Nachdenkzeilen – Nizza: Amok oder Terror?

19.07.2016 at 23:51

Die schnelle Einordnung der letzten Amokläufe spielt dem IS in die Hände und schürt Ängste in der Bevölkerung. Für eine „Informationsquarantäne“ spricht sich H. M. Heinrich in seinem Gastkommentar aus:

Ein Mann tötet und verletzt viele Duzend Menschen. Ein solch monströses Morden, mit dem ein armer kranker Irrer möglichst viele Menschen mit sich in den Tod reißen will, nannte man bis vor kurzem Amoklauf.

Nach Schulmassakern und ähnlichen entsetzlichen Bluttaten herrschen Entsetzen, Trauer, Mitleid, suchen die Menschen nach einer Erklärung für das Unbegreifliche und stellen die Frage: Warum? Diese Frage war in Nizza sogleich beantwortet: Da der Amokfahrer Tunesier war, ist die Tat ein islamistischer Anschlag.

Die Medien ordnen die Massenmörder ein

Ein norwegischer Massenmörder kann sich nicht auf eine Organisation berufen, die es ihm ermöglicht, seine Wahnsinnstat zu einer Heldentat von weltweiter Bedeutung zurecht zu phantasieren.

Der IS hat dazu aufgerufen, möglichst viele Ungläubige zu töten. Er führt einen asymmetrischen Krieg. Und die weitaus meisten seiner Opfer sind Syrer und Iraker.

Aber sind alle Massaker, die von Menschen aus islamischen Ländern, von Muslimen, begangen werden, wirklich islamistische Anschläge? Ist es nicht denkbar, dass der Mörder von Nizza unter anderen politischen Umständen genauso gehandelt hätte, nur ohne die ideologische Rechtfertigung vor sich selbst? Und der Attentäter von Orlando litt womöglich nicht an der westlichen unislamischen Kultur, sondern an seinen eigenen homosexuellen Neigungen, die er mit seinem Selbstbild nicht vereinbaren konnte.

Jeder, der einen ungeklärten Flugzeugabsturz oder ein Massaker an feiernden Zivilisten vorschnell als Terroranschlag bezeichnet, arbeitet dem IS in die Hände: Die ständige Angst vor Anschlägen führt zu Misstrauen und Hass zwischen uns und „denen“, zwischen Christen/Säkularen und Menschen aus islamischen Ländern, Muslimen.

Der IS nützt die Attentate für seine Propaganda

Klassisches Bild des Märtyrers - Amok in Nizza

Mittelalterliche Darstellung des christlichen Märtyrers Sebastian

Der IS hat sich mittlerweile zu dem Anschlag bekannt. Es kostet ihn nichts. Ich will nicht, dass wir weiter das perfide Spiel des IS mitspielen. Es interessiert mich nicht, ob ein Mörder Tunesier ist, ob er Moslem ist, was seine Motive sind, ebenso wenig wie ihn seine Opfer interessiert haben. Ich will seinen Namen nicht hören und sein Bild nicht sehen. Ein Attentäter, der den eigenen Tod in Kauf nimmt und stirbt, darf nicht zum Helden oder Märtyrer werden. Er soll nicht durch seine Untat Bedeutung bekommen. Gott sei seiner armen Seele gnädig.

Wenn jedoch ein Mörder lebend gefangen und vor Gericht gestellt wird, ist es wichtig, seinen persönlicher Hintergrund und sein Motiv zu kennen, um ihn gerecht verurteilen zu können.

Je ausführlicher über solch eine Tat berichtet wird, umso grösser ist die Gefahr durch Nachahmer. Aktuelle Berichterstattung, die naturgemäß die Hintergründe noch nicht kennt, erzeugt gerade Terror und Angst. Eine verantwortungsbewusste Zurückhaltung der Medien, eine Art „Informationsquarantäne“ von mehreren Tagen, könnte im „Kampf gegen den Terror“ ebenso hilfreich sein wie eine Zurücknahme martialischer Kriegsrhetorik.

Die ganze Welt auf einer kleinen Bühne bei Loretta

19.07.2016 at 23:30
Auf der Bühne des Alimentari Loretta: Petra Hilser und Nataša Rikanović!

Auf der Bühne des Alimentari Loretta: Petra Hilser und Nataša Rikanović!

 

Eine winzig kleine Bühne reicht den beiden Musikerinnen für ihr Programm. Das Alimentari von Loretta Petti in der Römerstraße 8 in Stuttgart bietet Nataša Rikanović Petra Hilser diesen kleinen Raum, um ihr Programm geografisch weiträumig aufzuspannen.

Nataša Rikanović schlüpft in viele Rollen im Alimentari Loretta

Nataša Rikanović schlüpft in viele Rollen

Petra Hilser am Akkordeon begleitet Nataša Rikanović auf ihrer musikalischen Reise nach Rumänien, Argentinien, Sizilien und zu den Völkern Osteuropas, die noch den Kehlgesang beherrschen. Unterwegs biegt Nataša Rikanović ganz spontan in die Taiga ab und besucht nebenbei die skandinavischen Länder. Dabei schlüpft sie in landesspezifische Rollen. Besonders die mafiosen Gestalten aus Sizilien, die sie auf die Bühne zaubert, beglücken das Publikum.

Es ist offensichtlich, die beiden lieben es, auf der Bühne zu stehen. Wobei Petra Hilser mit ihrem Akkordeon eher als „Sidekick“ für Nataša Rikanović erscheint. Mit „Petruschka“ wird sie von Nataša Rikanović oft von oben herab angeredet. Doch wenn Petra Hilser schalkhaft lacht, ist dem Zuschauer nicht so ganz klar, wer von den beiden Musikerinnen die Fäden in der Hand hält. Ein in einer Decke eingewickeltes Gewehr hält Nataša Rikanović drohend als sizilianischer Mafiosi in den Händen, um gleich darauf ein wunderbares süditalienisches Volkslied zum Besten zu geben. Dann wieder schlüpft sie in die Rolle einer Argentinierin, die von ihrer Liebschaft mit einem leidenschaftlichen Tangotänzer berichtet. Sie gibt sich als Neffe von Astor Piazzolla aus und am Ende schwinden dem Publikum die Sinne von all den Rollenwechseln, die die beiden Musikerinnen auf der Minibühne von Loretta vollführen.

Petra Hilser im Alimentari Loretta

Petra Hilser

Nach einer Pause, in der der Nachtisch von Loretta und ihren Frauen serviert wird (diesmal Salbei-Eis, eine Delicatesse!), kehren die beiden Musikerinnen auf die Bühne zurück und grüßen das gerade frisch eingetroffene Bier eines Gastes mit den Worten: „Da kommt noch ein Bier“. Eine bulgarische Hochzeit wird gefeiert und nahtlos geht es von den Bulgaren über Ungarn in die Pusta. Mit gestrickten roten und grünen Mützen auf den Köpfen entführen sie die Zuhörerinnen und Zuhörer zu Onkel Janosch in die finnische Taiga. Eine Hütte wird zum Familienschloss, in dem überschwänglich mit Obertongesang gefeiert wird.

Am Ende des Abends „zwingt“ ein tosender Applaus Petra Hilser und Nataša Rikanović zur Zugabe. Lange noch diskutieren die Gäste bei einem Espresso die Darbietung der beiden Künstlerinnen.

Querfront – eine verquere Welt

17.07.2016 at 17:37
Ivo Bozic spricht in der Stiftung Geißstraße Stuttgart über das Phänomen Querfront

Ivo Bozic spricht in der Stiftung Geißstraße Stuttgart über das Phänomen Querfront

 

Die Stiftung Geißstraße in Zusammenarbeit mit dem Förderverein Emanzipation und Frieden e.V. und der Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg hatten am 14. Juli 2016 Ivo Bozic eingeladen, um über das Querfront-Phänomen zu referieren. Antiwestlich, national und sozial: Ist das eigentlich rechts oder links – oder beides? In Deutschland ist seit den Erfolgen der neuen völkischen Bewegungen wie den Montagsmahnwachen, Pegida und der AfD oft von einer neuen Querfront die Rede. Ist es sinnvoll an den klassischen Zuschreibungen „links“ und „rechts“ festzuhalten, obwohl es mit dem völkischen Nationalismus und dem antiwestlichen und antizionistischen Antiimperialismus große Schnittmengen zwischen beiden gibt? Was eint so unterschiedliche Akteure wie Wladimir Putin, den „Islamischen Staat“, den Iran, Le Pen, Verschwörungstheoretiker, Teile der Linkspartei und Pegida? Das versuchte Ivo Bozic an diesem Abend zu klären. Vorab als Fazit: Er hat einen wichtigen Schritt zur Aufklärung beigetragen.

Die Montagsdemonstrationen für den Frieden

Wo sind die ideologischen Schnittmengen zwischen rechts und links? Als der Ukraine-Konflikt sich zuspitzte, gingen viele Menschen Montag für Montag auf die Straße: Seit 2014 gibt es die Mahnwachen für den Frieden. Die Demonstranten setzen sich aus allen politischen Strömungen zusammen. Alle verbindet der „Hass auf das Schweinesystem“. Sie eint die Ablehnung von Dekadenz und der Bourgeoisie. Neonazis und Autonome marschieren Hand in Hand. Jürgen Elsässer, Herausgeber des rechtspopulistischen Magazins Compact, ist einer der treibenden Akteure neben Ken Jebsen und Lars Mährholz. Elsässer war Mitglied des Kommunistischen Bundes (KB). Elsässer gilt als einer der ursprünglichen Protagonisten der Antideutschen. Er arbeitete für die Monatszeitschrift konkret. Bis 2002 war er auch Redakteur bei der Zeitung Junge Welt. Aus dieser Zeit kennen sich Ivo Bozic und Jürgen Elsässer.

In der Weimarer Republik wurde der Grundstein gelegt

Das Konzept der Querfront hat seine Wurzeln unter anderem in der sogenannten Konservativen Revolution der Weimarer Zeit. Es sollte keine Linken und Rechten mehr geben, sondern nur noch deutsche Volksgenossen. Die Brüder Gregor und Otto Strasser gehörten dazu. Schon 1923 forderte der Vordenker Arthur Moeller van den Bruck den Nationalismus und Sozialismus völkisch miteinander zu verknüpfen. Und weiter: Deutschland solle sich nach Osten, zur Sowjetunion hin orientieren, gegen den liberalen Westen, vor allem die USA. Daran knüpfen die neuen Montagsdemonstrationen an, allerdings hat es in der jüngeren Geschichte eine unübersehbare Zahl von Querfronten gegeben, von Überschneidungen linker und rechter Positionen, ohne dass sich deren Vertreter selbst immer als Querfront definiert hätten.

Verschwörungstheorien gehören immer dazu

Wo immer die Querfront auftaucht sind die Verschwörungstheoretiker nicht weit. (9/11 ist vom CIA selber inszeniert worden). Die Bilderberg-Konferenz gilt als eine Gruppe, die den globalen Eliten untersteht. Angeblich streben die Bilderberger eine neue Weltordnung an, mit der Spitze von Militär, Weltbank und der Hilfe von gesteuerten Medien.

Die Querfront als weltpolitisches Phänomen

Zu denkwürdigen Allianzen zwischen Linken und Rechten kam es auch im Zuge des Irak-Kriegs 2003. Linke wie rechte Antiimperialisten bezogen sich positiv auf den Ba’athismus und Saddam Hussein und unterstützten den irakischen Terrorismus als „legitimen Widerstand“ gegen die US-Truppen, sammelten sogar Geld für die terroristischen Gruppen. Der IS von heute hat in seiner obersten Führungsschicht etliche Offiziere aus Saddams Armee. Der von Slobodan Milošević protegierte rechtsextreme Anführer der Serbischen Radikalen Partei (SRS), Vojislav Šešelj, feierte seinen alten Freund Saddam Hussein als „Waffenbruder“ und als „Symbol des Widerstands gegen die neofaschistischen US-Barbaren“.

Wenn es um Sympathiebekundungen mit Diktatoren geht, seien es Saddam, Gaddafi, Ahmadinejad oder jetzt Assad, stehen linke Antiimperialisten und Neonazis meist Seite an Seite. Im Hass auf die USA und Israel zeigt man sich vereint. Gemeinsamer Bezugspunkt sind immer wieder der Antizionismus und die Solidarität mit den Palästinensern. 2010 nehmen an der Free-Gaza-Flottille Linke, Faschisten und Islamisten gemeinsam teil. Hier sitzt die rot-braun-grüne Querfront auch ganz praktisch zusammen in einem Boot.

Ein aktuelles und besonders beeindruckendes Beispiel einer Querfront ist in Griechenland zu beobachten. Die ultrarechte Partei „Morgenröte“ koaliert mit der linkssozialistischen Syriza-Partei. Rechtspopulisten wie der Front National von Marie Le Pen kooperieren mit Russlands Putin. Putin gilt sowohl Linken wie auch Rechten als Gegenmodell zur USA. Ideologisch wird die Querfront in Deutschland vor allem von dem Internetkanal „Russia Today“ unterstützt. Sie zeigen im Gegensatz zur „Lügenpresse“ was verschwiegen oder weggeschnitten wird. Sie bezeichnen sich als der „Fehlende Part“ in der deutschsprachigen Medienlandschaft. Kaum verwunderlich, dass sie mit ihrem Programm vor allem die Wähler der Linkspartei, die Nichtwähler und die AfD erreichen. Pikant: Die Nachdenkseiten verlinken sowohl auf den Kanal von Ken Jebsen als auch auf Russia Today.

Eine schillernde Persönlichkeit der Querfront

Wie eine Querfront sowohl ideologisch als auch personell funktioniert, zeichnet Ivo Bozic an diesem Abend am Beispiel des Schweizer Bankiers François Genoud nach. Dieser reist als jugendlicher Hitler-Fan 1936 in den Nahen Osten, wo er in den arabischen Aufstand gerät. Er sieht Parallelen zum Kampf seiner deutschen NS-Idole, denn es gehe jeweils um die Bekämpfung des „internationalen Judentums“. Er wird zum Partner des Muftis von Jerusalem, der wiederum mit NS-Deutschland zusammenarbeitet. Für Genoud sind der arabische Nationalismus und die antikoloniale Bewegung Teil desselben Kampfes. Er unterstützt die algerische Befreiungsfront und trifft dabei jede Menge Linke. Später unterstützt er die RAF, den Terroristen Carlos und viele andere Linke wie Rechte. Für den amerikanischen Geheimdienst hat er auch gearbeitet.

Ivo Bozic macht deutlich, wie dehnbar die Begriffe „links“ und „rechts“ sind. Diese Erfahrung machen umgekehrt auch antideutsche Linke zuweilen, wenn sie sich in außenpolitischen Fragen, etwa in Sachen Israel, Syrien oder Iran, häufiger an der Seite rechter Think Tanks wiederfinden als an der Seite der vermeintlichen Linken.

Am Ende des Abends steht die Frage: Worum geht es? Es geht um die Gleichheit und Freiheit aller Menschen. Autoritäre, nationalste, sexistische, rassistische, antisemitische, menschenfeindliche Lösungsangebote sind zurück zu weisen.

Den Vortrag nachhören hier.
Weiterführende Links: Die links-jihadistische Querfront und: Historischer Abriss der Querfront

Ein Strauß voller Texte

17.07.2016 at 15:18
Schreibwerkstatt von Simone Regina Adams - Lesung

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Das Schriftstellerhaus Stuttgart hat in Zusammenarbeit seiner ehemaligen Stipendiatin und Autorin Simone Regina Adams eine fortlaufende Schreibwerkstatt aus der Taufe gehoben. Während des Kurses sind unterschiedliche Werke entstanden. Einmal im Jahr stellen die Mitglieder der Schreibwerkstatt ihre Texte der Öffentlichkeit vor. Am 12. Juli war es wieder so weit, das kleine Haus in der Kanalstraße 4 war bis auf den letzten Platz besetzt. Was ist im letzten Jahr entstanden?

Brigitte Liebe beginnt den Abend mit einem Auszug aus ihrem Romanprojekt. Er ist in den fünfziger Jahren angesiedet und berichtet von einer sich anbahnenden Ehe, aus einer, wie man heute sagen würde, Long Distance Relationship.

Romanauszüge und Kurzgeschichten aus der Schreibwerkstatt

Ursula Gangl lässt in ihrer Kurzgeschichte „Begegnung“ im Gegensatz dazu den kurzen Moment einer Begegnung zwischen einer Frau und einem Vogel aufscheinen. Eine Frau im Bahnhofscafé beobachtet einen Spatz, der sich frech an ihren Kuchenteller setzt. Ob die Autorin nur sporadisch Bahn fährt? Sonst hätte sie nicht die Pointe der Geschichte schreiben können, dass die Icherzählerin zum ICE hetzt aber die Tür, nachdem sie verschlossen ist, noch öffnen kann. Ich war schon öfters in einer solchen Situation und hätte mir die Zauberkraft dieser Geschichte gewünscht.

David Paulitschek beweist mit seiner Kurzgeschichte, dass Humor immer gut ist bei einer Textlesung. Sein spritziger Text funktioniert wunderbar im mündlichen Vortrag. Auch zeigt sich an seinem Text, die Zuhörer werden eher mitgenommen bei einer abgeschlossenen Geschichte denn bei einem Romanausschnitt, wie ihn auch Ingrid Reinhard präsentiert.

Tobias Niethammer liest allerdings auch einen Romanausschnitt. Er ist auf die Zielgruppe der jugendlichen Leser ausgerichtet. Und was Tobias Niethammer an diesem Abend präsentiert ist überlegt und gut formuliert und zieht den Zuhörer sofort in die Geschichte hinein. Das mag auch daran liegen, dass der gelesene Ausschnitt mit wenig Personen auskommt und aus der Ich-Perspektive des jugendlichen Protagonisten gelesen ist. Der Zuhörer gerät dadurch nicht in Verwirrung, wie es passiert, wenn viele Personen in dem zu lesenden Romanausschnitt auftauchen, deren Rollen sich erst im Gesamttext erschließen.

Brigitte Maria Jacob liest über einen Küchenschrank, der dem Abend auch seinen Titel gegeben hat: Ich bin 45 Jahre alt und fürchte mich vor meinem Küchenschrank. Darin beschwört sie die Geister des Schankes. Der letzte Text des Abends von Katharina Harter kommt in Form einer Reisegeschichte daher. Auch hier verzaubert der feine Humor das Publikum, ähnlich wie der Text von David Paulitschek.

Es ist zu hoffen, dass die Mitglieder der Schreibgruppe von Simone Regina Adams weiter an ihren Texten arbeiten und wir im nächsten Jahr in einer Lesung Zeugen des weiter fortschreitenden Arbeitsprozesses werden können. Da wird wieder viel zu entdecken sein, denn, so Frau Adams, es wird in der Schreibwerkstatt hart um jedes Wort gekämpft.

Bukahara eröffnet das Festival der Kulturen

14.07.2016 at 15:22
Bärte plus Locken: Daniel Avi Schneider, Max von Einem, Soufian Zoghlami und Ahmed Eid sind Bukahara (v. l. n. r.)

Bärte plus Locken: Daniel Avi Schneider, Max von Einem, Soufian Zoghlami und Ahmed Eid sind Bukahara (v. l. n. r.)

 

Am 12. Juli 2016 eröffnete die Band Bukahara mit ihrer Mischung aus Balkansound, Folk und arabischen Einflüssen das diesjährige Sommerfestival der Kulturen auf dem Markplatz in Stuttgart. (12. Juli bis 17. Juli). Auf dem Festival präsentieren sich die Migrantenvereine mit ihren Ständen und sorgen mit ihrem Essensangebot für kulinarische Vielfalt. Sie bieten schöne Dinge wie Kunsthandwerk und Schmuck, Kleidung, Taschen, Tee und Gewürze aus verschiedenen Ländern an. Das musikalische Rahmenprogramm bietet eine breite Musik-Mischung aus aller Welt, ganz im Sinne von: Musik verbindet.

Die vier Freunde von Bukahara spielen Musik aus allen Teilen der Welt

Soufian Zoghlami von Bukaharam

Soufian Zoghlami

Die Band Bukahra hat sich über das Studium der Musik in der Fachgruppe Jazz der Kölner Musikhochschule kennen gelernt. Sie wissen um den Einsatz von Stilen und Harmonien. Und sie gehen geschickt damit um.

Viele Instrumente, viele Stile – das macht die Gruppe aus. Alle bringen ihre Einflüsse ein, die sehr verschieden sind. Soufian Zoghlami, der Halbtunesier ist, kommt eher aus der Singer-Songwriter-Ecke.

Der in Syrien geborene und in Palästina aufgewachsene Ahmed Eid lernte zunächst arabische Percussion. Als er 18 war kam er mit einem Stipendium von Ramallah nach Lübeck, um Kontrabass zu studieren. Drei Jahre Klassik waren dem mittlerweile jazzbegeisterten Musiker genug – er ging zum Studieren nach Köln.

Daniel Avi Schneider ist jüdisch-schweizerischer Herkunft und hat als Kind Geige gelernt. Einen Schlagzeuger hat die Gruppe nicht aber einen Posaunisten, Max von Einem.

Ahmed Eid von Bukaharam

Ahmed Eid

Er spielt Tuba beziehungsweise Susaphon, was eine wunderbare Ergänzung für den energetischen Bukahara-Klang ist. Das mit dem Schlagzeug kriegen die vier Multiinstrumentalisten auch so hin. Auf der Bühne tritt Gitarrist und Sänger Zoghlami eine Bassdrum, von Einem schlägt eine Snare und Eid wechselt manchmal an die Darbuka.

Die Spielfreude der Multiinstrumentalisten übertrug sich nach wenigen Minuten auf die ZuhörerInnen auf dem Markplatz in Stuttgart und sie sorgten für einen gelungenen Auftakt für das 16. Festival der Kulturen.

Das auf Deutsch gesungene Vogellied versetzte den Rezensenten in Glücksgefühle.

Bei Loretta „Jazzen und Schmazzen“

09.07.2016 at 16:28
Martin Wiedmann, Markus Bodenseh und Roland Weber jazzen bei Loretta

Martin Wiedmann, Markus Bodenseh und Roland Weber jazzen bei Loretta

 

Biegt man von der Tübinger Straße, vom Marienplatz kommend, rechts in die Römerstraße ein, sieht man nach ein paar Metern ein angerostetes Ladenschild: „Alimentari da Loretta“. Nun ist die Gegend um den Marienplatz kein Nobelviertel und man denkt sich nicht viel bei dem Anblick des in die Jahre gekommenen Schildes. Tritt man jedoch in der Römerstraße 8 bei Loretta über die Schwelle, fühlt man sich in ein kleines Restaurant irgendwo in der Toskana versetzt und gleich wird man hineingezogen in eine verträumte Welt. Die Fassade verdeckt einen Kleinod, dessen Entdeckung sich lohnt. Loretta Petti, eine freundliche, resolute Köchin, die in ihrem Laden nicht nur erstklassige italienische Speisen zubereitet sondern Kultur als Geschmacksverstärker geschickt einsetzt. Am 8.7.2016 standen im Alimentari da Loretta zum 49. Mal drei Jazzmusiker auf der Bühne und unterhielten nach dem wohlschmeckenden Essen die Gäste mit Jazzstandarts. Loretta bietet an ihren Abenden neben der Musik auch Lesungen, Rezitationen manchmal auch Vorträge und Diskussionen zu speziellen Themen.

Im Speiseraum von Loretta schweben Düfte und Klänge

In den kleinen Speiseraum von Loretta entsandte die halbakustische Fendergitarre von Martin Wiedmann einen warmen, runden Ton, dessen Wärme er dem wunderbaren Röhrenverstärker „Mesa Boogi“ zu verdanken hat. Markus Bodenseh am Kontrabass bildete das rhythmische Fundament, auf dem sich Roland Weber am Vibraphon und Martin Wiedemann sicher bewegen konnten.

Es wippten die Füße der Gäste, der Swing ging in die Beine, als das Trio bei sommerlichen Temperaturen ein Potbourri aus Samba-Rhythmen den Abend einläutete. Wie eine angedeutete Phrase huschte das Girl von Ipanema immer wieder durch den Sommersamba. Das Trio nahm sich mit viel Spielfreude neben Jazz-Standards auch seltener gehörten Stücken an, auch Musik eines längst vergessenen Films oder Musicals. Kurz vor Ende des ersten Sets kam der Überraschungsgast auf die Bühne. An diesem Abend war es der Stuttgarter Saxophonist Jürgen Bothner. (Über seinen druckvollen Bigband-Sound mit der Band des Helene-Lange-Gymnasiums habe ich hier berichtet.)

Das Dolce von Loretta: raffiniert!

In der Pause versorgte Loretta ihre Gäste mit Dolce: Eissorbet. Die rote Kugel ist kein Himbeereis sondern hergestellt aus Blutorangen. Die weiße Kugel ist Parmesaneis. An der Seite der beiden Kugeln frittierte Früchte, alles auf eine Spur Honig drapiert. Es sind die einfachen Gerichte, die, wenn sie mit Liebe zum Detail hergestellt sind, nicht nur satt machen sondern glücklich.

Der Nachtisch ist gegessen und im zweiten Set spielten die drei Musiker, unterstützt von dem Gast-Saxophonisten, Jazzoriginals und abwechslungsreich bearbeitete Standards. Straight ahead Jazz eben. Mit schwebenden Vibraphonklängen und virtuosen Gitarrensoli auf gut gebautem Bassfundament, wie im ersten Teil. Eine Verbindung zur Fußballeuropameisterschaft wurde hergestellt, als Roland Weber ein Potbourri einer bekannten Popgruppe ankündigte, die bei ihren ersten Auftritten ähnliche Frisuren wie der Bundestrainer Jogi Löw trugen. Nach wenigen Takten war klar, um wen es sich handelte: Die Beatles.

Die Veranstaltung Jazzen und Schmazzen findet normalerweise einmal im Monat donnerstags statt. Aufgrund des Halbfinales hatte Loretta kurzfristig die angemeldeten Gäste über die Verschiebung informiert. Informationen zu den Kultur- und Genuss-Veranstaltungen von Loretta gibt es auf ihrem Blog.

Nachdenkzeilen – Klammheimliche Freude: Wolfgang Gedeon spaltet die AfD

07.07.2016 at 23:34
Nachdenkzeilen 1 Wolfgang Gedeon

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Über die Causa Wolfgang Gedeon zerlegt sich die AfD im Landtag von Baden-Württemberg gerade selber und M. erfasst eine klammheimliche Freude. Dabei scheint das ein Phänomen von Radikalen zu sein. Egal, ob links oder rechts.

M. hat schon immer den Kopf geschüttelt, wenn er von strammen Maoisten / Kommunisten gehört hat, die sich auf ihrem politischen Weg deutlich von der ultralinken Position zu bürgerlichen, konservativen Positionen bewegt haben. Oder auch vom linken Lager ins rechte Lager gewechselt sind: Horst Mahler (Mitgründer der Rote Armee Fraktion), Bernd Rabehl (SDS) und aktuell der baden-württembergische Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon.

Wolfgang Gedeon: vom Kommunisten zum Rechtspopulisten

Wolfgang Gedeon war Mitglied einer maoistischen Splitterpartei, genau wie unser Landes-„Vater“, Winfried Kretschmann (ehemaliges KBW-Mitglied). Wolfgang Gedeon, ehedem bei der KPD/ML, heute bei der AfD. Seine ehemaligen GenossInnen stimmen ein Loblied auf den aktiven Arzt und Genossen an. Im Juni 2016 erschien im Zentralorgan der KPD/ML ein enthusiastisches Interview über Wolfgang Gedeon. Wie er sich für die Revolution eingesetzt hat. Plakate hätte er geklebt, den „Roten Morgen“ vor den Werkstoren verkauft, Arbeiter kostenlos behandelt. Aber dann? Sein Weg, wie bei vielen Linksextremen: Von links über die Esoterik zu rechten Positionen.

Wolfgang Gedeon – ein Antisemit?

Nun aber: Der Vorwurf des Antisemitismus! Das hat zum Eklat in der AfD geführt. Drei umfangreiche Werke (Gesamtumfang über 1500 Seiten!) zur europäischen Leitkultur hat Wolfgang Gedeon veröffentlicht. In einem Zuschussverlag erschienen. Ausschlag gab das Werk vom November vergangenen Jahres: Mit jede Menge kruder Theorien, revanchistischer Ansichten und antisemitischen Vorurteilen. Sperriger Titel: „Grundlagen einer neuer Politik über Nationalismus, Geopolitik, Identität und die Gefahr einer Notstandsdiktatur“. Correctiv hat das Werk ausgewertet und mit dem Antisemitismusforscher Marcus Funk von der TU Berlin analysiert.

In diesem Buch schreibt Wolfgang Gedeon: „Der Amerikanismus ist ein politischer Glaube, (..) nicht mehr der christliche Glaube vom jenseitigen Gottesreich, es ist der alte jüdische Glaube vom neuen irdischen Jerusalem“. Die USA hätten klare Ziele, schreibt Gedeon weiter: „Seit 1989 weitet sich im Westen die Amerikanisierung zu einem alle Lebensbereiche umfassenden System aus. Westen bedeutet dabei die de facto Annexion durch die USA.“

Weiter behauptete Gedeon in seinen Publikationen: Die Protokolle der Weisen von Zion seien echt. Außerdem verglich er Holocaust-Leugner wie Horst Mahler mit Dissidenten in China oder schrieb, dass „die talmudischen Ghetto-Juden der innere Feind des christlichen Abendlandes“ seien.

AfD am Scheideweg

Jörg Meuthen, der Fraktionsvorsitzende der AfD, hat die Fraktion aufgrund dieser Personalie gespalten. Er wollte Wolfgang Gedeon aus der Fraktion ausschließen lassen. Nun sitzt Meuthen selber außerhalb der AfD-Fraktion und bildet seine eigene: „Alternative für Baden-Württemberg“. Es bleibt spannend, wie es mit der AfD im Landtag von Baden-Württemberg weiter geht.

Ungewöhnlich: Eugen Drewermann liest

07.07.2016 at 22:06
Eugen Drewermann stellt im Hospitalhof sein aktuelles Buch vor

Eugen Drewermann spricht im Hospitalhof über Rebellen, Frevler und Heroen in antiken Mythen

 

Professor Dr. Eugen Drewermann kam auf Einladung des Hospitalhofs am 5. Juli 2016 nach Stuttgart und stellte im Vortrag sein im letzten Jahr erschienenes Buch Grenzgänger: Rebellen, Frevler und Heroen in antiken Mythen vor. Kaum ein Jahr, in dem Eugen Drewermann nicht ein neues Buch veröffentlicht. Er hat als Theologe ein umfangreiches theologisches Werk vorgelegt. Sein Beruf als Psychotherapeut ist ebenso in sein Werk eingeflossen, das er vor allem der menschlichen Sehnsucht nach Liebe und wahrer Menschlichkeit gewidmet hat. Er hat unzähligen Menschen geholfen, ihren Glauben an Gott neu zu verstehen und sich von ihrer Angst zu befreien. Er ist ein ausgewiesener Kapitalismuskritiker. In diesem Jahr legte er ein zweibändiges Werk über Kapital und Christentum vor. Es gibt kaum ein Gebiet für ihn, das – wenn ihn das Thema einmal gepackt hat – er nicht bearbeitet hat. Über achtzig Titel sind bis heute von ihm erschienen.

Eugen Drewermann sprengt den Zeitrahmen

Pfarrerin Monika Renninger, Leiterin des Evangelischen Bildungszentrums, kündigte den ZuhörerInnen im gut gefüllten großen Saal des Hospitalhofes an, dass Eugen Drewermann ca. eine Stunde referieren wolle und dann nach einer Pause eine Aussprache stattfinden solle. Den skizzierten Rahmen sprengte Eugen Drewermann mit seinem Vortrag, den er, wie üblich, völlig frei hielt. Ohne Manuskript redete er mehr als eineinhalb Stunden. Er führte in die komplexe Götterwelt ein, rezitierte Hölderlin und schlug immer wieder einen Bogen zu aktuellen politischen Zuständen. Wenn er den Krieg und die Raffgier des kapitalistischen Systems anprangert, wurde aus ihm ein anklagender Intellektueller. Ein sehr seltener Moment in seinen Vorträgen: im Hospitalhof griff er zum Schluss zu seinem Buch und las daraus ein kurze Passage vor.

Die Rebellen der griechischen Antike

Er erläuterte in seinem Vortrag das Schicksal der Rebellen: Sisyphos, Tantalos, Damokles und andere rebellische Heldinnen und Helden der griechischen Sagen. Sie bestrafen die Götter grausam in der Unterwelt. Diese Sagen des klassischen Altertums mit ihren rachsüchtigen Göttern prägen die Vorstellungen vieler Menschen bis heute, erläuterte Drewermann. „Wir sind die Guten, und das sind die Bösen.“ Wenn es dabei bleibt, ist die Spaltung perfekt. „Diese verstehen nur die Sprache der Gewalt“. Also bleibt auch uns selbst, wie dem griechischen Zeus, einzig der Griff zur Waffe, als äußerste Maßnahme der Vernunft, die, natürlich, wir selber repräsentieren. Es heißt, stark zu sein und dem Recht, der Moral und der Menschlichkeit notfalls mit allen zu Gebote stehenden militärischen Mitteln zur Durchsetzung zu verhelfen. Die USA haben im Nahen Osten in ihren Kriegen 2 Millionen Tote hinterlassen (die Islamisten etwa 10.000).

Eugen Drewermann vermittelt das versöhnliche Christentum

Dagegen vermittelt das Christentum ein heilsames Gegenbild. Denn der Gott Jesu ist wie ein barmherziger Vater, er verlockt zur Freiheit. Eugen Drewermann zeigte mit tiefenpsychologischen Mitteln, wie sich durch Vertrauen in diesen barmherzigen Gott die Angst in der menschlichen Seele überwinden lässt. In der Bergpredigt wird eine Abkehr von der Trennung von Gut und Böse das Wort geredet. Es wird unmöglich, zu Gericht zu sitzen, so endet dieses wichtige 5. Kapitel des Matthäusevangeliums.

Wenn man diesem – im klassischen Sinne – Intellektuellen zuhört, werden Zusammenhänge klar, wird deutlich, dass sich in der Geschichte der Menschheit die Verhaltensweisen seit tausenden von Jahren nicht wesentliche geändert haben. Die Religionen haben sie nur in unterschiedlichen Bildern beschrieben, die Philosophen haben sie unterschiedlich interpretiert. Eugen Drewermann schafft es immer, wieder Brücken zu bauen: zwischen der Mystik, den Religionen, den Naturwissenschaften, der politischen Analyse und der Psychologie. Es bleibt zu hoffen, dass Eugen Drewermann noch häufig im Hospitalhof zu hören sein wird.

Grenzgänger
Rebellen, Frevler und Heroen in antiken Mythen
Hardcover mit Schutzumschlag, 488 Seiten
mit zahlreichen s/w- und farbigen Abbildungen
Patmos Verlag, Preis 44,00€

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Bahnhof weiterdenken – mit Blick aufs Ganze

03.07.2016 at 14:21
S21 Alternative Kopfbahnhof

So könnte es aussehen … (Vorstellung der Kopfbahnhoffreunde)

 

Konrad Nestle hat den Gegenentwurf der S21 Kritiker unter die Lupe genommen und in folgenden Gastbeitrag begründet er seine Kritik an der Vision des neu gestalteten Bahnknotens Stuttgart. Ich bin froh, dass er mit der Veröffentlichung im Elsternest einverstanden war, spricht er mir doch in vielen Punkten aus der Seele. Mittlerweile mischt sich der BUND wieder in die Diskussion um das Verkehrskonzept ein und fordert seinerseits ein Umdenken hin zu einem Kombibahnhof. Warum die S21 Gegner sich diesen wichtigen Bündnispartner nicht anschließen, erschließt sich mir nicht. Hier nun der Beitrag von K. Nestle:

Die Krise von S21 birgt die Notwendigkeit, über Alternativen nachzudenken

Neuer Schwung in der Diskussion über den Stuttgarter Bahnhof, wie er sein soll und sein kann, ist wunderbar! Die ursprünglichen Broschüren über S 21 und K 21, seinerzeit in mehreren Auflagen aktualisiert, sind längst vergriffen. Die offensichtliche Krise des Projekts S 21 bringt Menschen wieder dazu, Vorschlägen zuzuhören, was denn nun mit dem Bahnhof geschehen soll. So wie Herr Kefer sich nach der Lenkungskreissitzung äußert („das Projekt wird gebaut“ StZ 2./3.7.16) werden die Projektbetreiber kaum darauf eingehen; sie folgen nämlich erfahrungsgemäß Argumenten der Vernunft nicht, da es ihnen ja nicht um einen guten Bahnhof geht, sind aber indirekt durch öffentlichen Druck beeinflussbar. Sachargumente sind immer nötig, denn sonst ist unser Widerstand nicht zu rechtfertigen.

Unsere Bewegung ist oft dafür gelobt worden, dass sie vielfältig und bunt ist – und langfristiger denkt als Manager und Politiker. Das soll so bleiben.

Wie soll der Bahnverkehr in Stuttgart jenseits von S21 organisiert werden?

Dazu gehört, immer wieder mal die große Perspektive, den weiten Rahmen und das Grundsätzliche in den Blick zu nehmen, d.h. hier zu fragen: Wie soll Verkehr im Allgemeinen und Bahnverkehr im Besonderen und der Stuttgarter Bahnhof im Speziellen in einer Gesellschaft, in der Menschen wie wir leben möchten, strukturiert sein – weit jenseits der üblichen Verkehrsprognosen.

Ich denke: In dieser Zukunft geht es sehr wohl um den Vorrang der Schiene vor der Straße und der Luft, aber auch um Verkehrsvermeidung überhaupt. Das ist Sache fast aller Politikbereiche, von Wohnen und Raumplanung über Wirtschaft (Wachstum und Regionalisierung) bis zur Außenpolitik (Fluchtbewegungen). Wieviel Pendeln, Geschäfts- und Urlaubsreisen u.a.m. werden immer nötig oder wünschenswert sein und wie sollen diese bewerkstelligt werden? Das ist nicht von uns zu leisten, weniger weil es uns überfordert, sondern vor allem, weil es eine gesellschaftspolitische Aufgabe ist, die von allen und öffentlich zu beackern ist.

Jetzt vom Allgemeinen zurück zum Bahnhof: Es ist guter journalistischer und politischer Brauch, an bestehende Debatten anzuknüpfen. So verstehe ich einige der vom Aktionsbündnis gemachten Vorschläge.

Kritik am Alternativkonzept zu S21

  1. Da ist zunächst der Omnibusbahnhof unter den Bahnsteigen. Bei der Misere mit den Fernbussen seit Beseitigung des alten ZOB ist klar: Wer hier eine tolle Lösung anbietet, erhält Aufmerksamkeit und Sympathie. Doch wollen wir wirklich einen großen Fernbusbahnhof, auch wenn er wunderbar unter die Bahnsteige des wiedererrichteten Kopfbahnhofs passt? Fernbusse sind erst seit wenigen Jahren auf der Straßen, seit das Gesetz aufgehoben wurde, das sie verbot. Dieses Verbot diente der Sicherung des Vorrangs der Schiene vor der Straße. Nachdem in mühevoller jahrelanger Kleinarbeit das Schienenverkehrssystem in einen wahrlich jammerwürdigen Zustand gebracht wurde, war die Einführung der Fernbusse ja auch leicht umzusetzen. Ein fettes Geschenk für Daimler & Cie. Wollen wir das wirklich? Pointiert gesagt: Je größer und schöner der Busbahnhof am Hauptbahnhof ist, umso größer die Spannung zu unseren eigentlichen, langfristigen Zielen eines natur- und menschenverträglichen Verkehrs.
  1. Ähnliches gilt für besondere Parkmöglichkeiten für E-Autos. Auch dies wird viel diskutiert, ab jetzt gibt es – großer Unsinn – eine Kaufprämie, also hören alle gleich zu. Die Kritik an E-Mobilität brauche ich kaum auszuführen. Mangelnde Ressourcen (an ökologisch produziertem Strom und dem Grundstoff Lithium sowie fehlendes Recycling) und gleichbleibende sonstige Folgen des motorisierten Individualverkehrs (Platz, Zersiedlung u.a.) kennen wir alle. Auch hier hat wohl der Anschluss an eine schon laufende Debatte von grundsätzlichen Überlegungen abgehalten.
  1. Ein letzter Punkt: Wir sollten beim Bahnverkehr der Zukunft an Reisende mit größerem Gepäck denken – gerade bei unseren Ideen zu einem wiedererrichteten Kopfbahnhof.

Sinnvolles, zukunftsorientiertes Bauen

Die Bilder eines schönen Kopfbahnhofs an der Mahnwache und sonst sind wunderbar. Ebenso die Idee eines strukturierten Daches mit Solaranlagen. Sie entsprechen den Anforderungen an Verkehr und Bauen, wie es sinnvoll wäre. Verlagerung des Verkehrs von Straße und Luft auf die Schiene ist – für uns – unstrittiges Ziel. Hindernis ist nicht zuletzt, dass viele – verständlicherweise – sagen: „Ohne Auto geht es nicht.“ Ein Filmemacher fährt mit seinen Kameras, Stativen und sonstigem Zubehör durch die halbe Republik – ohne Auto eine echte Herausforderung. Ein Vater bringt seine Tochter samt Schul- und Spielsachen für das Wochenende zu dessen Mutter – ohne Auto geht das kaum ohne Tränen und Streit. Eine 3-Generationenfamilie fährt in eine Ferienwohnung am Meer. Dort braucht man vielleicht keine Auto, aber hin und zurück? Uns allen fallen noch weitere Beispiele ein. Die frühere Staatsbahn hatte da die Einrichtung des Reisegepäcks. Es sollte so funktionieren: Man kommt 30 Minuten vor Zugabfahrt mit allem Gepäck am Bahnhof an, gibt alles außer Handgepäck auf und holt es Zielbahnhof wieder ab. Dazu braucht es Fläche in den Bahnhöfen und in den Zügen (das waren Packwagen). Das hat nicht optimal funktioniert, aber der Ansatz war richtig. In Stuttgart gab es dazu die Räume unter den Bahnsteigen mit Rampen (bei Gleis 2) und Aufzügen auf die Gepäckbahnsteigen. Mit neuer (digitaler) Technik und mit Kooperation mit Taxen müsste ein Haus-zu-Haus-Service machbar sein. Wir erleben ja, wie eng die Bahnsteige sind. Wer aus dem ICE aussteigt und in weniger als den von der DB geplanten 13 Minuten zur S-Bahn will, hat Mühe durchzukommen. Ob es wieder Gepäckbahnsteige braucht oder ob breite Bahnsteige für Menschen und Gepäck besser sind, ist eine technische Frage.

Also: Bleiben wir offen für Gespräche über alles mit allen; aber was wir für richtig erkannt haben, sagen wir, bis uns jemand mit besseren Argumenten überzeugt. Standardsprüche haben doch was für sich und deshalb ende ich mit dem von Tanja Gönner: „Dafür möchte ich werben“.

Weitere Bilder der Vorschläge der S21 Projektgegner hier.

Band 2 blättert auf

02.07.2016 at 17:29
Hans Thill vom Band 2 liest "Der Hutmacher"

Hans Thill vom Band 2 liest „Der Hutmacher“

 

Regelmäßig treffen sich im Schriftstellerhaus Schreibende zu Diskussion ihrer Texte und um in werkstattlicher Atmosphäre gemeinsam an Texten zu arbeiten. Der Name der Gruppe: Band 2. Einmal im Jahr stellen sie ihre Texte der Öffentlichkeit vor, dieses Jahr am 1. Juli im Schriftstellerhaus. Das Schriftstellerhaus gilt allgemein als das schmalste Haus in Stuttgart und dementsprechend eng wurde es bei der Lesung der zehn TeilnehmerInnen der Gruppe Band 2. Alle Stühle waren im engen Tagungsraum besetzt, die Treppe zum Büro des Schriftstellerhauses und eine Bierbank im Flur dienten ebenfalls als Sitzgelegenheit für die zuhörenden Gästen. Klar, wenn 10 Mitglieder der Schreibgruppe lesen und jeder auch nur zwei Freunde zum Kommen überreden kann, sind dreißig schnell beieinander und dafür reicht der kleine Raum im Schriftstellerhaus nicht aus, in dem in der Regel intime Werkstattgespräche stattfinden.

Trotz der Enge und der sommerlichen Temperaturen, die die Veranstalter dazu zwangen, die Tür zur Straße offen zu lassen, war es ein Vergnügen, den Beteiligten zuzuhören. Es wurde Lyrik vorgetragen, durchkomponierte Geschichten, historische Familiengeschichten in der Entstehung und all das verband Willi Steinfest galant mit seinen kurzen Zwischenmoderationen.

Sarah Dressel vom Band 2 trägt Lyrik vor

Sarah Dressel trägt Lyrik vor

Erwartungsgemäß sind die Texte einer Arbeitsgruppe von sehr unterschiedlicher Qualität. Das galt sowohl für den eigentlichen Text als auch für den Vortrag. Aber da alles ein Abbild eines laufenden Arbeitsprozesses war, tat das dem Vergnügen der Zuhörer keinen Abbruch, wie es in den Gesprächen während der Pause und am Schluss der Veranstaltung deutlich wurde. Sarah Dressel, die die Gruppe organisatorisch zusammen hält, trug zwei längere Gedichte vor, unterstrich ihren Vortrag mit fein abgestimmten Gesten.

 

Geschichten dem Leben abgeschaut

Band 2: Die feine englische Art

Die feine englische Art

Dass Geschichten im wahren Leben fußen, bewies David Heinze mit seiner Geschichte über einen fünfzehnjährigen Schüler in England, der zur Perfektionierung seiner Sprachkenntnisse auf die Insel reist, in einer englischen Unterschichtfamilie aufgenommen wird und dort so gar nicht die feine englische Art erkennt. Die Hausmutter macht ihm zu allem Überfluss noch eindeutige sexuelle Avancen, mit denen er hoffnungslos überfordert ist. Der Text ist nicht nur humorvoll geschrieben sondern wurde auch von David Heinze perfekt vorgetragen.

Darüber hinaus trugen an diesem Abend ihre Werke vor: Ingeborg Anna Mentor, Hans Thill, Franz Lässig, Renate Philippi, Svenja Bramfeld, Larissa Hieber und Frank Sohler. Die Resonanz auf ihre Lesung ist sicher Ansporn, weiter an ihren Texten zu arbeiten, neue Texte aufs Papier zu bringen und im nächsten Jahr (in einer größeren Raum?) diese wieder einem breiten Publikum vorzustellen.