Stuttgart liest ein Buch – Eröffnungsveranstaltung in der Musikhochschule

18.10.2017 at 23:00
Shida Bazyar im Kreise der Veranstalterinnen

Dr. Regular Rapp, Direktorin der HMDK Stuttgart und Bettina Backes von der Heinrich Böll Stiftung links neben Shida Bazyar

 

Mit einem Festakt in der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart wurde das diesjährige Lesefestival „Stuttgart liest ein Buch“ am 17.10.2017 eröffnet. Im Abstand von jeweils zwei Jahren wird dieses Lesefestival nun schon zum dritten Mal vom Schriftstellerhaus auf den Weg gebracht. Dieses Jahr steht der Roman Nachts ist es leise in Teheran der 1988 in der hessischen Kleinstadt Hermeskeil geborenen Shida Bazyar im Mittelpunkt. Ihre literarische Leistung wird an diesem Abend von allen Festrednerinnen gewürdigt. Rückblickend auf die letzten zwei Jahre ist das Thema des Buches angesichts der Entwicklung des Bürgerkrieges in Syrien und in dessen Folge einer Fluchtbewegung aus dem Land nach Europa höchst aktuell. Der Roman bildet einen perfekten Ausgangspunkt für ein vielschichtiges Veranstaltungsprogramm mit vielen unterschiedlichen Akteuren. Der Roman wird die nächsten zwei Wochen Stadtgespräch sein, genau das, was die Projektgruppe unter der Leitung von Astrid Braun vom Schriftstellerhaus bezweckte, als sie sich für diesen Roman entschieden hat.

Ein Ausschnitt der Welt erzählt über vier Jahrzente

Mit ihrem Roman gelingt es der jungen Autorin auf anschauliche Weise einen Ausschnitt von Welt zu zeigen. Sie schöpft dabei aus der Geschichte der eigenen Familie, ihre Eltern sind nach dem Sturz des Shahs als Kommunisten vor den neuen Machthabern, den Mullahs, geflüchtet. Ihr geht es in ihrem Roman um existentielle Fragen wie Heimat und Heimatverlust, um Verrat und Zivilcourage, um Macht und Machtmissbrauch sowie den steten Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung. Der Roman erzählt vielstimmig aus vier Perspektiven von der iranischen Revolution 1979 bis zu den Protesten gegen die Bildungspolitik in Deutschland 2009. Unterschiedliche Schauplätze und gesellschaftliche Rahmenbedingungen nimmt er in den Blick. Die Erzählstimmen im Roman sind die der vier Familienmitgliedern: Eltern und Kindern. Die als Ich-Erzähler agierenden Figuren erinnern sich. und erzählen in der Abfolge von vier Jahrzehnten ihre Geschichten vom Leben im Iran und der Flucht, der Integration in die deutsche Gesellschaft, vom Blick der Tochter auf die iranische Gesellschaft und aus dem Blickwinkel des Sohnes von der grünen Revolution im Iran. Über die puzzleartigen Rückblicke wird offenbar, wie sich die Lebenswelten im Iran und in Deutschland annähern, obwohl die Realitäten der daheimgebliebenen Familienangehörigen und der Exilierten gleichzeitig immer stärker auseinanderlaufen.

Das Rahmenprogramm bestreiten Studierende der HMDK Stuttgart

Janina Picard und Jule Hölzgen sprechen den Text von Shida Bazyar

Janina Picard und Jule Hölzgen sprechen den Text von Shida Bazyar

Auszüge aus dem Buch werden an diesem Abend von den beiden Studentinnen, Janina Picard und Jule Hölzgen, rezitiert. Der aus dem Iran stammende Pinanist Nima Farahmand Bafi breitet mit dem Percussionisten Johannes Werner ein von der persischen Musiktradition inspiriertes Klangspektrum aus. Die beiden spannen den Bogen zwischen exzellentem Klavierspiel und modernem Percussionsspiel.

Shida Bazyar erläutert Hintergründe ihres Romanprojektes im Gespräch mit Thorsten Dönges

Im Gespräch mit Thorsten Dönges vom Literarischen Colloquium Berlin erläutert die Autorin, wie sie bei der Konzeption des Romans vorgegangen ist. Erwartungsgemäß entstanden die Kapitel nicht wie im vorliegenden Buch chronologisch. Für die einzelnen Stimmen der Eltern Behsad und Nahid und die der Kinder Laleh und Morad hat sie lange recherchiert, auch im Iran.

Shida Bazyar möchte sich mit ihrem Roman nicht auf die Themen Flucht und Migration reduzieren lassen. Für sie ist es ein Buch, das viele Themen hat: Es geht darum, was Zeitgeschichte, was geschichtliche Wendepunkte mit Menschen und Menschenleben machen. Und um die Frage: Wie brennen sich diese Erfahrungen in die Gene der Generationen ein? Was macht das mit Geschlechterrollen?

Das Thema Rassismus ist für die Autorin eines, das sie am eigenen Leibe tagtäglich erfährt, ihr aufgrund ihres persischen Aussehen ebenso entgegenschlägt wie den Figuren in ihrem Roman. Sie selber hat aus diesen Erfahrungen die Konsequenz gezogen und ist nach dem Studium des Literarischen Schreibens aus der Kleinstadt Hildesheim in die anonyme Großstadt Berlin gezogen, in der viele Migranten leben. Hier ist sie nicht ein Phänomen, das immerzu angestarrt wird. Ihre Eltern, die als Fremde nach Deutschland kamen, gingen damit ganz anders um. Aber Shida Bazyar ist in Deutschland geboren und hier aufgewachsen, sie war hier nie eine Fremde. Dass sie aufgrund ihres Aussehens so angesehen wird, suggerieren ihr die Menschen von außen.

All das ist Ausgangspunkt für das abwechslungsreich Programm von Stuttgart liest ein Buch. Alle Termine und Veranstaltungsorte sind hier abrufbar.

Günter Guben: Im Doppelpack

08.10.2017 at 20:57
Günter Guben stellt seine neuen Veröffentlichungen vor und das Vocalensemble Exvoco

Günter Guben stellt seine neuen Veröffentlichungen vor und das Vocalensemble Exvoco

 

In vielerlei Hinsicht war das war eine Lesung im Doppelpack, die das Urgestein der Stuttgarter Literaturszene Günter Guben am 28. September 2017 in der LesBar der Stadtbibliothek Stuttgart auf die Beine stellte: Günter Guben las aus seinen zwei neuen Büchern und er trat mit dem Vocalensemble Exvoco auf, das wiederum aus zwei Personen besteht: Hanna Aurbacher und Ewald Liska.

75 Gedichte aus den Jahren 1970-2015 hat Günter für seinen Lyrikband aus seinem enormen Fundus ausgesucht. Es ist ein Querschnitt seiner lyrischen Produktion aus 45 Jahren. Ihm geht es nicht zuletzt um das Heitere im Gedicht, durchaus auch um die erotische Note, um die abgründigen Hintersinnigkeiten und eben um das lustvolle Spiel mit der Sprache, die neben, unter und über unserem alltäglichen Jargon ungeahnte Möglichkeiten des überraschenden Ausdrucks bereit hält.

Veröffentlicht wurde dieser Band in der Reihe »Edition Hammer + Veilchen«. Einen kleinen Einblick lässt er an diesem Abend das zahlreich anwesende Publikum nehmen.

Elefanten auf dem Tisch ...

Elefanten auf dem Tisch …

Auf dem Lesetisch hat er einen Holzelefanten gestellt, einen von denen, die bei ihm zu Hause über seinen Schreibtisch laufen. Günter Guben kann sich mit diesem herrlichen Tier identifizieren. Im Eingangsgedicht des Bandes heißt es dazu:

Achtzehn Zeilen Schreibtisch-Glück

Eine Herde Elefanten
zieht über meinen Schreibtisch hin.
Sie eilen auch durch den Kopf.
Von ferne ruft ein Afrika:
Ach du, du armer Tropf!
Spielt dir die Phantasie,
wie häufig, Streiche?
. . .

Oft sind es ganz kurze Situationsbeschreibungen, die so typisch für den Lyriker Guben sind, wie in dem Dreizeiler Das hat auch was:

Tee mit Zitrone,
Milch mit Honig,
Kaffee mit Marlene.

Und immer wieder blitzt der Humor hervor, den dieser, 1938 in Hamburg aufgewachsene, wie selbstverständlich mit dem Publikum teilt, als gäbe es unendlich viel davon. Wer eine seiner legendären Lesungen am Aschermittwoch bei den AnStiftern erlebt hat, kann das gut nachvollziehen.

Die Zusammenarbeit mit dem Vocalensemble Exvoco geht auf seine Zeit als Regisseur beim Hörfunk in Stuttgart zurück. In den achtziger Jahren hat er dieses Ensemble für den Hörfunk produziert. Die beiden Künstler, Hanna Aurbacher und Ewald Liska haben mit ihren Vokalstücken, sehr häufig aus lautmalerischen Gedichten bestehend, die ganze Welt bereist.

Hanna Aurbacher ist bekannt als Solistin bei internationalen Festivals für alte und neue Musik. Zahlreiche Uraufführungen und Produktionen in allen Medien kennzeichnen ihr künstlerisches Schaffen. Sie ist Mitglied diverser Ensembles, gibt Seminare in Vokaltechnik und Stimmphysiologie und hat als Professorin an der Musikhochschule Stuttgart gewirkt.

Ewald Liska ist Konzert- und Liedsänger und war Kantor in Stuttgart. Nach Promotion und Habilitation in Physik war er Hochschullehrer und in der Industrie tätig. Er gründete EXVOCO, war als Redakteur beim Süddeutscher Rundfunk tätig und traf dort Günter Guben.

Ein Dada-Gedicht wird wie ein Musikstück in Japan verstanden wie auch in den USA. Mit immer noch frischen Stimmen tragen sie Texte von den großen Dadaisten aber auch Gedichte von Günter Guben vor:

Weiter Videos der Guben-Gedicht-Rezitationen hier,  hier und hier

Günter Guben präsentiert auf langen Tischen die Zeichnungen seines Kollegen und Galeriefreundes Prof. Klaus Bushoff, der diese für den Band Vom Leben, Lieben und Lottern beigesteuert hat. Im dritten Teil des Abends präsentiert Günter Guben einen Ausschnitt aus diesem Band. Hier, auf erotischem Gebiet, zeigt sich noch einmal die Virtuosität des Dichtes, der abseits plumper Anspielungen über Liebe, Sexualität und das Lottern zu schreiben vermag.

Verfügung der Dinge
Reihe »Edition Hammer + Veilchen«
81 Seiten, Preis: 12 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Vom Leben, Lieben und Lottern: erotische Texte und Graphiken
Mit Grafikcollagen von Prof. Klaus Bushoff
Verlag der Studiengalerie Stuttgart, 2016
38 ungezählte Seiten in einer Auflage von 100 Exemplaren

zu erwerben beim Autor oder über den Verlag

Ein großer Sänger: Tom Petty

04.10.2017 at 13:22
Tom Petty

Von Takahiro Kyono from Tokyo, Japan – Tom Petty, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=58170118.

Tom Petty starb am 2. Oktober 2017 in Santa Monica, Kalifornien. Wir trauen um diesen großen Musiker.

Im April 2008 erschien Tom Pettys letztes Album, ein Reunionsalbum seiner ehemaligen Band Mudcrutch. Die Zeitschrift Rolling Stone listet Tom Petty auf Rang 91 der 100 größten Musiker sowie auf Rang 59 der 100 besten Songwriter aller Zeiten.

Hier das Video eines seiner ganz großen Hits, kurz vor seinem Tod am 25. September diesen Jahres

Zusammen mit seinen Kollegen Bob Dylan, George Harrison († 2001), Jeff Lynne und Roy Orbison († 1988) wirkte er auf den zwei Alben der Traveling Wilburys mit. Mit Georges Harrison und Roy Orbison wird er sicher im Musikerhimmel weiter spielen …

Neuer Vorsitzender im Verein Stuttgarter Schriftstellerhaus

28.09.2017 at 15:56
Die scheidende Vorsitzende Frau Bussmann und der neue Vorsitzende Moritz Heger

Die scheidende Vorsitzende Frau Bussmann und der neue Vorsitzende Moritz Heger

 

Am 25. September 2017 wurde auf der jährlich stattfindenden Mitgliederversammlung Moritz Heger einstimmig zum neuen 1. Vorsitzenden des Vereins Stuttgarter Schriftstellerhaus gewählt.

Zum stellvertretenden Vorsitzer wurde Wolfgang Tischer ernannt. Als Beisitzer wurde Fabian Neidhardt neu gewählt, weiterhin im Amt sind Michael Seehoff als Schriftführer, Helga Danzer und Susanne Stephan als Beisitzerinnen.

Sehr herzlich und mit großem Dank verabschiedet wurden Ingrid Bussmann (ehemalige 1. Vorsitzende) sowie Signe Sellke (ehemalige 2. Vorsitzende).

Moritz Heger ist zur Zeit mit seiner Ausstellung “Lichtgrau” im Haus zu sehen mit seinen Gedichten und Zeichnungen des Künstlers Christian Lang.

Die AnStifter zur Bundestagswahl 2017

21.09.2017 at 16:24
Die Vorsitzende der Anstifter Dr. Annette Ohme-Reinicke

Die Vorsitzende der Anstifter Dr. Annette Ohme-Reinicke

Das Bürgerprojekt die AnStifter ruft zur Teilnahme an der Bundestagswahl am 24. September 2017 in ihrem Newsletter auf:

„Demokratie entsteht, wenn man nach Freiheit und Gleichheit aller Bürger*innen strebt und die Zahl der Bürger*innen, nicht aber ihre Eigenart berücksichtigt. (Aristoteles). Dummerweise sind die Gesellschaften viel eher bereit, die Banken zu retten als die Demokratie aufzustocken. So bös‘ das Erwachen am Sonntag für die einen sein mag, so wohltuend mag es für die anderen sein: Die dritte Kraft. Bildungshubernde Überheblichkeit, Belehrungseifer und Gouvernantengehabe sind offenbar kein probates Mittel der Aufklärung, keins, das kluge Diskurse erlaubt. Wen wundert’s, wenn im Land der tausend Bismarckstraßen und Lutherplätze Antisemitismus und Rassismus blühen? Herr Biedermann nimmt die Brandstifter in sein Haus, obwohl sie von Anfang an erkennen lassen, dass sie es anzünden werden.

Geh‘ wählen. Die Demokratie stärken, das ist morgen notwendiger denn je. Es geht nur, wenn wir uns bewegen, dem tiefen Staat auf den Fersen bleiben, uns einmischen. Also mehr Widerrede, mehr Information, mehr Straße, mehr Engagement im Alltag, mehr AnStifter*innen. Arsch hoch, Zähne auseinander. „Geh wählen“ ist wichtig, aber zu wenig.

Mit bewegten Grüßen aus der DenkMacherei

Peter Grohmann, Annette Ohme-Reinicke, Ebbe Kögel,
Elka Edelkott und Evy Kunze“

Nachdenkzeilen – Es ist an der Zeit!

21.09.2017 at 15:45
Nachdenkzeilen 1

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Es ist in der gegenwärtigen Situation vielleicht besonders wichtig, von seinem Wahlrecht Gebrauch zu machen, wiewohl es m. E. auch in der Vergangenheit richtig und wichtig war, zur Wahl zu gehen. Wenn man sich die Wahlsendungen mit Bürgerbeteiligung angesehen hat, die in den letzten Wochen ausgestrahlt wurden, so kann man feststellen: Von Seiten der Bürger und von Seiten der im Parlament vertretenen Abgeordneten (die uns ja repräsentieren, denn wir haben sie gewählt) geht keine Gefahr für die Demokratie aus. Ganz im Gegenteil! So beherzt und engagiert, wie z. B. am Montag, 11. September, die BürgerInnen mit der Kanzlerin diskutiert haben zeigt das hohe Interesse an der Politik und die Sachkenntnis der BürgerInnen.

Deutsche mit familiären Wurzeln im Ausland verstehen teils diese niedrigen Wahlbeteiligungen nicht, siehe das Interview mit der Schriftstellerin Jagoda Marinić in Kontext Wochenzeitung Nr. 337, die sagt: „Ja, ich gehe immer zur Wahl, als wäre es die feierlichste Sache der Welt.“ An dieser klugen Frau sollen wir uns ein Beispiel nehmen und die Wahl als Feier verstehen: Feiern und zelebrieren wir die Errungenschaft unserer Väter, Mütter, Großmütter, Großväter und aller Ahnen bis hin zu 1848 und gehen wir zur Wahl.

Der Grund, warum es in diesem Jahr besonders wichtig ist, zur Wahl zu gehen und nicht die Demokratie mit Wahlabstinenz zu schwächen, ist dem Umstand geschuldet, dass zum ersten Mal seit 1950 in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eine rechte, offen rassistisch auftretende Partei reale Chancen hat, in den Bundestag einzuziehen.

Jetzt heißt es:

1. Wer rechtsextreme Parteien schwächen will, muss unbedingt wählen gehen.
2. Und zwar eine der anderen Parteien, die es sicher in den Bundestag schaffen.

Warum das? Alle Stimmen für Parteien, die bei unter fünf Prozent bleiben, fallen unter den Tisch. Bei der Verteilung der Sitze spielen sie schlicht keine Rolle mehr. Es ist bitter, aber wahr:
Wer Kleinstparteien wählt, nutzt im Kampf gegen Rechts seine Stimme nicht optimal. 

Ich selber habe vor dieser Wahl so lange wie nie mich nicht entscheiden können, wem ich meine Stimme geben soll. Bei den allermeisten Wahlen zu parlamentarischen Vertretungen war mir lange im Vorfeld klar, wem ich meine Stimme geben würde. Mit Hilfe von online verfügbaren Fragenkatalogen, habe ich eine Wahlentscheidung treffen könne, die ich am 24. September mit meinem Wahlzettel dokumentieren werde.

Polnische Spuren – Hier enden sie

09.09.2017 at 10:30
Tajajana und Michael

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Heute fliegen wir nach drei Wochen von Warszawa zurück nach Stuttgart. Am Abend werden wir wieder zu Hause sein.

Viele Eindrücke haben wir gesammelt, haben ein Land kennen gelernt, dessen Menschen freundlich und hilfsbereit sind. Wir haben einer Sprache gelauscht, die viele unbekannte Buchstaben hat, kompliziert aussieht aber wunderbar klingt.

Nach drei Wochen sagen wir: do widzenia, Polska!

Polnische Spuren– Spuren der Erinnerung

07.09.2017 at 20:00
Aus dem Untergrund stürmen sie

Aus dem Untergrund stürmen sie

Wir kaufen uns erst einmal zwei Schirme, es regnet dauerhaft an diesem Septembermorgen. Gut beschirmt machen wir uns auf den Weg.

In Warschau haben die deutschen Soldaten fürchterlich gewütet und blutige Rache genommen, als die Polen einen Aufstand gegen sie begannen. 45 Jahre nach diesem Ereignis wurde den Menschen, die versuchten das Joch abzuschütteln, ein eindrucksvolles Denkmal errichtet.

Deportation

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Erst 1995 wurde mit einem Denkmal den nach Russland Deportierten gedacht: Die Rote Armee verschleppte in großem Stil Polen nach Sibirien. Auch der Massaker von Katyń wird hier thematisiert: Angehörige des NKWD erschossen im Frühjahr 1940 etwa 4400 gefangene Polen, größtenteils Offiziere, in einem Wald bei Katyń. Diese Tat gehörte zu einer Reihe von Massenmorden an 22.000 bis 25.000 Berufs- oder Reserveoffizieren, Polizisten und anderen Staatsbürgern Polens, darunter vielen Intellektuellen.

Das Denkmal hat die Form eines  offenen Eisenbahnwaggons  voller Kreuze. Auf den Eisenbahnschwellen sind die Namen der Orte geschrieben, wohin die Polen gebracht wurden. Ein eindrückliches Kunstwerk gegen die bolschewistischen Diktatur.

Beide Denkmäler mahnen, die Opfer der faschistischen und der bolschewistischen Diktatur nicht zu vergessen

Polnische Spuren– In der polnischen Hauptstadt

06.09.2017 at 19:00
Warschau

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Warszawa (Warschau) ist die letzte Station unserer Reise. Von Ełk sind es knapp 230 km, Wir brauchen knapp 5 Stunden, nur sehr kurze Streckenabschnitte sind wie Autobahnen ausgebaut.

Wir haben ein wunderschönes Appartement. Von hier können wir bequem in die Altstadt laufen. Der erste Eindruck: Überwältigend!
Die UNESCO hat zu Recht diese Wiederaufbau-Leistung mit der Aufnahme ins Weltkulturerbe gewürdigt.

Polnische Spuren – Wanderungen

05.09.2017 at 22:00
Wanderung

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Am letzten Tag in den Masuren erlaubte das Wetter noch eine Wanderung, immer um den See herum. Allerdings kommen wir nicht nahe ans Wasser, das Schilf hält uns auf Abstand.

Polnische Spuren– Komputery

05.09.2017 at 17:00
Komputery

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Da hüpft das Herz eines Ingenieurs der Telekommunikation.
Gesehen in Ełk, einer verschlafen Stadt unweit von der litauischen Grenze.

Polnische Spuren – Auf dem Augustów-Kanal

04.09.2017 at 22:00
Schleuse per Hand

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Es ist ein grauer Tag. Wir entschließen uns dennoch, eine Schifffahrt auf dem Augustów-Kanal zu machen. Bis zur Abfahrt des Schiffes um 16 Uhr müssen wir uns die Zeit vertreiben. Eine Wanderung in den Wäldern des Naturparks ist aufgrund des Regenwetters nicht angesagt. So verbringen wir die Zeit mit einem Bummel durch Augustów, einem wenig attraktiven Provinzstädtchen.

Die Fahrt über den Augustów-Kanal entschädigt uns für die Warterei. Bald erreichen wir die erste Schleuse. Zwar wird hier nur ein Niveauunterschied von einem Meter überbrückt, aber der Bau ist beeindruckend, seine Holztore sind original und werden von zwei kräftigen, gut aussehenden Männern bedient (findet Tatjana). Auf der anderen Seite erstreckt sich der Jezioro Studzieniczne.

Wie pilgern weiter bis zum Gnadenbild in Studzieniczna. Ich trinke vom Brunnenwasser, dem Wunderkräfte nachgesagt werden. Die Augen werden besser, man wird jünger und agiler. Kann ich bestätigen!!

Papst Johannes Paul II pilgerte 1999 hierher. Ihm hat das Brunnenwasser nicht mehr genützt. Krank und gebrechlich verstarb er sechs Jahre später.

Polnische Spuren – Drahtlos zum Herrgott

01.09.2017 at 23:28
Anruf zu Gott

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Noch mal kurz mit dem Herrgott telefonieren, bevor die Einnahmen der Parkplatzwächterin in der weiten Soutane verschwinden und man sich mit dem Kollektenkorb zu den Besuchern der Orgelvorführung eilt. Mehrfach am Tag können die Besucher in der Wallfahrtskirche in Święta Lipka dieses wunderschöne Instrument hören und sich die Seele streicheln lassen.

Wir fahren noch einmal nach Święta Lipka, nachdem wir uns mit Grausen von der Wolfsschanze „verabschiedet“ haben.

Polnische Spuren – Ein Ort des Grauens

01.09.2017 at 23:00
Bunker von Hitler

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Es ist der 1. September, Antikriegstag. Die Polen begehen diesen Tag, den Tag des Ausbruchs des zweiten Weltkriegs, mit einer Kranzniederlegung auf der Westerplatte bei Danzig. Dort wurde 1939 der erste Schuss abgegeben.

Wir betreten die Wolfsschanze und mir ist jetzt schon mulmig. Von hier aus hat Hitler seine Vernichtungfeldzüge gegen Russland befehligt. Dies ist auch der Ort des Scheiterns. Das Attentat auf Hitler war nicht erfolgreich. Die von Claus Schenk Graf von Stauffenberg bei einer Besprechung im Führerhauptquartier deponierte und scharf gemachte Sprengladung verletzte den Diktator nur leicht. Von der Baracke ist nur noch die Bodenplatte vorhanden. Wäre es erfolgreich gewesen, wäre der Krieg um Monate verkürzt worden. Oder vielleicht doch nicht?

Beim Rückzug der Deutschen vor den Russen wurden alle Bunkeranlagen gesprengt. Wir laufen durch Ruinen. Gespenstisch!

Polnische Spuren – Im Paradies

31.08.2017 at 20:23
Galindia

Waldgeist auf Galindia

Am Jezioro Beldang liegt Galindia. Hier hat sich ein Bildhauer seinen Traum verwirklicht und ein Gelände mit seinen mannigfaltigen Fabelwesen gestaltet. Elfen, Echsen, Waldgeister und hochgewachsene Amazonen findet man hier. Alles wirkt improvisiert und doch liebevoll.
In einem Hotel kann man auf dem Gelände übernachten oder auf dem Campingplatz. Ein Paradies für Kinder und solche, die es geblieben sind.

Polnische Spuren – Eine Bootsfahrt, die ist lustig

30.08.2017 at 21:11
Eine Landschaft wie im Märchen

Eine Landschaft wie im Märchen

Eine Paddeltour auf dem Fluss Krutynia gehört zu den Höhepunkten in diesem masurischen Wasserparadies. Von verschiedener Seite haben wir dies gehört. Zuletzt von unseren Nachbarn in der Ferienanlage Nikolajki, die ebenfalls auf der Krutynia gepaddelt sind. Nette Leute aus Vaihingen-Enz.

Paddeln

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Also mieten wir ein Kanu und paddeln los, Flussabwärts. Bäume hängen über dem Fluss, Enten paddeln wie wir aber deutlich eleganter. Nach zwei Stunden gehen wir an Land und essen eine Kleinigkeit. Danach legen wir wieder ab und paddeln weiter. Es ist herrliches Sonnenwetter, die Mücken, vor denen wir gewarnt wurden, bleiben aus. Nach vier Stunden erreichen wir Ukta. Dort werden wir abgeholt.

Die weiße Flotte fährt auf dem Jezioro Talty. Wir gehen an Bord eines Schiffes und fahren zum größten polnischen See, dem Jezioro Śniardwy. Er hat eine Wasserfläche von 114 qkm. Wir gleiten dahin,  und genießen, dass wir nicht selber rudern müssen.

Auf dem Jezioro Śniardwy

Auf dem Jezioro Śniardwy

Polnische Spuren – Es geschehen noch Zeichen und Wunder

30.08.2017 at 18:48
WC

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Kuh

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Die polnische Sprache ist nicht einfach. Das fängt schon mit den Buchstaben an. Es gibt 32 Buchstaben:
Unser Alphabet a–z ohne q, v, x, sowie die neun Sonderzeichen ą, ć, ę, ł, ń, ó, ś, ź und ż

Liest man Polnisch denkt man: da fallen einem ja alle Zähne aus dem Mund. Aber sobald man sie hört, klingt sie wunderbar weich. Wir bemühen uns, die gängigsten Redewendungen zu nutzen. Dzień dobry (guten Tag) geht fast immer genau wie do widzenia (auf Wiedersehen).

Auch sonst gibt es schöne Zeichen: die für Frau und Mann (Kreis bzw. Dreieck) auf den Toiletten. Oder die Kuh auf dem Straßenschild mit dem eckigen Euter und das lustige Hinweisschild für den Schulkinderübergang. Ein freches Mädchen hält die Kelle hoch: Übergang nur mit Lolli erlaubt, war der Kommentar einer dreifachen Mutter schulpflichtiger Kinder.

Schulkind

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Polnische Spuren – Um den Jezioro Tuchlin

29.08.2017 at 23:21
Um den See

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Alexa hat uns einen Wanderführer besorgt und uns mit vielen Tipps zu den Masuren versorgt. Sie kennt die Gegend. Heute starten wir in Zdęgówko und wandern um den See Tuchlin. Die Wiesen summen. Ein Paradies für Insekten. Die Landschaft ist wundervoll. Sanfte Hügel liegen in strahlendem Sonnenlicht. Ich fühle eine tiefe Verbundenheit mit dieser Landschaft. Liegt es daran, dass meine Urgroßeltern aus Ostpreußen stammen? Ich kann es nicht sagen aber ich glaube, es hat mit diesen Wurzeln zu tun. Oder vermischen sich Sehnsüchte mit diesem Land?

Polnische Spuren – Święta Lipka

28.08.2017 at 10:16
Ein Wunderwerk

Ein Wunderwerk

Wir sind nicht auf einer Wallfahrt  in den Masuren unterwegs. Nichtsdestoweniger besuchen wir die wunderschöne Wallfahrtskirche der Jesuiten in Święta Lipka (Heiligenlinde). In der Kirche wird unsere Stimmung fröhlich beim Klang der imposanten Orgel aus dem achtzehnten Jahrhundert, die gleichzeitig ein beeinduckendes mechanisches Schauspiel bietet: Sterne drehen sich, Engel blasen  Posaunen, spielen Mandolinen und klingeln mit Glöckchen. Ein Engel verneigt sich vor Maria, die ihm wohlwollend zunickt. Orgelbaumeister Johann Josua Mosengel hat dieses Wunderwerk der Mechanik und Musik 1721 gebaut. Die Kirche ist bis auf den letzten Platz besetzt, während der Orgelvorführung. Danach müssen wir hurtig die Kirche verlassen, die Messe beginnt. Wir machen uns auf den Weg nach Reszel. Hier erwarten uns nicht Glanz und Gloria sondern die Folterwerkzeuge des finsteren Mittelalters.

Polnische Spuren – Und sie dreht sich doch!

27.08.2017 at 9:21

Das Foucaultsche Pendel

 

Es ist Samstag und wir sind auf der Fahrt nach Fromborg ( Frauenberg). Hier hat Keppler seine Himmelsbeobachtungen gemacht und ist in dem wunderschönen Dom begraben. Seine Grabstelle ist durch ein kleines Fenster im Boden zu sehen. Wir haben das Glück, einer Orgelaufführung beiwohnen zu können. Der Dom wird zum Hallraum dieses wunderbaren, sehr alten Instruments.

Es ist wirklich so, dass die Erde sich um sich selbst dreht, wie das Foucaultsche Pendel beweist. Hier in der Bastei hängt eine 46,5 kg schwere Kugel an einem 28 m langen Stahlseil und schwingt mit minimalen Abweichungen.

Hochzeitsschuhe

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An diesem sonnigen Spätsommertag wird in vielen Kirchen geheiratet, wir erleben auch zwei Trauungen hintereinander. Festlich gekleidet die Festgemeinde. Frauen in wunderbaren Schuhen in gewagten Farben.