner Gabel eine kleine grüne Raupe erblickte. Sie hatte offensichtlich in den Blättern nicht nur den Transport vom Biohof in seine Wohnung überlebt sondern auch die mehrfache Waschung des Salates. Er stupste sie vorsichtig mit den Zinken seiner Gabel an und sie kroch munter über das Käsestück zum nächstgelegenen Salatblatt. Offensichtlich wollte sie dort fressen. Aber ein mit Essig-Öl-Senfsauce angemachter Salat ist für eine kleine, nimmer satte grüne Raupe nicht bekömmlich. M. konnte sie nur den Tiefen seines Biomülls anheimgeben.

Carmen Kotarski im Schriftstellerhaus

01.09.2016 at 22:25
Lebhafte Diskussion mit Carmen Kotarski im Schriftstellerhaus

Lebhafte Diskussion mit Carmen Kotarski im Schriftstellerhaus

Die Lyrikerin Carmen Kotarski stellte im Rahmen des Forums der Autoren am 1. September im Schriftstellerhaus neuere Gedichte ihren Schriftstellerkolleginnen und -kollegen vor. Darin knüpft sie teilweise an ihren Zyklus Wedding-Blues an. Dieser hatte die Großstadt Berlin in den Blick genommen. Viele der vorgestellten Gedichte kreisen wieder um das Thema Großstadt, diesmal ist es Stuttgart. Die Autorin, die sich aktiv am Widerstand gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 beteiligt hat, lässt auch dieses Engagement in ihre Stadtgedichte einfließen. Sie hatte vor einiger Zeit im Rosensteinpark bei einer Kulturveranstaltung der Parkschützer Gedichte zur Natur- und Stadtzerstörung vorgetragen.

Carmen Kotarskis Gedichte bewegen sich auf hohem sprachlichem Niveau. Sie wendet unterschiedliche lyrische Verfahren an, um ihre Bilder in Sprache zu bringen. Besonders herausstechend ist ihre Cut-Technik, die sie in einigen Gedichten angewendet hat: Sie schneidet Textstellen ab. Wie im Film muss nicht der ganze Zusammenhang genannt werden, der Geschichte im Film läuft im Kopf des Zuschauers auch ab, auch wenn die Szene geschnitten wurde. Durch die Cut-Technik entstehen beim Zuhörer eigene Assoziationen, ohne dass der Zusammenhang verloren geht.

Ein großer Teil der Gedichte lag den Zuhörern in Kopie vor, so dass sich im anschließenden Werkstattgespräch eine fruchtbare Diskussion entfalten konnte. Carmen Kotarski war dieses Jahr mit ihren Gedichten im oberschwäbischen Wangen beim „Literarische Forum Oberschwaben“ eingeladen. Dort stellten sich zehn Autoren zur Diskussion, mit noch unveröffentlichten Texten. Mal Lyrik, mal Prosa. Jeder Text wurde gelesen und gleich anschließend kritisiert. Der Beitrag von Carmen Kotarski wurde im SWR2 übertragen, hier nachzuhören.

Isabelle Huppert: Eine Frau zieht sich um

29.08.2016 at 21:34
Isabelle Huppert

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Der französische Film Alles was kommt startete Mitte August in den deutschen Kinos. Er erzählt vom Leben der Pariser Philosophielehrerin Nathalie, gespielt von Isabelle Huppert. Nach dem plötzlichen Ende ihrer Ehe erfährt sie ein Gefühl der Freiheit und muss ihr Leben neu sortieren. Der Film erhielt bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin den Silbernen Bären für die beste Regie.

Es sprechen einige Argumente für den Besuch dieses Films, viele dagegen.

Pro:

• Wir sehen Isabelle Huppert, die auch mit 63 Jahren noch bezaubernd aussieht (was der Kommentator – in ähnlichem Alter – nicht von sich sagen kann).
• Freunde der guten Kleidung sehen Isabelle Huppert in jeder Szene(!) in einem anderen Kleid/Outfit
• Auch nach 70 Filmen spielt sie alle Mitspieler an die Wand mit ihren spröden Gesten und ihrer Präsenz.

Kontra:

• Es ist ein Film, der von Philosophie handelt aber sie nicht wirklich ins Leben bringt.
• Die politische Realität in Frankreich (unter Präsident Nicolas Sarkozy) wird nicht wirklich einbezogen, bleibt Staffage.
• Wie ein großer Teil der Filme des französischen Films wird geredet, geredet, geredet.
• Eine Grundregel des Schreibens wird damit verletzt: Show, don’t tell
• Der Film hat nicht wirkliche einen Helden (selbst Isabelle nicht)
• Die zu verhandelnden Themen (Trennung nach langer Ehe, Pflege der alten Mutter, Rolle als Oma) werden nur angerissen, nichts wird vertieft.
• Es werden Klischees herangezogen.
• Es wird keine eine spannende Geschichte erzählt: der Film plätschert 100 Minuten dahin ohne jeglichen Höhepunkt.
• Die Bildsprache ist Fernseh-Einheits-Ware.

Es geht auch anders

Wie erfrischend anders dagegen der neue Film von Maren Ade: Toni Erdmann. So, wie er die Globalisierung erklärt und ad absurdum führt, hat M. es schon lange nicht mehr gesehen. Da sollte sich mal Albrecht Müller von den Nachdenkseiten ein Beispiel nehmen. Fazit: Zum Konsum dieses Filmes wird dringend geraten.

Genius – Streichen! Streichen! Streichen!

17.08.2016 at 7:30
Lektor Max Perkins (Colin Firth) ringt mit dem unbekannten Schriftsteller Thomas Wolfe (Jude Law) um jedes Wort. © Wild Bunch Germany

Lektor Max Perkins (Colin Firth) ringt mit dem unbekannten Schriftsteller Thomas Wolfe (Jude Law) um jedes Wort.
© Wild Bunch Germany

 

Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft, so heißt der Film, der uns in den Maschinenraum eines großen Verlages blicken lässt. Er bringt das Ringen um Worte auf die Leinwand, stellt es als Kampf zweier Männer dar, die unterschiedlicher nicht sein können: Der Lektor Max Perkins und der in der ersten Begegnung noch völlig unbekannte amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe. Dieser Lektor war gewissermaßen der Geburtshelfer einiger der wichtigsten Werke der amerikanischen Literatur. Alles das spielt Ende der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts in einem New Yorker Verlag.

Die zentrale Botschaft des Films wird von ihm selber nicht eingelöst

Die zentrale Botschaft des Films, ein ausuferndes Romanmanuskript durch Streichungen zu einem Meisterwerk zu machen, haben der britische Regisseur Michael Grandage und sein Drehbuchautor John Logan leider in dem Film nicht selber beherzigt. Sonst wäre nicht ein Film entstanden, der sich über weite Strecken in die Länge zieht und man sich ein ums andere Mal fragt, warum muss er das denn nun auch noch zeigen? Hättes es nicht bei einer zarten Andeutung bleiben können? Die kurzen Szenen mit Ernest Hemmingway, der auch mit dem Lektor Max Perkins gearbeitet hatte, ebenso wie die Szenen mit dem gebrochenen Francis Scott Fitzgerald hätten der Philosophie des Max Perkins zum Opfer fallen müssen: Streichen, streichen, streichen.

Genius ist redundant und geschwätzig

So sieht man ein ums andere Mal, wie Max Perkins mit seinem Bleistift Stellen aus dem Manuskript herausstreicht. Er macht es langsam und überlegt. Der Schriftsteller Thomas Wolfe streicht, nachdem er das Prinzip einmal von seinem väterlichen Freund zu schätzen gelernt hat, hemmungslos in seinem fünftausendseitigen Manuskript. Er nimmt gleich einen Rotstift zur Hand. Das ist ein Beispiel, wie der Film nicht nur Dinge erzählt, andeutet sondern auch noch dramatisch zeigt und somit redundant und geschwätzig wird: Das Manuskript zu seinem zweiten Buch, nachdem sein erster Roman durch die Eingriffe des Lektors zu einem Verkaufsschlager wurde, bringt er nicht als Stapel maschinengeschriebener Blätter an. Nein in einigen groben Holzkisten lässt er seine handgeschriebenen Manuskriptstapel in das Büro von Max Perkins schleppen, um ihm mit theatralischen Gesten sein neues Werk zu präsentieren. Das wird dann sogleich von fleißigen Sekretärinnen wie am Fließband abgetippt, um vom Lektor bearbeitet werden zu können.

In ähnlicher Art und Weise werden in dem Film von Michael Grandage und John Logan die Frauen durchweg dargestellt: Liebevoll versorgt Perkins‘ Ehefrau Mann und vier Töchter und klagt nur hin und wieder, dass der Lektor zu wenig Zeit für die Familie habe. Nicole Kidman als Thomas Wolfes Geliebte Aline Bernstein spielt eine Frau mit Haaren auf den Zähnen, neurotisch, eitel, eifersüchtig. Schwarze Nutten an der Bar eines Jazzkellers wackeln mit ihren dicken Hintern und werfen laszive Blicke in Richtung des schmalzlockigen Jungautors.

Welche Geschichte soll erzählt werden?

Der Film krankt daran, dass er sich nicht entscheiden kann, welche Geschichte er uns erzählen will. (Die erste, treffende Frage, die der erfahrene Lektor seinem neuen Zögling stellt.) Der Film will Charakterstudie und Milieustudie zugleich sein. Überdeutlich wird jede Emotion ins Bild gesetzt, der sich herausbildende Konflikt zwischen dem souveränen Perkins und dem labilen Wolfe ohne filmische Idee in Szene gesetzt. Es herrschen die steril ausgeleuchteten sepiabraunen Farben des amerikanischen Kostümkinos vor: Straßen, Autos, Kleider und Möbel werden nicht als zeitgenössische Selbstverständlichkeit inszeniert, sondern sind mit dem dicken Pinsel gemalt und wirken wie aus einem Museum in die Kulisse gestellt. Der Lektor immer penibel angezogen, stets mit Hut (selbst noch im Schlafanzug), der Autor lässig mit schief sitzender Krawatten mit stets dreckigen Fingernägeln. Dabei bleibt der historische Kontext verschwommen: Das Politische oder das Soziale spielen bei diesem im Börsencrashjahr beginnenden Film so gut wie keine Rolle. Eine Schlange Arbeitsloser an der dampfenden (!) Suppenküche wird von der Kamera nur im Hintergrund gezeigt vor denen das allgegenwärtige Schriftstellergenie Thomas Wolfe einherschreitet. Der gesamte Film wurde pikanter Weise in Großbritannien gedreht. (Amerikanisch/britische Produktion.)

Der britische Theaterregisseur Michael Grandage war bei seinem Filmdebüt nicht gut beraten, das das Buch Max Perkins: Editor of Genius von A. Scott Berg durch den amerikanischen Drehbuchautor John Logan bearbeiten zu lassen. John Logan ist auf Historienschinken und opulente Filme abonniert, in denen man es so richtig krachen lassen kann: „Gladiator“,“ Sinbad – Der Herr der sieben Meere“, „Last Samurai“ „Aviator“, „Hugo Cabret“ und zwei James Bond Filme. Dieser Autor hat sich die Maxime des Lektors Max Perkins nicht zu Herzen genommen: Streichen, streichen, streichen.

Die beiden im Film behandelten Romane von Thomas Wolfe heißen:

  • Schau heimwärts, Engel. Eine Geschichte vom begrabenen Leben (Look Homeward, Angel. A Story of the Buried Life 1929). Als Taschenbuch bei Rowohlt hat es 720 Seiten
  • Von Zeit und Fluss. Legende vom Hunger des Menschen in seiner Jugend (Of time and the river) in Neuübersetzung von 2014 im Manesse Verlag, ca. 1.100 Seiten Manesse Verlag, ca. 1.100 Seiten.

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens.

Link zum Trailer

Nachdenkzeilen – Warum ich Afrika liebe

14.08.2016 at 15:27
nachdenkzeilen

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Als M. morgens ein Interview mit dem Direktor des Max Planck Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena, Johannes Krause, im Deutschlandradio Kultur hörte, ging ihm ein Licht auf. Seine Faszination für Afrika seit der frühen Jugend, die ihn zu längeren Aufenthalten in Kamerun und Zaire führten, sind offensichtlich in seinen Genen angelegt. Denn, so Johannes Krause im Interview am 12.08.2016: „Zum Großteil stammen unsere Gene tatsächlich aus Afrika“. Und weiter führt er aus: „

„Tatsächlich müssen wir sogar sagen, dass die Menschen außerhalb Afrikas genetisch gesehen Afrikaner sind, weil wir sind näher verwandt mit bestimmten Afrikanern als diese Afrikaner mit anderen Afrikanern …“ „Bis vor 10.000 Jahren sahen wir sogar phänotypisch noch aus wie heutige Afrikaner und sind sozusagen nur ein kleiner Ast im Stammbaum der Menschen. Die dicken Äste befinden sich allerdings alle in Afrika. Also insofern müssten wir eigentlich sagen, dass wir alle Afrikaner sind, das wäre eigentlich die richtige Antwort, denke ich, auf diese Frage.“

Und weiter führt Johannes Krause zu Wanderbewegungen aus: „Zusätzlich konnten wir auch zeigen, dass es vor ungefähr 8 – bis 9000 Jahren zu einer großen Einwanderung aus dem Nahen Osten nach Europa kam. Damals kam der Ackerbau und die Viehzucht auf, und das kam einher mit einer ganzen Reihe von Menschen. Das heißt, in den ersten paar hundert oder tausend Jahren wurde fast die gesamte Bevölkerung Europas ersetzt von diesen Neuankömmlingen aus dem Nahen Osten, die den Ackerbau und die Viehzucht dort mitgebracht haben. Solche Kapitel hat es immer wieder in der Menschheitsgeschichte gegeben.“

Wenn M. über diese Thesen nachdenkt, wird ihm noch einmal die ganze Absurdität des völkischen Ansatzes der rechtspopulistischen AfD und Pegida bewusst. Die sprechen von einer „Umvolkung“. Vor dem Hintergrund dieser Forschungen müsste man konsequenter Weise von einer „Rückvolkung“ sprechen. Diese Einwanderungsbewegungen haben doch erst unsere Kultur hervorgebracht. Eine Bereicherung also. M. hat auch seine Zeit in Afrika als Bereicherung erlebt. Wunderbare Menschen hatte er damals dort kennen gelernt.

 

Ein Rad lässt die Seele (Schlauch) baumeln

14.08.2016 at 15:00
Einfach mal die Seele baumeln lassen

Einfach mal die Seele baumeln lassen

M. staunte nicht schlecht, als er am Nachmittag in seinen Garten trat und sein Fahrrad auf dem Rasen ausgestreckt vorfand. Seine Seele hatte es an eine Liane der Glyzinie gehängt. Warum soll sich sein Fahrrad nicht ausruhen, fragte sich M. das ihn jeden Tag zuverlässig zur Arbeit und wieder zurück bringt.

Uta Köbernick erklärt uns TTIP

31.07.2016 at 18:23

So intelligent und humorvoll hat mir bisher noch keiner TTIP erklärt, wie Uta Köbernick in ihrem preisgekrönten Soloprogramm „Grund für Liebe“. Damit gewann die Wahlschweizerin dieses Jahr den „Salzburger Stier“. Die politische Lyrikerin und Musikkabarettistin versteht es uns zum Nachdenken, Träumen und Schmunzeln zu bringen.

Wer nach diesem Video Lust verspürt, sich gegen TTIP zu engagieren, kann damit am 17. September auf einer der zahlreichen Großdemonstrationen in deutschen Großstädten beginnen. In Stuttgart findet sie ab 12 Uhr vor dem Hauptbahnhof statt. Die AnStifter arbeiten in der Vorbereitung der Demo maßgeblich mit.
 
uta-köbernick-ttip