Kanibalismus im Straßenverkehr

22.03.2017 at 16:55
Motorradkaniabalen

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Bei einem Kurzbesuch in Bremen entdeckte M. dieses Motorrad. Er fragte sich, ob es von einem Kanibalen gefahren wird. Ansonsten war für M. der Besuch in Bremen mal wieder sehr entspannt. Der Bremer ist ein freundlicher Zeitgenosse. Überall wird M. freundlich empfangen und er hat keinerlei Angst, unter die Messer zu kommen. Fahrradfahren ist absolut angesagt. Ein weiterer Punkt, der M. für diese Stadt einnimmt.

Dieser Kleinwagen passt in die kleinste Lücke

21.03.2017 at 16:54
Kleinwagen

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Herkömmliche Kleinwagen nehmen ja schon mal Dimensionen eines Mittelklassewagens von vor 20 Jahren an. So z. B. der aktuelle Mini (heute von BMW hergestellt) oder der aktuelle Fiat 500. Wo sich früher zwei Personen reinquetschten, passt heute locker eine ganze Familie hinein. Da ist dieser in Holland zugelassene Wagen eine absolute Ausnahme. Locker kann M. seinen Arm auf dem Dach ablegen. Wenn man einsteigen will, muss man (im Winter) die Tür erst druch das Öffenen eines Reißverschlusses am Dach „entriegeln“. Ob dieses Fahrzeug bei Feinstaubalarm gefahren werden darf, ist eher unwahrscheinlich.

Kauf dich glücklich

21.03.2017 at 16:29
Kauf dich glücklich?

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M. misstraut von Jugend an den Versprechungen der Werbeindustrie. Als er von einer Kollegin von einem alternativen Kaufhaus hörte, sucht er das Kaufhaus auf, um die Versprechen an der Realität zu überprüfen. Er scheitert schon beim Kauf: Von all den Dingen, die in diesem kleinen Kaufhaus in Stuttgart zum Verkauf angeboten werden, braucht er nichts. Für ihn sind das Dinge aus der Kategorie „Stehrümchen“. Und an Klamotten ist er auch nur sehr begrenzt interessiert. Mit nichts in der Hand verlässt er das Kaufhaus.

Als er am Abend mit seinem Rad vorbeifährt, kommt ihm folgender Gedanke beim Anblick der Abfallsäcke vor dem Geschäft in den Sinn: Haben die Kundinnen und Kunden Dinge eingekauft, die sie nicht benötigen und haben sich ihrer schnell entledigt? Das wäre dann Turborecycling.

Die Wucht der Worte

15.03.2017 at 23:30
Daniel Pascal Zorn in der Stiftung Geißstraße, Stuttgart

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So heißt eine neue Reihe, die in der Stiftung Geißstraße am 14. März 2017 mit dem Philosophen Dr. Daniel-Pascal Zorn begann. Ein Motto von Hugo Hofmannsthal steht über dieser Veranstaltungsreihe, die von den Anstiftern, dem Schriftstellerhaus, der Universität Stuttgart, dem Verband der Schriftsteller und vielen anderen Institutionen unterstützt wird: „Manche Worte gibt’s, die treffen wie Keulen. Doch manche schluckst du wie Angeln und schwimmst weiter und weißt es noch nicht.“

Dr. Michael Kienzle, Geschäftsführender Vorstand der Stiftung Geißstraße, umreißt in seinen einleitenden Worten die Intention der Veranstaltungsreihe: Sowohl die direkte als auch die parlamentarische Demokratie beruhen gleichermaßen auf dem freien Wort. Auf dem Austausch von Meinungen, Erkenntnissen und Interessenbekundungen. Meinungs- und Pressefreiheit waren die zentralen Forderungen des Liberalismus. Sie fanden Eingang auch ins Grundgesetze der Bundesrepublik Deutschland. Wie Aristoteles vor mehr als 2000 Jahren bemerkte, entwickeln sich Staat und Gesellschaft zwar im Streit, jedoch nur dann, wenn er zivilisiert ausgetragen wird. Das Projekt „Die Wucht der Worte“ möchte dazu eine Debatte anzetteln. Es möchte mit Medienschaffenden, Kulturschaffenden und politisch Interessierten das Bewusstsein in der Stadt dafür schärfen, dass der zivilisierte Diskurs die Grundlage jeder sozialen Gemeinschaft ist.

Dr. Daniel-Pascal Zorn hat seine Thesen bei Klett-Cotta veröffentlicht

Dr. Daniel-Pascal Zorn hat gerade sein Buch Logik für Demokraten im Klett Cotta Verlag vorgelegt. An diesem Abend in der Geißstraße stellt er es zum ersten Mal dem interessierten Publikum vor. Darin beschreibt er, dass demokratisches Handeln und Denken nur Bedeutung hat, wenn es immer wieder eingeübt wird. Er will uns Denkwerkzeuge an die Hand geben, um sich den Gegnern und Feinden demokratischen Denkens entgegenzustellen. Ein gewagtes Experiment, bei dem er sich auf Aristoteles beruft, der dem zivilisieren Streit eine Lanze gebrochen hat. Der Diskurs, den Platon auf dem Marktplatz von Athen führte, so Dr. Zorn, wird heute in den sozialen Medien, allen voran Facebook, geführt. Und er hat sich eingemischt. Hat Diskussionen auf rechten Internetseiten und denen der AfD geführt. Hat mit philosophischen Methoden den Diskurs bestritten und dabei die Logik angewendet, die sich aus zwei Quellen speist:
zum einen logos (der Rede) und zum anderen téchne, dem Verständnis von Kunst, Wissenschaft und Technik.

Dr. Daniel-Pascal Zorn spricht sich dagegen aus, rhetorische Tricks in Debatten anzuwenden, wiewohl diese Art zu Reden zu unserer Debattenkultur dazugehört. Aber sie ist eben nicht die einzige und meistens auch nicht die, die auf das Gemeinsame zielt. Wer sie als die einzig legitime setzt, darf sich nicht wundern, wenn das Gespräch im geistigen Bürgerkrieg endet, so seine These. Er vertritt den Anspruch einer allgemeinen Bildung. Das bedeutet, es ist notwendig, die Ausbildung der eigenen Urteilskraft zu fördern. Politische Glaubensbekenntnisse vor sich herzutragen, sollte tunlichst vermieden werden. Wir müssen einfach wieder damit anfangen, miteinander statt gegeneinander zu reden. Er spricht sich dafür aus, die Reflexionslogik anzuwenden, die untersucht, was gilt und die um einen Nachweis dessen bemüht ist. Dabei ist zwischen Person und Argument zu trennen. Die deskriptive Logik verhandelt das Argument und ist nicht mit Psychologie zu verwechseln, die den Sprechenden zu verstehen trachtet.

In den sozialen Netzwerken im Selbstversuch unterwegs

Dr. Daniel-Pascal Zorn analysiert populistischer Argumentation und totalitärer Denkweisen. Der Populist beginnt häufig mit der Festlegung: „Ich spreche für das Volk (die schweigende Mehrheit)“. Damit setzt er sich ins Recht. Im nächsten Schritt werden häufig Verschwörungstheorien aufgerufen und Argumente werden extrem überhöht. Es wird eine Einheit derer hergestellt, die dagegen sind. Vage Begriffe wie: Volk, Kultur, Natur werden in den Diskurs eingeführt. Provokationen werden als Mittel der Rhetorik aufgerufen. Fatal: Der Diskurs wird durch „Gewohnheiten“ zementiert. Er fordert dagegen auf, kritisch zu bleiben und zu erkennen, dass es vernünftig ist, demokratisch zu denken. Und er postuliert, in allen Debatten sollen wir authentisch bleiben, will sagen, so zu handeln wie wir sprechen, mit uns überein zu stimmen.

Dies hat er im Selbstversuch ausprobiert, indem er sich auf Facebook in Diskussionen eingeklinkt hat. Und er hat, wie er berichtet, Erfolge erzielt, hat mit Argumenten überzeugt. Seine Erkenntnisse sind auch in den Diskurs mit Schülern eingegangen. Mittlerweile gibt es Projekte an verschiedenen Schulen, die anhand seiner „Anleitungen“ Diskussionsstränge auf Facebook analysieren und daraus Erkenntnisse generieren. Auf seinem Blog „Die Kunst der Rechtfertigung“ berichtet Dr. Daniel-Pascal Zorn regelmäßig über seine Versuche, sich in Diskussionen philosophisch einzumischen.

Im Anschluss an die Veranstaltung führte der Klett-Cotta-Verlag für seinen Blog ein Interview mit dem Autor, das man hier ansehen kann.

Logik für Demokraten
Eine Anleitung
314 Seiten, gebunden
Klett-Cotta, Preis 20 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Stuttgart liest ein Buch mit Shida Bazyar

11.03.2017 at 9:07
Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar

Im Schriftstellerhaus haben die Vorbereitungen zu Stuttgart liest ein Buch begonnen. Foto: © S. Martin

 

Im Oktober ist es wieder soweit. Stuttgart liest ein Buch. Zum dritten Mal veranstaltet das Schriftstellerhaus dieses literarische Festival, bei dem ein Buch im Mittelpunkt steht. Dieses Jahr ist es Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar. Die junge Autorin mit iranischen Familienwurzeln las in der Reihe Literatur im Salon im Sommer letzten Jahres aus ihrem Debütroman und eroberte im Sturm die Herzen der Vorsitzenden des Schriftstellerhaus-Vereins und dessen Geschäftsführerin. Es war leicht, mit diesem Erlebnis die an dem Projekt beteiligten Kooperationspartner für das Buch und das Thema des Buches zu begeistern, das uns seit vielen Monaten beschäftigt: Flucht, Vertreibung, Integration in eine fremde Kultur.

Shida Bazyar verwendet vier Erzählstimmen

Dies alles erzählt Shida Bazyar mit leichter Hand, humorvoll und voller Empathie für ihre vier Protagonisten, die in jeweils einem Abschnitt des Buches ihre Lebenswirklichkeit erzählen. Da ist der Vater, der mit seiner Frau 1979 aus dem Iran fliehen musste, da er als kommunistischer Aktivist den bei den Mullahs in Ungnade fiel. Er erzählt von seinen politischen Aktionen und wie er seine Frau kennen lernte mit der er dann aus dem Iran nach Deutschland flieht. In einer Kleinstadt finden er, seine Frau und seine kleinen Kinder Zuflucht. Zehn Jahre später erzählt seine Frau von den Bemühungen der Familie, sich in Deutschland zu integrieren. Über 4 Jahrzehnte erstreckt sich der erzählerische Bogen, den Shida Bazyar aufspannt, bis hin zur grünen Revolution von 2009. Ausführliche Rezensionen hier und hier.

Das Projekt Stuttgart liest ein Buch nimmt Form an

Die Vorbereitungsgruppe, bestehend aus den VertreterInnen der Projektpartner, hat ihre Arbeit aufgenommen, um ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm für die Zeit zwischen dem 17. Oktober und dem 27. Oktober 2017 zusammen zu stellen. Im Einzelnen sind dies:

  • das Schriftstellerhaus
  • das Literaturhaus Stuttgart,
  • die Stadtbibliothek Stuttgart
  • die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart
  • die Schiller Buchhandlung
  • das Evangelische Bildungswerk Hospitalhof Stuttgart
  • der Börsenverein des Deutschen Buchhandels
  • die Volkshochschule Stuttgart

Die Projektleitung hat die Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, Astrid Braun, inne. Das Schriftstellerhaus hat für das Projekt bereits einen Internetauftritt gestaltet, siehe hier. Alle Neuigkeiten werden auch über Facebook und Twitter verbreitet.

Der Damenwal ein Fall von Aquativ

07.03.2017 at 17:21
Damenwal von Faltsch Wagoni

Der Tanz um den Damenwal

 

Das Künstlerduo Faltsch Wagoni, Silvana und Thomas Prosperi, verunsichern seit vielen Jahren deutsche Bühnen mit ihren Texten, ihren Songs und ihren kleinen, lustvollen Streitigkeiten. Am 3. März waren sie wieder einmal im Theaterhaus in Stuttgart mit ihrem Programm „Der Damenwal“ zu Gast.

Schon über den Titel kommen die beiden sich in die Haare: heißt es nun die Damenwal oder der Damenwal? Mit welchem Geschlecht werden welche Tiergattungen bezeichnet? Hat schon mal einer im Publikum darüber nachgedacht? Warum heißt es die Seekuh, der Löwe, die Elster (aber hallo!)?

Ein Dichter ohne Wasser braucht keine Dichtung

Nachgedacht über Sprache wird viel im Programm von Faltsch Wagoni. Neben den vier geläufigen Fällen kreieren sie für ihr Programm einen fünften: einen grammatikalischen Wasserfall, den Aquativ. Wassersüchtig jonglieren sie sich durch den Abend und laden immer wieder ein, mit Worten zu jonglieren und einen poetischen Kopfsprung ins feuchte Element zu wagen. Dabei begießen sie ihre Wortakrobatik mit Sounds. Silvana Prosperi an der (Damen)-Wal-Conga und ihr Mann an der akustischen Gitarre. Silvana als schöner Damenwal und Thomas als origineller Wasserdichter kommen aus der Tierart der Wortwale. Sie wirft ihm schnippisch zu, ein Dichter ohne Wasser bräuche keine Dichtung.

Die beiden stellen die ernsthaften Fragen dieser Welt: Kann Wasser schwimmen? Und wenn nein, geht es dann unter und ertrinkt im eigenen Saft? Können Fische weinen? Und wenn ja, wird das Wasser dann nass? Ist der Mensch eine gesättigte, wässrige Lösung, bestehend aus 80 % Haha-Zwei-O? Dabei führen sie die Zuschauer in die Untiefen des Nonsens ohne sie ertrinken zu lassen.

Auch ernsthafte Themen haben sie im Gepäck, wenn sie fein ziseliert Kritik am Lebensmittelkonzern Nestle üben, der bekanntlich das Wasser in Flaschen abfüllt und teuer an die Dürstenden verkauft. Oder wenn sie fragen, ob es neue, ausbeutbare Wasserreserven auf dem Mars gibt und wenn ja, wem gehört die? Nestle?

Worte schaukeln wie blauäugige Kreuzschiffreisende

Sie begeben sich auf Kreuzfahrt mit der Blauäugigkeit von Reisenden, die auf der Suche nach dem ewigen Süden nicht mehr wissen, wo sie gerade sind. Die Reling des Kreuzfahrtschiffes wird durch eine Sonnenschirmstange angedeutet, an den die beiden sich festhalten, im Rhythmus der Wellen hin und her schaukeln. Nach zwei Stunden ist das Publikum völlig durchgeschaukelt von Wortkaskaden und Soundwellen. So mancher schüttelt beim Hinausgehen den Kopf ob all der Wortverdrehungen und lauscht den Worten nach, die in seiner Hirnschale leise vor sich hinschaukeln, wie auf Wasserwellen.

Freiheit für Deniz Yücel

05.03.2017 at 7:43
Deniz Yücel Veranstaltung der Anstifter

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Auf die Nachricht der Verhaftung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel in der Türkei reagierten die Anstifter am 3. März 2017 spontan mit einer Kundgebung vor dem türkischen Konsulat am Kernerplatz in Stuttgart.

Schnell ist die Lautsprecheranlage aufgebaut, um den rund 150 Anwesenden die Forderungen der Anstifter verständlich zu machen. Es wird nicht nur Solidarität mit Deniz Yücel bekundet, sondern auch mit hunderten nach dem Putschversuch inhaftierten Menschen. Nach einem kurzen Eröffungswort von Elka Edelkott, Geschäftsführerin der Anstifter, spricht Ali Murat Guel zu den Anwesenden. Ali Murat Guel ist Vertreter der Förderation demokratischer Arbeitervereine (DIDF). Der DIDF hat sich spontan mit dem Aufruf der Anstifter solidarisiert und unterstützt diesen. Wie viele demokratische Zusammenschlüsse steht auch das DIDF unter der Beobachtung des türkischen Staates. Ali Murat Guel spricht also in gewisser Weise auch von seiner Unterdrückung. In seiner Rede lässt er die Ereignisse Revue passieren.

Seit Ende Februar sitzt Deniz Yücel in Untersuchungshaft

Am Montag, den 27. Februar diesen Jahres verhängte das Gericht gegen den in der Türkei festgehaltenen Welt-Korrespondenten Deniz Yücel Untersuchungshaft, nachdem er schon zwei Wochen unter Polizeiarrest gestanden hat. Auf 5 Jahre kann die Untersuchungshaft ausgedehnt werden, bis es zum Prozess kommt. Ihm wird Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung vorgeworfen. Besonders pikant: Deniz Yücel hat, wie andere Journalisten auch, über gehackte E-Mails des Energieministers Berat Albayarak berichtet, dem Schwiegersohn von Präsident Recep Tayyip Erdoğan.

Ebenso wie Ali Murat Guel verurteilt Sidar Carman vom Vorstand des Dachverbandes der Migrantenorganisationen (DaMigra) das Vorgehen der türkischen Behörden. Sie hält diese Rede voller Kraft, Engagement und ohne Redemanuskript. Spontan hat sie kurzfristig zugesagt zu kommen, eine Vorbereitungszeit hatte sie nicht. Das ist auch nicht nötig, denn sie kennt staatliche Unterdrückungsmechanismen, egal in welcher Form sie daherkommen aus ihrer langjährigen Praxis. Das macht ihre Rede so authentisch.

Den Schlussakkord setzt Peter Grohmann, der Gründer der Anstifter mit seiner Rede. Mit einer Gedichtzeile des Begründer der modernen türkischen Lyrik, Nâzım Hikmet, beginnt er seine Rede:

Leben wie ein Baum, einzeln und frei
doch brüderlich wie ein Wald,
das ist unsere Sehnsucht.

Er hebt hervor, dass es um die Pressefreiheit in der Türkei nicht gut bestellt ist. Die Türkei gehört zu den Ländern mit den meisten inhaftierten Journalisten weltweit. Nach dem Putschversuch im Juli 2016 wurden weit über 100 Journalisten verhaftet, rund 150 Medien geschlossen und mehr als 700 Presseausweise annulliert. Kritische Journalisten stehen unter Generalverdacht. Die wenigen noch verbliebenen unabhängigen Medien arbeiten in ständiger Angst. Wiederholt wurden ausländischen Journalisten die Akkreditierung verweigert oder die Einreise verwehrt. Daneben ersticken die politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen vieler wichtiger Medienbesitzer eine kritische Berichterstattung im Keim. Reporter ohne Grenzen verweisen die Türkei auf Platz 151 von 180 in Fragen der Pressefreiheit.

Die türkische Regierung will in Deutschland für die Verfassungsänderung werben

Die nächsten Wochen werden nicht einfach werden: die türkische Regierung versucht den Druck auf die hier lebenden Türken zu erhöhen, damit sie im Sinne von Recep Tayyip Erdoğan beim Referendum im April abzustimmen. Sie versucht, über Wahlkampfveranstaltungen Einfluss auf ihre Landsleute zu nehmen, die einen nicht zu vernachlässigen Teil der wahlberechtigten Bevölkerung ausmachen. Es ist ein Tauziehen zwischen den „diplomatischen Interessen der Bundesrepublik“ und der Zivilgesellschaft. Dabei kann es möglich sein, dass der inhaftierte Jounalist Deniz Yücel als Spielball zwischen den Fronten zerrieben wird. Daher ist es wichtig, überall und zu jeder Zeit seine Solidarität mit ihm und den aus politischen Motiven heraus Inhaftierten zu bekunden. Die Freiheit des Wortes ist ein Menschenrecht und ist nicht verhandelbar. Nirgends.

Nachdenkzeilen – Mit Humor rechten Propaganda aushebeln

03.03.2017 at 14:43
Antirassistische Plakte, Beispiele

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Die Gruppe „Dies Irae“, übersetzt: Tag des Zorns, gehört zur AdBusting-Bewegung, bei der Künstler Werbeplakate überkleben oder umgestalten. „Wir definieren uns als politische und selbst-denkende Menschen, die den öffentlichen Raum von der visuellen Umweltverschmutzung, auch Außenwerbung genannt, befreien. Ihre Interventionen im öffentlichen Raum sind in folgenden Städten erfolgreich verlaufen: Freital, Wiesbaden, Marburg, Chemnitz, Dortmund, Bamberg, Dresden, Berlin, Potsdam, Hannover.

 

Linien.Grenzen.Räume

02.03.2017 at 22:00
Nordlabor

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Unter diesem ungewöhnlichen Titel präsentierte das „theater.prekariat“ seinen Arbeitsprozess. Ihr Selbstverständnis drücken sie so aus: „theater.prekariat entwickelt theatrale Diskursproduktionen an der Schnittstelle zwischen Theater und bildender Kunst. Im Mittelpunkt der Arbeiten steht die Erforschung des Koordinatensystems Stadt-Raum-Mensch.“ Und ihren ungewöhnlichen Namen erklären sie gleich mit: „Der Ansatz von theater.prekariat ist partizipativ. Das Prekäre unserer Praxis liegt im Risiko dessen, was passiert, wenn Künstler und Akteure unterschiedlicher Herkunft, Sprache und Aufenthaltsstatus zusammenarbeiten.“ Diesem Risiko setzten sie sich auch am 25. Februar im Theater Nord aus.

Die Spielstätte Nord ist für das theater.prekariat der ideale Ort

Die Spielstätte Nord des Schauspiel Stuttgart ist eine gute Adresse für experimentelles Theaterspiel. Da wundert es nicht, wenn die Gruppe um Regisseurin Adelheid Schulz ihre Tische im Vorraum der Spielstätte aufbauen und die Zuschauer gebeten werden, an einer großen Tafel Platz zu nehmen. Akteure und Zuschauer sitzen gemischt nebeneinander. Es entsteht der Eindruck, Teil des Ensembles zu sein. Dieses besteht aus jungen Deutschen und nach Deutschland Geflüchteten. Die Autorin Sudabeh Mohafez hatte mit den Ensemblemitgliedern die Texte erarbeitet, die sie an diesem Nachmittag vortragen. Sie beschreiben in ihren Texten den derzeitigen Wohnort, der mit dem der Kindheit für die hierher geflüchteten Ensemblemitgliedern ja nicht derselbe ist. Biografiebrüche werden deutlich. Aus einem Radio erklingt im Text ein Lied, das an das Haus erinnert, in dem sie aufgewachsen sind. In den Texten vermischen sich diese beiden Erfahrungen und es entsteht durch die unterschiedlichen Sprachen, in denen die Texte vorgetragen werden, ein fast schwebender Zustand: Persisch, Arabisch, Französisch, Deutsch. Der Blick gleitet vom Bett aus dem Fenster, man erinnert sich, wie das Bett gestanden hat welche Form das Bett hatte und woraus es gebaut war. Welchen Blick man aus dem Zimmer hatte. Da wird schnell klar, es ist egal, ob du im Remseck geschlafen hast in Teheran, Damaskus oder Kabul. Die kindlichen Erinnerungen in den Texten gleichen sich. Kinder sind überall Kinder. Und wenn die äußere Hülle entfernt wird, kommen intime Beobachtungen zustande.

Ging es im ersten Teil des Theaterprojektes noch um den öffentlichen Raum (siehe Beschreibung in der Ausgabe 295 von KONTEXT), so sind die Schauspielerinnen und Schauspieler nun im privaten Raum angekommen. In der Intimität der Familie.

Zwischen den kurzen Lesungen der selbst produzierten Texten wird von N. Darwish die 11saitige Oud mit dem Rischa (dem Oud-Plektrum) gespielt. Nein, seines ist nicht aus dem Kiel einer Adlerfeder hergestellt, es ist ein längliches Kunststoffstück.

Aktivitäten der Zuschauer sind gefragt

Für die Zuhörer geht es an diesem Nachmittag nicht nur um passives Konsumieren der dargebotenen Texte. Sudabeh Mohafez hat mit den Ensemblemitgliedern auch mit der Textform „Elfchen“ erfolgreich gearbeitet. Eine sehr strenge, verknappte Form des lyrischen Ausdrucks mit einer vorgegebenen Form. Diese Form wird auch mit den Zuhörern ausprobiert. Elf Wörter, die in festgelegter Folge auf fünf Zeilen verteilt werden, kommen schnell zusammen.

Weiter geht es mit der verknappten Form: Texte in Chat-Dialogform werden vorgetragen. Immer haben die Texte mit der Wirklichkeit dieser engagierten jungen Leute zu tun. Man darf gespannt sein auf das ausformulierte Projekt, das in diesem Sommer zur Aufführung kommen soll.

Bis dahin ist es für Regisseurin Adelheid Schulz, dem Produktionsleiter Felix Heimbach und den Schauspielerinnen und Schauspielern noch ein gutes Stück Arbeit. Der an diesem Samstag präsentierte Arbeitsprozess wird bei einer – von einer Schauspielerin selbst gekochten – orientalischen Linsensuppe in lockerer Runde mit den Zuschauerinnen und Zuschauern diskutiert.

Vom Leben vor dem Sterben

26.02.2017 at 19:52
Sibylle Knauss in Ludwigsburg

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Für Sibylle Knauss ist die Vorstellung ihres neuen Romans am 24. Februar 2017 in Ludwigsburg ein Heimspiel. Wohnt doch die Autorin in unmittelbarer Nähe dieser Stadt und hat lange Zeit als Dozentin an der Filmakademie in Ludwigsburg für das Fach Drehbuch gearbeitet. Seit 1981 legt sie regelmäßig Romane vor, früher unter anderem im Hoffmann und Campe Verlag. Ihr Verleger Hubert Klöpfer ist sichtlich stolz, dass er den neuen Roman von Sibylle Knauss, Der Gott der letzten Tage nach Das Liebesgedächtnis in seinem Verlag verlegen konnte. Er betont, es solle nicht bei diesen beiden Romanen in seinem Hause bleiben.

Der Gott der letzten Tage ist ein Roman von der Lebensgrenze. Für Sibylle Knauss hat die Frage, was nach dem Tod kommt, eine große Anziehungskraft: Sie hat in München und Heidelberg nicht nur die Fächer Germanistik und Anglistik studiert sondern auch Theologie.

Philosophische Betrachtungen

Den philosophischen Prolog zum Roman liest Sibylle Knauss zu Beginn, um dann in die Geschichte einzutauchen. Es ist keine leichte Geschichte, die sie für ihren 15. Roman ausgesucht hat. Sie handelt von einem im Sterben liegenden evangelischen Pfarrer und sie ist eine Ars Moriendi, wie die Autorin Sibylle Knauss zu Beginn der Lesung erläutert. Aber zugleich sei die Geschichte auch eine Ars Vivendi, denn sie sei Mut machend und in weiten Teilen humorvoll. Nach einem Kurzbesuch bei Gott kehrt der Pfarrer durch Reanimation wieder für kurze Zeit ins Reich der Lebenden zurück. Er liegt in einem Krankenhausbett, Schläuche stecken in seinen Armen und hinter ihm piepsen die Maschinen, die ihn künstlich am Leben erhalten und die für ihn das Atmen übernehmen. Er will sprechen, kann aber nicht. Er hat nicht mehr lange zu leben, er will das Bewusstsein von Pein, Hilflosigkeit und großer Angst nicht.

Obwohl er in seinem Leben als Pfarrer Hunderte von Grabreden gehalten hat, muss er sich nun persönlich mit dem großen Ungewissen nach dem letzten Atemzug auseinander setzten, und muss lernen, dieses Ungewissheit zu akzeptieren: Ist es das Nichts oder vielleicht auch das Ewige? Es dauert nicht lange, bis Gott persönlich auftaucht. Der Sterbende ist so sehr isoliert, dass ihm nichts übrig bleibt, als mit eben jenem in einen gedanklichen Dialog zu treten. Er, der Pfarrer, ist kein Beispiel an Tugend. Er hat seine Frau Margarete geschlagen. Vieles ist daraufhin zusammen gebrochen. Seine spätere Geliebte Irene verlor er bei einem Autounfall. Hier im Sterben denkt er an sie. Das liest Sibylle Knauss im vierten Teil ihrer Buchpräsentation. Und am Schluss liest sie folgenden Dialog zwischen Gott und dem sterbenden Pfarrer:

„Unter all meinen Schöpfungswundern warst du eines. Genügt das?“
„Ja. Das genügt.“
Damit klappt sie das Buch zu.

Der Gott der letzten Tage
Roman
184 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis 20 €

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